31.05.2011

Welt aus den Fugen

Rückständig, zerstritten, unterdrückt - seit Jahrhunderten kommen die arabischen Länder nicht voran. Nun rebelliert das Volk, erringt Siege, doch etliche Regime schlagen zurück. Arabiens Zukunft bleibt ungewiss.
Kairo, im Winter 2001. Wie seit Jahrzehnten zogen von den Stahlwerken in Helwan braune Schwaden herein, wie jeden Winter verbrannten die Bauern im Nildelta ihr Reisstroh, beißender Smog lag über der Stadt. Ochsenkarren hielten auf dem Nusha-Boulevard den Verkehr auf, vom Flughafen bis ins Zentrum stauten sich die Autos. Müllmänner kehrten den Sand auf die Straße, damit der Fahrtwind der Autos ihn am nächsten Morgen wieder auf den Gehsteig zurückblies - bevor der nächste Stau begann. Diese Stadt, dieser scheinbar unregierbare, irgendwo im letzten Jahrhundert steckengebliebene Moloch mit 16 Millionen Menschen sollte die Hauptstadt der arabischen Welt sein?
Auf eine Weise war sie das wohl: Kairo war die Hauptstadt des Immergleichen, in der die Beharrungskräfte stärker waren als jeder Ansatz zur Neuerung, das Zentrum einer Welt, die sich offenbar nie veränderte. Seit 20 Jahren regierte damals ein Mann das Land, dessen Amtsperioden sich so zuverlässig zu wiederholen schienen wie einst der Zyklus des Nilhochwassers. Die ägyptische Metropole war eine Hauptstadt des Stillstands.
Kairo, im Frühjahr 2011: Immer noch staut sich auf der Nusha der Verkehr, immer noch ziehen von Helwan die braunen Schwaden herein. Doch im Februar wurde Präsident Husni Mubarak zum Rücktritt getrieben, von seinem eigenen Volk; fast drei Jahrzehnte lang hatte er am Ende regiert, fast zwei Drittel der Ägypter erlebten nie einen anderen Staatschef als den Mann, den sie den "Pharao" nannten. Er zog sich mit seiner Familie in ein Refugium auf dem Sinai zurück. Hier, im milden Klima des Badeortes, wollte er seine letzten Tage verbringen.
Zwei Monate lang, einen Wimpernschlag gemessen an seiner Amtszeit, hat das Volk dies geduldet. Aber dann zog es wieder auf den Tahrir-Platz und verlangte, dass der abgesetzte Präsident zur Rechenschaft gezogen wird. Die vom Militär kontrollierte Übergangsregierung folgte dem Willen der Demonstranten: Mubarak wurde festgesetzt und verhört, seine Söhne landeten im Tora-Gefängnis vor den Toren von Kairo.
Dieselbe Regierung allerdings zeigte sich hilflos, als im Stadtteil Imbaba radikale Islamisten eine koptische Kirche in Brand setzten und zwölf Menschen getötet wurden, ja sie duldete, dass Soldaten junge Demonstrantinnen festnahmen, um in einer erniedrigenden Prozedur festzustellen, ob sie noch Jungfrauen seien.
Gibt es gleichwohl einen Zweifel daran, dass das einst so lethargische Kairo die Hauptstadt eines neuen Arabien ist? Kairo ist zum Zentrum einer Bewegung geworden, die in Tunesien begann, die ganze Region erfasste - und in immer mehr Ländern in immer andere Richtungen auseinanderzustieben scheint.
Von Marokko bis in den Oman, von Syrien bis in den Jemen erheben sich die Völker gegen ihre autokratischen Präsidenten, ihre Könige, Sultane und Militärdiktatoren. Zwei dieser Machthaber sind zurückgetreten, andere haben Zugeständnisse gemacht.
Etliche Despoten aber schlagen zurück: In Libyen und in Syrien bombardieren die Regime ihre eigene Bevölkerung, im Jemen sind seit Beginn der Proteste Hunderte ums Leben gekommen, in Bahrain haben sogar die Armeen der Nachbarstaaten eingegriffen, um den Aufstand niederzuschlagen. Selbst in Tunis, das sich als erste arabische Hauptstadt vom Autokraten befreite, foltert sein alter Machtapparat weiter. Und in Kairo ist so offen wie überall in dieser aus den Fugen geratenen Region, ob der "arabische Frühling" die Hoffnungen der Menschen erfüllt oder ihre Ängste bestätigt.
Dass es auch nur so weit kommen würde, damit hatte seit Jahrzehnten niemand mehr gerechnet. "Zum ersten Mal in 1000 Jahren nehmen Araber ihr Schicksal selbst in die Hand", sagt der amerikanische Publizist Fareed Zakaria. "Seit dem 11. Jahrhundert haben Mongolen, Perser und Türken Arabien kontrolliert. Im 19. Jahrhundert teilten die Europäer diesen Weltteil untereinander auf, und im Kalten Krieg waren es die Supermächte, welche ihre bevorzugten Regime unterstützten."
Auch wenn es zuvor schon Befreiungsbewegungen gab wie im Ägypten der zwanziger oder im Algerien der sechziger Jahre - erst die arabische Erhebung beende, so Zakaria, das Zeitalter der Fremdbestimmung und die Epoche jener, die nur kraft ihrer mächtigen Schutzherren an der Macht bleiben konnten.
So unabsehbar der Ausgang dieser Erhebung für die Herrschenden wie die Beherrschten ist - für Arabien ist es das Ende einer historischen Anomalie, der Ausbruch aus einer Jahrzehnte währenden Unmündigkeit, für die Arabiens Regime verantwortlich sind. Ihre Bilanz ist vernichtend.
Nicht nur die Staaten der arabischen Welt traten ja unter schwierigen Bedingungen in das 20. Jahrhundert ein, das galt auch für Europa, Lateinamerika und viele asiatische Staaten. Doch von Schwarzafrika abgesehen, hat keine Weltregion so wenig aus ihren Möglichkeiten gemacht.
Die arabische Welt liegt heute in fast allen Parametern, mit denen Fortschritt, Entwicklung und Produktivität gemessen werden, hinter anderen Regionen zurück: Rund 20 Prozent der Araber sind Analphabeten, zwei Drittel davon sind Frauen, deren Lebenserwartung im übrigen unter dem globalen Durchschnitt liegt. Alle 22 arabischen Staaten zusammen erzielen ein Bruttoinlandsprodukt, das niedriger ist als das von Italien.
In Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Kuwait, Ägypten, Syrien und Jordanien wurden zwischen 1986 und 2000 nur 367 Patente angemeldet; allein in Israel waren es in dieser Zeit 7652. Und jährlich werden fünfmal so viele Bücher ins Griechische übersetzt wie ins Arabische.
Seit fast zehn Jahren sind diese Zahlen aus dem "Human Development Report" der Vereinten Nationen bekannt. Dass die arabischen Regierungen dagegen nichts unternommen haben, bezahlten sie in Tunesien, Ägypten, Jordanien und Syrien bereits mit ihrem Sturz.
Viele im Westen allerdings, die aus diesen Zahlen den Schluss zogen, die arabische Welt sei hoffnungslos an der Moderne gescheitert, stehen heute vor einer anderen Frage: Woher kommen die Hunderttausende junger Aktivisten, die mit Leidenschaft, Cleverness und Beharrlichkeit diese Revolution ins Werk gesetzt haben? Und was hat sich in den vergangenen Jahren verändert, dass eine Bewegung zustande kam, welche die scheinbar unüberwindbare Stagnation der arabischen Welt überwunden, scheinbar ewige Wahrheiten zertrümmert und scheinbar unantastbare Autokraten gestürzt hat?
Im Winter 2001 kam ich als Korrespondent nach Kairo. Eine der ersten Wendungen, die ich im ägyptischen Dialekt aufschnappte, war "ala tuul" - ein schlichter, täglich millionenfach gebrauchter, zur örtlichen und zeitlichen Orientierung in jeder Sprache unverzichtbarer Ausdruck. "Ala tuul" bedeutet "geradeaus", "sofort", "unverzüglich". Muss ich zur Nilbrücke noch einmal abbiegen? "Nein, einfach die Straße runter, ala tuul." Den Tee erst mit der Nachspeise oder sofort? "Ala tuul, jetzt gleich."
Mit diesem neuerworbenen Begriff flog ich Anfang 2002 zum ersten Mal nach Bagdad. Die Iraker, damals noch von Saddam Hussein regiert und auf die ägyptischen Schwarzweißfilme im Staatsfernsehen angewiesen, lächelten, als ich ihnen mit "ala tuul" kam. Sie kannten den Ausdruck natürlich, aber sie verwendeten ihn nicht: "Wir sagen ,gubal' für geradeaus."
Mit "gubal" versuchte ich es ein paar Wochen später in Beirut. Dort leben viele Schiiten, deren Prediger traditionell im Südirak studieren. "Gubal? Ah, du meinst doghri! Geradeaus!"
Am Golf, erfuhr ich später in Bahrain, gebrauchen sie weder "gubal", "ala tuul" noch "doghri", dort sagen sie "siida". Die Algerier verwenden das aus der französischen Besatzungszeit übriggebliebene "tout droit", die Tunesier sagen "tawali".
Im modernen Hocharabischen heißt die betreffende Wendung "ila l-amam". Modernes Hocharabisch sprechen allerdings nur Sprachschüler, Fernseh- und Radiomoderatoren. In ihrer Alltagssprache haben die Araber keinen gemeinsamen Ausdruck für die einfachste, grundlegendste aller Richtungsangaben: geradeaus.
So lehrt das Beispiel eines einzigen Begriffs eine nachhaltige Lektion. Wenige Völker, die kulturell so vieles teilen, unterscheiden sich in ihren Redewendungen, aber auch in ihren Ressentiments, ihrem Weltbild so stark voneinander wie die Araber.
Als "tribes with flags", Stämme mit Flaggen, werden sie vielfach bezeichnet. Was nach beduinischer Folklore klingt, ist in Wahrheit eine der historischen Ursachen für die arabische Malaise, welche die jungen Aktivisten in Tunis, Kairo, Manama und Sanaa heute überwinden wollen: die Selbstbezogenheit einzelner Clans. In nomadischer Vorzeit vielleicht ein Überlebensmechanismus, hat sie sich auf dem Weg in die Moderne als Fluch erwiesen.
Das Stammesdenken hat verhindert, dass aus den meisten arabischen Staaten, die im letzten Jahrhundert nach und nach die Unabhängigkeit erlangten, auch Nationen wurden. Im Irak, klagte etwa der von den Briten eingesetzte König Faisal 1931, gebe es gar "kein Volk, sondern eine unvorstellbare Masse von Menschen, jeder patriotischen Vorstellung abhold, getränkt von religiösen Absurditäten, durch keine Gemeinsamkeit verbunden, anfällig für die Anarchie".
An dieser Entwicklung war der Westen nicht unbeteiligt - und nicht alle Verschwörungstheorien der arabischen Welt sind so absurd wie jene, die sich um die Hintergründe der 9/11-Anschläge drehen, oder die Behauptung, hinter jedem bedeutenden Ereignis in der arabischen Welt stecke der israelische Geheimdienst.
Großbritannien und Frankreich, die in den Jahren 1915 bis 1925 die Grundlagen des modernen Nahen Ostens legten, haben auf dem Gebiet des untergegangenen Osmanischen Reiches Grenzen gezogen, die ihren eigenen Interessen, nicht aber der Überlebensfähigkeit der so geschaffenen Staaten dienten. Die heutige Grenzlinie zwischen Syrien und dem Irak etwa geht auf ein Abkommen zurück, in dem Paris und London 1916 das Zweistromland und die Levante untereinander aufteilten. "Richtig behandelt", schrieb der britische Geheimagent Thomas Edward Lawrence, der 1916 den arabischen Aufstand gegen die Osmanen entscheidend vorantrieb, würden die Araber "über das Stadium eines politischen Mosaiks nicht hinauswachsen, ein Gewebe kleiner, eifersüchtiger Fürstentümer, unfähig zum Zusammenhalt".
Genau so ist es gekommen, und am Ergebnis krankt die Region bis heute: Nur zwei Staaten der arabischen Welt verfügen über eine stabile, gewachsene Identität: das 5000-jährige Ägypten, dessen stolze Erben ihre Besucher aus den Golfstaaten herablassend "Araber" nennen, weil deren Ahnen schließlich erst vor 1400 Jahren am Nil auftauchten - und Marokko, dessen Königshaus immerhin seit dem 17. Jahrhundert regiert und seine Abstammung auf den Propheten Mohammed zurückführt.
Wie sehr es anderen Staaten an echter Staatlichkeit gebricht, erkennt man daran, wie aufdringlich etwa das junge "Haschemitische Königreich Jordanien" stets den Namen seiner alten Dynastie betont oder wie penetrant sich die Golf-Emirate Kuwait und Katar "Der Staat Kuwait" und "Der Staat Katar" nennen.
Welche fatalen Folgen die willkürliche Gründung von Staaten wie dem Libanon und dem Irak mit ihren tiefen ethnischen und konfessionellen Bruchlinien haben sollte, haben jahrelange Bürgerkriege dort blutig bewiesen. Ähnliche Konflikte könnten Libyen bevorstehen, noch schlechter ist die Prognose für den Jemen, dessen zahlreiche Krisen durch extreme Armut verschärft werden.
Die arabische Welt hat nie ernsthaft den Versuch unternommen, ihre Probleme gemeinsam zu lösen - nicht die extremen Wohlstandsunterschiede, nicht die Jugendarbeitslosigkeit, nicht die Benachteiligung der Frauen. Die Geschichte der Arabischen Liga (siehe Seite 112) bestätigt dieses Versagen eindrucksvoll.
Immer wieder schoben die Regime die Schuld an den Missständen dem Westen zu, am liebsten als imperialistische Verschwörung. Dass diese alten Feindbilder aber nicht mehr funktionieren, offenbarte sich etwa, als Syriens bedrängter Präsident Baschar al-Assad vergebens versuchte, die Proteste als Komplott des Auslands abzutun.
Schon die ersten Monate des Umsturzes zeigen eine neue Tendenz - die ihren Ursprung gewiss nicht erst im Januar 2011 hat, sondern auf eine grundlegende Erfahrung der Globalisierung zurückgeht. Die jungen Aktivisten in Kairo, Tunis, Amman und Aleppo kommunizieren längst über die Grenzen hinweg, welche von den Briten und Franzosen gezogen und von den Autokraten nachher so eifersüchtig bewacht wurden. Das bringt das Werkzeug ihrer Bewegung zwangsläufig mit sich: Twitter, Facebook und SMS-Nachrichten kennen keine geografischen Grenzen - und die kulturellen, über Jahrhunderte gewachsenen, scheinen sich allmählich aufzulösen: Für das Wort "geradeaus" hat sich in der panarabischen SMS-Sprache, welche die im lateinischen Alphabet nicht darstellbaren Laute des Arabischen mit Zahlen wiedergibt, ein ägyptischer Ausdruck durchgesetzt: "3ALA TOOL".
Nach dem Sturz von Saddam Hussein im April 2003 besuchte ich Alaa, den "Murafik", den Aufpasser, den mir das Regime seinerzeit an die Seite gestellt hatte, zum ersten Mal zu Hause. Er hatte sich wie die meisten Iraker nach dem Ende der Zensur einen Stapel zuvor verbotener Filme besorgt, und als ich seine Wohnung betrat, lief dort eine Komödie mit dem Titel "al-Saïm", "Der Führer".
Ungläubig und befreit lachend saßen Alaa, seine Brüder, sein Vater und seine Mutter vor dem Fernseher und sahen sich diese Satire auf den arabischen Personenkult an. "Al-Saïm" persifliert den zackigen Auftritt und das pompöse Gehabe eines Mannes, in dem die Tunesier auf Anhieb Zine el-Abidine Ben Ali, die Ägypter Mubarak, die Libyer Muammar al-Gaddafi und die Iraker Saddam Hussein erkannten: seine schillernden Uniformen, seine wechselnden Launen, seine katzbuckelnden Hofschranzen - und seine lächerliche Berufung auf die vermeintliche Revolution, die ihn einst an die Macht brachte.
"Wozu haben wir damals eigentlich eine Revolution gemacht?", fragt im Film einer der Untergebenen den Führer. "Ich kann mich nicht mehr erinnern", antwortet der. "Ich war auf dem Klo."
So harmlos die Satire auf den westlichen Betrachter wirken mochte - bei den Irakern löste sie kathartische Wonne aus. Sie rechnete ab mit einem Herrschaftssystem, gegen das sich die Nordafrikaner, die Syrer und Jemeniten acht Jahre später erheben sollten: das als "Sozialistische" oder "Arabische Republik", gar als "Volksmassenstaat" getarnte Regime, an dessen Spitze ein korrupter Despot stand, der sich nur mit Hilfe der Geheimpolizei an der Macht hielt.
Es waren diese Regime, welche die Entstehung eines bürgerlichen Selbstbewusstseins, einer Zivilgesellschaft jahrzehntelang unterdrückten. Es war der arabische Polizei- und Folterstaat, der die Bildung einer säkularen Opposition verhinderte und Zehntausende von Unzufriedenen dem militanten Islamismus zutrieb - weil die Moschee, ähnlich wie in den einstigen kommunistischen Diktaturen die Kirche, den einzigen Freiraum für Dissens bot.
Eines allerdings übersahen viele im Westen, welche diese zwar undemokratischen, aber vermeintlich stabilen Systeme einer Machtübernahme der Islamisten vorzogen: Sie waren nicht mehr stabil. Die meisten dieser Regime waren innen hohl und ihre Parteiapparate vielfach nur mehr Patronage-Netzwerke, die der ungerechten Verteilung der bescheidenen Staatseinkünfte zu ihren eigenen Gunsten dienten. Nun lösen sich politische, gar ideologische Loyalitäten.
Das galt auch im Irak, dem brutalsten der arabischen Regime. So klar auch er die Gefahr des islamistischen Extremismus erkannte, die seinem Land drohte - Alaa, der Aufpasser, hatte mir schon vor dem Irak-Krieg angedeutet, dass er und seine Kollegen, alles scheinbar treue Mitglieder der sozialistischen Baath-Partei, hofften, Saddam möge auf den Vorschlag des Scheichs von Abu Dhabi hören und ins Exil gehen.
Dass die arabische Welt auch auf einem anderen Feld in Bewegung geraten war, erfuhr ich im Frühjahr 2006. Ich war gerade aus dem Irak zurückgekehrt, wo der Konfessionskrieg zwischen Sunniten und Schiiten kurz vor seinem Höhepunkt stand: Mitunter kamen dort im Monat 3000 Menschen ums Leben. Nun saß ich am Schreibtisch von Abdullah al-Mulla, dem jungen Chef der "Dubai Media City", um mich als Korrespondent zu akkreditieren. Mulla, in eine weiße, akkurat gebügelte Dischdascha gekleidet, stets in Eile, zählte mir die Dokumente auf, die ich ihm vorlegen sollte, und blätterte in seinem Kalender, um einen passenden Termin zu suchen.
"Dienstag, den 11. April", sagte er, "hätte ich noch Zeit." Seine Assistentin unterbrach ihn: "Dienstag ist aber der Geburtstag des Propheten." Mulla stutzte. "Prophetengeburtstag? Haben wir den nicht verschoben?"
Es war eine beiläufige Bemerkung, die im Ägypten, im Libyen, im Saudi-Arabien jener Tage allerdings undenkbar schien. Im Irak ermordeten einander Sunniten und Schiiten - auch weil sie sich über so vermeintlich banale Dinge wie religiöse Feiertage nicht einig waren. Doch dieser Business-Scheich hatte in seiner Firma den Geburtstag des Propheten kurzerhand auf das folgende Wochenende verlegt. "Wozu die Arbeitswoche unterbrechen?", fragte er. "Wir können doch auch am Freitag beten."
Mullas Bemerkung machte deutlich, dass in manchen arabischen Staaten fünf Jahre nach dem 11. September eine Generation in den Hierarchien aufrückt, die, ohne areligiös zu sein, ein sehr pragmatisches Verhältnis zu ihrem Glauben hatte, ja dass Religion und Innovation, Islam und Fortschritt kein grundsätzlicher Gegensatz sein musste.
Zu den wenigen, die diesen Wandel früh erkannten, gehörte die US-Journalistin Robin Wright, eine der besten Kennerinnen des Nahen Ostens. Sie war die Erste, welche die drei zentralen Begriffe des Umsturzes von 2011 - "Revolution", "Jugend" und "Facebook" - in einer Reportage zusammenführte. Eine "sanfte Revolution" zeichne sich ab, schrieb sie schon 2009: Arabiens Jugend habe es satt, von 9/11 in Geiselhaft genommen zu werden. Stattdessen dränge sie auf mehr Bildung, Zugang zu moderner Technik und wirtschaftlicher Mobilität. Eine Generation habe sich auf den Weg gemacht, die "entschieden anti-dschihadistisch und ambivalent in ih-rer Haltung zu islamistischen Parteien" sei.
Davon war 2006 noch wenig zu sehen, der Aufruhr um die dänischen Mohammed-Karikaturen lag erst wenige Monate zurück. Entschieden ist die religiöse Frage in der arabischen Welt auch heute nicht. Den Sieg über den militanten Dschihadismus auszurufen wäre verfrüht - auch wenn die Tötung Osama Bin Ladens und der bislang ausgebliebene Aufschrei der Empörung in der arabischen Welt eher auf ein Ende dieser Epoche hindeutet als auf eine neue Runde im blutigen Kulturkampf.
Aber die Gewichte haben sich verschoben. In den vergangenen zehn Jahren hatte es den Anschein, als habe die arabische Welt nur die Wahl zwischen den autoritären Regimen und dem politischen Islam. Doch diese von den Autokraten selbst forcierte und vom Westen übernommene "binäre Definition" des Nahen Ostens, so der "New York Times"-Kolumnist Roger Cohen, überzeugt nicht mehr.
Selbst fünf Monate nach Beginn des arabischen Frühlings zeichnet sich in keinem der betroffenen Länder eine Figur ab, die sich mit Ajatollah Ruhollah Chomeini messen könnte, der vor mehr als 30 Jahren die iranische Revolution inspirierte. Die islamistischen Bewegungen sind nur zögernd in den Umsturz gezogen. Und größer als die Gefahr, dass radikale Islamisten den Umsturz kapern, scheint im Augenblick die Beharrungskraft der alten Regime. Sie gehen in Libyen, Syrien und in Bahrain mit so brutalen Mitteln gegen die Protestbewegungen vor, dass diese Länder eher von einer Konterrevolution bedroht scheinen als von einem Durchmarsch der religiösen Fundamentalisten. Können die Machthaber in Tripolis, Damaskus und Manama das Ende ihrer Herrschaft mehr als hinauszögern, können sie es wirklich verhindern? Die Wurzeln des Aufstands scheinen längst tiefer zu reichen als die ihrer Systeme. Der Ausgang des Kampfes wird auch davon abhängen, wie groß die Ausdauer der Revolutionäre ist und wie stark der Widerstand der Seilschaften, die von den alten Systemen profitieren.
In Dubai und auch später in Deutschland waren mitunter die Töchter ägyptischer Freunde für ein paar Wochen bei uns zu Gast - vier junge Frauen, von denen sich zwei für das Kopftuch entschieden hatten, die beiden anderen dagegen.
Batta, Rana, Omima und Amani redeten am liebsten über ihre Arbeit, ihr Studium und darüber, was ihnen in Dubai und in Deutschland so gefiel. Wenn die Sprache auf Ägypten kam, beklagten sie sich - über das mühsame Leben in Kairo, über die mangelnde Qualität ihrer Ausbildung, über ihre schlechten Berufsaussichten und die niedrigen Gehälter, die sie zu erwarten hätten. Wenn der Name des Mannes fiel, der Zeit ihres Lebens für das System stand, in dem sie aufgewachsen waren, verdrehten sie die Augen: "Solange Mubarak da ist, wird sich an all dem nichts ändern."
Vor allem Rana, die gerade ihr Medizinstudium abgeschlossen hatte, als sie nach Dubai kam, war frustriert. "Wie kommt es eigentlich, dass jeder, der Protektion von oben hat, ohne Mühe einen tollen Job bekommt", fragte sie, "während ich für umgerechnet 30 Euro in der Notaufnahme schuften und froh sein muss, dass ich überhaupt Arbeit gefunden habe? Wie soll ich mit diesem Gehalt heiraten und eine Familie gründen?"
Nächtelang saß sie am Computer, um Bewerbungsschreiben für Kliniken in Dubai aufzusetzen - ohne Erfolg. Zu jung, schrieb man ihr zurück, zu wenig Erfahrung. Resigniert kehrte sie Ende 2008 nach Arisch auf dem Sinai zurück - wo sie noch heute für 30 Euro im Monat in der Notaufnahme schuftet.
Ranas Frust, daran besteht heute kein Zweifel, war das Grundgefühl, aus dem die Aufstände von 2011 entstanden. Denn sie teilte ihre Perspektivlosigkeit nicht nur mit Amani, die noch jahrelang auf eine Anstellung als Lehrerin warten sollte, mit deren Schwester Omima, die inzwischen mit ungewissen Aussich-ten Tourismus studiert, und mit Batta, die als Kindergärtnerin arbeitet. Sie teilte sie mit Millionen von jungen Arabern - und einem gewissen Mohammed Bouazizi, der sich am 17. Dezember 2010 im tunesischen Sidi Bouzid mit Benzin übergoss und sich das Leben nahm.
Aus welchen Gründen auch immer die arabische Welt die Moderne verschlafen hat - ob es der Tribalismus war, das Erbe der Kolonialzeit, der militante Islam, die brutalen Diktatoren oder die Schrecken des Bürgerkriegs: Am Ende aber war es eine soziale Revolution, eine Jugendbewegung, die Arabien aus dem Winterschlaf gerissen hat. Es war die Gesamtheit aller Schikanen und Erniedrigungen, welche die Bevölkerung einfach nicht mehr ertrug.
Denn anders als ihre Eltern und Großeltern wissen und sehen die Jugendlichen in Bengasi und Manama, in Kairo, Tunis und Damaskus, wie ihre Zeitgenossen in Paris, in Sydney, in Los Angeles leben.
Der Schlaf der Regime ist vorüber, die Zeit der Unwissenheit ist vorbei - und die der ewigen Gewissheiten auch.
Als Arabien-Korrespondent des SPIEGEL lebte Bernhard Zand mit seiner Familie acht Jahre im Nahen Osten - zunächst in Kairo, dann im Emirat Dubai.
Von Bernhard Zand

SPIEGEL GESCHICHTE 3/2011
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