31.05.2011

Derwisch für Dänemark

Wie sah der Jemen um die Mitte das 18. Jahrhunderts aus? Der deutsche Forschungsreisende Carsten Niebuhr ging auf lange, beschwerliche Expedition - seine Beschreibung von Arabien setzte Maßstäbe.
Ja, auch das Fässchen musste inspiziert werden. Bitten und gute Worte nützten nichts: Schon flog der Deckel auf. Pfui Teufel, welch ein Mief! Skeptisch begannen die Zöllner in der Brühe herumzurühren, bis das Tönnlein auch noch umfiel. Sogleich verbreitete sich überall "Gestank von verdorbenen Fischen und Branntwein" - kein guter Start für einen Forschungsaufenthalt in Mokka, der bedeutenden Hafenstadt im Südwesten des Jemen.
Dabei hatte der junge Biologe Peter Forsskål nur ein paar ungewöhnliche Fische aus dem Roten Meer mitnehmen wollen, in Alkohol konserviert. Jetzt wurden er und die Reisegefährten argwöhnisch beäugt. Branntwein und Verfaultes, hier unter reinlichen Muslimen? Eine besondere Flasche enthielt gar tote Schlangen in Spiritus. Begreiflich, dass die Ordnungshüter nach solchen Entdeckungen nicht einmal das Bettzeug der dubiosen Gäste aus dem fernen Europa ungeprüft herausrücken wollten.
Erst ein "ansehnliches Geschenk" von 50 Dukaten habe nach mehreren Tagen das Misstrauen beschwichtigt, protokollierte Forsskåls Kollege, der Mathematiker Carsten Niebuhr, ein Bauernsohn aus Lüdingworth im Land Hadeln nahe der Elbmündung. Er tat es ohne beleidigten Unterton: Schließlich hatten die jungen Wissenschaftler - neben Forsskål und Niebuhr der Sprachkundler von Haven, der Arzt Cramer und der Zeichner Baurenfeind, dazu der Diener Berggren - schon so viel im Orient erlebt, dass kleinere Zwischenfälle sie nicht mehr nervös machten.
Vor mehr als zwei Jahren war die bestens ausgestattete Expedition im Auftrag der dänischen Krone abgesegelt, war durch das Mittelmeer über Konstantinopel bis Kairo gekommen. Nach längerem Aufenthalt dort hatte man nun, im Frühjahr 1763, damit begonnen, die legendäre, aber weiterhin fast unbekannte Region im Süden der Arabischen Halbinsel, "Arabia felix", zu erkunden.
Araber "lieben die Freiheit und wenige Worte", so viel war ihnen schon klar. Aufgeschlossen für die Landessitten und meist in ortsüblicher Kleidung, hatten sie, von Dschidda kommend, den nördlichen Teil der jemenitischen Küstenebene durchstreift, hatten Klima, Vegetation und Altertümer in Wort und Bild festgehalten und dabei manchmal beinah rührende Gastfreundschaft erfahren.
Vom Zeltbau ("gemeiniglich sieben oder neun Stäbe") und dem kaum vorhandenen Mobiliar ("Ein rundes Stück Leder ist der Araber Tischtuch") bis hin zum komplexen Nebeneinander vieler Stämme und Regionalherrscher wussten die Forscher inzwischen ganz gut Bescheid. Islamische Feste konnte der versierte Astronom Niebuhr kalendarisch sogar besser vorausberechnen als die Einheimischen.
Besonders faszinierten ihn die vielen verschiedenen Kopfbedeckungen der Morgenländer. Kawuk, Turban, der mit Laken und Lammfell überzogene Kalpak oder der kleinere Fez, das waren offenbar nur wenige Haupttypen in einer fast unüberschaubaren Fülle. An die 50 Varianten sammelte und beschrieb Niebuhr genauer. Frauen seien "ebenso viel, wo nicht mehr" auf ein modisches Äußeres bedacht als in Europa. Unübersehbar sei jedoch, dass der Gesichtsschleier für Musliminnen in der Öffentlichkeit das wichtigste Kleidungsstück darstelle: "Ein Engländer überraschte einmal eine Frauensperson, die sich bei Basra im Euphrat badete, und diese hielt nur die Hände vor das Gesicht, ohne sich darum zu bekümmern, was der Fremde sonst sehen möchte."
Am liebsten machten die neugierigen Europäer möglichst unauffällig ihre Beobachtungen. Während der Fahrt durch das Rote Meer nach Dschidda freilich hatte Niebuhr auf dem engen Schiffsdeck keine Wahl: Eine Sonnenfinsternis war angekündigt; nun wollten auch Kapitän und Kaufleute durch die rußgeschwärzten Gläser blicken. Als das Himmelsschauspiel eintrat, waren die umstehenden Araber "darüber sehr vergnügt" - und schlossen aufgrund ihrer eigenen Wissenschaftstraditionen, die astronomisch beschlagene Abordnung aus der Ferne sei wohl eine Gruppe exzellenter Ärzte. "Alle schienen auf einmal krank zu werden", bemerkte Niebuhr schmunzelnd.
Forsskål, eigentlich Arabist und Botaniker, gab harmlose Ratschläge wie "mehr oder weniger zu schlafen und bessere Diät zu halten". Als einer klagte, er sehe des Nachts so wenig, erhielt er den Tipp, doch vielleicht mal ein Licht anzuzünden - und alles begann zu lachen. Selbst in arabischem Humor schienen die Fremdlinge sich gut einfühlen zu können.
Völlig sorglos mochten sie sich an Land dennoch nicht bewegen. Man reise "allezeit bewaffnet", bemerkte Niebuhr, als er im März 1763, zünftig in Turban, Oberrock, Hemd, Hosen und Pantoffeln gekleidet, auf einem Mietesel durch die weite Küstenebene zog. "Mein Eseltreiber, der zugleich mein Wegweiser und Bedienter war und mir zu Fuß folgte, hatte außer seinem breiten Messer vor dem Leibe einen Säbel und einen Schild; andere arme reisende Araber haben statt des Säbels eine kleine Lanze oder ein kleines Beil." Essbesteck hingegen brauche man auf solchen Touren nicht.
Emsig trugen die fünf Experten Daten und Fakten zusammen, die lange vorhalten sollten - Niebuhrs Jemen-Karte zum Beispiel blieb für viele Jahrzehnte unerreichter Standard. Aber auch ganz alltägliche Lebensumstände interessierten sie: Bauholz etwa stellte in weiten Teilen des Landes eine Kostbarkeit dar; Trinkwasser für die Stadt Dschidda wurde mühsam mit Lasttieren von den Bergen herangeschafft. Als ein Feuer große Teile der Stadt Bait al-Fakih, Knotenpunkt und wichtiges Quartier der Wissenschaftler, vernichtete, zeigten die Einheimischen erstaunliche Ruhe: "Man hörte kein Heulen und Schreien auf den Straßen, und wenn man ihr Schicksal bedauerte, so antworteten sie: Es ist Gottes Wille."
Viel mehr blieb auch Niebuhr nicht zu sagen, als 1763 kurz nacheinander seine Kollegen von Haven und Forsskål an Malaria starben - beide noch vor dem letzten Ziel der Expedition im Jemen, dem Aufenthalt in der weiter nördlich gelegenen Residenzstadt Sanaa. Der mächtige Imam hatte in seinem Audienzsaal alle Männer seiner Familie und viele weitere Edle für den Empfang der weitgereisten "Derwische" zusammengerufen und nahm nun huldvoll deren Gruß entgegen. Bald darauf, bei der Stadtbesichtigung, entdeckte Niebuhr weit oben auf dem Kastell der Stadt eine alte deutsche Haubitze mit der Inschrift "Iorg Selos gos mich, 1513".
Auch diesen kuriosen Fund lässt er unkommentiert. Einfälle und Stimmungen hat der nüchterne Norddeutsche ohnehin kaum je festgehalten; zu wichtig war ihm wissenschaftliche Gründlichkeit, zu gut entwickelt wohl auch seine aufgeklärte Einsicht, dass fremde Sitten keineswegs von sich aus verwerflich seien. Und doch muss ihm die Fortführung seines Tagebuchs immer wieder schwer geworden sein. An Bord des Seglers, der sie von Mokka aus nach Indien bringen sollte, starben nach wenigen Tagen zwei weitere seiner Gefährten: der Bediente Berggren und der Zeichner Baurenfeind. Lapidar hieß es, nach je einem knappen Lebensresümee: "Beide Leichen wurden in die See geworfen."
Mit dem Glück des Standhaften, selbst nur knapp dem Tropenfieber entkommen, erreichte Niebuhr als Einziger des Teams 1767 wieder Kopenhagen. Nachdem er in Bombay auch Cramer hatte sterben sehen, gelangte er allein über Maskat und den Persischen Golf, Bagdad und Mossul ins syrische Aleppo, sah auf einem kurzen Abstecher Jerusalem und reiste dann über Konstantinopel und Warschau auf dem Landweg heim - nicht ohne in Göttingen Station zu machen. Dort nämlich lehrte Johann David Michaelis, der berühmte Alttestamentler und Orientalist, dessen Fragenkatalog die dänische Expedition seinerzeit überhaupt erst in Gang gebracht hatte.
Gewissenhaft machte sich Niebuhr sogleich an die Aufarbeitung der Resultate. Schon 1772 hatte er seine bahnbrechend genaue, mit vielen Kupferstichen angereicherte "Beschreibung von Arabien" fertig, zwei Jahre später den ersten Band seines Reiseberichts. Der fleißige, bedächtige Mann, der seit 1778 als Landschreiber in Meldorf amtierte, war zur Autorität in Sachen Morgenland geworden. Bis weit über seinen Tod 1815 hinaus sollte dieser Ruhm Bestand haben: Noch die Entzifferer der Keilschrift-Monumente von Persepolis konnten die sorgsamen Kopien nutzen, die Niebuhr während eines eiligen Ausflugs angefertigt hatte.
Auf Abenteuer war der vielgeprüfte Forscher niemals aus gewesen - daran wagte sich dann erst der Friese Ulrich Jasper Seetzen, dem es 1809 gelang, als Pilger verkleidet bis nach Medina und in den heiligen Bezirk von Mekka vorzudringen, was kurz darauf auch der Schweizer Jean Louis Burckhardt schaffte. Seither hat die Herausforderung von Wüstenklima, Felslandschaft und fremder Kultur noch viele waghalsige Extremtouristen angelockt.
In seiner Gründlichkeit und Unvoreingenommenheit aber ist Niebuhr nur von wenigen übertroffen worden. "Die Einwohner der Provinz Jemen oder des südlichen Teils von Arabien, welchen die Europäer gemeiniglich das glückliche Arabien zu nennen pflegen, waren schon in den allerältesten Zeiten gesittet und wegen ihres Handels mit den Auswärtigen berühmt" - von diesem ersten Satz seines Reiseberichts an ließ er respektvolle Sachlichkeit walten. "Ich war zufrieden, dass ich die Araber ebenso menschlich fand als andere gesittete Nationen", schrieb Niebuhr anderswo; entsprechend historisch-objektiv lesen sich bis heute seine Urteile.
Erst das imperiale 19. Jahrhundert, das die Welt in koloniale Interessensphären aufteilte, projizierte dann auf Arabien jenes widersprüchliche Gemisch aus der Magie von "Tausendundeine Nacht", Haremsphantasien und den Schrecken grausamer Despotie, das westliche Orientvorstellungen bis heute in Bann hält.
Von Johannes Saltzwedel

SPIEGEL GESCHICHTE 3/2011
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