28.09.2010

Des Kaisers Dschihadisten

Von Philosophen bewundert, von Nationalisten benutzt: Die Geschichte der Muslime in Deutschland ist überaus wechselvoll.
Der neue König in Preußen ist mit 28 Jahren seiner Zeit weit voraus. Kaum auf den Thron gelangt, schreibt Friedrich II. im Juni 1740: "Alle Religionen sind gleich und gut, wenn nur die Leute, die sich zu ihnen bekennen, ehrliche Leute sind. Und wenn Türken und Heiden kämen und wollten das Land bevölkern, dann würden wir ihnen Moscheen und Kirchen bauen." Der von der Aufklärung inspirierte König erweist sich als Vorkämpfer einer modernen Migrationspolitik. Nicht Herkunft oder Religion sind für ihn maßgeblich, sondern berufliche Qualifikation und Loyalität gegenüber dem Staat.
1741 nimmt der König eine Truppe von mehreren hundert Tataren, die in Polen leben, in ein Regiment der preußischen Armee auf. Vier Jahre später treten etwa 70 bosnische Muslime in die königliche Streitmacht ein, und bald entsteht das königlich-preußische "Bosniakenkorps". Insgesamt dienten damals etwa tausend in der preußischen Armee.
Friedrichs Aufgeschlossenheit gegenüber den Muslimen hat außenpolitische Gründe, aber sie ist auch ein Zeichen der Toleranz und der intellektuellen Neugier.
Der Islam fasziniert zahlreiche deutsche Denker und Schriftsteller. Der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel charakterisiert ihn als die "Religion der Erhabenheit". Johann Wolfgang von Goethe verfasst, inspiriert von Versen des persischen Dichters Hafis, den "West-östlichen Divan", eine große Gedichtsammlung. Darin richtet er seinen Blick in eine hoffnungsvolle Zukunft: "Wer sich selbst und andere kennt, / Wird auch hier erkennen: / Orient und Okzident / Sind nicht mehr zu trennen."
Zwar ist Goethes 1819 erstmals erschienenes Werk kein Beitrag zur Orientalistik, doch fördern seine kunstreichen Verse das Interesse an der neuen Wissenschaft. 1845 wird in Leipzig die Deutsche Morgenländische Gesellschaft gegründet, die sich dem Studium der muslimischen Kulturen und Länder widmet.
Wer über Muslime mehr wissen will, kann ab 1860 die "Geschichte des Qorans" lesen, ab 1863 eine Biografie "Das Leben Muhammed's". Beide Bücher sind Werke des Orientalisten Theodor Nöldeke. Wie auch andere seiner deutschen Kollegen gehört Nöldeke zu den international führenden Vertretern der jungen Wissenschaft.
In der Ära des Imperialismus, in der das deutsche Reich sich für den Bau der Bagdad-Bahn interessiert, wächst das Bedürfnis an Kenntnissen über den Orient weiter. So wird 1887 ein Seminar für Orientalische Sprachen an der Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin gegründet.
1898 entsteht in Berlin die Deutsche Orient Gesellschaft. Im selben Jahr macht Kaiser Wilhelm II. bei einem Besuch am Grabe Saladins in Damaskus dem osmanischen Herrscher Abdülhamid II. wortgewaltige Avancen: "Mögen Seine Majestät der Sultan und die dreihundert Millionen Mohammedaner, welche auf der Erde verstreut leben und in ihm ihren Kalifen verehren, dessen versichert sein, dass zu allen Zeiten der Deutsche Kaiser ihr Freund sein wird."
Des Kaisers Versprechen gewinnt im Ersten Weltkrieg neue Bedeutung. Das Deutsche Reich kämpft ab August 1914 an der Seite des Osmanischen Reiches gegen Frankreich und Großbritannien. Die Kolonialmacht Frankreich setzt mehrere hunderttausend muslimische Soldaten ein, vor allem aus Nord- und Westafrika.
Im November 1914 gründen das deutsche Auswärtige Amt und der Große Generalstab die "Nachrichtenstelle für den Orient" (NfO), die Analysen erstellt und Propaganda verbreitet. Initiator ist der Orientkenner Max von Oppenheim. "Max-Baron", wie ihn Freunde nennen, zeigt sich schon mal mit Vollbart und Turban und hat mehr politische Phantasie als bei kaiserlichen Diplomaten üblich.
Mit einer Denkschrift über die "Revolutionierung der islamischen Gebiete unserer Feinde" macht er ab Oktober 1914 in Berlin Furore. Oppenheim empfiehlt in dem "streng geheimen" Dokument eine "Propaganda unter allen Mohammedanern" und "der Psyche des Orientalen angepasste wahrheitsgetreue Kriegsberichte". Ziel sei es, Tunesier, Algerier, Marokkaner und Ägypter zum "Heiligen Krieg" aufzurufen. Besonders viel verspricht sich Oppenheim von den Bewohnern Afghanistans. Die seien "kriegerisch und stolz", es gelte daher, die "fanatisch mohammedanischen Afghanen" und ihre Armee gegen die Briten aufzuwiegeln. Im Kampf gegen England, so Oppenheim, werde "der Islam eine unserer wichtigsten Waffen werden".
Während Oppenheims Denkschrift wilhelminische und orientalische Prahlerei virtuos vereint, sind die praktischen Ergebnisse seiner Strategie eher bescheiden.
Der Versuch, in Ägypten ein Propagandanetz zu schaffen, schlägt fehl. Oppenheims britischem Gegenspieler Thomas Edward Lawrence, berühmt geworden als Lawrence von Arabien, gelingt es, Ägypter gegen die Türken zu mobilisieren.
Die NfO, die im ersten Kriegsjahr 15 deutsche und 20 orientalische Mitarbeiter beschäftigt, erzielt mit ihren Aufrufen an muslimische Soldaten, zu den Deutschen überzulaufen, kaum Resonanz. Nur wenige hundert Männer wechseln die Fronten.
So widmen sich des Kaisers scheinheilige Krieger vor allem der Propaganda unter den muslimischen Kriegsgefangenen der Entente.
Die sammelt das deutsche Militär zentral in zwei Sonderlagern südlich von Berlin. Bei Wünsdorf entsteht das "Halbmondlager", das vor allem Muslime aus den britischen und französischen Kolonien sowie Afghanen beherbergt, insgesamt rund 4000 Mann. Das "Weinberglager" bei Zossen nimmt überwiegend Muslime aus der russischen Armee auf, zeitweise bis zu 12 000 Gefangene.
Auf Wunsch des obersten osmanischen Mufti in Istanbul planen die Deutschen im "Halbmondlager" eine Moschee, die erste in Deutschland. Wilhelm II. genehmigt den Bau, den das Auswärtige Amt in einer Eingabe an den Kaiser damit begründet, "die Kunde von der Errichtung eines derartigen Gebäudes" werde "unter den Mohammedanern aller Länder freudigen Widerhall" finden.
Innerhalb von fünf Wochen errichtet eine Firma aus Berlin-Charlottenburg das islamische Gebetshaus, einen Holzbau mit beiderseitiger Bretterverschalung und einem 25 Meter hohen Minarett. Am 13. Juli 1915 wird die rot, grau und elfenbeinfarbig gestrichene Moschee eingeweiht. Sie erhält Koran-Exemplare und fließendes Wasser für religiöse Waschungen. Die Gefangenen haben das Recht, dort islamische Feiertage zu begehen.
An die in Baracken untergebrachten Muslime verteilen die Kommandanten in beiden Lagern von der NfO erstellte Propagandaschriften, darunter die Zeitschrift "al-Dschihad" in sechs verschiedenen Sprachen. Das Blatt verspricht den Kriegsgefangenen: "Der Sieg Deutschlands garantiert Eure Freiheit."
In seinem Nachwort zur deutschsprachigen Broschüre "Die Wahrheit über den Glaubenskrieg" begründet Karl Schabinger von Schowingen, zeitweilig Leiter der NfO, die deutsche Dschihad-Strategie: Der "Heilige Krieg" sei der "alle mohammedanischen Volksgenossen umfassende Krieg, in dem es gilt, das den Muslimen Heilige, nämlich Freiheit und ureigene Kultur, gegen fremde nicht mohammedanische Feinde zu verteidigen".
Diese Propaganda soll "Dschihadisten" gewinnen, bereit, an der Seite der Deutschen und Türken zu kämpfen. Etwa 2100 Insassen beider Lager lassen sich anwerben, nach Konstantinopel bringen und ins osmanische Heer eingliedern. Doch die Masse der Gefangenen, unter denen die Tuberkulose grassiert, ist kriegsmüde und lässt sich nicht wieder auf die Schlachtfelder treiben.
Nach Kriegsende verfällt die hölzerne Moschee; 1930 wird sie abgerissen. Die Muslime, die in der Weimarer Republik nach Deutschland kommen, sind vor allem Studenten, Exilanten und nach dem Krieg Verbliebene. In Berlin gründen Gläubige aus 41 Nationen 1922 die "Islamische Gemeinde Berlin". Die Ahmadiyya-Gemeinde errichtet in der Briennerstraße im Stadtteil Wilmersdorf bis 1925 die erste aus Stein gebaute deutsche Moschee.
Denn ein 1909 in Dresden fertiggestelltes Gebäude, einer Moschee täuschend ähnlich, diente nie religiösen Zwecken. Der im Volksmund bis heute Tabakmoschee genannte Bau, die Yenidze, war eine Zigarettenfabrik und wird heute für Veranstaltungen genutzt.
Architekt der "Tabakmoschee" war Martin Hammitzsch. Bekannter ist dessen späterer Schwager: Adolf Hitler.
Unter dessen Regime können die etwa 1000 Muslime in Deutschland zunächst relativ ungestört ihre Religion ausüben. Gebürtigen Juden allerdings, die zum Islam übergetreten sind, bietet der muslimische Glaube keinen Schutz vor rassischer Verfolgung. Der jüdische Schriftsteller Lew Nussimbaum, der 1922 in Berlin zum Islam konvertiert und unter dem Pseudonym Essad Bey zum Erfolgsautor wird, verlässt Deutschland bereits Ende 1932.
Nach Kriegsbeginn nutzen die Nationalsozialisten die Wilmersdorfer Moschee für Auftritte des seit 1941 in Deutschland lebenden "Großmufti von Jerusalem" Mohammed Amin al-Husseini. Der werde, tönt die "Deutsche Wochenschau", von den Briten "wegen seiner nationalen Haltung" verfolgt. Hitler gewährt dem Palästinenserführer am 28. November 1941 in Berlin eine Audienz.
Der "Führer" verspricht dem Großmufti vertraulich, wenn die deutsche Wehrmacht erst den Kaukasus überquert habe, werde die "Stunde der Befreiung" für die Araber schlagen. Sein Ziel, so Hitler, sei die "Vernichtung des im arabischen Raum unter der Protektion der britischen Macht lebenden Judentums". Husseini widerspricht nicht. Im Gegenteil. In einem Aufruf, den der deutsche Kurzwellensender "Berlin auf Arabisch" am 4. März 1944 sendet, ruft er die Muslime auf: "Tötet die Juden, wo immer ihr sie findet. Das gefällt Gott, der Geschichte und der Religion."
Husseini inspiziert mehrmals muslimische Freiwilligeneinheiten der Waffen-SS. Aber seine Hetztiraden finden wenig Resonanz: Nur 6300 Männer aus arabischen Ländern schließen sich den Deutschen an.
"Hitlers Dschihad", wie der US-Historiker Jeffrey Herf den Versuch der Nazis nennt, Araber für sich zu gewinnen, scheitert. Zwar gewinnen die Deutschen mit ihren arabischsprachigen Kurzwellensendungen zeitweilig die ideologische Lufthoheit in ägyptischen Kaffeehäusern. Zu den begeisterten Hörern gehören in Ägypten vor allem Offiziere und Studenten. Doch weil es Rommels Afrikakorps nicht gelingt, die Briten aus Ägypten zu vertreiben, bleibt der machtpolitische Erfolg der Allianz aus.
Für ein bizarres Echo auf den braunen Dschihadismus sorgt nach dem Krieg der NS-Propagandist Johann von Leers. Der Autor antisemitischer Broschüren wie "Juden sehen Dich an" und des Machwerks "Die Verbrechernatur der Juden" siedelt 1956 nach Kairo über und konvertiert zum Islam. Als Omar Amin von Leers dient er sich dem Regime des Präsidenten Gamal Abdel al-Nasser an, doch er bleibt ohne Einfluss. Leers stirbt im März 1965 in Kairo, zwei Wochen nachdem Nasser einen deutschen Politiker empfangen hat, der spät seine Zuneigung zur muslimischen Welt entdeckt: den DDR-Partei- und Staatschef Walter Ulbricht.
DDR-Orientalisten würdigen in den späten Sechzigern Ägyptens "Sozialismus 'nationalen Typs'" als "nichtkapitalistischen Entwicklungsweg" und bescheinigen dem Islam eine "positive Tradition im Kampf der arabischen Völker gegen den Kolonialismus".
Unbeabsichtigt sorgt Ulbricht dafür, dass der Islam langfristig zum innergesellschaftlichen Faktor in Deutschland wird. Am 13. August 1961 schließt die DDR die Grenze zu West-Berlin und beginnt mit dem Bau der Mauer. In der Folge wirbt die prosperierende Bundesrepublik Arbeitskräfte im Ausland an, darunter auch in der Türkei.
Nach der jahrzehntelangen Einwanderung leben jetzt rund 4 Millionen Muslime in Deutschland, etwa 2,6 Millionen von ihnen haben türkische Wurzeln.
Gut 900 Moscheen in Deutschland zählen zu der vom türkischen Staat gelenkten "Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion" (DITIB). Deren Imame werden meist nach wenigen Jahren ausgetauscht, die wenigsten Vorbeter haben gute Deutschkenntnisse.
Die größte und aktivste staatsunabhängige Muslimorganisation in Deutschland ist die "Islamische Gemeinschaft Milli Görus". Die ursprüngliche Filiale einer Islamistenpartei, die vom Verfassungsschutz beobachtete wird, bekommt zunehmend ein neues Gesicht durch in Deutschland aufgewachsene Nachwuchsfunktionäre.
Einer von ihnen ist Ahmet Yazici, stellvertretender Vorsitzender des Bündnisses der Islamischen Gemeinden in Norddeutschland. Im hellblauen Polohemd und Jeans sitzt der 45-jährige Wirtschaftsinformatiker in seinem Büro in der Centrum-Moschee in Hamburg und bedient lässig seinen Blackberry.
In St. Georg, dem Viertel rund um das größte islamische Gebetshaus der Hansestadt, geben türkische Muslime den Ton an.
Gegenüber der Moschee, mit dem grün-weißen Minarett weithin das höchste Gebäude, verkauft ein türkischer Bäcker Fladenbrot und Sesamkringel. An der nächsten Straßenecke erinnert ein "Sultan-Bazar" an osmanische Glanzzeiten, und ein Tourismus-Unternehmen bietet Reisen für Muslime an.
Das Moschee-Umfeld vermittelt glaubhaft den Eindruck, "dass die von manchen Politikern in der Türkei geschürte Parole von der Rückkehr aus Deutschland eine Illusion war", wie Yazici sagt.
"Postislamistische Denker" nennt Werner Schiffauer, Professor für Kultur- und Sozialanthropologie an der Viadrina-Universität Frankfurt an der Oder, Männer wie Yazici. Eine "positive Schulerfahrung" in Deutschland habe ihnen "neue Denkhorizonte" eröffnet.
"Demokratie ist der Weg, Gewaltenteilung ist wichtig", sagt Yazici. Seit 17 Jahren ist er deutscher Staatsbürger.
Von Uwe Klußmann

SPIEGEL GESCHICHTE 5/2010
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