29.03.2011

Ein Held des Rückzugs

In jungen Jahren ein Dichter, liebte Friedrich Wilhelm IV. Kunst, Literatur und das Zeichnen. Bei der Revolution 1848 verhinderte er Bürgerkrieg und Blutvergießen.
Es war einmal ein preußischer Prinz, der ritt auf dem "Riesen der Lüfte", einem aus der Urzeit übriggebliebenen schwanenartigen Vogel Roc, in vier Tagen und Nächten von Paris nach Asien. Auf der Insel Borneo lernte er am goldglänzenden Hof des dortigen Königs dessen Tochter kennen - das "schönste Weib, das je die Erde getragen". Natürlich verliebte er sich unsterblich in sie. Aber weder dieser noch ein anderer Rausch, auch nicht ein Traumfest wie aus Tausendundeiner Nacht machten ihn vergesslich, und so tat er, wozu er sich verpflichtet glaubte: Er half dem König, einen bösen Rivalen abzuwehren, und er stand der Königsfamilie als Taufpate zur Seite, als sie sich feierlich zum Christentum bekehrte. Schließlich verzichtete er auf die verheißungsvolle Nähe der graziösen Königstochter und kehrte tapfer zurück nach Potsdam - ein echter Preuße eben.
Diesen märchenhaften Prinzen hat es wirklich gegeben: Es ist Friedrich Wilhelm, der älteste Sohn aus der Ehe des Hohenzollernherrschers Friedrich Wilhelm III. mit jener berühmten Königin Luise, deren Munterkeit, schöne Gestalt und blühender Charme auch Napoleon betört haben. Prinz Friedrich Wilhelm, wegen seines eher gedrungenen Körpers schon im Kindesalter als "Butt" verspottet, war lebhafter, phantasiebegabter und lustiger als sein etwas spröder Vater, der die kleine Ewigkeit von 43 Jahren regierte. Butt "Fritz", wie ihn die Mutter nannte, liebte die spielerische Vermischung von Realität und Fiktion; und so hat er denn auch die abenteuerliche Flug-Reise nach Asien derart realistisch und detailliert beschrieben, als hätte sie wirklich stattgefunden.
Die Reiseerzählung, die die ideenselige Überflieger-Politik des späteren Preußenherrschers auf verblüffende Weise vorwegnimmt, heißt "Die Königin von Borneo". Friedrich Wilhelm schrieb sie auf Schloss Sanssouci in Potsdam von September 1816 bis Juni 1817. Das lange unbekannt gebliebene, liebenswert pittoreske, psychologisch aufschlussreiche Werk wurde erst 1997 veröffentlicht, 136 Jahre nach dem Tod des Autors. Friedrich Wilhelm ist selbst der Held dieser Erzählung, er nennt sich "Prinz Feridoun".
Der reale Kronprinz Friedrich Wilhelm wurde 1795 in Berlin geboren, als erstes von insgesamt sieben Geschwistern. 72 krachende Schüsse aus 24 Kanonen bekräftigten im Berliner Lustgarten die Bekanntgabe seiner Geburt. Eine martialische Begrüßung, die schlecht zur späteren Lebensführung des neuen Erdenbürgers passt, ist er doch aus gutem Grund als "der Romantiker auf dem Thron der Cäsaren" (so der Theologe David Friedrich Strauß 1847) in die Geschichte eingegangen.
Die Erzählung "Die Königin von Borneo" beginnt in Paris "Anno 1814". Der Kronprinz hat tatsächlich in jenem Jahr Paris besucht - am 31. März ritt er in der Uniform eines "Stabskapitäns" hinter dem russischen Zaren Alexander I., dem väterlichen König von Preußen und dem österreichischen Feldmarschall Karl Philipp zu Schwarzenberg in Paris ein. Die Feier des Sieges über Napoleon war zugleich ein demonstrativer Auftritt entschlossener christlicher Herren, verbündet in einer "Heiligen Allianz", mitten im "Sündenpfuhl" der revolutionären Gottlosigkeit. Das hat den jungen Prinzen fürs Leben geprägt. Bei der Siegesfeier tanzten viele Pariser mit, weil Napoleons, des "Teufels", Niederlage die Rückkehr des Bourbonen-Königs Ludwig XVIII. möglich machte.
Während der zwei Monate in Paris hat sich Friedrich Wilhelm wohl zum ersten Mal in eine Frau verliebt. Das könnte der Hintergrund sein für die Schwärmereien in der Borneo-Erzählung.
Friedrich Wilhelm hat das Idealgesicht der "Königin von Borneo" mehrfach gezeichnet. Zeichnen war eine seiner Leidenschaften. Schon als Fünfjähriger zeigte er daran Interesse und erhielt auch bald Unterricht, neben Lehrstunden in Fächern wie Geschichte, Militär, Recht, Literatur und Religion. Auch als Regierender hat Friedrich Wilhelm IV. ständig gezeichnet: im Theater, bei Banketten, Audienzen, selbst bei wichtigen politischen Sitzungen, er skizzierte auch, wenn ihm aus Zeitungen vorgelesen wurde.
Die Silhouette seiner späteren Gemahlin hat er ahnungsvoll skizziert, ehe er ihr - zwei Jahre nach dem Abschluss der "Borneo"-Geschichte - in Baden-Baden zum ersten Mal wirklich begegnet ist: der Prinzessin Elisabeth Ludovika, Tochter des bayerischen Königs Maximilian I. Joseph, der dort mit Frau und sechs Töchtern kurte. Die damals 17-Jährige fesselte Friedrich Wilhelm auf Anhieb. Gegenüber seinem Erzieher Johann Peter Friedrich Ancillon rühmte er ihr "liebliches, rundes, anmutiges Antlitz, Augen so klar wie der neapolitanische Himmel, schwarze Brauen, dunkles Haar, dabei ein Anstand, wie ich ihn träumen kann".
Dass sie wegen eines Hüftleidens ein wenig mit dem linken Bein hinkte, hat der frisch Entflammte übersehen, vielleicht auch, weil das komplette "Bataillon" der "liebenswürdigen Prinzessinnen" den preußischen Kronprinzen schier überwältigte. Natürlich wurde diese Brautschau von höherer Warte eingefädelt.
Elisabeth war eine kluge und hübsche, selbstbewusste und sanfte, überaus gebildete Person. Ihr wichtigster Erzieher ist der Altphilologe Friedrich Thiersch gewesen. Doch der Vater des Kronprinzen stand der neuen Liebe im Weg. Elisabeth war katholisch und hatte einmal ihrer Zwillingsschwester gestanden, "um irdischen Glückes willen" keinesfalls ihren Glauben aufgeben zu wollen. Gerade diese klare Haltung schätzte Friedrich Wilhelm an ihr, das verband sie mit dem Kronprinzen, der einer neopietistischen Erweckungsbewegung anhing.
Aber das Verbindende trennte die beiden auch. Der preußische König, der Friedrich Wilhelm eines Tages sein würde, war das landesherrliche Oberhaupt der dortigen Protestanten - unmöglich damals, dass so ein Mann eine Katholikin heiratete. Vorher musste sie die Konfession wechseln. Das Problem wurde mit pragmatischer List umgangen: Die bayerische Prinzessin blieb zunächst katholisch, versicherte aber, sich dem evangelischen Bekenntnis nicht endgültig verweigern zu wollen (später trat sie dann zum Protestantismus über).
Die schwierige, angesichts des damals üblichen Ehe-Geschachers adliger Kreise untypische Liebesheirat war für Friedrich Wilhelm durchaus auch nützlich: Dass er 1823 eine Katholikin zur Frau nahm, konnte der erst acht Jahre zuvor Preußen zugeschlagenen Rheinprovinz und Westfalen nur genehm sein. Deren Bevölkerung war vor allem katholisch.
Friedrich Wilhelm mochte am Rhein auch "all die tausend göttlichen Burgen und Felsen und Berge und Strömungen". Eine der prachtvollsten Burgruinen, Burg Stolzenfels, ließ er sich zum Sommersitz seiner Mittelalter-Träume herrichten. Bei der Einweihung 1842 gab es einen Fackelzug mittelalterlich gekleideter Bauleute. Sein "allerliebstes Luftschloss" aber, bekannte er noch als Kronprinz, sei es, dass das preußische Königshaus einen rheinischen Repräsentanten ernenne und er selbst dann als Vizekönig nach seinem "geliebten Köln" ziehen dürfe.
Der unvollendete Dom zu Köln mit seinem "ungeheuren Gewölbe" war für ihn das "schönste Schauspiel von der Welt". Friedrich Wilhelm hat diesen Dom mehrfach liebevoll gezeichnet, und er hat die Grundsteinlegung zur Vollendung des "Prachtbaus" durchgesetzt, den er als "das Werk des Brudersinns aller Deutschen aller Bekenntnisse" und somit als Vor-Bild einer neuen "teutschen Einigkeit und Kraft" betrachtete.
Friedrich Wilhelm hat auch kreativ neue Gebäude und Denkmäler entworfen. So hat er das Landgut Charlottenhof im Schlosspark von Sanssouci, sein geliebtes "Arkadien", unter Mithilfe von Karl Friedrich Schinkel umgebaut und ausgeschmückt. Er plante die Friedenskirche im Park von Sanssouci. Beim Wiederaufbau und Neubau der mittelalterlichen Festungsreste des Hauses, im württembergischen Hechingen, zur neugotischen Burg Hohenzollern wirkte er ebenfalls mit.
Der auch literarisch bewanderte Friedrich Wihelm schätzte vor allem die Romantiker. Der programmatische Mahnruf des Katholiken Friedrich von Hardenberg ("Novalis") mit dem Titel "Die Christenheit oder Europa" (1799) war ihm geläufig. Ludwig Tieck wurde 1840 zum Hofrat berufen. Es war eine der ersten Amtshandlungen des neuen Königs.
Bei seiner Inthronisation im Sommer 1840, erst in Königsberg und danach in Berlin, konnte sich eindrucksvoll zeigen, was ihm wichtiger war als Krieg und Machtgewinn: Zeremonien der Huldigung. Zu ihnen gehörten genialisch-pathetische, meist improvisierte Reden des Königs, Gottesdienste beider Konfessionen, öffentliche Festgelage, Konzerte, Regatten, Reiterdarbietungen im Rahmen von "Lebenden Bildern" und vor allem die Huldigungseide der verschiedenen Stände aus den Provinzen.
Friedrich Wilhelm war überzeugt, "dass ich Meine Krone von Gott allein habe". Getreu der These des Royalisten Novalis: "Der König ist ein zum irdischen Fatum erhobener Mensch."
An dieser archaischen Maxime wurde acht Jahre nach den Huldigungsfeiern für den König kräftig gerüttelt. 1848/49 waren Schicksalsjahre einer fast ganz Europa durcheinanderwirbelnden revolutionären Bewegung.
Wieder einmal beginnt alles in Frankreich: 1830, nach der "Julirevolution", bei der es primär um Pressefreiheit und demokratischere Wahlgesetze geht, wird der relativ liberal eingestellte Herzog Louis Philippe von Orléans von der Deputiertenkammer gewählt. Das ist der Abschied vom System der Erbmonarchie. Von nun an muss, wer König sein will, sich zur Wahl stellen. Im Februar 1848 gerät aber auch diese bürgerlich-konstitutionelle Monarchie in die Krise. Die Volksmassen stürmen das Pariser Palais Royal. "Bürgerkönig" Louis Philippe dankt ab. Die Republik wird ausgerufen. Bewaffnete Zusammenstöße von Armee und Revolutionären fordern am Ende mehr als 3000 Tote.
Von Paris aus weiten sich die Unruhen auf das restliche Mitteleuropa aus. Auch im Preußen des Friedrich Wilhelm gärt es. Die wachsende Unzufriedenheit entzündet sich mal an krassen sozialen Missständen - wie beim blutigen Aufstand der schlesischen Weber 1844 -, mal an der Rechtlosigkeit ständisch entwurzelter Handwerker; vor allem jedoch an der beschränkten Chance der Bevölkerung, die sie betreffenden Entscheidungen der Herrschenden aktiv zu beeinflussen. Das Volk ist es satt, immer nur Objekt der Politik zu sein.
Eine verfassungsrechtlich gesicherte Teilhabe des Volkes an der Macht wäre die Voraussetzung für die stärkere Identifikation der Landesteile mit einem einzigen "Teutschland" unter Preußens Führung, wie es sich Friedrich Wilhelm wünscht. Sein Ideal, Preußen "väterlich", aber ohne konstitutionelles "Papier" zu regieren, kann dem aus Frankreich herüberwehenden Zeitgeist nicht dauerhaft trotzen.
Dass er diesem Geist zögernd nachgibt, liegt auch an der wirtschaftlichen Schwächephase, in der sich Preußen trotz aller segensreichen Reformen nach 1813 befindet. Eine Erhebung von 1846 ergibt, dass zwischen 50 und 60 Prozent der damals rasant wachsenden Bevölkerung am Existenzminimum dahinvegetieren. Im April und Mai 1847 erreichen, auch aufgrund verdorbener Ernten in den Jahren zuvor, die Nahrungsmittelpreise eine Rekordhöhe. In Preußen werden in dieser Zeit 158 Hungerrevolten gezählt. Läden werden ebenso geplündert wie Marktstände, es gibt Straßenblockaden und Überfälle auf Kartoffelhändler.
Das größte Problem: Preußen braucht neue, höhere Kredite. Noch der Reformer Karl August von Hardenberg hatte 1820 dafür gesorgt, dass ein Staatsverschuldungsgesetz der Regierung fortan verbot, den Etat mit größeren Anleihen ohne die Zustimmung einer "landesweiten Ständeversammlung" zu belasten. Friedrich Wilhelm IV. hat ein teures Projekt: eine staatliche Eisenbahn, die das Rheinland mit Brandenburg und Ostpreußen verbindet - eine Verkehrsarterie von enormer wirtschaftlicher und militärischer Bedeutung.
Als der König erfährt, dass die Franzosen ein strategisches staatliches Schienennetz beschlossen haben, an dessen östlichen Endpunkten leicht viele Soldaten und Kanonen abgeladen werden könnten, geht es plötzlich schnell: 1847 wird der erste Vereinigte Landtag, eine Zusammenkunft aller preußischen Provinziallandtage, einberufen - 613 Herren (Damen sind noch unerwünscht) aus dem höheren und niederen Adel, aus der Bauernschaft und den Städten. Der Kongress hat eigentlich nur eine Aufgabe: Er soll neue Steuern genehmigen, vor allem einer Staatsanleihe für den Eisenbahnbau zustimmen.
Zwar droht der König: Wenn er "nur den geringsten Zweifel" hegen müsse, dass die Delegierten "ein Gelüst hätten nach der Rolle sogenannter Volksrepräsentanten", werde er den Landtag niemals wieder einberufen. Doch so viel ist sehr bald klar: Der Zug in genau diese Richtung ist längst abgefahren - der Eisenbahn sei Dank.
Der mühsame Prozess hin zu einer tragfähigen Verfassung, die erst 1850 endgültig in Kraft tritt, hat seinen dramatischsten Moment zwischen dem 17. und 25. März des Revolutionsjahres. Akut alarmiert durch die Nachricht, dass in Wien Studenten und eine Bürgerwehr die Stadt beherrschen und der als Gendarm Europas berüchtigte Fürst Metternich nach England geflohen ist, erklärt sich der König am 17. März zu ersten substantiellen Zugeständnissen an die liberale Volksbewegung bereit.
Seit dem Morgen des 18. März versammelt sich eine große Menge auf dem Berliner Schlossplatz, um dort zu protestieren. Als sich aber die aktuellen Konzessionen des Königs endlich bei allen herumgesprochen haben, kippt die Stimmung: Freudentänze, Jubel überall, die Sonne scheint, nun will die Menge den König sehen.
Der König tritt auf den Schlossbalkon, um, wie ein anwesender General formuliert, die "Hurrahs in Empfang" zu "nehmen". Ein Staatsminister verliest die entscheidende Erklärung: "Der König will, dass Pressfreiheit herrsche; der König will, dass der Landtag sofort berufen werde; der König will, dass eine Konstitution auf der freisinnigsten Grundlage alle deutschen Länder umfasse; der König will, dass eine deutsche Nationalflagge wehe; der König will, dass alle Zollschlagbäume fallen; der König will, dass Preußen sich an die Spitze der Bewegung stelle." Hochrufe auf dem ganzen weiten Platz.
Plötzlich sehen die Menschen die in den hinteren Höfen wartenden Soldaten. Misstrauen, böse Gerüchte, allgemeine Unruhe verdichten sich zu Rempeleien, Gedränge, Geschrei. Man hört Rufe wie: "Militär zurück! Militär zurück!" Der König ordnet an, die Kavallerie solle ohne gezogene Säbel die Leute vom Platz drängen. Trotzdem fallen versehentlich zwei Schüsse. Obwohl niemand verletzt wird, droht die Lage außer Kontrolle zu geraten.
Überall werden jetzt, meist von aufgebrachten Handwerkern und Studenten, Barrikaden aus Steinen, Brettern und Gerümpel aller Art errichtet. Sobald Infanteristen sich einer Barrikade nähern, regnen aus den Fenstern der umliegenden Häuser Dachziegel und Steine auf ihre Köpfe. Die Soldaten stürmen einige Häuser und machen wütend "alles nieder", was sich ihnen "widersetzt", so ein Zeitzeuge.
Was tut der König? Er spricht von einem "Missverständnis", bewahrt äußerlich die Ruhe und bittet am nächsten Tag die Bürger, sie möchten doch die Barrikaden wegräumen und friedlich bleiben; dafür gebe er ihnen sein Wort, dass die Truppen Straßen und Plätze räumen würden.
Der König hat sich damit den Revolutionären in gewisser Weise ausgeliefert. Am 19. März verfolgen der König und seine Frau vom Balkon des Schlosses aus den Trauerzug der Demonstranten, die auf Türen und Brettern, die mit Zweigen geschmückt sind, die Leichen der in der Nacht zuvor getöteten Aufständischen durch die Straßen tragen. Als der König an die Brüstung des Balkons tritt, ruft ein Bürger hinauf: "Mütze ab!" - der König nimmt sie ab und beugt den Kopf. Die Königin murmelt: "Nun fehlt bloß noch die Guillotine."
Ein kleines Wunder: Trotz der schrecklichen Bilanz - über 300 tote Demonstranten, etwa 100 gefallene Soldaten - ist diese "Märzrevolution", verglichen mit Frankreich, glimpflich verlaufen. Friedrich Wilhelm hat sich zwar demütigen lassen, aber ein schlimmeres Blutvergießen und den regelrechten Bürgerkrieg verhindert. Ein Held des Rückzugs. Am Morgen des 21. März gibt er bekannt, dass er die Bildung eines gesamtdeutschen Parlaments unterstütze. Kurz darauf besteigt er sein Pferd und reitet hinter einem Gardisten in Zivil, der die schwarz-rot-goldene Fahne (statt der schwarz-weißen Preußens) trägt, aus dem Schloss hinaus in die Stadt - der Hofstaat ist geschockt, aber die Berliner Bürger jubeln ihm zu.
Am 19. März 1848 erhält Preußen seine erste konstitutionelle Regierung unter dem Vorsitz des Ministerpräsidenten Adolf Heinrich Graf von Arnim-Boitzenburg. Die versprochenen Wahlen zu einer verfassunggebenden Nationalversammlung finden im Mai 1848 statt und ergeben eine klare Mehrheit des linken und liberalen Lagers. Zwischen dieser Nationalversammlung und der Regierung wird aber so lange über die neue Verfassung gestritten, bis der König im Dezember überfallartig die Nationalversammlung auflösen lässt und eine "überraschend liberale" (Frank-Lothar Kroll) Konstitution oktroyiert. Sie tritt 1850 in Kraft und bleibt bis 1918 gültig.
Die Monarchie wird bewahrt, deren Souveränität aber eingeschränkt: An der Gesetzgebung und am Budget wirken Abgeordnetenhaus und Erste Kammer mit. Alle rechtswirksamen Regierungsbeschlüsse bedürfen der Billigung durch den zuständigen Minister. Diesen Minister zu ernennen oder zu entlassen bleibt das Privileg des Königs, ebenso die Kommandogewalt über das Militär und die Oberhoheit über die Außenpolitik. Die Stimmen derer, die die Volksvertretung gewählt haben, werden je nach Steueraufkommen unterschiedlich gewichtet, gestaffelt in drei Stufen ("Dreiklassenwahlrecht").
Dass sich Friedrich Wilhelm nach den März-Turbulenzen den Zielen der deutschen Nationalbewegung und des im Mai 1848 eröffneten Frankfurter Paulskirchen-Parlaments angenähert hat, beschert ihm Sympathien des Volkes, aber auch einen schwer lösbaren Konflikt. Indem er für eine Einheit der Länder unter preußischer Dominanz kämpft, muss er zwangsläufig den habsburgisch geprägten Vielvölkerstaat davon ausschließen.
Doch als ihm 1849 das Frankfurter Paulskirchen-Parlament für einen kleindeutschen Bundesstaat die erbliche Kaiserkrone anbietet, lehnt Friedrich Wilhelm das "Hundehalsband" überraschend ab. Die Frankfurter, meint er, hätten kein Recht zur Kaiserwahl, dies stehe nur den deutschen Fürsten zu. Aus ihren Händen hätte er die Kaiserkrone wohl angenommen.
Die letzten Jahre seiner Herrschaft sind überschattet von schwerer Krankheit. Ein Generaladjutant befürchtet im Mai 1856 in einer Notiz "ein Sinken der Geisteskräfte" bei Seiner Majestät, die Königin weint, wenn sie gegenüber Vertrauten über Friedrich Wilhelms Gesundheitszustand spricht. Eine Folge leichter und schwerer Schlaganfälle macht dem König zu schaffen, mit Sprachproblemen, Gedächtnisverlusten und Lähmungserscheinungen. Da die Ehe des Königs kinderlos geblieben ist, wird 1857, auf Betreiben auch seiner Frau, sein Bruder Wilhelm zu seinem Stellvertreter ernannt, im Jahr darauf übernimmt dieser faktisch die Regierungsgeschäfte.
Zu den eindrucksvollen, fast opernhaften Episoden dieses Herrscherlebens gehört die letzte Reise des entmachteten Königs nach Italien. Im Dezember 1858, einen Tag vor Weihnachten, fahren der König und sein Gefolge in 19 Kutschen durch die Porta del Popolo nach Rom hinein. Für Friedrich Wilhelm ist es auch eine Reise in seine eigene Vergangenheit. Dreißig Jahre vorher ist eine Italienreise eines seiner intensivsten Bildungserlebnisse gewesen. Zeitzeugen sind gerührt zu beobachten, wie er sich nun trotz seiner Konzentrationsschwächen bemüht, seiner Frau die Namen bestimmter Paläste und Künstler zu nennen. Ein Höhepunkt des Rombesuchs ist die Begegnung mit Papst Pius IX. Der Papst dankt dem König für die relative "Freiheit, die die katholische Kirche in Preußen genieße".
In der Nacht zum 2. Januar 1861 ist Friedrich Wilhelm in Sanssouci gestorben. Seine Frau, Königin Elisabeth, war dabei, auch sein Bruder, der spätere Kaiser Wilhelm I. - Elisabeth hat ihn neben dem Totenbett ihres Mannes umarmt. Begraben liegt Friedrich Wilhelm in der Friedenskirche im Park von Sanssouci, hier wurde 1873 auch seine Frau beigesetzt.
War Friedrich Wilhelm IV. ein bedeutender König? Elise Bernstorff, die Frau des dänischen Gesandten am Berliner Hof, hat ihn 1822 als liebenswürdig, geistvoll, niemals anmaßend charakterisiert, seine Gesichtszüge trügen "den Abglanz eines hochgestimmten Herzens". Die Dichter und Intellektuellen, mit denen er zu tun hatte, waren von seiner Intelligenz und seiner Bildung stets angetan. Er war kein typischer Machtmensch wie sein Bruder, der ruppig-soldatische "Kartätschenprinz" Wilhelm.
Der Historiker Leopold von Ranke kam zu dem Fazit, Friedrich Wilhelm habe vielleicht mehr Gemüt gehabt, als der Staat habe ertragen können.
Von Mathias Schreiber

SPIEGEL GESCHICHTE 2/2011
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