29.03.2011

Schatten seiner selbst

Kaiser Wilhelm II. führte 1914 die Monarchie in Deutschland in den Untergang. Im Ersten Weltkrieg hatte er qua Verfassung den Oberbefehl über die deutschen Truppen, wurde aber zunehmend zur Randfigur.
Für Wilhelm II. und das deutsche Kaisertum war es eine der seltenen Sternstunden - und zugleich der Anfang vom Ende. Am Nachmittag des 1. August 1914 drängte sich vor dem Berliner Stadtschloss Unter den Linden eine gewaltige Menschenmenge. Begeisterte Bürger schwenkten ihre Hüte und schrien "Hurra!"; sie feierten die vom Kaiser angeordnete Mobilmachung der deutschen Truppen.
Am Tag zuvor hatten, wie es im Pluralis Majestatis hieß, "Wir Wilhelm, von Gottes Gnaden Deutscher Kaiser, König von Preußen", für das Reichsgebiet den "Kriegszustand erklärt". Nun hielt der Monarch vom Balkon seines Berliner Domizils eine Ansprache.
"In Friedenszeiten hat mich zwar die eine oder andere Partei angegriffen", deklamierte der Kaiser, aber das verzeihe er jetzt. "Wenn uns unsere Nachbarn den Frieden nicht gönnen, dann hoffen und wünschen wir, dass unser gutes deutsches Schwert siegreich aus dem Kampf hervorgehen wird."
Der Chef des Marinekabinetts, Admiral Georg von Müller, notierte in seinem Tagebuch: "Die Morgenblätter bringen die Ansprachen des Kaisers und Reichskanzlers an das vor dem Schloss bzw. dem Kanzlerpalais versammelte Volk. Stimmung glänzend." Doch als Wilhelm II. den Mobilmachungsbefehl unterzeichnet hatte, standen ihm, so Großadmiral Alfred von Tirpitz, Tränen in den Augen.
Vielleicht hatte Wilhelm eine Vorahnung beschlichen, dass eine Niederlage Deutschlands auch das Ende von 500 Jahren Herrschaft der Hohenzollern in Berlin mit sich bringen würde, den Untergang der Monarchie im Reich, Schluss mit "Wir von Gottes Gnaden"?
Am 4. August 1914, vor der Thronrede des Kaisers im Reichstag, war im Berliner Dom gegenüber dem Schloss ein Gottesdienst angesetzt. Während deutsche Soldaten ohne Kriegserklärung ins neutrale Belgien einfielen, verkündete der Hofprediger Ernst von Dryander: "In geradezu unerhörtem Frevelmut ist uns ein Krieg aufgezwungen, für den die denkende Vernunft vergeblich nach zureichenden Gründen fragt."
Auch Wilhelm präsentierte sich vor dem Reichstag als verfolgte Unschuld. Der Krieg sei "das Ergebnis eines seit Jahren tätigen Übelwollens gegen Macht und Gedeihen des deutschen Volkes. Uns treibt nicht Eroberungssucht, uns beseelt der unbeugsame Wille, den Platz zu bewahren, auf den Gott uns gestellt hat, für uns und alle kommenden Geschlechter." Und Wilhelm proklamierte sein Credo: "Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur Deutsche."
Viele Sozialdemokraten waren stolz darauf, vom Kaiser nicht mehr als "vaterlandslose Gesellen" diffamiert zu werden. Bis dahin hatten sie gegen die Aufrüstung und für Frieden demonstriert, nun beschloss die SPD-Fraktion im Reichstag mit großer Mehrheit, für die Kriegskredite zu stimmen.
Der "Geist des August 1914" überwältigte nicht nur den Kaiser, seine Generäle und die Politiker, sondern besonders die Wissenschaftler, Schriftsteller und Bildungsbürger des Landes. "Der Krieg ist groß und wunderbar", jubelte der Soziologe Max Weber. "Krieg", schrieb Thomas Mann, "es war eine Reinigung, Befreiung, was wir empfanden, und eine ungeheure Hoffnung."
Rund 3000 Hochschullehrer, etwa vier Fünftel ihrer Zunft, unterzeichneten im Oktober 1914 eine Erklärung, in der es heißt: "In dem deutschen Heere ist kein anderer Geist als in dem deutschen Volke, denn beide sind eins, und wir gehören auch dazu." Der Ökonom Johann Plenge, ein Sozialdemokrat, träumte von der "Volksgenossenschaft des nationalen Sozialismus" - die eine Generation später mit Hitler an der Spitze den nächsten Weltkrieg starten sollte. Die Parole im August 1914 lautete: "Mit Gott für Kaiser und Reich!"
"Die gesamte Landmacht des Reichs wird ein einheitliches Heer bilden", hieß es in Artikel 63 der Reichsverfassung von 1871, "welches in Krieg und Frieden unter dem Befehle des Kaisers steht." Der Kaiser war "Oberster Kriegsherr", und er nahm diese Aufgabe sehr ernst. Zwölf Tage nachdem deutsche Soldaten Belgien überfallen hatten, ließ Wilhelm sich im Großen Hauptquartier im Westen nieder. Die militärische Befehlszentrale befand sich zunächst in Koblenz, dann in Luxemburg und ab September 1914 im französischen Charleville.
Doch während der Kaiser sich als Obersten Kriegsherrn sah, hatten seine Generäle keinerlei Interesse, von ihm kommandiert zu werden. So waren sie auch sehr erleichtert, als Wilhelm II. bei Kriegsbeginn die operative Befehlsgewalt an den Chef des Großen Generalstabes, Helmuth von Moltke, übertrug. Der Kaiser hatte zumindest eine so realistische Selbsteinschätzung, dass ihm sein Mangel an Nervenstärke und militärischem Wissen bewusst war. Zudem hatte der Monarch nie gelernt, konzentriert und ausdauernd zu arbeiten.
Wilhelm II. beschrieb seine Rolle schon wenige Wochen nach Beginn des Krieges ohne Illusionen. "Der Generalstab sagt mir gar nichts und fragt mich auch nicht", beklagte sich der Souverän. "Wenn man sich in Deutschland einbildet, dass ich das Heer führe, so irrt man sich sehr. Ich trinke Tee und säge Holz und gehe spazieren, und dann erfahre ich von Zeit zu Zeit, das und das ist gemacht, ganz wie es den Herren beliebt."
Der seit 1909 amtierende Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg und seine Regierung, ebenso die militärische Führung verbreiteten allerdings nach außen den Eindruck, als ob der Kaiser sämtliche operativen Schritte selbst anordnete oder diese zumindest mit ihm abgestimmt würden. Schon um demokratische Bestrebungen nicht zu stärken, war den Monarchisten die Fiktion vom Kaiser als Kommandeur unentbehrlich.
Die Generäle fürchteten den Wankelmut des Regenten, hatten sie doch immer wieder erlebt, wie er zwischen militaristischer Großsprecherei und depressiver Ängstlichkeit hin- und herschwankte. Pazifistische Neigungen mussten sie gleichwohl bei Wilhelm II. nicht befürchten.
Als im Oktober 1912 Serbien, Bulgarien und Griechenland dem Osmanischen Reich den Krieg erklärt hatten, befand er: "Die ewige Betonung des Friedens bei allen Gelegenheiten - passenden und unpassenden - hat in den 43 Friedensjahren eine geradezu eunuchenhafte Anschauung unter den leitenden Staatsmännern und Diplomaten Europas gezeitigt."
Der Kaiser war davon überzeugt, dass ein Krieg zwischen den europäischen Großmächten über kurz oder lang unumgänglich sei. Er glaubte, die Russen würden einen Angriff auf Deutschland vorbereiten. Sein Generalstab unter Führung Moltkes wollte schon Jahre, bevor das große Sterben in den Schützengräben begann, einen Präventivschlag gegen das Zarenreich führen.
Reichskanzler Bethmann Hollweg allerdings lehnte dies ab. Er fürchtete, dass ein Waffengang das Ende für die deutsche, die österreichische und die russische Monarchie mit sich bringen werde. Der Kanzler dachte, dass "ein Weltkrieg mit seinen gar nicht zu übersehenden Folgen die Macht der Sozialdemokratie, weil sie den Frieden predigt, gewaltig steigern und manche Throne stürzen könnte".
Nachdem ein serbischer Nationalist am 28. Juni 1914 mit der Ermordung des österreichischen Thronfolgers Erzherzog Franz Ferdinand in Sarajevo Europa in die Juli-Krise gestürzt hatte, gab sich der Kaiser kriegerisch. Einen Bericht des deutschen Botschafters in Wien versah Wilhelm mit der Bemerkung: "Mit den Serben muss aufgeräumt werden, und zwar bald."
Der Kaiser war allerdings nicht die treibende Kraft auf dem Weg in den Krieg. Reichsleitung und Militärs wollten unbedingt die Kriegsbereitschaft Russlands prüfen. Sie taten das im klaren Bewusstsein, dass ein Angriff Österreich-Ungarns auf Serbien zu einem Krieg der europäischen Großmächte führen könnte.
Am 27. Juli 1914 kehrte Wilhelm II. vorzeitig aus dem Sommerurlaub nach Potsdam zurück. Er hoffte, dass die Serben einlenken würden und er sich als Friedenskaiser würde feiern lassen können. Doch sein 83 Jahre alter Wiener Kollege, Kaiser Franz Joseph I., ließ sich von seinen Beratern zum Krieg drängen, und die deutsche Reichsleitung bestärkte die Österreicher darin, nicht auf englische Vermittlungsvorschläge einzugehen.
Als Kaiser Wilhelm am 30. Juli erfuhr, dass die russische Teilmobilmachung die Generalmobilmachung nach sich ziehen würde, bekam er einen Wutanfall: "England, Russland, Frankreich haben sich verabredet", schäumte er, "den österreichisch-serbischen Konflikt zum Vorwand nehmend, gegen uns den Vernichtungskrieg zu führen."
Während Wilhelm II. sich solchen Wahnideen hingab, durchschaute er die Risikostrategie seiner Regierung nicht. Er fühlte sich lieber persönlich von seinem angeheirateten Cousin Zar Nikolaus II. ("Nicky") und seinem Cousin Georg V. (von Sachsen-Coburg und Gotha) hintergangen.
Vereint waren die drei Monarchen in der Angst vor einem Waffengang. In einer Besprechung mit dem russischen Außenminister Sergej Sasonow legte der Zar Ende Juli 1914 einen "extremen Abscheu" gegen einen Krieg an den Tag. Auch der Kaiser hoffte bis zuletzt, dass "Nicky" Österreich nicht den Krieg erklären und Georg V. England aus dem Konflikt heraushalten werde.
Doch die Monarchen machten höchstens halbherzige Versuche, den Krieg zu verhindern. Sie ließen sich von ihren Diplomaten und Generälen in den Großen Krieg treiben, in die "Urkatastrophe" des Jahrhunderts, wie ihn der amerikanische Diplomat George F. Kennan nannte.
Als Deutschland Russland, Frankreich Deutschland und schließlich Großbritannien Deutschland den Krieg erklärt hatten, kam auf deutscher Seite ein strategisch-operativer Plan zum Einsatz, der nach Wilhelms langjährigem Generalstabschef Schlieffen-Plan hieß. Alfred Graf von Schlieffen wollte unbedingt einen Zweifrontenkrieg vermeiden, deshalb blitzschnell den Erbfeind Frankreich niederwerfen und dann Russland besiegen.
Nach dem Wilhelm bekannten Plan sollte der rechte Flügel der deutschen Angreifer innerhalb von fünf Wochen im Norden durch die neutralen Nachbarländer Belgien, Niederlande und Luxemburg stoßen, die französischen Armeen einkesseln und Paris umfassen. Dafür sollte der rechte Flügel siebenmal stärker sein als der linke, der nur defensiv zu agieren hatte. Schlieffens Nachfolger Helmuth von Moltke modifizierte die ursprüngliche Strategie. Er verstärkte den linken Flügel, so dass der rechte nur mehr dreimal stärker war.
Der Plan ließ vor allem außer Acht, dass die Briten bei einem Angriff auf Belgien nicht neutral bleiben, sondern Deutschland den Krieg erklären würden; zudem unterschätzte er die Möglichkeiten, dass die Russen schnell mobilisieren und Deutschland im Osten angreifen könnten, bevor der Krieg im Westen entschieden war.
Das Unglaubliche war: Es gab nur diesen einen Plan. Was getan werden sollte, wenn die Franzosen nicht innerhalb weniger Wochen besiegt waren, darüber hatte sich der Generalstab keine Gedanken gemacht. Es existierte auch keine Planung für die Rüstungsindustrie, deren Produktivität in einem längeren Krieg von entscheidender Bedeutung war. Der spätere Generalstabschef Ludwig Beck, einer der Verschwörer des 20. Juli 1944, nannte das deutsche Vorgehen zu Beginn des Krieges "zufällig, improvisiert und planlos".
Zunächst verlief allerdings alles nach Plan. Am 4. September stand die 1. Armee des Generals Alexander von Kluck nur noch 60 Kilometer von Paris entfernt. Doch in letzter Minute konnten die französischen Verteidiger Fuß fassen und in der Schlacht an der Marne das Blatt wenden. Kluck musste seine Truppen um 80 Kilometer zurücknehmen; Franzosen und Briten konnten zwischen zwei deutsche Armeen stoßen. Die Franzosen feierten ihren Sieg als "Wunder an der Marne".
Generalstabschef Moltke wusste, dass damit der Krieg verloren war, und erlitt einen Nervenzusammenbruch. Auch seinem Nachfolger, Kriegsminister Erich von Falkenhayn, war klar, dass die Entente über das deutlich größere Potential an Soldaten und wirtschaftlichen Ressourcen verfügte. Der Krieg, so räumte er Mitte November 1914 ein, sei nun "eigentlich verloren", das deutsche Heer "ein zerbrochenes Instrument".
Den einzigen Ausweg sah der Generalstabschef in einem schnellen Friedensschluss mit Russland, doch Reichskanzler Bethmann Hollweg wollte partout keine Verhandlungen mit der Regierung des Zarenreichs beginnen.
Dem Kaiser verheimlichten die Militärs den Ernst der Lage. Schon kurz nach Beginn des Krieges war Wilhelm II. in einen Zustand nervlicher Erschöpfung verfallen. Bei Siegen brach er in seinem Hauptquartier in Jubel aus, doch bei Niederlagen verfiel er in Depression und Defätismus.
Kaiserin Auguste Viktoria bedrängte, in Sorge um die seelische Gesundheit ihres Mannes, dessen Kabinettschefs. Sie sollten doch bitte ihren "armen Wilhelm" mit schlechten Nachrichten verschonen. Also wurde er konsequent mit geschönten Informationen versorgt, schlechte wurden möglichst von ihm ferngehalten. Das Bild, das der Kaiser sich vom Kriegsgeschehen machte, entsprach immer weniger der Wirklichkeit.
Die war ernüchternd. Im Osten konnte der reaktivierte Ruheständler Paul von Hindenburg zusammen mit seinem Generalstabschef Erich Ludendorff Ende August 1914 bei Tannenberg in Ostpreußen zunächst gegen eine zahlenmäßig überlegene russische Armee einen Sieg erringen. Bald aber erstarrte die Front - wie im Westen - im Grabenkrieg.
Reichskanzler Bethmann Hollweg erschien in den ersten sechs Monaten des Krieges kein einziges Mal im Hauptquartier. Das Leben des Monarchen gestaltete sich ereignisarm und eintönig. Nachmittags unternahm der Kaiser gern Ausflüge mit dem Automobil; Abend für Abend mussten die Kabinettschefs mit ihm Skat spielen.
Ende des Jahres 1914 beschrieb Wilhelm die militärische Lage ausgesprochen optimistisch: "Glänzende Siege sind erfochten, große Erfolge errungen. Die deutschen Armeen stehen fast überall in Feindesland." Und weiter: "Hinter dem Heere und der Flotte steht das deutsche Volk, in beispielloser Eintracht, bereit, sein Bestes herzugeben für den heiligen heimischen Herd, den wir gegen frevelhaften Überfall verteidigen."
Der Kaiser zeigte sich kaum mehr in der Öffentlichkeit. General Moriz von Lyncker urteilte: "Er ist eben sehr schwach und stark nur im Vertreten seiner persönlichen Privatinteressen, vor allem eines behaglichen, möglichst ungestörten Daseins."
Es ist allerdings sehr unwahrscheinlich, dass der Kaiser, auch bei konzentrierter Arbeit, einen Ausweg aus der strategischen Falle gefunden hätte, in der das Deutsche Reich saß. Wilhelms Generalstabschef Falkenhayn fiel ebenfalls nicht mehr viel ein, nachdem der Krieg sich in den Schützengräben festgefressen hatte. Mit einer "Ermattungsstrategie" wollte er "Frankreich weißbluten" und begann im Februar 1916 bei Verdun eine gigantische Abnutzungsschlacht. Als Falkenhayn sie nach fünf Monaten abbrach, glich das Terrain einer Mondlandschaft; die Franzosen hatten in der Knochenmühle von Verdun 317 000 tote oder verwundete Soldaten zu beklagen, die Deutschen 282 000.
Wilhelm hatte keinen Einfluss auf die Schlachten, doch es blieben ihm die Personalentscheidungen. Ihm oblag die Besetzung der Spitzenämter in Regierung und Armee. Dabei scheute er Veränderungen und wollte Männer, an die er sich gewöhnt hatte, ungern entlassen. So ging es ihm auch mit dem Generalstabschef Falkenhayn, den Reichskanzler Bethmann Hollweg gegen den überaus populären Hindenburg austauschen wollte.
Der Reichskanzler verlangte im Sommer 1916 zunächst, dass Hindenburg und Ludendorff der Befehl über die Truppen an der Ostfront übertragen würde, auch die österreichischen, doch Wilhelm sträubte sich. Ludendorff misstraute er zutiefst; der sei, sagte er, "ein zweifelhafter, von persönlichem Ehrgeiz zerfressener Charakter".
Erst als Bethmann Hollweg dem Kaiser erklärte, dass er nur zusammen mit dem Volkshelden Hindenburg einen für Deutschland enttäuschenden Frieden schließen und die Monarchie erhalten könne, stimmte er zu. Wieder einmal "unter Tränen", so wird berichtet, habe er die Absetzung Falkenhayns unterzeichnet. In jedem Fall war die dritte Oberste Heeresleitung mit Hindenburg und Ludendorff ihm wesentlich weniger gewogen als deren Vorgänger. "Das deutsche Volk steht mir höher", sollte Ludendorff sagen, "als die Person des Kaisers."
Eine entscheidende und in der deutschen Führung höchst umstrittene Frage war die des U-Boot-Krieges. Die Briten hatten sofort nach Beginn des Krieges mit ihrer zahlenmäßig überlegenen Flotte eine Seeblockade des Deutschen Reichs errichtet. Großadmiral Alfred von Tirpitz war überzeugt, dass die gefährliche "Hungerblockade" nur mit dem Einsatz von U-Booten in Form einer Gegenblockade der britischen Inseln zu brechen sei. Der Kaiser schwankte, wie so oft.
Anfang Februar 1915 gab Wilhelm nach, und die Seekriegsleitung konnte eine Zone rund um die britischen Inseln zum Kriegsgebiet erklären, in der sie unter der Flagge neutraler Länder fahrende Schiffe auch ohne Vorwarnung angreifen wollte. Etliche Regierungen, vor allem die der USA, protestierten empört.
Das deutsche Unterseeboot "U 20" versenkte Anfang Mai 1915 bei Irland das aus den USA kommende britische Passagierschiff "Lusitania". Das hatte tatsächlich, wie später bekannt wurde, auch über vier Millionen Schuss Gewehrmunition geladen. Da unter den 1198 Todesopfern 128 Amerikaner waren, war die US-Regierung aufgebracht. Die Reichsleitung verbot der Marine daraufhin sämtliche Angriffe auf Passagierschiffe. Als Tirpitz und sein Stabschef deshalb ihren Abschied nehmen wollten, verfügte der Kaiser: "Nein, die Herren haben zu gehorchen und zu bleiben."
Der Monarch sah es als seine Aufgabe als oberster Kriegsherr an, das Eingreifen der USA als "aktiver Feind" zu verhindern. Außerdem meinte er, "dass die großen Passagierschiffe voller Frauen und Kinder zu torpedieren eine barbarische Rohheit ohne Gleichen ist, womit wir den Hass und die giftige Wuth der ganzen Welt gegen uns aufbringen".
Doch die Falken, die Militärs, die konservativen Politiker und Journalisten, gaben keine Ruhe. Je mehr Soldaten in den Schützengräben verbluteten, umso mehr erschien ihnen der U-Boot-Krieg als einzige Möglichkeit, die Briten niederzuringen. Innerhalb von fünf Monaten, so rechneten die Befürworter des U-Boot-Krieges vor, werde man die Engländer aushungern und zum Frieden zwingen.
Es wäre die Aufgabe des Kaisers gewesen, in dieser schwierigen Situation die Militärs und den Reichskanzler auf eine Linie festzulegen. Doch Wilhelm II. unternahm keinen ernstzunehmenden Versuch, seiner Rolle als oberster Kriegsherr gerecht zu werden.
Die Reichsleitung übermittelte dem US-Präsidenten Woodrow Wilson Mitte Dezember 1916 ein Friedensangebot, aber die maßlosen Kriegsziele diskreditierten es. Die Amerikaner lehnten es ab, und der Kaiser beschloss am 8. Januar 1917, ohne Reichskanzler Bethmann Hollweg zu konsultieren, den unbeschränkten U-Boot-Krieg zu starten. Diese Entscheidung sei "eine rein militärische Sache", sagte er, die den Kanzler gar nichts angehe.
Politisch war der Entschluss eine Katastrophe: Zwei Tage später brachen die USA die Beziehungen zu Deutschland ab. Militärisch erwiesen sich die Pläne der Freunde des U-Boot-Krieges ebenfalls als Milchmädchenrechnung. Die Royal Navy begann, eskortiert von Zerstörern, große Frachtschiffkonvois über den Atlantik zu schicken, und entwickelte Unterwasser-Sonare zur Ortung von U-Booten sowie Wasserbomben für ihre Zerstörung. Die dennoch von deutschen U-Booten versenkten Schiffe ersetzten Briten und Amerikaner schnell durch neu gebaute.
Je schlechter sich die Lage auf den Kriegsschauplätzen gestaltete, desto mehr drückte sich Wilhelm davor, nach Berlin zu fahren. Er vermied Auseinandersetzungen aller Art. Still und leise verabschiedete sich der Kaiser aus der Politik. Der Monarch, der sich viele Jahre lang gern mit Pomp der Öffentlichkeit präsentiert hatte, wurde zum Schatten seiner selbst. Je länger der Krieg dauerte, desto mehr verwandelte er sich in einen Schattenkaiser, in eine Randfigur.
Ebenso wie seine Stimmung schwankten auch seine Einschätzungen der Lage. Ende 1916 hatte er noch prophezeit: "Revolution in Moskau und St. Petersburg, völliger Munitionsmangel in Russland. In England desgleichen Hungersnot und Frankreich bald beim letzten Mann."
Dieser Optimismus hielt nicht lange. Am 6. April 1917 erklärten die Vereinigten Staaten dem Deutschen Reich den Krieg. Die Niederlage Deutschlands und seiner Verbündeten war kaum mehr aufzuhalten.
Im Krieg ist der Krieg das Maß der Politik. Der Kaiser war inzwischen von seinen Militärs abhängig, vom Generalstabschef Generalfeldmarschall Hindenburg und vom Ersten Generalquartiermeister Ludendorff. "Seit dem Frühjahr 1917", so der Historiker Hans Mommsen, "folgte er der Obersten Heeresleitung fast blindlings."
Dies galt auch für die Kriegsziele. Im April 1917 formulierte der Kaiser eine aberwitzige Liste von Kriegszielen. Sie enthielt unter anderem die Annexion Litauens und Kurlands, des französischen Erzbeckens von Longwy-Briey und des belgischen Kongo sowie mehrerer Inseln im Atlantik. Die USA und England sollten Kriegsentschädigungen in Höhe von 30 Milliarden US-Dollar bezahlen, die Franzosen 40 Milliarden.
Solche unrealistischen Ideen eines Siegfriedens teilten Hindenburg und Ludendorff, die schrittweise zu Militärdiktatoren aufstiegen. Als Politiker der Mitte und der Linken im Sommer 1917 einen Verständigungsfrieden forderten, rang Reichskanzler Bethmann Hollweg dem Kaiser die Zusage ab, dass nach dem Krieg generell das allgemeine Wahlrecht eingeführt und das Dreiklassenwahlrecht in Preußen abgeschafft werde.
Darauf verlangten Hindenburg und Ludendorff vom Kaiser die sofortige Entlassung des Reichskanzlers; anderenfalls würden sie zurücktreten. Der Kaiser wollte zwar Bethmann Hollweg im Amt halten, doch dieser stellte es im Juli 1917 zur Verfügung.
Der Kaiser, das war ihm selbst auch schmerzlich bewusst, war nun erpressbar. Hindenburg, der nach wie vor als Held galt, hatte den Monarchen in der Hand. Der Sieger von Tannenberg war mit Abstand populärer als Wilhelm II. Der bayerische Kronprinz Rupprecht urteilte im August 1917, der Kaiser sei "um alles Ansehen gekommen". Er fragte sich, "ob die Dynastie der Hohenzollern den Krieg überdauern" werde.
Der Kaiser hoffte noch im März 1918, dass Hindenburg und Ludendorff mit der Operation "Michael" die kriegsentscheidende Offensive im Westen gelingen könnte, doch nach anfänglichen Erfolgen fraßen sich die Angriffsspitzen wieder fest. Weitere Attacken verbrauchten nahezu alle Reserven.
Angesichts der frischen amerikanischen Truppen standen die deutschen Soldaten im Westen auf verlorenem Posten. Den Todesstoß gaben englische Truppen den Soldaten des Kaisers am 8. August 1918 bei Amiens.
Dank Winston Churchill, der als Rüstungsminister den Bau von "tanks" gefördert hatte, durchbrachen sie mit ihren Panzern die deutsche Front. Die Moral der deutschen Soldaten war gebrochen. "Wir sind an der Grenze unserer Leistungsfähigkeit", sagte der Kaiser nun sehr realistisch. "Der Krieg muss beendet werden."
Am 29. September 1918 forderten Hindenburg und Ludendorff einen sofortigen Waffenstillstand. Wilhelm II. sagte: "Der Krieg ist zu Ende, freilich ganz anders, als wir uns das gedacht." Und nach einer Pause: "Unsere Politiker haben erbärmlich versagt."
Versagt hatte nicht zuletzt auch der zur Selbstkritik unfähige Kaiser, er machte sich schuldig durch Unterlassen. Wilhelm II. unternahm keinen ernstzunehmenden Versuch, den Krieg zu verhindern. Der Historiker Fritz Fischer kam zu dem Schluss: Die deutsche Reichsführung trage "einen erheblichen Teil der historischen Verantwortung für den Ausbruch des allgemeinen Krieges".
Der ungarische Ministerpräsident Istvan von Tisza sagte, "dass wir den Krieg auf die klipp und klare Äußerung sowohl Kaiser Wilhelms wie des deutschen Reichskanzlers beschlossen haben". Zusammen mit seinen Generälen und der Reichsregierung trug Wilhelm II. nicht die Alleinschuld, aber die Hauptschuld.
Die Bilanz des Großen Krieges war schrecklich: Es starben etwa 1,8 Millionen russische Soldaten und 1,3 Millionen Franzosen; für Österreich-Ungarn fielen 1,5 Millionen. Von den über 13 Millionen eingezogenen Deutschen kamen 2 Millionen zu Tode, weitere 4,3 Millionen wurden verwundet.
Rudolf Augstein, der immer wieder über den letzten deutschen Kaiser schrieb, kam zu dem Schluss: "Wilhelm II. war ein Unglück." Nachdem am 4. Oktober 1918 die Reichsregierung beim US-Präsidenten Wilson um einen Waffenstillstand nachgesucht hatte, verlangte dessen Außenminister Robert Lansing die vollständige Kapitulation und das Abdanken des Obersten Kriegsherrn Wilhelm.
Die Demokratien der Vereinigten Staaten, Großbritanniens und Frankreichs hatten gewonnen, die Monarchien Russland, Deutschland und Österreich-Ungarn verloren.
Die unter roten Fahnen revoltierenden Kieler Matrosen forderten, der Kaiser solle abdanken. Die Sozialdemokraten wollten die Monarchie erhalten, aber Wilhelm II., der dem Frieden im Weg stand, loswerden. Einer seiner Söhne solle Kaiser werden. SPD-Chef Friedrich Ebert erklärte dem Reichskanzler Prinz Max von Baden, dass die Revolution kommen werde, wenn der Kaiser nicht abtrete. "Ich aber will sie nicht, ja, ich hasse sie wie die Sünde."
Am Abend des 29. Oktober 1918 reiste der Kaiser mit seinem Hofstaat aus Berlin ins Große Hauptquartier im belgischen Spa ab. Dort konnte ihn auch der eigens angereiste preußische Innenminister nicht zum Abdanken bewegen.
Den Berliner Revolutionären drohte er, "die Antwort mit Maschinengewehren auf das Pflaster zu schreiben, und wenn ich mir mein Schloss zerschieße, aber Ordnung soll sein". Er denke nicht daran, erklärte der Hohenzoller noch am 3. November, "wegen der paar hundert Juden und der tausend Arbeiter den Thron zu verlassen".
Sechs Tage später, am 9. November gegen 11 Uhr, erfuhr Reichskanzler Prinz Max von Baden telefonisch aus Spa, dass der Kaiser sich doch zur Abdankung entschlossen habe. Als ihm eine schriftliche Erklärung des Thronverzichts eine halbe Stunde später nicht vorlag, setzte der Kanzler eine Erklärung ab, dass Wilhelm dem Thron entsagen werde.
Am frühen Nachmittag rief der Sozialdemokrat Philipp Scheidemann vom Reichstag die Republik aus. Zwei Stunden später stand Karl Liebknecht, Führer des kommunistischen "Spartakusbundes", auf dem Balkon des Schlosses, auf dem der Kaiser sich am 1. August 1914 hatte feiern lassen. Liebknecht proklamierte die "freie sozialistische Republik".
"Nie wieder wird ein Hohenzoller diesen Platz betreten", rief er seinen Anhängern zu. Damit sollte Liebknecht recht behalten.
Der letzte herrschende Hohenzoller floh mit seiner Frau und seinem Hofstaat im Morgengrauen aus Spa in die Niederlande, wo ihm Königin Wilhelmina Asyl gewährte. Er verzichtete förmlich "für alle Zukunft" auf die Krone.
Nach 503 Jahren war die Herrschaft der Hohenzollern in Berlin zu Ende. Und mit ihr die Monarchie in Deutschland. Einer ihrer Totengräber war Wilhelm II. selbst.
Von Michael Sontheimer

SPIEGEL GESCHICHTE 2/2011
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