28.09.2010

Ekstase im Tanz

Seit der Frühzeit gehört zum Islam auch eine asketisch-mystische Strömung. Sie inspirierte große Dichter und führte zu einflussreichen Sufi-Bruderschaften.
Wie ein Blitz traf es ihn in einer Karawanserei der anatolischen Stadt Konya: In mystischer Liebe entbrannte der 37-jährige Dschalaluddin Rumi zu dem wesentlich älteren Schamsuddin aus Täbris. Der war ein wandernder Asket, ein Derwisch.
Die innige Freundschaft, die der ersten Begegnung im Oktober 1244 folgte, wurde zur entscheidenden Wende im Leben Rumis, der einer der größten Dichter des Orients werden sollte. Als Kind war er mit seiner Familie vor den Mongolen aus Balch (heute Nordafghanistan) geflohen. Seit mehr als zehn Jahren predigte der verheiratete Vater an einer theologischen Hochschule in Konya, er erstellte Rechtsgutachten und trug den Beinamen Rumi ("Römer"), weil Konya einst zum oströmischen Reich gehört hatte. Daneben hatte er sich mit meditativen Praktiken für mystische Erfahrungen geöffnet.
Doch erst die Begegnung mit dem charismatischen Schamsuddin löste eine Art spirituellen Taumel bei ihm aus: "Tag und Nacht saß er gemeinsam mit seinem Freund, ohne Essen, ohne Trinken, ohne irgendwelche menschliche Bedürfnisse", schreibt sein Biograf und Schüler Faridun Sepahsalar. Über Monate zog sich Rumi von seiner Familie zurück und vernachlässigte seine Pflichten als Lehrer, wie er selbst dichtete:
Seit ins Herz der Liebe Funke sprang,
Alles andre ihre Glut verschlang.
Legt' ich Bücher und Verstand beiseite, Lernt' Gedichte, Lieder und Gesang.
Um 1248 verschwand Schamsuddin spurlos. Vermutlich wurde er ermordet - so manchem Bewohner Konyas ging das ekstatische Treiben zu weit. Trost fand Rumi allein im wirbelnden Tanz und in der mystischen Vereinigung mit dem Freund:
Ich sehe in deinem Auge mein eigenes
Bild und sage mir: nun hab ich endlich
mich gefunden.
Die Begegnung mit dem Derwisch machte Rumi zum Dichter, und mit dem "Diwan des Schamsuddin-e Täbrisi" schuf er eines der schönsten und berühmtesten Werke persischer Sprache. Noch zweimal pflegte er eine ähnlich innige Freundschaft. Seinem dritten Musenfreund diktierte er während eines ganzen Jahrzehnts sein poetisches Hauptwerk, das rund 26 000 Verse umfassende "Mathnawi". In der Moschee, im Badehaus, bei Rumis mystisch inspiriertem Wirbeltanz - überall notierte der Jünger die Worte seines Meisters. Auch diese Dichtung kreist ganz um das Eine: "Nur Liebe, nur Liebe
- wir haben sonst kein Werk!" Die irdische Liebe ist dabei als Vorstufe oder Allegorie der himmlischen Liebe zu verstehen: Die Liebe als Ursache und Ziel der Schöpfung birgt das Geheimnis der steten Verwandlung alles Seienden. Ohne liebende Selbstentäußerung, ohne Selbstopfer ist diese Verwandlung nicht möglich:
Siehe, ich starb als Stein und ging als Pflanze auf,
Starb als Pflanz' und nahm drauf als Tier den Lauf.
Starb als Tier und ward ein Mensch. Was fürcht' ich dann,
Da durch Sterben ich nie minder werden kann!
Wieder, wann ich werd' als Mensch gestorben sein,
Wird ein Engelsfittich mir erworben sein,
Und als Engel muss ich sein geopfert
auch,
Werden, was ich nicht begreif': ein Gotteshauch!
(übersetzt von Friedrich Rückert)
Die Suche nach spiritueller Gottesbegegnung oder sogar Gottesvereinigung ist das Ziel der islamischen Mystik, die auch Sufismus genannt wird. Es handelt sich um eine überaus heterogene Bewegung, in der sich Anklänge an christliches, altpersisches, indisches und buddhistisches Gedankengut ebenso finden wie neuplatonische oder gnostische Ideen. Hauptbezugspunkt aber ist der Koran, das Heilige Buch der Muslime.
Eine Wurzel des Sufismus reicht in die Zeit des Propheten Mohammed zurück, als sich einige seiner Gefährten einer asketischen Lebensweise verschrieben: Sie beteten und fasteten häufiger als vorgeschrieben und befolgten streng die Gebote Gottes. Diese Askese war - ähnlich wie in Judentum und Christentum - ursprünglich inspiriert durch die Furcht vor dem gerechten Gott und seinem Jüngsten Gericht. Ihre spirituellen Stichworte fanden die Gläubigen im Koran; immer wieder warnt der vor "unmäßiger Liebe für den Besitz" (Sure 89, Vers 20), denn: "Was bei euch ist, vergeht, was bei Gott ist, besteht" (Sure 16, Vers 96). Wer ein gottloses und oberflächliches Leben führe, den erwarte am Ende "nur das Höllenfeuer" (Sure 11, Vers 16).
Auch die Demut und Barmherzigkeit Jesu, der im Islam als wichtiger Prophet gilt, wirkten als Vorbild. Wie christliche Mönche trugen muslimische Gottsucher ein grobes wollenes Gewand. Von arabisch "Suf" (Wolle) wird meist der Begriff Sufismus abgeleitet; einige Sufis führen ihn dagegen auf das Wort "Safa" (Reinheit) zurück. Die materielle Bedürfnislosigkeit wurde bald zum Inbegriff sufischer Lebenshaltung; die eingedeutschten Wörter Fakir (arabisch) und Derwisch (persisch) bedeuten so viel wie "arm / Armer".
Die rasanten islamischen Eroberungen im 7. und 8. Jahrhundert brachten jedoch Verweltlichung und Luxus mit sich - sowie für nicht wenige Gläubige eine quälende Gewissensnot. Asketische Prediger wie Hassan al-Basri (gestorben 728) riefen zur Abkehr von Besitz und Machtstreben auf. Auch Rabia al-Adawija (gestorben 801), eine der ersten Mystikerinnen, verschrieb sich der Askese. Als Kind war sie entführt und in die Sklaverei verkauft, später jedoch freigelassen worden. Ihre Lehre stellt die reine Liebe zu Gott in den Mittelpunkt. Der persische Sufi Bajasid Bistami (gestorben etwa 875) beschrieb die Gottesliebe als gnadenvolles Geschenk: "Im Anfang bildete ich mir ein, dass ich es war, der an Gott dachte, der Ihn kannte und liebte. Als ich zum Ende kam, sah ich, dass Er an mich gedacht hatte, ehe ich an Ihn dachte, dass Er mich gekannt hatte, ehe ich Ihn kannte, dass Seine Liebe zu mir meiner Liebe zu Ihm vorausging."
Im 9. Jahrhundert entwickelten die Sufis die Vorstellung von einem geistigen Pfad (arabisch Tarika), der über verschiedene Stufen zur Vereinigung mit Gott führt. Meditative Praktiken wie die beständige Nennung des göttlichen Namens (arabisch Dhikr), Musik, Gesang oder Tanz sowie das Hören solcher Darbietungen (arabisch Sama) sollten den Suchenden helfen, sich ganz auf Gott zu konzentrieren - bis hin zur vollkommenen "Entwerdung" (arabisch Fana). Die Praktiken dienten auch der Zähmung und Erziehung der "Triebseele" (arabisch Nafs), die Rumi in seiner Dichtung mit Drachen oder störrischen Pferden vergleicht. Auch im Gewand religiösen Hochmuts könne sie sich verbergen, warnt der Dichter:
Die Nafs hat einen Rosenkranz und einen Koran in der Rechten,
und ein Schwert und einen Dolch im Ärmel.
Neben diesem gemäßigten oder "nüchternen" Sufismus, der sich noch überwiegend auf dem Boden des islamischen Rechts (Scharia) bewegte, entstanden mystische Lehren, die als ketzerisch verpönt wurden. Man nannte ihre Anhänger "Über-treiber" oder "Trunkene" und unterstellte ihnen - oft zu Recht -, dass sie gezielt die Schranken der Scharia und der gesellschaftlichen
Konventionen überschreiten wollten.
Diese "Trunkenen" wurden zunehmend von Vertretern der islamischen Orthodoxie angefeindet. Tragischer Höhepunkt war die Hinrichtung von Halladsch, dem vielleicht größten muslimischen Mystiker. Geboren 857 in der persischen Provinz Fars, ließ er sich nach mehreren Pilgerreisen in Bagdad nieder. Sein berühmter Ausspruch "Ich bin die Absolute Wahrheit", der wohl das mystische Ideal der Einswerdung mit Gott beschwor, erregte den Zorn der Rechtsgelehrten. Selbst gemäßigte Mystiker bezichtigten Halladsch der Blasphemie. Auf Kritik und Empörung stieß auch seine Überzeugung, die wahre Pilgerfahrt sei die nach innen, jeder Sufi könne sie in seinem Zimmer antreten - einer Reise nach Mekka bedürfe es dafür nicht.
Wegen solcher provokanter Äußerungen und des Verdachts politischer Quertreiberei wurde Halladsch 922 nach einem langen Prozess hingerichtet; die Sufismus-Forscherin Annemarie Schimmel nennt ihn den "ersten mystischen Märtyrer des Islam". Auch in den folgenden Jahrhunderten nährte die Mystik das Misstrauen der Rechtsgelehrten. Vielleicht aus Vorsicht bildeten manche Sufis nun esoterische Zirkel und gaben ihre Lehre nur noch an Eingeweihte weiter.
Zur Versöhnung von islamischer Orthodoxie und gemäßigtem Sufismus trug Abu Hamid al-Ghasali (1058 bis 1111) bei. Dieser Jurist und Theologe, der als einer der herausragenden Geister des Islam in die Geschichte einging (siehe Seite 74), wurde in Europa als Algazel bekannt. Eine Lebenskrise brachte ihn dazu, sein Amt an der angesehensten Bagdader Hochschule aufzugeben und sich über ein Jahrzehnt der Meditation und Askese zu widmen. Erst die mystische Erfahrung - das "Licht, das Gott mir in der Brust entzündet hat" - half dem Intellektuellen, seine Krise zu überwinden. Dennoch blieb das Gesetz für Ghasali der unabdingbare Anfang jeden Glaubens: "Frömmigkeit bedeutet, die Gebote Gottes auszuführen."
Seit dem 11. Jahrhundert entstanden zahlreiche sufische Orden und Bruderschaften - der Individualismus der Sufis wurde nun gemeinschaftsbildend. Jeder Orden zeichnet sich durch eigene meditative Praktiken aus. Zentrales Charakteristikum der sunnitischen wie schiitischen Orden ist absoluter Gehorsam des Schülers gegenüber dem Meister. Zuweilen wurde ein Meister - oder auch eine Meisterin - sogar als "Heilige(r)" beziehungsweise "Freund(in) Gottes" verehrt, die Gräber entwickelten sich in solchen Fällen zu viel besuchten Pilgerorten.
Manche Bruderschaften gewannen im Lauf der Zeit enormen sozialen und politischen Einfluss. So bildete im Osmanischen Reich die Bektaşiye mächtige Netzwerke; in Iran übernahm die Safawije im Jahr 1501 sogar die Regierungsmacht - und verordnete den Bewohnern die schiitische Glaubensrichtung. Sufi-Orden trugen den Glauben auch in die Randgebiete der islamischen Welt. Ihr Erfolgsgeheimnis war die Offenheit für nicht-islamische Traditionen, wenn diese den eigenen mystischen Ideen nahe kamen. Damit erreichten sie Kreise, die der Orthodoxie verschlossen blieben.
Auf Dschalaluddin Rumi beruft sich die türkische Mevlevi-Bruderschaft, deren Name so viel wie "unser Meister" bedeutet. Ihr Haus in Konya ziert ein Vers, aus dem Rumis Freigeist spricht: "Komm, komm wieder, komm. Seist du auch ein Ungläubiger oder Götzenverehrer, ein Zoroastrier oder Christ."
Zu dieser Sufi-Vereinigung gehören die berühmten "tanzenden Derwische", die sich mit weiten Gewändern und hohen Kappen zum Klang der Rohrflöte um die eigene Achse drehen. Für Rumi durchziehen Musik und Tanz die ganze Schöpfung. Wie Staubkörner in der Sonne oder die Sterne am Firmament reiht sich der tanzende Sufi in den kreisenden Kosmos ein: "Ein Zweig vom Himmelstanze ist / nur aller Reigen auf Erden."
Die Mevlevi-Bruderschaft wurde allerdings im Jahr 1925 verboten wie alle anderen islamischen Orden in der Türkei. Staatsgründer Kemal Atatürk sah sie als Hindernisse seiner rabiaten Säkularisierung des Landes und beargwöhnte sie als "Hort der Reaktion". Das berühmte Sufi-Ritual der tanzenden Derwische kann heute in Konya nur noch wie ein museales Relikt besichtigt werden - der Wirbeltanz gilt nun offiziell als "Folklore" und "Touristenattraktion".
Der Poesie Rumis aber konnte das türkische Ordensverbot nichts anhaben: Der Dichter ist heute, mehr als 700 Jahre nach seinem Tod im Jahr 1273, einer der meistgelesenen Lyriker der Welt. Auch in Europa und den USA sind seine Werke beliebt, sogar Popstars wie Madonna rezitieren seine Verse. Und Rumi ist nicht der einzige Sufi, dessen Ekstasen die Dichtung beflügelten. In Anatolien und ganz Zentralasien trug der Sufismus wesentlich zur Entwicklung der turksprachigen Literaturen bei. Auch in Arabisch, Urdu und Paschtu entstand eine umfangreiche Sufi-Literatur.
Zur sprachlichen Heimat der Sufis wurde vor allem das Persische, dessen Bilderreichtum schon in der Antike die manichäische Religion von Licht und Finsternis allegorisch genährt hatte. Die Mehrdeutigkeit und Rätselhaftigkeit dieser Sprache wurde zum Erkennungszeichen persischer Poesie; sie schuf einen dichterischen Raum geistiger Freiheit.
Jahrhunderte später fand die orientalische Poetik der Sufis in Europa ihren Nachhall. Johann Wolfgang von Goethe fühlte sich angespornt, Verse für das eigentlich Unaussprechliche zu finden: die mystische Vereinigung mit dem Göttlichen. In seinem Gedicht "Selige Sehnsucht" aus dem "West-östlichen Divan" heißt es:
Sagt es niemand, nur den Weisen,
Weil die Menge gleich verhöhnet,
Das Lebend'ge will ich preisen,
Das nach Flammentod sich sehnet.
… Und zuletzt, des Lichts begierig,
Bist du Schmetterling verbrannt.
Und solang du das nicht hast,
Dieses: Stirb und werde!
Bist du nur ein trüber Gast
Auf der dunklen Erde.
Das Motiv vom Falter, der sich sehnsuchtsvoll in die Flamme stürzt, spielt der Forschung zufolge auf den Mystiker Halladsch an.
So klingt beim wohl größten deutschen Dichter die Erinnerung an den Sufi nach, der auf dem Weg zur Hinrichtung in seinen Fesseln getanzt haben soll.
Von Claudia Stodte

SPIEGEL GESCHICHTE 5/2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


Video 00:53

Safari-Video Leopard schnappt Vogel aus der Luft

  • Video "Extreme Trockenheit: Autofahrer filmt Sandstürme in Polen" Video 00:50
    Extreme Trockenheit: Autofahrer filmt Sandstürme in Polen
  • Video "Propaganda-Parade: China präsentiert neuen Lenkwaffenzerstörer" Video 01:02
    Propaganda-Parade: China präsentiert neuen Lenkwaffenzerstörer
  • Video "Videoanalyse: Irre Ziele gehören zum Prinzip Tesla dazu" Video 02:35
    Videoanalyse: "Irre Ziele gehören zum Prinzip Tesla dazu"
  • Video "Amateurvideo: Weichenstellung auf der Einschienenbahn" Video 01:38
    Amateurvideo: Weichenstellung auf der Einschienenbahn
  • Video "Amal Clooney vor der Uno: Dies ist Ihr Nürnberg-Moment" Video 01:29
    Amal Clooney vor der Uno: "Dies ist Ihr Nürnberg-Moment"
  • Video "Anschläge in Sri Lanka: Videos zeigen mutmaßlichen Attentäter" Video 02:21
    Anschläge in Sri Lanka: Videos zeigen mutmaßlichen Attentäter
  • Video "Erdbeben auf den Philippinen: Wasser stürzt aus Hochhaus-Swimmingpool" Video 00:51
    Erdbeben auf den Philippinen: Wasser stürzt aus Hochhaus-Swimmingpool
  • Video "Istanbul: Wohnhaus stürzt Abhang hinunter" Video 00:48
    Istanbul: Wohnhaus stürzt Abhang hinunter
  • Video "Illegales Haus auf dem Meer: US-Investor droht in Thailand Todesstrafe" Video 01:51
    Illegales Haus auf dem Meer: US-Investor droht in Thailand Todesstrafe
  • Video "Fotograf trifft Felsenpython: Die tut nix, die will nur beißen" Video 50:00
    Fotograf trifft Felsenpython: Die tut nix, die will nur beißen
  • Video "Wir drehen eine Runde - Suzuki Jimny: Klare Kante" Video 06:24
    Wir drehen eine Runde - Suzuki Jimny: Klare Kante
  • Video "Weltuntergangsstimmung: Die Böenwalze über der Stadt" Video 01:09
    Weltuntergangsstimmung: Die Böenwalze über der Stadt
  • Video "Mobilitäts-Konzept: Der Innercity-Intercity-Airport" Video 03:45
    Mobilitäts-Konzept: Der Innercity-Intercity-Airport
  • Video "Weg in die USA: Die tödliche Flucht der 7-jährigen Jakelin" Video 10:11
    Weg in die USA: Die tödliche Flucht der 7-jährigen Jakelin
  • Video "Safari-Video: Leopard schnappt Vogel aus der Luft" Video 00:53
    Safari-Video: Leopard schnappt Vogel aus der Luft