29.03.2011

Seitenblick„Für König und Vaterland“

Schon Heinrich Heine konnte ein Lied davon singen, es war im Jahr 1844. "Ja, ja, der Helm gefällt mir, er zeugt / Vom allerhöchsten Witze! / Ein königlicher Einfall war's! / Es fehlt nicht die Pointe, die Spitze!" Kaum war also die Pickelhaube erfunden, ging sie in die Literatur ein. Als Symbol der preußischen Liebe zum Militär ist sie bis heute unübertroffen.
Ihre Geburtsstunde lässt sich genau datieren, und zwar auf den 23. Oktober 1842. An diesem Tag erließ König Friedrich Wilhelm IV. eine "Allerhöchste Kabinettsorder", mit der er den Tschako als militärische Kopfbedeckung durch die Pickelhaube ablöste. Die Legende besagt, der Herrscher habe, als er in Russland zu Gast war, ein Pickelhauben-Modell auf dem Schreibtisch des Zaren erblickt - und die Idee daheim gleich kopiert.
Offiziell hieß die Haube, die auch Stirn und Nacken beschirmte, "Helm mit Spitze". Das Grundmaterial war gepresstes Leder, mit Metall verstärkt und schwarzglänzend eingefärbt, das Ganze 34 bis 38 Zentimeter hoch, gekrönt von einer 14 Zentimeter hohen Spitze. Deren militärischer Zweck war es, im Nahkampf Hiebe mit dem Säbel oder dem Gewehrkolben seitlich abzulenken. Zwei Lüftungslöcher im Fuß des metallischen Dorns sollten für erhöhten Tragekomfort sorgen.
Wie der Volksmund auf das Wort Pickelhaube kam, ist nebulös. Manche Experten leiten den Pickel von der "piksenden" Spitze ab. Andere verweisen auf eine altehrwürdige sprachliche Ahnenreihe, an deren Anfang sie die mittelhochdeutsche "Beckenhube" orten, aus der die "Beckelhaube" oder auch "Bickelhaube" geworden sei.
Ab 1844 trug die preußische Artillerie eine Variante, auf der anstelle der Spitze eine Metallkugel prangte. War die Kugel lediglich ein Symbol für die Kanonenkugel der Artillerie? Oder sannen die königlichen Militärs auf Abhilfe, "weil die Geschützbedienungen sich beim Hantieren an den Kanonen oft mit den Spitzen verletzten", wie der Bundeswehr-Offizier und Autor Thorsten Greth herausgefunden haben will? Auch in diesem Punkt steht die Pickelhauben-Forschung, soweit ersichtlich, vor einer offenen Frage.
Sicher ist, dass der markante Kopfschutz einen unblutigen Siegeszug antrat, der weit über die Regierungsjahre Friedrich Wilhelms hinausreichte. Überall in Deutschland stülpten sich die Soldaten alsbald einen ledernen "Helm mit Spitze" aufs Haupt. Sogar die Bayern legten nach dem Tod ihres Königs Ludwig II. 1886 die Raupenhelme ab und paradierten mit der preußischen Kopfbedeckung. Zahlreiche ausländische Mächte taten es den Deutschen gleich: Schweden, Norwegen, Russland, auch die USA und einige südamerikanische Länder staffierten ihre Truppen mit Pickelhauben aus.
Im Lauf der Zeit machte das Wehr-Utensil zahlreiche Veränderungen durch: Der Helm wurde flacher, das aus Messing oder Nickel gefertigte Wappen auf der Stirnseite wandelte sich mit der Mode wie heutzutage ein Firmen-Label. So zierte den preußischen Adler seit 1860 der Schriftzug "Mit Gott für König und Vaterland". 1887 erhielt das Standardmodell eine kürzere Spitze mit fünf Luftlöchern.
Mehr als 70 Jahre lang hat sich die Pickelhaube auf diese Weise gehalten. Für den Einsatz im Gefecht gab es seit 1892 beigefarbene Stoffüberzüge, die das verräterisch blinkende Metall verdeckten.
Im Ersten Weltkrieg zeigte sich allerdings sofort, dass die Pickelhaube nicht mehr zeitgemäß war: Gegen Granatsplitter bot das gepresste Leder praktisch keinen Schutz, fast drei Viertel aller Kopfverletzungen waren tödlich. Außerdem zog die Helmspitze die gegnerischen Kugeln auf sich. In einem Erlass vom 28. Juni 1915 stellte das preußische Kriegsministerium fest: Die Pickelhaube sei "trotz des Überzuges bei klarem Wetter und vornehmlich auf nahe Entfernungen ein gutes Ziel". Künftig sollten alle Helme mit abnehmbarer Spitze oder Kugel gefertigt werden. Es dauerte nicht lange, bis sich der Stahlhelm als Nachfolgemodell durchgesetzt hatte.
Überlebt hat die Pickelhaube bis heute bei Parade-Einheiten in Schweden, Portugal und Südamerika. Eine ganz eigene Rolle spielt sie zudem in der Gebärdensprache: Der nach oben gestreckte und über die Stirn gehaltene Zeigefinger bedeutet "deutsch".
Dietmar Pieper
Von Dietmar Pieper

SPIEGEL GESCHICHTE 2/2011
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