29.03.2011

David gegen Goliath

Nach der Niederschlagung der demokratischen Revolution von 1848 wurde die Hohenzollernherrschaft von der jungen Arbeiterbewegung bedroht. Der SPD-Führer Bebel trotzte unerschrocken dem Haudegen Bismarck.
Der innenpolitische Widersacher, den die Hohenzollern jahrzehntelang am meisten fürchten sollten, wurde im Februar 1840 in der Kasematte einer preußischen Festung in Köln-Deutz geboren. Als früh vaterloser Spross eines preußischen Unteroffiziers wuchs August Bebel in erbärmlichen Verhältnissen auf.
Die bürgerliche Revolution von 1848/49 weckte, wie er später in seiner Autobiografie schrieb, sein "lebhaftes kindliches Interesse". Anders als die meisten seiner Kameraden bekannte sich der Offizierssohn aber noch zur Monarchie - und bezahlte seine knabenhafte Königstreue mit einer Tracht Prügel.
Mit 13 Jahren Vollwaise, geht August bei einem Drechslermeister in die Lehre. Er nutzt jede freie Minute zum Lesen - Romane, Geschichte, Geografie. Erst recht gerät das Weltbild des Wissbegierigen in Bewegung, als er 1858 die Wanderjahre als Handwerksbursche antritt. Zu jener Zeit endet allmählich das Jahrzehnt politischer Friedhofsruhe, das auf die Erstickung der Demokratiebewegung folgte. Der ökonomische Hintergrund ist ein enormer Wirtschaftsaufschwung, in dessen Folge die deutsche Industrieproduktion erstmals diejenige Frankreichs übertrifft. Selbstbewusstsein und Konfliktbereitschaft des Bürgertums gegenüber dem Absolutismus nehmen zu, die Arbeiterschaft wächst rasant. In den Staaten des Deutschen Bundes gilt aber seit 1854 ein Verbot politischer Arbeiterorganisationen, wie sie sich im Lauf der Revolution von 1848 gebildet hatten. Arbeitervereine, die Anfang der sechziger Jahre des 19. Jahrhunderts vielerorts entstehen, gründen sich deshalb als unverdächtige Bildungsvereine; oft werden sie von liberalen Professoren geführt.
Die bürgerlichen Intellektuellen sind nicht nur von volkspädagogischen Idealen beseelt. Sie suchen hier auch Bündnispartner für die Auseinandersetzung mit der Monarchie - wenngleich die Arbeiterbevölkerung mit Problemen zu tun hat, die sie gar nicht kennen. Während der 20-jährige Wanderbursche Bebel einem Meister, der Gesellen mit ungenießbarem Fraß abspeisen will, erfolgreich mit Streik droht - "noch ehe einer von uns dieses Wort gehört hatte" - und 1861 einem Arbeiterbildungsverein beitritt, gärt in Preußen ein Großkonflikt zwischen Hohenzollern und Bürgertum.
Die Monarchie will aufrüsten, um sich für künftige Hegemonialkriege zu wappnen. Das Bürgertum aber trägt die Hauptlast der Steuern; seine Vertreter im preußischen Abgeordnetenhaus rebellieren gegen den teuren Plan. König Wilhelm - der künftige Kaiser Wilhelm I. - ist ratlos. 1862 bricht der große "Verfassungskonflikt" aus.
Die Besitzenden sind zwar unter sich in Preußens Abgeordnetenhaus: Als institutionelle Schwundform der 1848 geforderten Demokratie setzt es sich gemäß dem Dreiklassenwahlrecht zusammen - nach Steueraufkommen. Doch infolge des industriellen Aufschwungs hat sich das parlamentarische Kräfteverhältnis zwischen der erstarkten Bourgeoisie und den ostelbischen Grundbesitzern, der traditionellen Stütze der Hohenzollern, umgekehrt: Die Abgeordneten des Bürgertums sind nun in der Mehrheit, weil sie die meisten Steuern zahlen - und verweigern die Gefolgschaft.
König Wilhelms letzte Hoffnung ist Otto von Bismarck von der äußersten Rechten, den er jetzt zum Ministerpräsidenten ernennt. Bismarck hat 1848 gegenüber Wilhelms Bruder und königlichem Vorgänger vergebens dafür plädiert, die Revolution kurzerhand in Blut zu ertränken; Friedrich Wilhelm IV. gab erst nach dem Sieg der Reaktion, im Mai 1849, mit der berüchtigten Parole "Gegen Demokraten helfen nur Soldaten" den starken Mann. Zunächst war er vor dem Aufstand zurückgewichen - was ihm Bismarck noch in seinen "Gedanken und Erinnerungen" schwer ankreidete.
Darin erzählte Hohenzollerns Lenker auch, wie er im Verfassungskonflikt von 1862 als neuberufener Ministerpräsident dem deprimierten König Wilhelm frischen Herrschermut einflößte: Während der Monarch sich schon wie Ludwig XVI. unter dem Fallbeil enden sah und zur Abdankung bereit war, appellierte Bismarck an Wilhelms Ehre "des ersten Offiziers der preußischen Monarchie". Der harre in jedem Fall auf seinem Posten aus, gleich ob ihm der Schlachtentod oder die Guillotine drohe. Für die "von Gottes Gnaden verliehenen Rechte" müsse der König kämpfen bis zuletzt: "Sie können nicht kapitulieren."
Der schlaue Bismarck traf den Ton. Er bekam freie Hand, sich über das Parlament hinwegzusetzen und fortan für seine Machtpolitik "das möglichst große Gewicht von Eisen und Blut in die Hand des Königs von Preußen" zu legen, wie er seine Strategie früh formuliert hatte.
Sein schärfster und zähester Gegner auf diesem Weg wurde der junge August Bebel, der binnen eines Jahrzehnts zur herausragenden Figur der jungen deutschen Arbeiterbewegung heranwuchs.
Die formierte sich, während Bismarck mit den Kriegen gegen Dänemark (1864) und Österreich (1866) auf seine Art die deutsche Einigung vorantrieb. Am Vorabend des deutsch-französischen Krieges von 1870/71 - des letzten Streichs in Bismarcks Projekt eines deutschen Reiches unter Führung der Hohenzollern - bestanden bereits zwei rivalisierende Arbeiterparteien: der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein, den der Schriftsteller und rhetorisch begabte Sozialist Ferdinand Lassalle 1863 gegründet hatte, und die Sozialdemokratische Arbeiterpartei, 1869 in Eisenach unter Führung von August Bebel und Wilhelm Liebknecht ins Leben gerufen. Letzterer, wie Karl Marx und Friedrich Engels ein Veteran der Revolution von 1848, hatte zuvor im Londoner Exil eng mit den beiden radikalen Denkern zusammengearbeitet. Nach Preußen zurückgekehrt, beschleunigte er Bebels "Mauserung zum Sozialisten", wie der es selbst nannte.
Die Arbeiterbewegung musste dem Marxismus zufolge allein auf die eigene Erfahrung, Einsicht und Kraft setzen, die mit der industriellen Entwicklung notwendig wachsen würden. Im Gegensatz dazu hoffte Lassalle auf preußische Staatshilfe durch Produktivgenossenschaften. Er glaubte sogar, im Kampf gegen die bürgerlichen Liberalen, die als Sachwalter der Fabrikanten auftraten, ausgerechnet Bismarck als Verbündeten gewinnen zu können - und traf sich mit diesem. Als Liebknecht ihn vor dem kaltblütigen Junker warnte, antwortete Lassalle laut Bebels Autobiografie: "Pah, ich esse mit Herrn von Bismarck Kirschen, aber er bekommt die Steine." Damit überschätzte sich der Mann, der 1864 an den Folgen eines Duells wegen einer Frau starb.
Tatsächlich trafen sich die Interessen der Arbeiterbewegung und Bismarcks machtpolitisches Kalkül aber in einem zentralen Punkt: Beide Seiten setzten auf das allgemeine Wahlrecht - wenngleich sie konträre Erwartungen daran knüpften. Während für die Sozialisten seit 1848 die innere Verbindung von Demokratie und Sozialismus feststand, hatte Bismarck nach dem preußischen Verfassungskonflikt das Vertrauen in das Dreiklassenwahlrecht verloren.
"Direkte Wahlen und allgemeines Stimmrecht halte ich für größere Bürgschaften einer konservativen Haltung als irgendein künstliches, auf Erzielung gemachter Mehrheiten berechnetes Wahlgesetz", schrieb Bismarck 1866. Sein machiavellistisches Kalkül stützte sich auch auf die Erfahrung in seiner ostelbischen Heimat: Dort war die mehrheitlich arme, ungebildete und von den Wahlen ausgeschlossene Landbevölkerung stets eine Stütze der Monarchie gewesen. Zudem erhoffte er sich für seine Reichsgründung zusätzlichen Schwung vom allgemeinen Wahlrecht. Die "damals stärkste der revolutionären Künste", so schrieb er rückblickend in seinen Memoiren, habe er "mit in die Pfanne" geworfen, "um das monarchische Ausland abzuschrecken von Versuchen, die Finger in unsre nationale Omelette zu stecken".
So galt nach Preußens Sieg über Österreich im Norddeutschen Bund, der Vorstufe des Deutschen Reichs, ab 1867 das allgemeine Männerwahlrecht - obwohl bürgerliche Liberale zu jener Zeit aus Angst vor den Ansprüchen der Arbeiterbewegung davon wenig wissen wollten. Mit Bebel und Liebknecht gehörten die schärfsten Kritiker der Hohenzollern dem Reichstag an.
Der gerade 27-jährige Bebel nutzte seine Jungfernrede zum Frontalangriff auf Bismarcks Bund, der Deutschland zu einer großen Kaserne mache und den letzten Rest von Freiheit vernichte. Verblüfft registrierte die bürgerliche Welt, dass der schmächtige, unerfahrene Bebel dem hünenhaften, ausgekochten Bismarck so unerschrocken entgegentrat wie David dem Goliath. Dabei verkannte Bebel die historische Statur des Gegners nicht - und zollte ihm sogar persönlichen Respekt: "Er prägte lange, sehr verwickelte Sätze, sprach aber stets interessant. Was er sagte, hatte Hand und Fuß."
Mit seiner Haltung und Intelligenz erwarb sich Bebel in den Folgejahren Anerkennung bis weit ins Bürgertum. "Jedermann in Deutschland weiß", schrieb etwa der große Historiker Theodor Mommsen, "dass mit einem Kopf wie Bebel ein Dutzend ostelbischer Junker so ausgestattet werden könnten, dass sie unter ihresgleichen glänzen würden."
Die schärfste Konfrontation aber kam beim deutsch-französischen Krieg von 1870/71. Auf den hatte Bismarck seit langem zugesteuert. Da die von ihm provozierte Kriegserklärung formell von Frankreich ausging, unterstützte anfangs auch der größte Teil der jungen deutschen Arbeiterbewegung den vermeintlichen Verteidigungskrieg.
Das änderte sich, als die bestens präparierte preußische Armee nach sechs Wochen den Feind bei Sedan schwer geschlagen und Napoleon III. gefangen genommen hatte. Das Zweite Kaiserreich war am Ende. Nun bejubelten die Sozialisten beiderseits des Rheins die Wiederkehr der französischen Republik und forderten einen ehrenvollen Frieden mit ihr. Gegen die Fortführung des Krieges legten Bebel und Liebknecht im Norddeutschen Reichstag, unter wüsten Beschimpfungen durch die nationalistische Mehrheit, scharfen Protest ein: Er werde von nun an nicht mehr gegen das imperiale Frankreich geführt, sondern gegen das französische Volk. Die geplante Annexion von Elsass und Lothringen werde Frankreich in Russlands Arme treiben und einen neuen Krieg nach sich ziehen - exakt sahen sie voraus, was 1914 kommen sollte.
Vier Wochen bevor am 18. Januar 1871 in Versailles das neue Deutsche Reich ausgerufen wurde, pran-gerte Liebknecht im Reichstag den entstehenden Nationalstaat als Gewaltwerk von oben an. Das Haus Hohenzollern verhindere eine echte, demokratische Einheit Deutschlands. Man solle den Kaiser doch gleich auf dem Berliner Gendarmenmarkt krönen, höhnte er: Das Symbol der neuen Macht sei die Polizei.
Wie sich zeigte, hatte er nicht ganz unrecht: Wenige Tage später verhafteten Gendarmen Bebel und Liebknecht; nach Prozess und Verurteilung wegen "Vorbereitung zum Hochverrat" brachte man sie in Festungshaft. Mit mehrjährigen Haftstrafen büßten sie für ihre kühne, klare Haltung, die sie endgültig zu Helden der Sozialdemokratie machte.
Je rabiater der Obrigkeitsstaat die "vaterlandslosen Gesellen" fortan verfolgte, desto schneller schwoll deren Schar. Infolge der organisatorischen Vereinigung der beiden Arbeiterparteien (1875) setzte sich das Wachstum verstärkt fort. Die Wahl von 1877 brachte der SPD bereits 9 Prozent der abgegebenen Stimmen ein; parallel dazu nahm die Gewerkschaftsbewegung einen enormen Aufschwung.
Für Kaiser Wilhelm und seinen Kanzler war es umstürzlerisches Gesindel, das da im Schoß des Parlamentarismus heranwuchs; so hatte sich Bismarck die Wirkung des allgemeinen Wahlrechts gewiss nicht vorgestellt. Er bereitete ein Ausnahmegesetz gegen die Sozialdemokratie vor, als ihm zwei Attentate auf den 81-jährigen Kaiser, 1878 binnen weniger Wochen verübt, gelegen kamen.
Keiner der beiden Täter gehörte der SPD an; die lehnte Terror von jeher ab, wie Bismarck genau wusste. Doch nach dem zweiten Attentat konnte er ein "Gesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie" durchsetzen. Mehrfach verlängert, war es zwölf Jahre in Kraft. Die Parteipresse wurde verboten, Hausdurchsuchungen und Bespitzelungen waren an der Tagesordnung, Tausende Sozialdemokraten wanderten in die USA aus. Immerhin hatten aber die bürgerlichen Parteien, die um die eigenen Freiheiten fürchteten, durchgesetzt, dass Sozialdemokraten auch unter dem "Sozialistengesetz" das aktive und passive Wahlrecht behielten. Sozialdemokraten durften als Einzelbewerber kandidieren.
So gewannen die Roten, nach einem nur vorübergehenden Rückgang der Stimmen bei der Wahl von 1881, auch unter dem "Sozialistengesetz" immer mehr Anhänger und Parlamentssitze. Im Jahr 1890 waren sie nach der Stimmenanzahl bereits die stärkste Partei des Deutschen Reiches. Erst recht dominierten sie im "roten Berlin": In der ungeliebten Hauptstadt der Hohenzollern (siehe Seite 102) entfielen 1912 schon 75 Prozent der Stimmen auf die SPD. Angesichts dieses Siegeszugs hielt Bismarck Ende der achtziger Jahre die Einführung des allgemeinen Wahlrechts für den größten politischen Fehler seines Lebens.
Doch der Staatsstreich gegen die Sozialdemokratie, den der Eiserne Kanzler am Ende seiner Amtszeit wollte, passte Wilhelm II. nicht in den Kram: Kurz nach seiner Thronbesteigung war der junge Kaiser um Popularität bemüht, scheute ein Blutbad - und feuerte lieber den alten Machtstrategen.
Als im Ruhrgebiet 1889 ein massenhafter Bergarbeiterstreik ausbrach, gab sich Wilhelm II. als patriarchalischer Anwalt proletarischer Sorgen und empfing sogar eine Delegation der Streikenden in Berlin. Weil seine Hoffnung, als "Arbeiterkaiser" Epoche zu machen, aber letztlich unerfüllbar war, suchte er schnell wieder sein Heil in wüsten Drohungen. So bereitete er Rekruten eines Potsdamer Garderegiments 1891 bei der Vereidigung auf seinen Befehl vor, "bei den jetzigen sozialistischen Umtrieben ... eure eigenen Verwandten, Brüder, ja Eltern niederzuschießen".
Der Kampf um die "Seele des deutschen Arbeiters" (Wilhelm II.) war so nicht zu gewinnen. Die Arbeiterschaft schuf sich zunehmend ihre eigene Gegenwelt von Gewerkschaften, Arbeiterpresse, Bildungs- und Sportvereinen.
Aber gerade die unaufhaltsame Einnistung im Obrigkeitsstaat führte dazu, dass die Arbeitermehrheit immer mehr auf bürgerliche Anerkennung und parlamentarisches Hineinwachsen in den sozialistischen "Zukunftsstaat" setzte. Als August Bebel 15 Jahre nach seinem Antipoden Bismarck im Jahr 1913 starb und Zehntausende seinem Sarg folgten, war Bebels alter Schlachtruf "Diesem System keinen Mann und keinen Groschen" längst nicht mehr von der praktischen Politik seiner Partei gedeckt.
Und nur ein Jahr später bewilligte die SPD dem letzten Hohenzollern-Kaiser die Kredite für jenen Krieg, vor dem ihr Parteigründer seit 1870 gewarnt hatte.
Von Rainer Traub

SPIEGEL GESCHICHTE 2/2011
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