29.03.2011

Schwadroneur im Schlosspark

In den Niederlanden verbrachte der abgedankte Kaiser Wilhelm II. die letzten 23 Jahre seines Lebens. Der Exilant, von der verhassten Republik mit Geld reichlich ausgestattet, hoffte, dass ihm die Nazis die Rückkehr auf den Thron ermöglichen würden.
An diesem frühlingshaft lauen Sonntag bietet der große Park, der den Ortsteil Doorn der niederländischen Gemeinde Utrechtse Heuvelrug prägt, ein angenehm harmonisches Bild. In seinem Zentrum nimmt das von einem Wassergraben umspülte adrette Schlösschen den Blick gefangen und ringsherum eine ebenso sorgsam gestaltete Landschaft: hinter Rasenflächen Baumgruppen aus Buchen und Eichen, dazwischen Inseln üppiger Rhododendren; eine Weide mit äsenden Rehen.
Und auf sauber geharkten Wegen ergehen sich auffällig gut gelaunte Menschen. Ältere führen Hunde spazieren, während junge Paare ihren Kindern freien Lauf lassen. Denen haben es insbesondere die an den markantesten Stellen platzierten Skulpturen angetan. Zu ihren Lieblingsobjekten gehören ein Mann mit artifiziell aufgezwirbeltem Schnauzbart, der in respektheischender Spannweite seine Flügel spreizende preußische Adler und nicht zuletzt natürlich das kleine Mausoleum.
"Hallo, ist da jemand?", ruft ein gelenkiger Steppke, dessen Eltern aus Köln herübergekommen sind, und hangelt sich mutig an den massiv vergitterten Fenstern des Grabmals hoch. Das "Keizerlijk Huis Doorn", wie auf knallbunten Plakaten die Betreiber des noblen Herrensitzes und seiner Anlagen für ihr Projekt werben, macht ihm erkennbar Spaß. Mit einer Gruselgebärde erzählt er danach dem Vater, dass er tatsächlich "den Sarg" gesehen habe - und in ihm liegt immerhin Wilhelm II., Deutschlands letzter Monarch.
Die einheimische Presse nennt den Ort, an dem der 1918 ins Exil geflohene Chef des Hauses Hohenzollern mehr als zwei Jahrzehnte verbrachte, "een van de merkwaardigste plekken van Europa" - womöglich ein zutreffender Satz. Auf dem 35 Hektar großen Terrain, das sich dem ersten Eindruck nach den Besuchern als Erholungs- und Freizeitgelände einschmeichelt, zugleich aber auch ein schwieriges historisches Erbe bewahrt, ist wie kaum irgendwo sonst die Vergangenheit allgegenwärtig.
Darüber hinaus herrscht ein leicht seltsam anmutender, den niederländischen Nachlassverwaltern von einem abgedankten deutschen Kaiser verordneter "Zwischenzustand": Weil Wilhelm weder in fremder Erde begraben noch vor einer Restauration seines ruhmlos dahingegangenen Reiches nach Deutschland überführt werden wollte, verfügte er vorsorglich eine testamentarisch verpflichtende "provisorische" Beisetzung.
So erinnert seine Ruhestätte nun ein bisschen an Barbarossas Kyffhäuser. Wie jener der Sage nach in einer thüringischen Felsengrotte auf ein Comeback wartet, scheint auch der preußische Kollege 70 Jahre nach seinem Tod jederzeit bereit. Als wäre mit dem letzten Lidschlag die Uhr angehalten worden, wirkt vor allem im Schloss die Lebenswelt Seiner Majestät wie konserviert.
Von der Küche, in der noch die Töpfe auf den Herden stehen, bis hinein in die Privatgemächer ist da das meiste völlig unangetastet geblieben, und an wohl keinem anderen Ort lässt sich auf weniger Quadratmetern ein vergleichbarer Fundus an Antiquitäten besichtigen. Per annum lockt diese in Generationen zusammengetragene, dem Kaiserpaar in 59 Bahnwaggons hinterhergeschickte Mixtur aus Plunder und Pretiosen - etwa die Schnupftabakdosen-Sammlung Friedrichs des Großen - immerhin 30 000 Menschen an.
Unter den Touristen, von denen viele aus dem Osten der Bundesrepublik kommen, dominieren zwar wie eh und je die Nostalgiker, aber zu einem Wallfahrtsort für Ewiggestrige ist das 1945 von den Niederlanden konfiszierte Anwesen deshalb nicht geworden. Neben emphatischen Notaten, in denen dem preußischen "Imperator Rex" im Gästebuch "Treue um Treue" geschworen wird, finden sich ebenso häufig kritische Texte. Obschon sie selbst darüber anders denkt, nimmt die sogenannte Gutsverwaltung keinen Anstoß daran, wenn der einstige Hausherr als notorischer "Kriegstreiber" beschimpft wird. Für die große Mehrheit ihrer Landsleute, lässt sie wissen, habe sich die ursprünglich verbreitete Neigung, in Wilhelm den Hauptschuldigen an der Katastrophe von "14/18" zu sehen, längst erledigt.
"Mit dem Senfgas fingen die Engländer an", doziert an diesem Nachmittag einer der ehrenamtlichen Museumsführer, und die Reisegruppe aus Amsterdam begnügt sich damit. Weit neugieriger macht es sie, wie der deutsche Monarch mit seinem durch einen Geburtsfehler verkürzten linken Arm beim Essen die Gabel hielt oder ob es zutrifft, dass seinem legendären Holzhacker-Spleen im Schlosspark Tausende Bäume zum Opfer fielen.
Zumindest in Utrechtse Heuvelrug scheint sich der Ex-Kaiser und auch Prinz zu Oranien solider Beliebtheit zu erfreuen. "Unser bester Asylbewerber" wird er da häufig genannt - eine Wertschätzung, die ihm so noch nicht entgegengebracht wird, als er 1918 mit seiner Gemahlin Auguste Viktoria zunächst bei einem Grafen im benachbarten Amerongen Quartier bezieht, um dann anderthalb Jahre später in das für 1,35 Millionen Gulden gekaufte "Huis Doorn" umzuziehen. Zwar spielen die familiären Bande bei der damals amtierenden Königin Wilhelmina schon eine Rolle, aber allen anderen Erwägungen voran verdankt der entfernte Verwandte seinen Unterschlupf einem in den Niederlanden ausgeprägten Empfinden für Zivilität.
Wer um seinen Kopf fürchten muss, wird nicht abgewiesen, und die im Krieg neutralen Gastgeber nehmen diese Selbstverpflichtung ernst. Vergebens verlangen die Siegermächte, den als "kriminell" gebrandmarkten Deutschen auszuliefern, um ihn anschließend vor ein internationales Tribunal stellen zu können. Die Regierung in Den Haag erklärt sich lediglich bereit, ihn politisch an die Leine zu legen.
Doch der von Anfang an störrische Exilant, dem in Berlin zur Sicherung eines "standesgemäßen Unterhalts" immer neue Millionenbeträge bewilligt werden, honoriert die Großmut nicht. Befeuert von der zweiten Frau Hermine, die ihm 1922 nach dem Tod der populären ersten das Jawort gibt, sieht sich Wilhelm fortwährend im Kampf gegen "dunkle Kräfte". Als "Privatpersönlichkeit", wie er sich nun selbst bezeichnet, erkennt er den schmerzlichen Thronverlust nur pro forma an.
In seiner bombastisch überladenen Enklave von Dankbarkeit keine Spur. Aus Angst vor Attentaten schläft der ehedem Oberste Kriegsherr mit griffbereitem Revolver, was ihn andererseits nicht daran hindert, für den Fall seiner Rückkehr, in die er sich unbeirrbar hineinphantasiert, selbst Gewalt anzudrohen. Da müsse Blut fließen - "viel Blut", so zitiert ihn in einem Tagebuch der letzte Flügeladjutant Sigurd von Ilsemann.
Stärker noch als zu Zeiten der 30-jährigen Regentschaft pflegt der abgehalfterte Monarch in der Einsamkeit Doorns seine berüchtigte Egomanie. In hastig diktierten Memoiren, mehreren Rechtfertigungsschriften und diversen "Studien" bedauert er sich als Opfer einer von der Entente systematisch betriebenen Einkreisungspolitik.
Über die Millionen Kriegstoten verliert der fromme Protestant indessen kaum ein Wort. Bei den täglichen Morgenandachten, zu denen er als Laienprediger gern seinen auf knapp zwei Dutzend Personen geschrumpften Hofstaat versammelt, ist ihm umso mehr daran gelegen, die von dem Allmächtigen gewollte "Weltordnung" zu thematisieren: Da in ihr ein jeder auf seinen Posten "abkommandiert" worden sei, gelte das folglich auch für ihn, den Herrscher "von Gottes Gnaden".
Wer aber "eigene Wege" einschlage, wie das deutsche Volk im Krieg und vor allem die "Revolutionshelden" von 1918, habe die Strafe des Herrn zu gewärtigen, ereifert sich der cholerische Ex-Kaiser nicht selten bis in die tiefe Nacht hinein - und die zahlreichen, aus der Heimat aufkreuzenden einstigen Kombattanten applaudieren seiner Suada. Endlose Strategiegespräche, die der nun vollbärtige Gastgeber bei Tische oder im Raucherzimmer in den unterschiedlichsten Uniformen führt, gehören in Doorn zum festen Ritual.
Und nicht selten entwickeln sich dabei auch leicht gespenstische Szenarien. Als ihm im August 1921 die Nachricht von der Ermordung des "Erfüllungspolitikers" Matthias Erzberger gemeldet wird, begießt der robuste Christenmensch das Ereignis bedenkenlos mit Sekt, und in einen ähnlichen Rauschzustand versetzt ihn im darauffolgenden Jahr Walther Rathenaus jähes Ende. Sooft die junge Republik vor dem Kollaps zu stehen scheint - etwa beim Kapp-Putsch im März 1920 oder Adolf Hitlers erstem Umsturzversuch im November 1923 in München -, geht es dem Exilanten gut; erholt sie sich, versinkt er manchmal in Depressionen und verkriecht sich tagelang ins Bett.
Ein zunehmender Realitätsverlust verführt ihn in seinem Kastell zu immer heftigeren Rundumschlägen. Obskure Verschwörungstheorien, in denen er insbesondere Katholiken, Freimaurer und Juden als die eigentlichen Verursacher seiner Misere anprangert, nähren in ihm einen ungezügelten Hass. So lässt sich sogar der sonst brave älteste Sohn, Preußens Kronprinz Friedrich Wilhelm, zu der entlarvenden Bemerkung hinreißen, seinem von "erschreckender Weltfremdheit" geschlagenen Vater fehle offenkundig die Nähe zum Volke.
Zu den Nationalsozialisten verhält sich der ebenso starrköpfige wie sprunghafte Asylant je nach Lage. In lichten Momenten ist er sich der Gefahr, die von den braunen "Herrenmenschen" für die Nation ausgeht, sehr wohl bewusst, aber seine Machtgier trübt dann auch wieder den Blick. Der künftige Reichskanzler, glaubt er allen Ernstes, werde ohne ihn bald straucheln.
Nach dem Muster Italiens gilt Wilhelm II. eine Liaison von Faschismus und Krone gar als eine Art Vorstufe zur letztlich vollständigen Rehabilitierung der Monarchie. Die NSDAP lässt in den Jahren 1931 und 1932 mit Hermann Göring einen ihrer Granden ins niederländische Exil reisen.
Doch in Wahrheit denken die Nazis nicht an ein kaiserliches Revival. Je fester Adolf Hitler nach seinem Aufstieg zum neuen starken Mann im Sattel sitzt, desto deutlicher rückt er von einer Zusage ab. Kein Wunder, dass sich der so düpierte Privatier von Doorn dann auch an ein Scheitern des Diktators klammert - und in diese Phase fällt seine einzige harsche Kritik an dessen Terror-Regime: Als im "Dritten Reich" die Synagogen brennen, kritisiert er "dieses Vorgehen als Gangstertum".
Über die militärischen Leistungen, die die deutsche Wehrmacht zu Beginn des Zweiten Weltkriegs vollbringt, gerät der hohe Herr dagegen in helles Entzücken. Nach dem Einmarsch der Truppen in Paris schickt er dem "Führer" deshalb ein Telegramm, in dem er ihm ergriffen zu dem "von Gott geschenkten gewaltigen Sieg" gratuliert.
Dass der NS-Staat nun zu erreichen scheint, was ihm selbst des vermeintlichen Dolchstoßes wegen versagt blieb, kompensiert am Ende offenbar alle Enttäuschungen und lässt den Ex-Kaiser in kühnsten Träumen schwelgen. Weil es so aussieht, als liege nicht nur Frankreich geschlagen danieder, sondern in diesem ereignisreichen Frühsommer 1940 mit dem Fall Dünkirchens auch England, sprengt sein Jubel darüber buchstäblich Grenzen: Ein unter deutscher Regie stehender vereinigter europäischer Kontinent, schwadroniert er in seinen Tischreden, sei jetzt bloß noch eine Frage der Zeit.
Die Tiraden wirken dabei umso geschmackloser, als der Feldzug im Westen mit der Besetzung seines Gastgeberlandes einhergeht. Während die niederländische Königin nach London flieht, wird die prominente preußische Sippschaft von Soldaten der Wehrmacht beschützt - für Wilhelm eine Erlösung. Um "dreißig Jahre verjüngt", beobachtet die Gattin Hermine, posiert er da stolz mit einem Regimentskommandeur auf der Freitreppe seiner Residenz.
Und so stirbt er selig, wie er kurz zuvor in mehreren Briefen schreibt, in Erwartung des "Endsieges". Zwischen seinem Tod am 4. Juni 1941 und Hitlers Vernichtungskrieg im Osten liegen gerade mal knapp drei Wochen.
Nach 1945 begründet Den Haag die Enteignung des "Keizerlijk Huis Doorn" unter anderem mit Wilhelms erschreckender Unempfindsamkeit in der Zeit der deutschen Okkupation. Der "Feindbesitz" wird als Museum genutzt, aber die Besucherzahlen reichen nicht aus, um das teure Projekt ohne staatliche Unterstützung aufrechtzuerhalten. Vor der Jahrtausendwende kündigt die Regierung deshalb eine Schließung des Gebäudekomplexes an, die sie erst nach einer Welle der Empörung - auch in der Bundesrepublik - wieder zurücknimmt.
Seither bemüht sich der von einer Stiftung gemanagte Betrieb verstärkt um Mäzene. Gelegentlich fließen aus Töpfen der EU einige Euro, doch den größeren Beitrag leisten private Spender und die Wirtschaft, etwa Siemens Nederland oder als "Hoofdsponsor" mit einer jährlich "sechsstelligen Summe" insbesondere die Deutsche Bank.
Darüber hinaus gibt es neben den Konservatoren und anderen wissenschaftlichen Mitarbeitern, die zum Beispiel die 12 000 Originalfotos aus den kaiserlichen Familienalben digitalisieren, ein Heer von 150 ehrenamtlichen Helfern. Das nach dem Urteil der Verwalter einzigartige "preußisch-europäische Kulturgut" soll der Nachwelt möglichst auf Hochglanz präsentiert werden - wöchentlich frische Blumenarrangements inklusive.
Und wie außerordentlich authentisch dieser Ort immer noch ist, erläutert im Schlosspark einer der Gärtner, indem er sich fast schon ein bisschen andächtig über den Stumpf einer ehedem stattlichen Buche beugt. Die sei "von Majestät höchstpersönlich umgelegt worden".
Von Hans-Joachim Noack

SPIEGEL GESCHICHTE 2/2011
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