29.03.2011

Nahaufnahme„Unverbrüchliche Treue“

Es war hellsichtiges Psychogramm und zugleich kühle Partei-Kalkulation, was NSDAP-Chefpropagandist Joseph Goebbels am 5. August 1929 nach dem ersten Treffen in sein Tagebuch notierte. "Unterredung mit Prinz August Wilhelm. Er ist als Mensch sehr anständig. Nur etwas senil. Stahlhelm. Hat viel Schwierigkeiten mit den Verwandten, vor allem mit dem Kaiser. Aber er geht seinen eigenen Weg. Sucht auch bei uns. Er will menschlich mit uns zusammenkommen. Ob man noch etwas aus ihm machen kann?"
Fünf Jahre später, am 25. Oktober 1934, klang Goebbels, inzwischen Reichspropagandaminister, schon anders: "Auwi jammert. Hat kein Renommee mehr. Ich tröste ihn." Am 16. Oktober 1940 dann lästerte er: "Auwi besucht mich. Er ist sehr alt geworden. Sabbert mir einige kleine Klagen vor."
Kurzer Ruhm, dann sinkende Konjunktur, erst Star-Redner, dann Gespött, so verlief die Nazi-Karriere von August Wilhelm Prinz von Preußen, Spitzname "Auwi". Ähnlich wie dem viertältesten Sohn Kaiser Wilhelms II. erging es dem Hause Hohenzollern insgesamt mit den Nationalsozialisten.
Die Dynastie versuchte, "die NS-Bewegung als trojanisches Pferd der Restauration" zu verwenden, so der Historiker Stephan Malinowski. Es kam genau umgekehrt: Die Nationalsozialisten benutzten die Hohenzollern, um ihre Macht zu stärken. Eine Rückkehr zur Monarchie zog die Nazi-Führung nie in Betracht.
Hohenzollern trugen, wie andere Standesgenossen auch, maßgeblich dazu bei, dass Hitler seine Herrschaft festigen konnte. Später versuchten monarchiefreundliche Geschichtsschreiber im Rückblick aus abfälligen Äußerungen der Hohenzollern über die Nazi-Parvenus eine grundsätzliche Gegnerschaft zu konstruieren, die es jedoch nicht gab. Der Adel war anfällig für Hitlers Ideologie. Nicht nur verunsicherte Kleinadlige machten unter Hitler Karriere, im NS-Gefolge finden sich illustre Namen, etwa Sachsen-Coburg-Gotha, Sachsen-Meiningen, Hohenlohe, Sayn-Wittgenstein oder Thurn und Taxis. Friedrich Christian Prinz zu Schaumburg-Lippe trat schon 1929 der Partei bei und stieg später zum Adjutanten von Goebbels auf. Ein Drittel bis zur Hälfte aller Hochadligen gehörte der NSDAP oder einer anderen NS-Organisation an.
Da blieben die Hohenzollern nicht außen vor. Bei ihnen gab der Familienpatriarch den Ton an: Wilhelm II., der sich in Weltmachtphantasien und antisemitischen Tiraden erging. Aus dem niederländischen Exil schrieb der entmachtete Monarch, die Juden müssten "vom deutschen Boden vertilgt und ausgerottet" werden, "das Beste wäre wohl Gas". 1933 kommentierte er den "Tag von Potsdam", an dem sich Hitler vor Reichspräsident Paul von Hindenburg verneigte: "Der Nazi-Schwung muss mitbenutzt werden." Und zum Sieg über Frankreich im Jahr 1940 schickte Wilhelm Hitler ein überschwängliches Glückwunschtelegramm. Später sparte er auch nicht an Eigenlob: "Die brillanten führenden Generäle in diesem Krieg kamen aus Meiner Schule."
Zwei Wilhelm-Nachkommen gingen deutlich auf Distanz zum NS-Regime. Der zweitälteste Sohn, Eitel Friedrich von Preußen, war Mitglied des monarchistischen "Bundes der Aufrechten" und wollte sich nicht mit dem Nazi-Regime gemeinmachen. Als er 1942 starb, verweigerte ihm die NS-Führung ein Begräbnis mit militärischen Ehren, obwohl Eitel Friedrich im Ersten Weltkrieg hohe Auszeichnungen erhalten hatte. Der Kaiserenkel Louis Ferdinand von Preußen unterhielt Verbindungen zum konservativen Widerstand, einige Verschwörer des 20. Juli 1944 erwogen, ihn zum Staatsoberhaupt zu machen. Nach dem gescheiterten Putsch wurde Louis Ferdinand von der Gestapo verhört, aber nicht verhaftet.
Der glühendste aller Nazi-Verehrer unter den Hohenzollern-Prinzen war August Wilhelm, "Auwi". Über ihn schreibt sein Biograf, der Bremer Historiker Lothar Machtan: In seiner "nachhaltigen und aktiven Förderung des Nationalsozialismus" habe sich August Wilhelm "viele Jahre zumindest von keinem Standesgenossen überbieten lassen". "Auwi" habe maßgeblich dazu beigetragen, "den deutschen Adel für die Hitlerbewegung aufzuschließen".
"Auwi", geboren 1887, trat im Jahr 1930 in Partei und SA ein, ehrenhalber erhielt er die niedrige Mitgliedsnummer 24 und stieg zum SA-Obergruppenführer auf, er war für die Nationalsozialisten Reichstagsabgeordneter und preußischer Staatsrat. Schwerer als seine Ämter wog sein ideologischer Furor. "Auwi" trat für die NSDAP als Massenredner in Zirkuszelten und Bierhallen auf. Goebbels lobte ihn als "Anschmeißer" und pries "Auwis" Qualitäten: "Der Parteigenosse August Wilhelm schlug nach wenigen Worten die Hörer in seinen Bann."
Bei seinen Auftritten trug "Auwi" stets eine maßgeschneiderte Nazi-Uniform aus feinem Zwirn. Als "Prinz von Preußen" sei er "unendlich stolz" darauf, in der "Kampfzeit das braune Kleid seiner Kameraden tragen zu dürfen", sagte er etwa bei einer Rede in Hamburg im November 1933.
Der Doktor der Staatswissenschaften, Kunstfreund und Theatergänger pflegte ein fast erotisches Verhältnis zur völkischen Bewegung, er fühlte sich von der Welt der Männerbünde und Treueschwüre angezogen. Die "frischen jungen Menschen in guter Haltung" riefen bei ihm eine "gefühlsmäßige Aufwallung" hervor, schwärmte "Auwi".
Der Prinz war laut seinem Biografen Machtan homosexuell. Zwar zeugte er mit seiner Frau Alexandra zu Schleswig-Holstein einen Sohn, die Ehe war aber angeblich nie eine Liebesbeziehung. "Auwis" eigentlicher Lebensgefährte sei sein Jugendfreund Hans-Georg von Mackensen gewesen, den er immer in seiner Nähe haben wollte.
Eine homosexuelle Neigung offenzuleben konnte sich damals keine bekannte Person erlauben, erst recht kein Spross einer Adelsfamilie, die das Militärisch-Schneidige pflegte. Ungewohnten Freiraum bot zunächst die SA Ernst Röhms. Der homosexuelle Stabschef umgab sich mit schwulen Kameraden und duldete gleichgeschlechtliche Neigungen.
Das änderte sich schlagartig mit dem "Röhm-Putsch" am 30. Juni 1934, als Hitler und SS-Chef Heinrich Himmler den zu mächtig gewordenen SA-Führer exekutieren ließen. Der Röhm-Vertraute "Auwi" entging der Verhaftung und wurde auf Nebenposten abgeschoben. Statt schwungvolle Reden zu halten, kümmerte sich "Auwi" ums Winterhilfswerk und gelobte dem "Führer" in Grußadressen seine "unverbrüchliche Treue".
Die Nazi-Vorderen spotteten über ihren einstigen Star, Hermann Göring bezeichnete ihn als "Hanswurst", Goebbels als "etwas doofen Jungen". Nach der Landung der Alliierten in Frankreich brachte die Gestapo die exilierte Vichy-Regierung in Sigmaringen unter, die schwäbische Linie der Hohenzollern musste ihren Stammsitz zeitweise aufgeben.
Noch als das "Dritte Reich" längst untergegangen war, hielt "Auwi" seinen Helden die Treue. Die US-Amerikaner nahmen ihn 1945 drei Jahre lang in Lagerhaft. Als er im anschließenden Spruchkammerverfahren gefragt wurde, ob er denn nun den Nationalsozialismus endlich ablehne, antwortete "Auwi" verständnislos: "Wie bitte?"
Nur die Zahlung einer Kaution von 50 000 Mark durch seinen Onkel Ernst Fürst zu Hohenlohe-Langenburg rettete ihn vor einem neuen Verfahren und weiterer Haft. Kurz vor Gründung der Bundesrepublik 1949 starb August Wilhelm an Lungenkrebs. Jan Friedmann
Von Jan Friedmann

SPIEGEL GESCHICHTE 2/2011
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