31.05.2011

Licht aus dem Osten

Arabiens Wissensschätze haben Europas geistige Welt im Hochmittelalter entscheidend verändert: mit Lehrbüchern für Ärzte, mit Naturwissenschaft, vor allem aber durch kühne, aufklärerische Philosophie.
Was war so erstaunlich an dem Seehändler, der da um 1075 im italienischen Hafen Salerno einlief? Machte sein Sprachtalent Eindruck, oder waren es die erlesenen Kräuter seiner Fracht? Hatte er wundersam hilfreiche Rezepturen dabei? Irgendwie jedenfalls verblüffte er die Gelehrten des Ortes mit ärztlichem Fachwissen - so sehr, dass sie den weitgereisten Mann zu bleiben baten.
Sie sollten es nicht bereuen. Der arabische Pflanzenexperte ließ sich auf den Namen Constantinus Africanus taufen, wurde gar benediktinischer Laienbruder und begann, arabische Medizinliteratur ins Lateinische zu übersetzen. Zwei umfangreiche Handbücher und ein kürzeres Übersichtswerk brachte er hervor; außerdem entstanden Einzelstudien: zur Fieberlehre und zum Puls, über Depressionen, Augenkrankheiten und Bauchleiden.
Für Salerno, die junge Hochburg der Heilkunde, kam die Informationsspritze aus der muslimischen Welt wie ein Wunder. Endlich konnten Ärzte nachlesen, wozu Galen, der legendäre Meisterdoktor aus der römischen Kaiserzeit, wirklich riet und wie arabische Experten sein Lehrgebäude ausgebaut hatten. Constantinus, der bald eine Klause im nahen Kloster Monte Cassino beziehen durfte, wurde als "Weiser von Orient und Okzident" und "neu erglänzender Hippokrates" gefeiert.
Als er 1087 starb, setzten jüngere Fachleute sein Werk zwar in Kommentaren fort, aber geistiger Nachschub aus Arabien fehlte fürs Erste. Neue Kontakte entstanden seit etwa 1130 in ganz anderer Umgebung: mitten auf der iberischen Halbinsel, in Toledo. Hier, nahe der umkämpften Grenzzone von muslimischer und europäischer Kultur, bot sich die Chance, das überlegene Wissen der Araber gründlich zu erkunden, keineswegs nur in der Medizin.
Ein ganzes Team von Spezialisten um die Italiener Gerhard von Cremona und Dominicus Gundissalinus stürzte sich nun auf arabische Handschriften, die sie so wörtlich wie möglich ins Lateinische brachten. Weit über ein Jahrhundert lang lösten sich die fleißigen Übersetzer ab. Was sie zutage förderten, machte unauslöschlichen, ja epochalen Eindruck.
Da hatte Plato von Tivoli, ein Experte für Mathematik und Himmelskunde, anfangs mit großem Recht gewettert, auf Latein gebe es kein einziges gescheites Kompendium für Astronomie, "nur Narrheiten, Träume und Altweibergeschichten". Jetzt standen die lang vermissten Grundlagenbücher bereit: Das Œuvre des Erd- und Himmelskundlers Ptolemaios, die Standardwerke der Mathematik-Gründerväter Euklid und Archimedes, auch große Portionen aus dem reichen Werkkatalog Galens. All diese antiken Schätze waren in arabischer Fassung erhalten.
Nicht minder imponierte, was die Araber selbst geleistet hatten: Gabir Bin Aflah und al-Chwarismi in der Mathematik, Alhazen in der Optik, Abu al-Kasim in der Medizin, das waren nur die wichtigeren Namen. Ganz obenan stand der persische Arzt und Universalgelehrte, den man lateinisch Avicenna nannte: Abu Ali al-Hussein Ibn Sina, 1037 nach bewegtem Leben in Hamadan gestorben, ein wahrer Fürst der Wissenschaften.
Natürlich hatte Avicenna für seine enzyklopädischen Bücher nicht bei null angefangen; vielfach berief er sich auf Aristoteles, den Patriarchen empirischer Forschung im alten Athen. Goldgräberstimmung muss unter den Übersetzern von Toledo aufgekommen sein, als sie in den arabischen Großbibliotheken auch Übersetzungen eines Großteils der erhaltenen Werke des Aristoteles selbst fanden.
Bei orientalischen Gelehrten hieß der Weise, der als Lehrer Alexanders des Großen legendär geworden war, oft einfach "der Philosoph". Mit Recht: Was immer Aristoteles über Politik und Tierkunde, Seelenlehre, Himmelsbau und viele weitere Wissenszweige zusammengetragen hatte, alles sollte sich zu einem Gefüge ordnen, das auf klaren philosophischen Grundlagen fußte.
Das Anfänger-Lehrbuch hierüber, die sogenannten "Kategorien", war den Intellektuellen Europas lange vertraut. Nun aber kam nicht nur Aristoteles' Lehrbuch über logische Schlüsse dazu, sondern vor allem seine Metaphysik, eine bis zur Vertracktheit dichte Abhandlung über die Grundbegriffe des Denkens. Zu allem Überfluss hatte eine ganze Schar arabischer Autoren kluge Bemerkungen und Einsprüche beigesteuert.
"So etwas wie die Aufklärung im Mittelalter" nennt der Mainzer Philosophie-Historiker Kurt Flasch die Folgen des enormen Wissenszustroms für das Abendland. Das ist eher noch untertrieben. Denn Europas Theologen, die sich bislang meist an den Lehren des Kirchenvaters Augustinus orientiert hatten, konnten nicht leugnen, dass Aristoteles und seine arabischen Kommentatoren vielfach überzeugender argumentierten - und in ganz anderer Richtung.
Naturkundlern machte das nichts aus; bei profaner Weltkenntnis ging es ja vor allem um Genauigkeit. Den Hohenstaufen-Kaiser und Wissenschaftsfreund Friedrich II. zum Beispiel, der im sizilischen Palermo selbst an einem Kreuzungspunkt gelehrter Traditionen regierte, reizten vor allem biologisch-physikalische Fachkenntnisse. Um 1230 engagierte er Michael Scotus, einen der Besten aus dem Team von Toledo, der am Hof prompt eine Übersetzerwerkstatt gründete. Friedrich selbst konnte sogar die vorher unzugängliche "Mechanik" des Aristoteles studieren und für sein grundgelehrtes Buch über Falken und die Falknerei in Avicennas Tierkunde nachschlagen.
Aristoteles habe "allen Suchenden den Weg der Wahrheit geöffnet", jubelte 1159 der belesene John von Salisbury. Ihm wie praktisch allen anderen Meisterdenkern, etwa später Albertus Magnus, galt Aristoteles als Lichtgestalt echten, umfassenden Wissens - und mit ihm ein Araber, der bienenfleißig und gleich in drei unterschiedlich dicken Versionen die aristotelischen Schriften erläutert hatte: Abu al-Walid Mohammed Ibn Ruschd, lateinisch: Averroes. Unter Insidern hieß der verblüffend rationalistisch argumentierende Mann aus Córdoba schlichtweg "der Kommentator".
Averroes hielt Aristoteles für "eher göttlich als menschlich", für einen Superhelden: "Er hat die Wissenschaften (Logik, Metaphysik und Physik) vollendet, denn keiner seiner Nachfolger hat bis heute, das heißt während 15 Jahrhunderten, seinen Schriften etwas hinzufügen oder in ihnen einen bedeutenden Irrtum finden können."
Abendländische Forscher, die seinen Enthusiasmus teilten, begaben sich damit auf heikles Terrain: Wie ließen sich Lehren, die von antiken Heiden wie Aristoteles und Muslimen wie Averroes verkündet worden waren, überhaupt mit der christlichen Doktrin vereinbaren? Ging es um Grundsätzliches, empfanden Kirchenobere geradezu eine Pflicht, bösen Anfängen zu wehren: Schließlich waren die Märtyrer von Heiden umgebracht worden, und weiterhin kämpften Kreuzfahrerheere meist gegen Araber.
Verkündete nun beispielsweise ein Medizinexperte, der ausgerechnet an der römischen Kurie arbeitete, nach antiken Vorbildern: "Die Welt ist Gott", dann widersprach das eklatant der Schöpfungslehre und untergrub so die kirchliche Autorität.
1210 beschloss die Synode von Paris, Europas wichtigster und regster Universitätsstadt, dass weder die naturphilosophischen Schriften des Aristoteles noch Kommentare dazu gelesen werden dürften, sowohl vom Hörsaalkatheder als auch privat. Wer es dennoch tue, werde exkommuniziert - keine leere Drohung zu einer Zeit, da man überall Ketzer witterte.
Über Jahrzehnte hielt sich der Erlass, freilich eher auf dem Papier als in der Praxis. Denn längst war allen Klügeren klar: Ignorieren konnte man, was aus Arabien kam, allenfalls zum eigenen Schaden. Und 1255 vollzog sich dann, wiederum in Paris, die historische Kehrtwende: Fortan war das Aristoteles-Studium nicht bloß erlaubt, sondern zwingend vorgeschrieben.
Jetzt konnten Koryphäen wieder arbeiten, zum Beispiel der große Kirchenlehrer Thomas von Aquin, der mit immenser Quellenkenntnis den Bau der Theologie von Grund auf neu zu errichten begann, aber auch der Oxforder Naturforscher und Philosoph Roger Bacon und andere. Von der Wissenschaftstheorie bis hin zu verästelten Fragen nach Wesen und Sein oder den feinen Unterschieden zwischen Seele, Geist und Intellekt begannen die Scholaren nun europaweit verblüffend offen zu disputieren.
Um sich doch noch mit dem Klerus anzulegen, musste man schon sehr undiplomatisch sein wie der brillante Siger von Brabant. Er leugnete in seinen Aristoteles-Kommentaren entgegen aller Kirchenlehre die Vorsehung und den freien Willen - und wurde vor den Inquisitor zitiert. Die meisten übrigen Forscher studierten dankbar den Schatz von Einsichten aus der arabischen Welt, ließen sich oft zu eigenständigen Thesen anregen und überwanden so fast unbemerkt den überkommenen Buch- und Autoritätenglauben.
Wie weit dieser Weg führte, zeigt ausgerechnet ein Werk herber Analyse, geschrieben um 1460: Die "Sichtung des Korans" von Nikolaus von Kues.
Gestützt auf die über 300 Jahre zuvor entstandene lateinische Standardübersetzung, nahm sich der als Kirchendiplomat weit herumgekommene Kardinal das Buch des Propheten Mohammed genauestens vor. So deutlich er sich von dem "gänzlich verworrenen" Opus aus Arabien distanzierte, so häufig fand er auch verständnisvolle Worte.
"Moses beschrieb einen Weg" zu Gott, heißt es da beispielsweise; "Christus erleuchtete und vollendete ihn, und doch bleiben bis jetzt noch viele ungläubig. Mohammed bemühte sich, diesen Weg als leichteren zu beschreiben, damit alle, auch die Götzendiener, ihn annähmen" - was Nikolaus rundweg anerkennt. Führe der Koran dann in die Irre, geschehe das nicht böswillig, sondern nur durch Mohammeds "Unwissenheit".
Selbst den Bau des Buches, die eigentümlich abgeschlossene Gedichtform jeder Sure, nahm der christliche Denker ernst - noch ein Beleg dafür, wie viel Respekt er seinem Gegenstand zollte. Seit wenigen Jahren war Konstantinopel in osmanischer Hand; jetzt musste sich Europas Christentum auf seine Kernwerte besinnen. Aber ebenso ist in der Koran-Studie eine Hoffnung auf Verständnis zu spüren.
Ohne Zutrauen zur Vernunft der jeweils anderen Seite kann es das nicht geben. Nikolaus von Kues, der die "coincidentia oppositorum", die Einheit der Gegensätze, zum Leitwort seiner Philosophie gemacht hatte, baute auf die Kraft des Dialogs - auch weil er genau wusste, wie beschränkt sein Abendland ohne die umfassende geistige Infusion aus Arabien geblieben wäre.
Von Johannes Saltzwedel

SPIEGEL GESCHICHTE 3/2011
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