31.05.2011

„Glückliches Arabien“

Die Weihrauchstraße ist eine der ältesten Handelsrouten der Welt, bei den Römern war das duftende Harz begehrt. Hier, zwischen Königreichen und Beduinenland, beginnt die Geschichte der arabischen Stämme.
Der sagenhafte Reichtum des alten Arabien beruhte auf dem Kamel und zwei wohlgehüteten Geheimnissen: der Kenntnis der Monsunwinde und der Herkunft von Weihrauch und Myrrhe. Viele Jahrhunderte bevor die Griechen etwa um Christi Geburt den halbjährlichen Rhythmus des Monsuns im Indischen Ozean erkannten, kreuzten die Jemeniten bereits mit seiner Hilfe nach Indien, Südostasien und Ostafrika. Auf ihren hölzernen Segelschiffen brachten sie Pfeffer, Zimt, Edelsteine, Seide, Porzellan oder Sklaven in ihre Heimat.
In den Hafenstädten wurde die kostbare Fracht in die Packtaschen Hunderter Dromedare umgeladen, die als "Schiffe der Wüste" die nächsten Etappen des Fernhandels übernahmen. Neben Waren aus Indien und China schleppten sie auch zwei Luxusgüter aus Südarabien: Weihrauch und Myrrhe. So entstand die "Weihrauchstraße", eine der ältesten Handelsrouten der Welt.
Das goldgelbe Harz, das beim Verglühen einen aromatischen Duft ausströmt, wurde überwiegend im heutigen Oman gewonnen. Im alten Ägypten, in Mesopotamien, Rom und Byzanz war es für religiöse Riten und als desinfizierendes Heilmittel heißbegehrt. Allein im babylonischen Baal-Tempel verbrannte man im 6. Jahrhundert v. Chr. alljährlich zweieinhalb Tonnen Weihrauch, berichtet der griechische Historiker Herodot.
Die Römer kauften das Harz nicht nur für kultische Zwecke: Mit seinem Duft versuchten sie den bestialischen Gestank in den Gassen der imperialen Hauptstadt zu überdecken. Fast ebenso begehrt war das Baumharz Myrrhe. Es war Bestandteil des heiligen Salböls, diente als Betäubungsmittel - oder der Verführung: Iranische und palästinensische Frauen räucherten damit ihre Kleider ein. Auch die "Heiligen Drei Könige" brachten dem Kind in der Krippe neben Gold die beiden luxuriösesten Wohlgerüche des Orients.
Die Hauptroute der Weihrauchstraße führte mehr als 3000 Kilometer durch den Westen der Arabischen Halbinsel bis nach Gaza ans Mittelmeer. Dromedare, seit dem 2. vorchristlichen Jahrtausend gezähmt, schleppten die Lasten auf wochenlangen Märschen. Das Rote Meer hielten die Jemeniten wegen seiner Riffe und Strömungen noch für unbefahrbar.
Um die 10 000 Lastkamele und etwa hundert Tagesmärsche benötigte man, um die rund 1500 Tonnen Weihrauchharz, die Rom jährlich verbrauchte, nach Gaza zu befördern. Der Karawanenführer, von den Römern "Praefectus deserti" genannt, hatte Zölle und Schutzgelder auszuhandeln. Die Kosten für diesen aufwendigen Transport waren enorm: Seefahrer, Karawanenführer, Kameltreiber, der bewaffnete Begleitschutz und Zwischenhändler mussten bezahlt werden. Die Händler in Rom oder Byzanz wussten wenig vom Ursprungsgebiet der Duftharze. Sie kannten nur die astronomischen Preise, vermuteten in Altsüdarabien sagenhaften Reichtum und nannten die Region "Arabia felix", "glückliches Arabien".
Hier, auf der riesigen Halbinsel, beginnt die Geschichte der Araber. Wie ein gigantisches Rechteck schiebt sich das Land zwischen den Mittelmeerraum und den Indischen Ozean. Es ist größer als der Indische Subkontinent und vom gebirgigen jemenitischen Hochland bis zu den Perlenmuschelbänken im Persischen Golf hin geneigt; das Gefälle beträgt über 3700 Meter. Jahrhundertelang war die Halbinsel Handelsbrücke und kulturelles Bindeglied zwischen Südostasien und Europa. Im fruchtbaren Südwesten entstanden in der Antike blühende Königreiche. Sie lebten von dem lukrativen Transithandel, der spätestens seit dem 8. Jahrhundert v. Chr. boomte. Niederschläge von über 500 Millimeter im Jahr sowie ein ausgeklügeltes Bewässerungssystem sorgten für eine florierende Landwirtschaft.
Das berühmteste dieser Reiche war das Königreich von Saba mit seiner Hauptstadt Marib. Ob die vielzitierte Königin von Saba je gelebt hat (und wenn ja, ob im Jemen oder in Äthiopien), ist bis heute umstritten.
Bei ihrem Besuch in Jerusalem soll die schöne Sabäerin König Salomo zentnerweise Gold, Balsam und Edelsteine geschenkt haben, heißt es im Alten Testament. Auch im Koran wird sie erwähnt, ebenso wie der berühmte Staudamm von Marib, der als größtes technisches Bauwerk und "Wunder von Arabien" galt.
Die sabäische Götterwelt orientierte sich an den Gestirnen. Der Mondgott war der höchste unter ihnen, dann folgten die Sonnengottheit Schams (noch im modernen Arabisch das Wort für Sonne) und der Venusgott Attar. Um die Götter günstig zu stimmen, wurden ihnen Tier- und Trankopfer gebracht. Es ging um Buße und Reue - man flehte um Vergebung für Verfehlungen, auch um Gesundheit und eine reiche Ernte.
Als "Araber" verstanden sich die Träger dieser hochentwickelten Kultur nicht. Diesen Stempel drückten ihnen erst die Griechen um 500 v. Chr. auf: Seit der Umsegelung Arabiens durch einen Admiral Alexanders des Großen dehnten sie die geografische Bezeichnung "Arabien" auf die gesamte Halbinsel aus; damit wurden für sie auch die Bewohner Altsüdarabiens Araber.
Der Begriff "Aribi" taucht erstmals in Inschriften aus dem 9. Jahrhundert auf - die Nachbarn Nordarabiens, wie Assyrer und Hebräer, bezeichneten damit die Nomaden, die auf ihren Kamelen den Assyrern als Hilfstruppen dienten. Auch im Alten Testament kommen Araber allgemein als "Wüstenbewohner" vor.
Den größten Teil der Halbinsel mit seinen riesigen Wüsten und Steppengebieten nannten die Römer "Arabia deserta". In den nördlichen Wüstensteppen lebten semitische Nomaden, die ihren Unterhalt mit Viehhaltung, Pferdezucht und Raubzügen bestritten - im Arabischen heißen sie "Beduinen" (von arab. Badija, "Wüste"). Landwirtschaft war nur in Oasen möglich. Bauern pflanzten dort Dattelpalmen, Pfirsich- und Zitronenbäume und bauten Getreide an. In den größeren Oasen entwickelte sich städtisches Leben mit Handwerk, Handel und regelmäßigen Märkten.
Die antike Gesellschaft Nordarabiens unterschied sich von der Altsüdarabiens: Hier existierten Stadtkultur, Landwirtschaft und Nomadentum in einer engen Wechselbeziehung. Die Nomaden lieferten Milch, Fleisch, Felle, Häute und Wolle, dazu Reit- und Lasttiere. Im Tausch erhielten sie Produkte des täglichen Bedarfs. In der Hierarchie der Beduinen standen die Kamelnomaden und Pferdezüchter an der Spitze. Sie blickten auf die sesshaften Bauern und Städter herab und priesen ihre Ideale: Ehre, Stolz, Freiheitsliebe und Gastfreundschaft.
"Die Sesshaften sind in ihrem Wohlleben erschlafft, ihr Charakter ist verdorben; bei den bescheiden lebenden Beduinen dagegen haben sich Tugend und Manneszucht erhalten", schreibt noch Ibn Chaldun, der große arabische Historiker des 14. Jahrhunderts.
Vor allem in Krisenzeiten kam es zu handfesten Konflikten: Bei Dürren oder politischen Wirren griffen die Nomaden die sesshafte Bevölkerung an oder überfielen Handelskarawanen - das Wort "Razzia" stammt aus dem Arabischen. Die Oasenbauern ihrerseits versuchten oft, ihre Anbaugebiete auf Kosten der Nomaden zu erweitern.
Sowohl die Beduinen als auch die Städter und Bauern waren in Stämmen organisiert, die sich aus Familien und Clans zusammensetzten. Ein Stamm konnte einige hundert bis zu vielen tausend Menschen umfassen. Verbunden fühlten sie sich durch den gleichen arabischen Dialekt und durch ihre gemeinsame Abstammung, die sie auf einen oft legendären Stammvater zurückführten. Zentral für den Zusammenhalt eines Stammes waren jedoch die wirtschaftlichen Interessen. Der Scheich führte den Stamm, bei Streitigkeiten bemühte man oft geachtete Männer als Schlichter: Auch der Prophet Mohammed übernahm diese Rolle, als er in die Oasenstadt Jathrib (Medina) übersiedelte.
Nur selten schlossen sich arabische Stämme zu größeren und dauerhaften Bündnissen zusammen. Eine Ausnahme war das Königreich der Nabatäer, deren Hauptstadt Petra zu großer Blüte gelangte. Sie beherrschten den Fernhandel von Ägypten bis zum Zweistromland - bis das Reich 106 n. Chr. zur römischen Provinz "Arabia Petraea" wurde. Auch der Stamm der Kinda konnte für zwei Jahrhunderte im heutigen Saudi-Arabien ein Nomadenkönigreich errichten (bis 528 n. Chr.).
Das Recht orientierte sich in Nordarabien am "Brauch der Väter" (arab. Sunna). Es war nicht religiös begründet, so die Berliner Islamwissenschaftlerin Gudrun Krämer: "Das Recht beruhte auf dem Grundsatz von Schädigung und Entschädigung, sprich: Vergeltung, Blutrache und Blutgeld." Eine übergeordnete Obrigkeit gab es nicht - der Einzelne war auf den Schutz der Familie oder des Clans angewiesen. In ihrer überaus reichhaltigen Sprache mit einer Vielzahl an Dialekten sieht Krämer die "größte kulturelle Leistung der vorislamischen Araber".
Von der Religion der Beduinen und Oasenbauern ist, anders als in Altsüdarabien, wenig bekannt. Sie beschränkte sich wohl auf die Verehrung von heiligen Steinen und Bäumen, die man als Verkörperungen männlicher und weiblicher Naturgottheiten auffasste. Wesentlich war der Glaube an Geister und Dämonen (arab. Dschinn). Wahrsager versuchten, mit dem Losorakel die Zukunft zu deuten.
Seit dem 1. Jahrhundert n. Chr., vor allem aber im 4. Jahrhundert, ließen sich Juden und Christen auf der Halbinsel nieder, eingewandert über Syrien oder Äthiopien. Größere jüdische Gemeinden entstanden, in Medina herrschten Juden sogar zeitweise über die Araber. Einige arabische Stämme traten zum Christentum über, im Süden verbreitete sich die Religion stark im Königreich Himjar, das dem Reich der Sabäer folgte.
Der Niedergang des einst so glänzenden Altsüdarabien hatte da bereits begonnen. Die Entdeckung der Monsunwinde sowie die ptolemäisch-ägyptische Erschließung des Seeweges durch das Rote Meer hatten das jemenitische Handelsmonopol beendet und den Verfall der alten Hochkulturen eingeleitet. Ende des 6. Jahrhunderts, so der Berner Alttestamentler Axel Ernst Knauf, brach die altsüdarabische Zivilisation gänzlich zusammen, der Jemen wurde nun von nordarabischen Beduinen "arabisiert". Mekka stieg neben Jathrib zur bedeutendsten Handelsstadt der Halbinsel auf, zentral auch als Wallfahrtsort mit der Kaaba, an der Hunderte von Götterstatuen aufgestellt waren; verehrt wurden auch drei weibliche Gottheiten.
Längst strahlten nun im Norden glanzvolle Reiche, vor allem das der Lachmiden mit der Hauptstadt Hira im heutigen Südirak, das von christlichen Nestorianern und iranischen Mazdaisten geprägt war.
Hier entwickelte sich vom 4. Jahrhundert an eine Frühform der arabischen Schrift, hier lag auch ein Zentrum altarabischer Dichtkunst. Die am höchsten geschätzte Gedichtform war die Ode, die stets mündlich vorgetragen wurde. Die Dichter priesen das beduinische Leben, die Solidarität und Tapferkeit ihres Stammes, besangen die Vergänglichkeit.
Beduinen wie Städter liebten die Poesie, und die altarabische Dichtung wurde zu dem einheitsstiftenden Element Arabiens. Erst durch sie bildete sich im 3. und 4. Jahrhundert eine gemeinsame nordarabische Hochsprache heraus - und das unbestimmte Gefühl einer arabischen Einheit. Der lachmidische König Imru al-Kais war der Erste, der sich 323 n. Chr. selbst als "Araber" bezeichnete: Seine Grabinschrift preist ihn als "König aller Araber".
Doch erst der Islam sollte die heterogene Bevölkerung Arabiens einen - sowie den Sieg über die angrenzenden Großmächte Byzanz und Sasanidenreich erringen, denen es nie gelungen war, in Arabia Fuß zu fassen.
Von Claudia Stodte

SPIEGEL GESCHICHTE 3/2011
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