31.05.2011

Versiegelte Zeit

350 Millionen Menschen auf der Welt sprechen Arabisch, das einst globale Bildungssprache war. Durch den Koran gilt es als sakral und unantastbar - verhindert das eine zeitgemäße Auffrischung?
Als sich der Islam im 7. Jahrhundert zur Großmacht aufschwang, bekamen die spätantiken Mächte auch sprachlich Konkurrenz. Mit der Ausbreitung des Islam in den Mittelmeerraum und nach Mesopotamien wurde Arabisch die vierte große Kultursprache der spätantiken Welt. Diese war bisher von Griechisch, Latein und Syrisch-Aramäisch beherrscht.
Der Siegeszug der arabischen Sprache war zunächst nicht abzusehen. Unter den "semitischen Sprachen", zu denen Arabisch gehört, waren andere politisch und literarisch viel erfolgreicher gewesen: Babylonisch oder Akkadisch etwa, die Sprachen der altmesopotamischen Großreiche, oder Aramäisch, das danach jahrhundertelang die überregionale Verkehrssprache des Nahen Ostens war und wohl auch von Jesus gesprochen wurde; ganz zu schweigen vom Hebräischen, der Sprache des bedeutendsten literarischen Monuments des Nahen Ostens, der Bibel.
Das Auftreten der Araber ist zwar schon etliche Jahrhunderte vor Christus nachgewiesen. Aber über ihre damalige Sprache ist kaum Genaues bekannt, da sie keine nennenswerten schriftlichen Spuren hinterlassen haben. Es gibt nur vereinzelte Inschriften wie etwa der Nabatäer, die die sagenhafte Felsenstadt Petra im heutigen Jordanien schufen. Selbst aus dem zeitweise überregional bedeutsamen Südarabien, wo die legendäre Königin von Saba geherrscht haben soll, sind nur wenig aussagekräftige schriftliche Zeugnisse überliefert.
Die weitaus wichtigste Dokumentation der vorislamischen arabischen Sprache besteht in einem umfangreichen Schatz von Gedichten, deren älteste aus dem 6. Jahrhundert stammen. Lange Zeit wurden sie nur mündlich überliefert, erst im 9. Jahrhundert niedergeschrieben.
"Eine zarte Traumgestalt hielt mein Auge schlaflos, sie umschwebte mich, während die Karawane in der Wüste Jusur lagerte", heißt es etwa bei einem Dichter des 7. Jahrhunderts. Die westliche Wertschätzung schwankt zwischen Bewunderung für die "Kraft und Schönheit der Wüstenpoesie" und Überdruss angesichts der Monotonie der Themen. Doch diese Dichtung ist kein arabisches Exotikum, sondern weist enge Verbindungen zur vorislamischen hellenistischen Literatur auf. Gemeinsam ist ihnen vor allem die Trauer über die Vergänglichkeit menschlichen Lebens. Zugleich preist sie den Genuss weltlicher Freuden. Eingekleidet in die Rede beduinischer Helden, die ein heroisches Weltbild verkörpern, ist sie in manchem Detail mit den homerischen Epen verwandt.
Obwohl der Koran bestrebt gewesen war, das heidnische Erbe zu tilgen, konnte sich mit der Dichtung doch ein Stück heidnischer Welt noch Jahrhunderte nach Mohammeds Missionierung auf der Arabischen Halbinsel halten. Der Koran selbst ist nicht zuletzt eine Auseinandersetzung mit dieser Dichtung und ihrem Weltbild, er ist vor allem in ihrer Sprache gehalten.
Denn die von den nordarabischen Stämmen mündlich tradierte Dichtkunst hatte lange vor Mohammed eine Dichtersprache hervorgebracht, die sich als ideales Medium für die neue Botschaft erwies. Dafür mussten die diesseitigen Ideale der heroischen Dichtung mit ebenso raffinierten sprachlichen Mitteln allerdings durch neue ersetzt werden, mit denen der Gläubige bei seiner Rechenschaft beim Jüngsten Gericht bestehen konnte. Mehrfach betont wird im Koran, dass nach den alten Offenbarungsschriften der Juden und Christen mit ihm nun eine göttliche Botschaft "in deutlicher arabischer Sprache" gekommen sei.
Über Mohammeds eigenes Arabisch ist viel spekuliert worden. Als Mekkaner dürfte er den hedschasenischen Dialekt gesprochen haben, bei dem bestimmte Laute von der späteren Hochsprache etwas abweichen. Ob seine Verkündung aber Spuren dieses Dialekts aufgewiesen hat, lässt sich nicht beweisen.
Auch die in jüngerer Zeit aufgestellte These, der Koran basiere auf einer arabisch-aramäischen Mischsprache und sei erst im Nachhinein in die hocharabische Form überführt worden, ist angesichts der frühen schriftlichen Dokumentation des Textes nicht aufrechtzuerhalten: Die ältesten Koranhandschriften enthalten bereits den Konsonantentext, wie er uns vorliegt. Angesichts der kurzen Zeitspanne zwischen dem Tod Mohammeds 632 und der Entstehung dieser Handschriften etwa 30 Jahre später ist eine nachträgliche Veränderung so gut wie ausgeschlossen.
In der koranischen Verkündung ist das Arabische als Sprache der letztgültigen Offenbarung bezeugt. Dieser Rang spiegelt sich in den - auch im Vergleich zum Judentum und Christentum - ungewöhnlich intensiven und nachhaltigen Bemühungen, den Text in seiner Urform zu erhalten. Die daraus im 9. Jahrhundert hervorgegangene Lehre von der sprachlichen Unnachahmlichkeit des Koran hat - anders als im Fall der Bibel - dessen Übersetzung in andere Sprachen vereitelt. Arabisch konnte als Kultsprache daher auch nicht durch die Muttersprachen der Muslime anderer Sprachräume ersetzt werden.
Dies trug entscheidend dazu bei, dass sich bei den Arabern in besonderer Weise ein an die Sprache gebundenes kulturelles Selbstbewusstsein entwickelte. Es war diese hochentwickelte Sprachkultur, die zusammen mit dem Koran selbst in den folgenden Jahrhunderten das Rückgrat der universellen islamischen Bildungswelt darstellen sollte.
Das Fundament für den Vorrang des Arabischen legte nicht die Machtübernahme der Araber in den eroberten Gebieten, sondern erst die dort entstehende neue Kultur. Einige ihrer Herrscher träumten von einem arabisch-islamischen Reich, das an die Stelle des alten Sasanidenreichs und der byzantinischen Herrschaft treten sollte.
Einen solchen Ehrgeiz hatte der Umajjade Abd al-Malik (685 bis 705), der vierte Kalif der ersten arabischen Dynastie von Damaskus. Die Eroberungsfeldzüge, die noch unter den ersten "rechtgeleiteten" Kalifen von Medina aus begonnen worden waren, hatten zwar bereits zur Einnahme der Hauptstadt des persischen Sasanidenreichs samt Mesopotamien geführt wie auch der byzantinischen Provinzhauptstadt Damaskus, 638 schließlich auch von Jerusalem und ab 641 von Ägypten. Aber die Eroberungen konnten nur dauerhaft Bestand haben, weil stets sofort religiöse Zentren eingerichtet wurden und eine eigene neue Verwaltung.
In einer Welt, deren Wertmaßstäbe und Ordnungsvorstellungen in der Religion verankert waren und in der die Bedeutung der großen Kultursprachen von ihren Glaubensgemeinschaften abhing, bedurfte es von Anfang an der Synergie religiöser und politischer Macht. Der Bau des Felsendoms in Jerusalem 691 und der großen Moschee im gerade gegründeten ägyptischen Fustat belegen den frühen Anspruch, den Islam und mit ihm die arabische Kultsprache an die Stelle der griechisch-, syrisch-aramäisch- und koptischsprachigen christlichen Dominanz zu setzen.
Ebenso rasch vollzog sich der Siegeszug durch die nordafrikanischen Küstengebiete, der ebenfalls mit der Gründung neuer religiöser Zentren einherging. Das bedeutendste, Kairouan im heutigen Tunesien, entstand um 670. Dabei mussten die traditionsreichen Bischofssitze in der Region - der Kirchenvater Augustinus war von 396 bis 430 Bischof von Hippo Regius im heutigen Algerien - und mit ihnen die lateinische Sprache bald einer neuen Kultur weichen.
Im Laufe dieser Eroberungszüge, die erst 732 bei Tours und Poitiers zum Stillstand kamen, schufen die Araber in Spanien die Grundlage für eine arabischsprachige, aber ethnisch und kulturell höchst vielfältige Kultur: die andalusische. Nachdem die Umajjaden-Dynastie in Damaskus 750 ausgeschaltet und durch die von Bagdad aus regierenden Abbasiden ersetzt worden war, verlagerten sich die Machtzentren, was nachhaltige kulturelle Folgen hatte.
Unter arabischer Herrschaft in Spanien entstanden nicht nur maßgebliche Werke islamischer Theologie sowie arabischer Prosa und Dichtung. Auch bedeutende jüdische Literatur wurde außer auf Hebräisch in arabischer Sprache geschrieben. Gleichzeitig erlebte die arabische religiöse wie säkulare Literatur auch in dem von Bagdad aus beherrschten Osten eine Hochblüte.
Nun schrieben auch Gelehrte aus anderen Kulturen Arabisch. Sie sorgten zudem dafür, dass die wichtigsten literarischen Zeugnisse ihrer Sprachkulturen ins Arabische übersetzt wurden, was der Kalifenhof zeitweise intensiv förderte. Um 1200 lag daher das gesamte Schrifttum der griechisch-hellenistischen gelehrten Bildung auch in arabischer Sprache vor.
Dass dabei so viel mehr literarische und gelehrte Werke entstanden als zur gleichen Zeit im westlichen Abendland, lag nicht nur an der Größe des Gebiets von Spanien bis ins heutige Afghanistan und von der Mittelmeerküste bis in den Jemen. Viel ausschlaggebender war im 8. Jahrhundert eine mediale Revolution: Papier, dessen Herstellung in China entwickelt worden war und sich nun im arabischen Raum verbreitete, war erheblich leichter herzustellen und billiger als das im Abendland benutzte Pergament. Dadurch konnten auch Werke publiziert werden, die nicht vom Staat oder von Mäzenen gefördert wurden. Mehrere hunderttausend Handschriften wurden so veröffentlicht.
Die bereits seit dem 11. Jahrhundert erodierende Kalifatsherrschaft fiel 1258 vollends dem Mongolensturm zum Opfer. Damit schrumpfte die weitestgehend von arabischer Bildung geprägte Welt - übrig blieb schließlich nur ein Gebiet, das im Wesentlichen den heutigen arabischen Ländern entspricht.
In den östlichen Provinzen, die nun unter der Kontrolle zumeist turkstämmiger Herrscher standen, setzte sich das Neupersische immer mehr durch. Persische Dichtung, bis dahin nur lokal gepflegt, trat neben die arabische, und Persisch wurde die Verwaltungssprache der iranischen und weiter östlich gelegenen Provinzen. Im 13. Jahrhundert erlebten die Christen Mesopotamiens eine "postmongolische Renaissance" ihrer syrisch-aramäischen Sprache und Literatur.
Noch deutlicher war die Abkehr vom Arabischen in Spanien, wo eine säkulare hebräische Literatur der Juden neu erstand. Wichtige, in arabischer Sprache entwickelte literarische Gattungen wie die Liebesdichtung, der Schelmenroman und die Epistel wurden in der wiederentdeckten hebräischen Muttersprache reproduziert. Mit der Reconquista fiel Spanien 1493 endgültig an die Christen, und die arabische Kultur im Land erlosch. Seinen Rang als alleinherrschende Bildungssprache weiter Regionen des Islam verlor das Arabische also bereits in der Vormoderne - in erster Linie wohl deshalb, weil es sich nicht überall als Umgangssprache hatte durchsetzen können. Eine "Nationalsprache", in der Umgangs- und Bildungssprache identisch sind, konnte in einem Vielvölkerstaat wie dem Bagdader Kalifat ohnehin nicht entstehen. Nach dessen Zerfall gewannen in allen Bereichen außerhalb der Theologie die Regionalsprachen die Oberhand.
In den arabischsprachigen Kernländern hingegen - Arabien, Irak, Syrien, Jemen, der Golfregion, Ägypten und dem Maghreb - blieb Arabisch als Bildungs- und Schriftsprache ungeschmälert erhalten. Hier erlebte das Arabische im Verlauf des 19. und 20. Jahrhunderts eine Renaissance, die es zur modernen Hochsprache der arabischen Nation formte.
Durch die Expansion des Druckwesens, später durch Rundfunk, Film und Fernsehen drang das Hocharabische immer weiter vor. Nicht zuletzt konnten sich jetzt Frauen, die jahrhundertelang von der Außenwelt abgeschirmt lebten, öffentlich einbringen. Schriftstellerinnen traten bereits während der "Nahda", der sogenannten arabischen Renaissance, Ende des 19. Jahrhunderts auf.
Intellektuelle, die in europäischen Sprachen gebildet waren, und vor allem von der ägyptischen Regierung entsandte Studienmissionen trieben um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert die geistige Auseinandersetzung mit europäischen Ideen, auch mit europäischer Macht- und Kolonialpolitik an. Dabei erkannte man die Notwendigkeit, die eigene Sprache zu einem Instrument modernen Denkens zu schärfen. Es galt, die kulturelle Identität zu wahren, andererseits aber auch den Anschluss an die Entwicklung der übrigen Welt zu finden.
In mehr als 20 Staaten mit gut 350 Millionen Menschen ist Hocharabisch heute Amtssprache. Vom klassischen Arabisch unterscheidet es sich grammatikalisch kaum, umso mehr aber im Stil. Aus dem Französischen oder Englischen wurden viele Lehnwörter übernommen, wie etwa futbol, filim, dimuqrati oder akademi.
Die weitaus meisten Araber sprechen jedoch nicht Hocharabisch als Muttersprache, sondern Dialekte, die Regionalsprachen entsprechen. Sie unterscheiden sich zwar sehr, sind aber den jeweils anderen nicht völlig unverständlich.
Dabei bilden die Maghreb-Dialekte eine eigene Gruppe, während etwa der syrische, der libanesische und der palästinensische Dialekt der Hochsprache sehr nahestehen. Der ägyptische Dialekt ist vielen vertraut, weil er durch die lange von Ägypten stark monopolisierte Produktion von Kinofilmen und Fernsehdramen weite Verbreitung fand.
In der gesamten arabischen Welt klaffen allerdings hochsprachliche Norm und sprachliche Realität auseinander. Das klassische Arabisch gilt noch immer als unantastbar, es gibt keine offizielle neuarabische Grammatik. Gleichwohl weicht das in der Literatur und in den Medien gebrauchte Arabisch vielfach von den klassischen Regeln ab - was als gängige Praxis toleriert wird.
Die klassische arabische Kultur als das alle Araber einende Band gilt als Ideal, doch die Realität ist ganz anders. Europäische Kritiker haben diesen Zustand als Zeichen der Stagnation, als Ausdruck einer "versiegelten Zeit" (so der Historiker Dan Diner) beschrieben. Die arabische Sprache erscheine als unantastbar, weil sie den Anspruch auf Sakralität erhebe.
Auch arabische Schriftsteller sehen ein höchst problematisches Erbe darin, dass die Alltagssprache, die mit frommen Formeln durchsetzt ist, und mehr noch die Hochsprache unterschwellig religiöse Normen vermitteln. Moderne Autoren wie der Libanese Raschid al-Daif wollen die arabische Sprache deshalb entmythisieren. So greift Daif etwa die stark von männlichen Idealen beherrschten Formulierungen in literarischen Texten an, vor allem aber das Tabu, über Sexualität zu reden. Er tut es demonstrativ, wie schon seine Buchtitel verraten: "Ich nenne die Dinge beim Namen" oder "Die Verschwulung der Welt".

Die Professorin für Arabistik an der Freien Universität Berlin, 67, erforscht unter anderem die Geschichte des Koran und die moderne arabische Literatur der Levante.
Von Angelika Neuwirth

SPIEGEL GESCHICHTE 3/2011
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