29.03.2011

Zaghafter Reformer

Neben berühmten Beratern wie Blücher oder Scharnhorst sah Friedrich Wilhelm III. blass aus. Zum Widerstand gegen Napoleon musste er gedrängt werden. Am Ende flüchtete er sich in die Restauration.
Er ist zusammen mit dem russischen Kaiser Alexander I. im Mai 1814 als Triumphator in Paris eingezogen. Er hat die Schlacht von Auerstedt verloren, war bei der Völkerschlacht von Leipzig auf der Seite der Sieger, hat auf dem Wiener Kongress über das Schicksal Europas mit entschieden. Er hat geholfen, dem Papst seinen Kirchenstaat wiederzugeben, hat Sachsen um die Hälfte verkleinert und hat der Universität Berlin seinen Namen geliehen, Beethoven hat ihm seine Neunte Symphonie gewidmet. Und doch ist er weitgehend unbekannt.
Friedrich Wilhelm III. (1770 bis 1840) ist einer der preußischen Könige mit der längsten Regierungszeit - fast 43 Jahre. Nur Friedrich der Große regierte länger. Viele aber kennen ihn nur als den "Mann der Königin Luise". Umgekehrt wäre es richtig: Denn Luise, die nicht regieren durfte, weil nach dem in Deutschland herrschenden Erbrecht Frauen keine Throne innehaben konnten, war Königin nur durch ihre Heirat. Eben mit Friedrich Wilhelm III., dem sie 1793 angetraut wurde, als er noch Kronprinz war, während eines Urlaubs aus dem französischen Revolutionskrieg.
Diese merkwürdige Unbekanntheit hat mit seiner Persönlichkeit zu tun, die davor zurückscheute, im Mittelpunkt zu stehen, aber auch mit sei-ner politischen Stellung. Der Regierungsform nach durfte der König alles, denn in Preußen herrschte auch nach 1800 noch der Absolutismus. Er durfte Bischöfe absetzen, Gesetze ohne Mitwirkung eines Parlaments erlassen, Gerichtsurteile abändern, Haftbefehle ausstellen, Bücher verbieten und Soldaten in den Kampf schicken.
Doch weil sein Reich schon 1804 zehn Millionen Einwohner hatte, wurde es immer schwieriger, die persönliche Alleinherrschaft auch in die Tat umzusetzen. Friedrich Wilhelm selbst glaubte, dazu seien lediglich Genies, wie sein Großonkel Friedrich II., in der Lage. Tatsächlich hat nur noch Napoleon die Fähigkeit aufgebracht, sich um alles zu kümmern und trotzdem nicht im Klein-Klein zu versinken.
Der König brauchte also Helfer, und weil er lange Zeit nicht an sich glaubte und in seiner Entschlusskraft gehemmt war, hat er sich den Helfern auch lange Zeit anvertraut. Einige der Personen, die er selbst ausgewählt hat, galten als medioker und sind es für uns bis heute geblieben, weil nicht einmal ein aussagekräftiger Nachlass von ihnen überliefert ist. Andere aber waren derartig leuchtende Figuren, dass sie den König überstrahlt haben und ihn auch deswegen blass aussehen ließen. Wir kennen Blücher, Scharnhorst, Gneisenau, die Brüder Humboldt, Kant, Fichte, Hegel, den Freiherrn vom Stein, Hardenberg, den Architekten Schinkel und den Mediziner Hufeland: Alle waren sie zeitweilig Bedienstete im Staat Friedrich Wilhelms III. Fast wäre Schiller nach Berlin gegangen (das Angebot lag vor), und als 1821 das von Schinkel entworfene Schauspielhaus eröffnet wurde, steuerte Goethe den Prolog bei.
Gegen so viel Talent aufzukommen ist unmöglich. Unter anderem auch deshalb hatten die Historiker und Biografen erst einmal eine ganze Reihe anderer Persönlichkeiten abzuarbeiten, bevor sie an Friedrich Wilhelm herangingen, den Mann, der nominell der Mittelpunkt war, doch kein Sonnenkönig, sondern fast eine Schattengestalt.
Die Zurücksetzung des Monarchen lag aber auch an den Biografien der Historiker. Die Geschichtsprofessoren des 19. und frühen 20. Jahrhunderts stammten häufig aus Beamtenfamilien. Wenn sie Glück hatten, waren ihre Väter Geheimräte gewesen, und wenn ihre akademische Karriere gut anschlug, dann wurden sie das auch.
Die Beamten aber hatten seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts dazu angesetzt, die Macht im Staat zu erobern. Gestützt auf die Einsicht in das Unvermögen der Könige, den Staat allein und nach Willkür zu regieren, forderten sie, dass die Verwaltung professionell, gleichförmig, ohne Ansehen der Person, nach fachlichen Kriterien und gestützt auf Gesetze abzulaufen habe. Juristen waren sie alle, und als Kronprinz bekam Friedrich Wilhelm von Juristen als Teil seiner Ausbildung eingeschärft, dass der Monarch weder in den Ablauf der Justiz noch in die Grundrechte der Staatsangehörigen einzugreifen habe.
Das waren zu jener Zeit, vor 1800, noch programmatische Äußerungen, die aber dazu dienten, überall in Mitteleuropa die Zurückhaltung der Herrscher zu steigern. Wenige Jahre nach Friedrich Wilhelms Tod, in der Revolution von 1848/49, wurden diese Grundsätze in Verfassungen gegossen, auch in Preußen. Die Geschichtsprofessoren jedenfalls, als die Söhne jener Beamten, hatten allen Grund, die Beamtenrevolution, die sich in Preußen zwischen 1807 und 1820 unter dem Namen der Reformen vollzog, zu glorifizieren und die Rolle des Monarchen kleinzuschreiben.
Und dann war da noch Napoleon, das "von der Hölle ausgespiene Ungeheuer", wie Friedrich Wilhelm ihn in einem Brief an Königin Luise genannt hat. Zunächst versuchte der König noch, mit dem expandierenden Frankreich in friedlicher Koexistenz zu leben. Als Napoleon sein Kaisertum durch einen Volksentscheid hatte legitimieren lassen und sich bald darauf in Notre Dame de Paris selbst krönte, war Friedrich Wilhelm wie die übrigen Herrscher Europas genötigt, diesen Kaisertitel anzuerkennen.
Napoleon suchte Friedrich Wilhelm auf seine Seite zu ziehen, indem er ihm vorschlug, der König von Preußen könne sich zum Kaiser von Norddeutschland machen. Ob Friedrich Wilhelm sich geehrt fühlte, ist nicht bekannt, aber denkbar. Zwar hatte der letzte Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, Franz II., nicht anders gehandelt, als er, das Ende dieses Alten Reiches vorwegnehmend, für sich ein Kaisertum Österreich geschaffen hatte.
Aber für ein Norddeutsches Kaisertum fehlte damals, 1804, noch die Basis, denn zu gering war bisher die Abstimmung mit den Preußen umgebenden deutschen Mittel- und Kleinstaaten gewesen. Immerhin war Friedrich Wilhelms Sohn, der diesen Vorschlag Napoleons zwischen 1867 und 1871 umsetzen sollte, indem er aus dem Norddeutschen Bund ein Deutsches Reich machte, schon geboren.
Napoleon aber gab keine Ruhe, dehnte seinen Machtbereich weiter aus, und es gab Nadelstiche da, wo sich die französische und preußische Sphäre berührten. Schließlich meinten die Minister in Berlin und die jungen forschen Offiziere in den Eliteregimentern, man müsse um der eigenen Ehre Willen Krieg gegen Napoleon führen. Da sie aber zu lange gewartet hatten, blieben sie allein. Die Österreicher waren gerade schon, im Dezember 1805 in Austerlitz, besiegt worden.
"Wir werden wie die Gefährten des Odysseus in Polyphems Höhle die letzten sein, die gefressen werden", war ein damals gern bemühter Vergleich. Der Pessimismus behielt recht. Preußen verlor im Oktober 1806 die Schlacht bei Jena und Auerstedt, Napoleon machte sich in den Schlössern des Preußenkönigs breit, brach den königlichen Sekretär auf und druckte Luises Briefe, um sie als Kriegshetzerin zu kompromittieren, in seinem Staatsanzeiger, dem "Moniteur".
Das Königspaar floh zunächst nach Königsberg, dann nach Memel in den letzten Zipfel seines Reiches. Zwar kam der russische Kaiser zu Hilfe, aber es gelang Napoleon, in Friedland in Ostpreußen, weit von seiner eigenen logistischen Basis entfernt, die vereinten Preußen und Russen zu schlagen.
Zar Alexander I. glaubte nun, dass er sich mit der aufsteigenden Macht im Westen arrangieren müsse. Als die beiden Kaiser auf einem im Memelstrom verankerten Floß über den Frieden verhandelten und die Aufteilung der Welt ins Auge fassten, musste Friedrich Wilhelm, in seinen Mantel gehüllt, am Ufer stehen bleiben und zuschauen. Doch hatte er das Wesen des französischen Machthabers richtig erkannt, der auf Expansion setzte und niemanden neben sich duldete. Dass diese Neigung irgendwann einmal selbstzerstörerisch werden musste, ahnte außer ihm schon damals in Tilsit, 1807, Napoleons Außenminister Talleyrand. Heute würden wir von der Narzissmusfalle sprechen.
Dank der Fürsprache Russlands, das einen Pufferstaat brauchte, blieb Preußen erhalten, verlor allerdings seine Besitzungen westlich der Elbe. Es war wohl diese Bedrohung der Existenz, die es dem König geraten erscheinen ließ, gewissermaßen beiseitezutreten und seine begabten Minister einen Plan zur Reform des Staates ausarbeiten zu lassen. "Demokratische Grundsätze in einer monarchischen Regierung" wollte der aus Hannover stammende Minister, der Freiherr von Hardenberg, verwirklichen.
Doch was auf dem Papier wie ein Reformprojekt aus einem Guss erschien, zerrieb sich an den Widerständen der etablierten Interessen, vornehmlich des grundbesitzenden Adels, und schrumpfte zu einem bescheidenen Bündel von Verbesserungen, die der preußischen Monarchie die Existenz noch einmal um ein Jahrhundert verlängert haben.
Die von Hardenberg für notwendig gehaltene Parlamentarisierung der Politik fürchtete der König wie die Pest. Noch in seinem Testament, zwanzig Jahre nach dem Auslaufen der Reformzeit, hielt er fest, dass er seine politische Gewalt ungeteilt ererbt habe und sie auch so weitergeben wolle. Zu diesem Zeitpunkt hatte er sich längst zum Werkzeug des österreichischen Staatskanzlers Metternich machen lassen, der in ihm die Angst vor jeder Veränderung schürte.
Immerhin bewirkte die Reform eine Steigerung der Schlagkraft der Streitkräfte, und als Napoleon im Dezember 1812 im russischen Schnee seine Große Armee verloren hatte, hielt auch Friedrich Wilhelm den Augenblick für gekommen, Preußen wieder die Handlungsfähigkeit einer eigenständigen Großmacht zu verschaffen. Doch erschien es ihm zu diesem Zeitpunkt noch ein ausreichendes Kriegsziel, Napoleon wieder hinter den Rhein zu verbannen. Dass eine Volksbewegung brodelte, sich geheime Netze gebildet hatten, die zum Aufstand gegen die als Fremdherrschaft empfundene napoleonische Ordnung drängten, mussten dem König seine Berater klarmachen. Im März 1813, als der König seinen Aufruf "An Mein Volk" publizierte, war eine andere Sprache angebracht als in den Jahren der Ohnmacht. Der König musste sein Volk direkt anreden, an Patriotismus und Opfermut sowie das Ehrgefühl appellieren. Andernfalls, so wurde er gewarnt, könne es ihm geschehen, dass der Volkszorn ihn hinwegfegen würde.
Weder war Leo Tolstoi ein Zeitgenosse der Kriege von 1807 und 1812, noch war Theodor Fontane 1813 in Preußen dabei, vielmehr war er nicht einmal geboren. Dennoch haben beide, der eine mit "Krieg und Frieden", der andere mit dem Roman "Vor dem Sturm", das Bild jener Epoche geprägt, als, wie Leopold von Ranke es formuliert hat, die Nachricht von der in Tauroggen geschlossenen Konvention zwischen den Preußen und den Russen "wie ein Blitzstrahl erschien, der den Gesichtskreis durchzuckte". Doch ist Vorsicht angebracht, denn beides sind historische Romane, die auch ein geschichtsphilosophisches und politisches Programm transportieren.
Wer die Proklamationen des Frühjahrs 1813 nachliest, stellt übrigens fest, dass die Fürsten den Völkern Europas keineswegs demokratische Rechte versprochen hatten, um sie zum Krieg gegen Napoleon aufzustacheln. Vielmehr handelten die Menschen in Deutschland großenteils so, wie es der Konservative Theodor Schmalz schon 1815 zum Ärger Gneisenaus und anderer Liberaler ausgeführt hat: Wenn es brennt, geht man hin, um zu löschen, und dazu braucht man keinen Anreiz. Kein Zweifel kann allerdings daran bestehen, dass einige entschiedene Befürworter des Widerstands gegen Napoleon unter denen gewesen sind, die freiheitliche Veränderungen in Preußen und Deutschland für notwendig hielten.
In den auf den Frühling 1813 folgenden Schlachten war der König immer anwesend, verzichtete aber meist darauf, sich in die Generalstabsarbeit einzumischen. Er hatte gelernt, dass die Unklarheit in der Kommandoführung zu der Niederlage von 1806 beigetragen hatte. Dennoch war sein Mut im Kugelhagel in der Tradition seines Großonkels Friedrich II. ein nicht zu unterschätzender Faktor. Friedrich Wilhelm setzte dadurch in für ihn angemessener Weise die Tradition seiner Dynastie, selbst den Krieg zu führen, fort. So war er auch in der Völkerschlacht von Leipzig dabei, und er begleitete das Hauptquartier der inzwischen verbündeten Mächte Russland, Preußen, Österreich und Großbritannien bis zu dem Moment, wo vor den Toren von Paris im März 1814 die vorerst letzte Schlacht gegen Napoleon geschlagen wurde.
Bei den anschließenden Friedensverhandlungen und auf dem Wiener Kongress 1814/ 15 stand er im Schatten des russischen Zaren, auf den auch maßgeblich die Entscheidung zurückgegangen war, den Diktator in seiner Hauptstadt aufzusuchen und den Krieg bis zu Napoleons Sturz zu führen. Der Kongress wurde durch die Nachricht von Napoleons Rückkehr von der Mittelmeerinsel Elba aufgescheucht, und hastig kehrten die Monarchen zu ihren Armeen zurück, die noch nicht vollständig demobilisiert waren. Bevor jedoch Friedrich Wilhelm wieder Fühlung mit der preußischen Armee aufnehmen konnte, hatte sich in Waterloo Napoleons Geschick entschieden, seine militärische Macht war an den vereinten Armeen Wellingtons und Blüchers zerschellt.
Im nunmehr wirklich sich ausbreitenden Frieden hatte der König die Muße, sein Steckenpferd zu reiten, sich ein eigenes Bild von Martin Luther und dessen Reformation zu machen und regulierend in die evangelische Kirche seines Reiches einzugreifen, deren oberster Bischof er war. Das christliche Deutschland konfessionalisierte sich erneut, Glaubensfragen rückten wieder in den Mittelpunkt des Interesses. Als ein Streit des preußischen Staates mit der katholischen Kirche über die Frage ausbrach, wie die Kinder aus Ehen gemischter Konfession zu erziehen seien, da schreckte er 1837 nicht davor zurück, die Stadt Köln durch evangelische Regimenter besetzen zu lassen und den Erzbischof von Köln aus seinem Palais als Gefangenen abzuführen.
Dass in Preußen Glaubenszwang herrschte, wollte er nicht wahrhaben, obwohl es ihm auch einige seiner evangelischen Untertanen klarzumachen versuchten. Für ihn war ausgemacht, dass Preußen das Land der Toleranz sei und dass er nichts tat, als dieser Toleranz zu dienen. Seine Selbstgewissheit wurde auf eine schwere Probe gestellt, als auf der Spree, an den Fenstern des Berliner Schlosses, die Schiffe religiöser Auswanderer, die beteten und sangen, vorbeifuhren. Sektierer verstand Friedrich Wilhelm so wenig wie die sich vor allem an den Schulen und Universitäten ausbreitenden Liberalen, die für ihn eher "Demagogen" waren.
Dagegen setzte er auf ein Bündnis von Thron und Altar. Ein Gebet wurde Teil des nach russischem Vorbild ausgestalteten "Großen Zapfenstreichs", den Friedrich Wilhelm III. in der deutschen Tradition verankerte. Der von ihm komponierte Parademarsch erklingt noch immer bei allen Staatsbesuchen auf deutschem Boden. Vom Gesangbuch bis zu den Abzeichen, die heute Fahrzeuge und Flugzeuge der Bundeswehr markieren, hat dieser König eine wirkungsvolle Politik der Gefühle und der Symbole betrieben.

THOMAS STAMM-KUHLMANN

Seine Habilitationsschrift, 1992 als Buch veröffentlicht, befasst sich mit Friedrich Wilhelm III., dem "Melancholiker auf dem Thron". Stamm-Kuhlmann, 57, ist seit 1997 Inhaber des Lehrstuhls für Allgemeine Geschichte der Neuesten Zeit in Greifswald. Seit 2009 ist er Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft für Preußische Geschichte.
Von Thomas Stamm-Kuhlmann

SPIEGEL GESCHICHTE 2/2011
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