29.03.2011

„Ich handle nach dem Ehrgefühl“

Friedrich II. in Briefen über seine Lebensanschauung
AN SEINE SCHWESTER AMALIE, LOCKWITZ, 25. MÄRZ 1757:
Wappne Dich doch ja gegen jedes mögliche Ereignis; denke an das Vaterland und halte Dir gegenwärtig, dass dessen Verteidigung unsere oberste Pflicht ist. Hörst Du, dass einem von uns ein Unglück zugestoßen sei, so frage, ob er im Kampf gefallen ist, und ist es so, dann danke Gott. Für uns gibt es nur Tod oder Sieg, eins von beiden muss uns beschieden sein. So denkt hier jedermann. Sieh, Du willst doch, dass jeder sein Leben für den Staat darbringe, nicht aber, dass Deine Brüder darin mit ihrem Beispiel vorangehen? Ach, liebe Schwester, in diesem Augenblicke ist Schonung nicht mehr am Platz: Hier gilt es nur einen Ruhm ohnegleichen oder Vernichtung. Der Feldzug, der uns bevorsteht, ist wie ... die Belagerung von Wien für Österreich; das sind epochemachende Ereignisse, die über alles entscheiden und das Antlitz Europas verändern. Vor dieser Entscheidung heißt es ein grausiges Glücksspiel bestehen; doch wenn der Knoten gelöst ist, hellt sich der Himmel auf und wird wieder heiter. So stellt sich unsere Lage dar. Man braucht an nichts zu verzweifeln, muss aber auf jeden Ausgang gefasst sein und auf sich nehmen, was das Geschick einem zuteilen will, mit unbewegter Miene, ohne Stolz, wenn es gut ausgeht, vom Unglück aber sich nicht erniedrigen lassen.
AN DEN SCHRIFTSTELLER UND PHILOSOPHEN MARQUIS D'ARGENS, KEMBERG BEI WITTENBERG, 28. OKTOBER 1760:
Ich für meinen Teil sehe den Tod wie ein Stoiker an. Nie werde ich den Augenblick erleben, der mich zum Abschluss eines unvorteilhaften Friedens zwingt. Kein Zureden, keine Beredsamkeit können mich dahin bringen, meine Schande zu unterzeichnen. Entweder lasse ich mich unter den Trümmern meines Vaterlandes begraben oder, wenn dieser Trost dem grausamen Schicksal noch zu süß erscheint, werde ich meinem Unglück ein Ziel setzen, wenn ich es nicht mehr zu ertragen vermag. Ich habe gehandelt und handle auch fürderhin nach diesem inneren Beweggrund und nach dem Ehrgefühl, das alle meine Schritte leitet. Mein Benehmen wird sich jederzeit mit diesen Grundsätzen decken. Meine Jugend habe ich meinem Vater und meine reifen Jahre dem Staat geopfert; damit glaube ich das Recht erworben zu haben, mit meinem Alter nach Gutdünken zu schalten. Ich habe es Ihnen gesagt und wiederhole es: Nie werde ich mit eigner Hand einen demütigenden Frieden unterzeichnen. Diesen Feldzug werde ich zweifellos zu Ende führen; denn ich bin entschlossen, alles zu wagen und die verzweifeltsten Mittel zu versuchen, um Erfolg zu haben oder ein glorreiches Ende zu finden ...
Wieviel Gründe zur Lebensverachtung hat man doch mit fünfzig Jahren! Mir bleibt nur die Aussicht auf ein Alter voller Krankheit und Schmerzen, voller Kummer, Reue, Schande und Beleidigungen. Wahrhaftig, wenn Sie sich recht in meine Lage hineindenken, werden Sie mein Vorhaben weniger verurteilen als jetzt!
Ich habe alle meine Freunde und meine teuersten Angehörigen verloren; ich bin so unglücklich, wie es ein Mensch nur sein kann, und habe nichts mehr zu hoffen; ich sehe, wie ich zum Gespött meiner Feinde werde, wie sie sich in ihrem Dünkel anschicken, mich mit Füßen zu treten.

SPIEGEL GESCHICHTE 2/2011
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