31.05.2011

ORTSTERMINKollision der Kulturen

1798 marschierte die Orientarmee unter Napoleon Bonaparte in Ägypten ein. Die französische „Expedition“ weckte das Interesse der europäischen Mächte am Nahen Osten.
Die Franzosen haben sich wirklich Mühe gegeben. Haben Flaggen mit dem türkischen Halbmond neben der Trikolore gehisst, Soldaten in Revolutionsuniformen defilieren lassen und ein Feuerwerk abgebrannt. Und sie haben nicht nur einen großen Triumphbogen errichtet, um ihren Sieg zu feiern, sondern als Zeichen der Toleranz auch noch einen kleinen mit dem islamischen Glaubensbekenntnis der Besiegten.
Bei dem Fest am 22. September 1798 in Kairo war jeder Programmpunkt ein Symbol. Anfang Juli war die französische Orientarmee unter General Napoleon Bonaparte in Ägypten einmarschiert, hatte die einheimischen Truppen in der "Schlacht bei den Pyramiden" geschlagen und die Hauptstadt eingenommen. Nun sollte die Inszenierung auf dem Asbakija-Platz den Ägyptern die französische Herrschaft schmackhaft machen. "Der Geist der Freiheit, der die Republik seit ihrer Entstehung zur Schiedsrichterin Europas gemacht hat, weitet sich jetzt auf die entferntesten Länder aus", pries General Bonaparte seinen Eroberungszug.
Doch in Ägypten wusste kaum jemand von der Französischen Revolution, die Europa neun Jahre zuvor aufgewühlt hatte, und erst recht nicht von den politischen Ideen der Franzosen. Niemand habe verstanden, worum es bei dem Fest in Kairo eigentlich ging, schrieb der zeitgenössische Historiker Abd al-Rahman al-Gabarti. Als wenige Tage später der große französische Triumphbogen einstürzte, vermerkte er erleichtert: "Die Menschen sahen das als gutes Omen an."
Es lief nicht gut für Frankreich in Ägypten, obwohl die Nation Stärke demonstrierte wie nie zuvor außerhalb Europas: Mit 38 000 Soldaten war Bonaparte im Frühjahr 1798 von Toulon nach Ägypten übergesetzt, wollte das Land rasch einnehmen, um Frankreich den Handelsweg über das Rote Meer nach Indien zu öffnen. Dieser geopolitische Schachzug sollte Großbritannien einen schweren Schlag versetzen, denn die Großmacht kontrollierte die einträgliche Indienroute um Afrika herum. Am Nil und in Indien wollte Bonaparte französische Kolonien gründen, als Ersatz für verlorenen Überseebesitz in Amerika. Und weil man sich nach der Revolution von 1789 auch im Krieg ganz aufgeklärt gab, schrieb sich der 28-jährige General den Export der brandneuen westlichen Werte "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" auf die Fahnen. Er sah Ägypten als Wiege der Zivilisation, heruntergewirtschaftet durch die mamlukische Militärelite, welche die Provinz des Osmanischen Reichs regierte. Frankreich, so sein selbstherrlicher Plan, werde das Land wieder zivilisieren. Deshalb waren Wissenschaftler, Ingenieure und Künstler beim Feldzug dabei, um die Ägypter mit ihren Fähigkeiten zu beeindrucken, beim Aufbau einer Kolonie zu helfen und zu forschen.
Die Realität am Nil allerdings hatte mit Bonapartes Vorstellungen wenig gemeinsam: Die Einheimischen begrüßten die Franzosen nicht, wie erhofft, als Befreier von den Mamluken und ihren hohen Steuern, sondern leisteten Widerstand. Das Osmanische Reich, eigentlich Frankreichs Verbündeter, war über den Einmarsch in seine Provinz irritiert und erklärte den Krieg - zu fadenscheinig war Bonapartes Beteuerung, er wolle doch nur die Ordnung in dem von Hungersnöten und Machtkämpfen geschüttelten Land wiederherstellen. Am härtesten aber traf den ehrgeizigen Feldherrn, dass der britische Admiral Nelson die französische Flotte im August 1798 vor der Hafenstadt Abukir vernichtend schlug: Mit seiner Seeblockade schnitt Nelson den Franzosen Rückzug wie Nachschub ab.
Gerade noch hatte Bonaparte Schauspieler, Tänzerinnen und Schnapsbrenner in Paris geordert, jetzt jedoch musste er ohne Hilfe aus der Heimat eine Kolonie errichten. Mit Propaganda wie dem Fest auf dem Asbakija-Platz buhlte der General um die Sympathie der Ägypter, präsentierte sich gar als Freund des Islam. Die Religion sollte ihm helfen, das Land zu regieren, deshalb berief er Gelehrte der traditionsreichen Azhar-Universität in den "Diwan", den Rat, der an der Spitze der ägyptischen Verwaltung stehen sollte. Dass die Ratsherren allerdings eine Schärpe und eine Kokarde in den französischen Farben tragen sollten, behagte ihnen ebenso wenig wie die freigeistigen Äußerungen Bonapartes, der erklärte, die christlichen Dogmen lehne er ab. Zwar boten die Gelehrten den Franzosen schließlich an, sie als Herrscher über Ägypten zu akzeptieren, wenn sie zum Islam konvertierten - doch Bonaparte mochte seinen Soldaten Beschneidung und Alkoholverbot nicht zumuten.
Erstmals seit den Kreuzzügen trafen Europa und die arabische Welt so massiv aufeinander, erstmals wurden beiden Seiten die kulturellen und sozialen Unterschiede bewusst; Missverständnisse belasteten das Verhältnis. Rückständig und unzivilisiert fanden die Franzosen die Ägypter, verrückt und unzivilisiert fanden die Ägypter die Franzosen: "Wenn einen Franzosen die Natur überkommt, erledigt er sein Geschäft, wo immer er gerade ist, sogar wenn ihn andere sehen - und danach geht er einfach weg, ohne sich die Hände zu waschen. Wenn er ein Mann mit Geschmack und Kultiviertheit ist, wischt er sich den Hintern mit irgendetwas ab, das er gerade findet, sogar mit beschriebenem Papier", wetterte der Historiker Gabarti. Immerhin, die Rechtsprechung der Franzosen begeisterte ihn, ebenso Technik und Wissenschaft. Und die militärische Überlegenheit über die ägyptisch-mamlukischen Reiterheere war allzu offensichtlich.
Doch sie nutzte ihnen letztlich nichts, richtig Fuß fassen konnten die Franzosen in Ägypten nicht, nur in Kairo und im Nildelta sicherten sie ihre Herrschaft einigermaßen - durch harte Strafmaßnahmen gegen Aufständische, die den aufklärerischen Idealen hohnsprachen. 1799 versuchte Bonaparte, eine Blamage noch einmal abzuwenden, zog Osmanen und Briten in Syrien entgegen. Gaza und Jaffa nahm er ein, doch als er mit seinen von der Pest geschwächten Truppen an der Eroberung von Akkon scheiterte, machte er sich am 17. August heimlich nach Frankreich davon. Dort putschte er sich im November zur Alleinherrschaft. Französische Generäle hielten die Besatzung in Ägypten noch eine Weile mehr schlecht als recht aufrecht, 1801 gaben sie sich den Briten geschlagen, die mit osmanischen Verbänden ins Land einrückten.
Beseelt vom eigenen Überlegenheitsgefühl hatte Bonaparte die Gemengelage aus Interessen und Traditionen in Ägypten unterschätzt. Frankreich musste seine Ambitionen im Nahen Osten fürs Erste zügeln. Doch die Expedition an den Nil machte Europa die strategische Bedeutung Ägyptens bewusst und lenkte die kolonialen Gelüste der europäischen Großmächte auf die Region. Auch wenn sich durch die kurze Besatzung in Ägypten zunächst wenig veränderte, wertet der Nahost-Experte Juan Cole den Orientzug als Beginn einer neuen Epoche - auf beiden Seiten des Mittelmeers: "Bonapartes Expedition war der erste Versuch in der neueren Geschichte, eine orientalische Gesellschaft von Bedeutung in ein europäisches System einzugliedern." Es blieb nicht der letzte. Eva-Maria Schnurr
Von Eva-Maria Schnurr

SPIEGEL GESCHICHTE 3/2011
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