31.05.2011

Gertrude von Arabien

Eine reiche und exzentrische Engländerin half, den Irak zu gründen.
Schwerer Winterregen ging seit Tagen über Bagdad nieder, die Straßen verwandelten sich in Morast. In ihrem Haus inmitten eines Palmengartens saß Gertrude Bell und empfing Besucher, die sich zu ihr vorkämpften. Sie selbst setzte keinen Fuß in den Schlamm vor ihrer Tür.
Es waren anstrengende, herrliche Zeiten für die englische Lady, die Bagdad zu ihrer zweiten Heimat gemacht hatte. Der Irak, der neue Staat, den Gertrude Bell mit aus der Taufe gehoben hatte, war kein fertiges Gebilde. Am 23. August 1921 hatte der Haschemiten-Prinz Faisal, Sohn des Scherifen von Mekka, von der britischen Besatzungsmacht die Königswürde empfangen.
Noch aber fehlte eine Verfassung ebenso wie eine Nationalhymne. Und die Landesgrenze war teilweise unbestimmt. Niemand konnte hier besser Klarheit schaffen als die Frau, die im Lauf vieler Jahre Tausende von Meilen auf Kamelrücken durch Arabien gereist war, häufig auf eigene Faust, begleitet von Dienern, Köchen und Leibwächtern. Die Tochter aus reichem Hause hatte einen wohlbegründeten Ruf als exzellente Kennerin des Orients.
An einem der regnerischen Dezember-Tage im Jahr von Faisals Inthronisierung schrieb sie ihrem Vater nach England: "Ich hatte einen nutzbringenden Morgen im Büro, an dem ich die südliche Wüstengrenze des Irak festgelegt habe." Hilfreich zur Seite standen ihr "ein Gentleman aus Hail", einer Stadt im Zentrum der Arabischen Halbinsel, und "mein geliebter alter Fahad Beg, der oberste Scheich der Anisa", eines mächtigen Araberstammes. "Mit aller Sorgfalt habe ich mir von Fahad alle Wasserquellen nennen lassen, die von den Anisa beansprucht werden", und das gleiche vom Vertreter des Nachbarstammes. Zufrieden notiert sie: "Ich glaube, es ist mir gelungen, eine vernünftige Grenzlinie zu erarbeiten."
Major Miss Bell, ihres Zeichens der erste weibliche Geheimdienstoffizier in Diensten des britischen Militärs, war eine enge Beraterin des neuen Königs. Mit kurzen Unterbrechungen lebte sie seit 1917 in Bagdad, die einheimischen Scheichs hatten ihr den Ehrennamen "Chatun", Hohe Dame, zugedacht.
Schon als junge Frau hatte sich Gertrude Bell gern mit Dingen beschäftigt, die damals eher Männersache waren. Geboren 1868, studierte sie Geschichte in Oxford, reiste um die Welt und kletterte auf Schweizer Alpengipfel (die 2633 Meter hohe Gertrudspitze ist nach ihr benannt). Bei einem längeren Aufenthalt in Persien 1892, wo ihr Onkel als Botschafter residierte, entdeckte sie ihre Leidenschaft für Forschungsreisen durch die Wüste. Auf zahlreichen Exkursionen erkundete sie Syrien, die Arabische Halbinsel und Mesopotamien.
Im Ersten Weltkrieg gehörte sie zu den Orientkennern, die im Auftrag der Londoner Regierung über die Zukunft des Nahen Ostens nachdachten. Nach dem Untergang der Osmanen sicherte sich Großbritannien die Provinzen Basra, Bagdad und Mossul, in denen Araber und Kurden, Schiiten und Sunniten mehr neben- als miteinander lebten.
Als dort 1920 eine Revolte gegen die Briten losbrach, wurde die Heimat unruhig. Die "Times" stellte die scharfzüngige Frage: "Wie viel länger noch werden kostbare Leben geopfert im vergeblichen Bemühen, der arabischen Bevölkerung eine ausgefeilte und teure Verwaltung aufzuerlegen, um die sie niemals gebeten haben und die sie nicht haben wollen?" Bis der Aufstand erstickt war, hatten über 400 Briten und 6000 Iraker ihr Leben verloren.
So konnte es nicht weitergehen, und deshalb erfanden die Besatzer das Königreich Irak mit Faisal I. an der Spitze. Natürlich wurde alles unternommen, diese Entscheidung wie einen Wunsch der Iraker aussehen zu lassen.
Gertrude Bell, die dabei kräftig half, war bei allem Ruhm eine einsame Seele, unverheiratet und kinderlos. An einem Weihnachtstag schrieb sie ihrem Vater: "Wie Du weißt, habe ich praktisch keine Freunde."
Einige Jahre später, mit 57 Jahren, starb Gertrude Bell in Bagdad durch eine Überdosis Schlaftabletten, vermutlich war es Selbstmord. Sie erhielt ein Staatsbegräbnis, auch König Faisal gab sich die Ehre. Dietmar Pieper
Von Dietmar Pieper

SPIEGEL GESCHICHTE 3/2011
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