29.03.2011

„Da haben Sie den Salat“

Theodor Fontane (1819 bis 1898) in Briefen über die Krise der Hohenzollernherrschaft unter Wilhelm II.
AN SEINEN SOHN THEODOR FONTANE, 17. JUNI 1888:
Die Zeitungen schwenken übrigens schon ein, und Wilhelm II., der noch vor drei Tagen eine bedrohliche Erscheinung war, ist jetzt bereits ein hoffnunggebender Fürst. Noch drei Wochen, und er ist ein Stern.
AN DEN MIT IHM BEFREUNDETEN, 23 JAHRE JüNGEREN SCHLESISCHEN AMTSRICHTER GEORG FRIEDLAENDER, 27. MAI 1891:
"Die Welt war nie so arm an Idealen." Diese Anschauung beherrscht mich seit Jahr und Tag, und jeder Tag bringt neue Belege und steigert mein Unbehagen bis zur Angst. Dabei muss ich bemerken, dass ich nie zu den Lobrednern des Vergangenen gehört habe, auch jetzt noch nicht gehöre. Die Zeit, in die meine Jugend fiel, Ende der dreißiger Jahre, war auch schrecklich in vielen Stücken, so in allem, was Erscheinung angeht, schrecklicher als jetzt. Die "Ruppigkeit" von damals ist überwunden (leider noch immer nicht genug) - aber so sehr ich diesen Fortschritt anerkenne, so sehr er mich geradezu beglückt, so gewiss ist er auf halbem Wege stecken geblieben, auf der Station "Äußerlichkeit". Alles dient dem Äußerlichen. Auf den ersten Ruck ist dadurch was gewonnen, die Sinne werden befriedigter; aber sowie man ein bisschen schärfer zusieht, nimmt man die Äußerlichkeitsherrschaft wahr, die mit einer gewissen Verrohung Hand in Hand geht. Die ganze Welt, man könnte beinah sagen: die Sozialdemokratie mit eingerechnet, hat sich durch gesteigerten Besitz und durch gesteigerte Lebensansprüche bis zu einer gewissen Bourgeoishöhe, vielfach von greulichstem Protzentum begleitet, entwickelt; aber von der Bewältigung der zweiten Hälfte des Weges, von der Entwicklung bis zur Aristokratie, der echten natürlich, wo das Geld wieder anfängt, ganz andren Zwecken zu dienen als dem Bier- und Beefsteakskonsum - von dieser Entwicklung unsrer Zustände sind wir weiter ab denn je; weiter als in jenen Armutszeiten unter Friedrich Wilhelm III.
AN GEORG FRIEDLAENDER, 3. OKTOBER 1893:
Jede Gesellschaftsklasse, jeder Hausstand hat ein bestimmtes Idol. Im ganzen aber darf man sagen: Es gibt in Preußen nur sechs Idole, und das Hauptidol, der Vitzliputzli des preußischen Kultus, ist der Leutnant, der Reserveoffizier. Da haben Sie den Salat.
AN GEORG FRIEDLAENDER, 12. APRIL 1894:
Von meinem vielgeliebten Adel falle ich mehr und mehr ganz ab, traurige Figuren, beleidigend unangenehme Selbstsüchtler von einer mir ganz unverständlichen Borniertheit, an Schlechtigkeit nur noch von den schweifwedelnden Pfaffen (die immer an der Spitze sind) übertroffen, von diesen Teufelskandidaten, die uns diese Mischung von Unverstand und brutalem Egoismus als "Ordnungen Gottes" aufreden wollen. Sie müssen alle geschmort werden. Alles antiquiert!
AN HANS HERTZ, DEN SOHN SEINES VERLEGERS, 16. MÄRZ 1895:
Mein Hass gegen alles, was die neue Zeit aufhält, ist in einem beständigen Wachsen, und die Möglichkeit, ja die Wahrscheinlichkeit, dass dem Sieg des Neuen eine furchtbare Schlacht voraufgehen muss, kann mich nicht abhalten, diesen Sieg des Neuen zu wünschen. Unsinn und Lüge drücken zu schwer, viel schwerer als die leibliche Not.
AN SEINE TOCHTER MARTHA FONTANE, 1. APRIL 1895:
Bismarck-Tag mit wahrem Hohenzollernwetter, woraus sich schließen lässt, dass der Himmel die Versöhnung der beiden Dynastien von Preußen und Lauenburg angenommen hat ... Es ist ein Festtag für Studenten, ja die Studenten müssen begeistert sein, das ist ihre verfluchte Pflicht und Schuldigkeit. Für alte Knöppe liegt es anders oder wenigstens komplizierter. Es ist schade, dass dieser Tag - wenigstens in meinen Augen - doch nicht das ist, was er sein könnte. Und das liegt - noch einmal nach meinem Gefühl - an Bismarck. Diese Mischung aus Übermensch und Schlauberger, von Staatengründer und Pferdestall-Steuerverweigerer, ... von Heros und Heulhuber, der nie ein Wässerchen getrübt hat - erfüllt mich mit gemischten Gefühlen und lässt eine reine helle Bewunderung in mir nicht aufkommen. Etwas fehlt ihm und gerade das, was recht eigentlich die Größe leiht. Jude Neumann, uns gegenüber, hat auch nicht geflaggt, und Arm in Arm mit Neumann fordre ich mein Jahrhundert in die Schranken.
AN GEORG FRIEDLAENDER, 2. NOVEMBER 1896:
Alles, was jetzt bei uns obenauf ist, entweder heute schon oder es doch vom Morgen erwartet, ist mir grenzenlos zuwider: dieser beschränkte, selbstsüchtige, rappschige Adel, diese verlogene oder bornierte Kirchlichkeit, dieser ewige Reserveoffizier, dieser greuliche Byzantinismus. Ein bestimmtes Maß von Genugtuung verschafft einem nur Bismarck und die Sozialdemokratie, die beide auch nichts taugen, aber wenigstens nicht kriechen. Und das allein schon ist ein Verdienst.
AN GEORG FRIEDLAENDER, 5. APRIL 1897:
Was mir am Kaiser gefällt, ist der totale Bruch mit dem Alten, und was mir an dem Kaiser nicht gefällt, ist das im Widerspruch dazu stehende Wiederherstellenwollen des Uralten. In gewissem Sinne befreit er uns von den öden Formen und Erscheinungen des alten Preußentums, er bricht mit der Ruppigkeit, der Popligkeit, der spießbürgerlichen Sechsdreierwirtschaft der 1813er Epoche, er lässt sich, aufs Große und Kleine hin angesehn, neue Hosen machen, statt die alten auszuflicken. Er ist ganz unkleinlich, forsch und hat ein volles Einsehen davon, dass ein deutscher Kaiser was anders ist als ein Markgraf von Brandenburg … Ich wollte ihm auf seinem Turmseilwege willig folgen, wenn ich sähe, dass er die richtige Kreide unter den Füßen und die richtige Balancierstange in den Händen hätte. Das hat er aber nicht. Er will, wenn nicht das Unmögliche, so doch das Höchstgefährliche mit falscher Ausrüstung, mit unausreichenden Mitteln. Er glaubt das Neue mit ganz Altem besorgen zu können, er will Moderne aufrichten mit Rumpelkammerwaffen; er sorgt für neuen Most, und weil er selber den alten Schläuchen nicht mehr traut, umwickelt er ebendiese Schläuche mit immer dickerem Bindfaden und denkt: "Nun wird es halten." Es wird aber nicht halten.
Was der Kaiser mutmaßlich vorhat, ist mit "Waffen" überhaupt nicht zu leisten … Die Rüstung muss fort, und ganz andere Kräfte müssen an die Stelle treten: Geld, Klugheit, Begeisterung … Nur Volkshingebung kann die Wundertaten tun, auf die er aus ist; aber um diese Hingebung lebendig zu machen, dazu müsste er die Wurst gerade vom entgegengesetzten Ende anschneiden. Preußen - und mittelbar ganz Deutschland - krankt an unseren Ostelbiern. Über unsren Adel muss hinweggegangen werden … Worin unser Kaiser die Säule sieht, das sind nur tönerne Füße. Wir brauchen einen ganz andren Unterbau.

SPIEGEL GESCHICHTE 2/2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


SPIEGEL GESCHICHTE 2/2011
Titelbild
Abo-Angebote

SPIEGEL GESCHICHTE lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Video 02:08

Hongkong Wie ein SPIEGEL-Reporter den Protesttag erlebt

  • Video "Schneechaos in den Alpen: Amateurvideo zeigt Lawine" Video 00:58
    Schneechaos in den Alpen: Amateurvideo zeigt Lawine
  • Video "Gesetzentwurf im Klimapaket: Darum geht es im neuen Streit über Windräder" Video 05:18
    Gesetzentwurf im Klimapaket: Darum geht es im neuen Streit über Windräder
  • Video "Proteste in Hongkong: Verlassen Sie den Campus auf friedliche Weise" Video 01:55
    Proteste in Hongkong: "Verlassen Sie den Campus auf friedliche Weise"
  • Video "Modedesigner Joop: Ein deutsches Wunderkind" Video 08:49
    Modedesigner Joop: Ein deutsches Wunderkind
  • Video "Streit mit Washington: China schickt Flugzeugträger durch Taiwanstraße" Video 00:49
    Streit mit Washington: China schickt Flugzeugträger durch Taiwanstraße
  • Video "Filmstarts: Leichter, schneller und fieser" Video 08:10
    Filmstarts: "Leichter, schneller und fieser"
  • Video "Neue Überflutungen: Venedig kämpft schon wieder gegen Hochwasser" Video 01:19
    Neue Überflutungen: Venedig kämpft schon wieder gegen Hochwasser
  • Video "Wir drehen eine Runde: Knirps aus einer anderen Welt" Video 07:20
    Wir drehen eine Runde: Knirps aus einer anderen Welt
  • Video "Massenprotest in Hongkong: Demonstranten schießen mit Pfeilen und Benzinbomben" Video 02:29
    Massenprotest in Hongkong: Demonstranten schießen mit Pfeilen und Benzinbomben
  • Video "Ex-US-Botschafterin über Trump: Das passiert halt in sozialen Netzwerken" Video 00:00
    Ex-US-Botschafterin über Trump: "Das passiert halt in sozialen Netzwerken"
  • Video "Airline testet Ultralangstreckenflug: Stretchen nicht vergessen!" Video 02:07
    Airline testet Ultralangstreckenflug: Stretchen nicht vergessen!
  • Video "Dreidimensionales Bild: Ein Hologramm zum Anfassen" Video 01:11
    Dreidimensionales Bild: Ein Hologramm zum Anfassen
  • Video "Emotionaler Hoeneß-Abschied: Dieser Tanker muss geradeaus fahren" Video 01:47
    Emotionaler Hoeneß-Abschied: "Dieser Tanker muss geradeaus fahren"
  • Video "Impeachment-Anhörung von Marie Yovanovitch: Mit einem Tweet durch den Schmutz gezogen" Video 02:18
    Impeachment-Anhörung von Marie Yovanovitch: "Mit einem Tweet durch den Schmutz gezogen"
  • Video "Hongkong: Wie ein SPIEGEL-Reporter den Protesttag erlebt" Video 02:08
    Hongkong: Wie ein SPIEGEL-Reporter den Protesttag erlebt