28.09.2010

DER BESIEGTE LöWE

Mohammeds Cousin, Schwiegersohn und treuer Gefolgsmann Ali wurde dessen vierter Nachfolger. Für die Schiiten ist er bis heute der erste.
Untersetzt, breitschultrig und weißbärtig soll er gewesen sein, von leicht aufbrausendem, eher ungeselligem Temperament. Kein Kumpeltyp also, dafür unbestechlich und immun gegen den Beutereiz der frühen muslimischen Eroberungen. Und von legendärer Körperkraft: "Löwe" ("Haidara") wurde er bewundernd genannt, weil er in den Überlebenskämpfen der islamischen Urgemeinde, wie es heißt, zahllose Feinde niederstreckte; er wird deshalb meist mit dem Krummschwert dargestellt.
Vor allem aber war Ali ein hingebungsvoll gläubiger Anhänger des Propheten. Nach Mohammeds Ehefrau Chadidscha war er der Erste, den der Religionsstifter zum Islam bekehrte - jedenfalls nach schiitischer Überlieferung. Auch die sunnitische Genealogie kennt unter den männlichen Getreuen nur einen Einzigen, der sich noch vor Ali zum Islam bekannte: den weit älteren Abu Bakr, Gefährte und erster Nachfolger des Propheten.
Alis Vater Abu Talib hatte Mohammed, den Sohn seines Bruders, adoptiert und wie ein eigenes Kind behandelt. Ali war Mohammeds Cousin - dabei aber gut 30 Jahre jünger als der Prophet, zu dem er deshalb eher wie ein Sohn zum Vater aufschaute.
Als Junge war er im Haus von Mohammed und Chadidscha aufgewachsen. Ali wurde auch Mohammeds Schwiegersohn, als er dessen Tochter Fatima heiratete. Die brachte als einziges Mohammed-Kind Söhne zur Welt, die das Erwachsenenalter erreichten: Hassan und Hussein, die Enkel des Propheten. Zu Fatimas Lebzeiten soll Ali keine weitere Frau gehabt haben, doch insgesamt ist sein familiäres Pensum eines Patriarchen wahrhaft würdig: neun Ehefrauen und etliche Geliebte, mit denen er 14 Söhne und 19 Töchter hatte.
Nicht zuletzt wegen der großen Nähe zwischen Mohammed, Ali und dessen Söhnen steht für die Anhänger ("Schiiten") Alis fest, dass Mohammed allein Ali und in nächster Generation dessen Söhne als Nachfolger wollte.
Beweise dafür gibt es nicht. Zu den altarabischen Stammestraditionen gehörte es, die Führung nur betagten, erfahrenen und allgemein geschätzten Männern anzuvertrauen. Bei Mohammeds Tod war Ali aber erst etwas über 30 Jahre alt. Er soll gerade den Leichnam gewaschen haben, als die älteren Gefährten des Verstorbenen die Nachfolge unter sich ausmachten. Außerdem hatte sich Mohammed eindeutig als letzten der Propheten bezeichnet; seine Rolle konnte demnach nicht erblich sein. Der Islam der Gründerzeit wollte die dynastische Erbfolge ja gerade abschaffen.
Dreimal hintereinander zog die muslimische Urgemeinde als Propheten-Nachfolger ältere Männer vor. Alis Stunde schlug erst, als der dritte Kalif Uthman bei bürgerkriegsähnlichen Unruhen ermordet wurde. Uthman entstammte der alten Stadtaristokratie von Mekka, die erst spät die neue Religion angenommen hatte - gleichsam als "Trittbrettfahrer", so der Islamwissenschaftler Heinz Halm: "Ali dagegen repräsentierte die Muslime der ersten Stunde, die Exilanten von Medina, sozusagen den religiösen Uradel, dessen Verdienste die frühzeitige Annahme des Islam und die Hidschra, das freiwillige Exil in Medina, gewesen waren."
Doch der neue Glaube hatte inzwischen nicht nur Trittbrettfahrer angezogen, sondern ein Imperium hervorgebracht. Machtinstinkt und Skrupellosigkeit zählten da mehr als "religiöser Uradel". Es hätte wohl übermenschlicher Kräfte bedurft, um das eine jetzt noch mit dem anderen zu versöhnen. So war es kein Zufall, dass Ali im Jahr 40 islamischer Zeitrechnung (661 n. Chr.) eines gewaltsamen Todes starb - wie fünf Jahre zuvor Amtsvorgänger Uthman. RainerTraub
Von Rainer Traub

SPIEGEL GESCHICHTE 5/2010
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