31.05.2011

Kolonialherren, Despoten und halbherzige Reformer

Lexikon der arabischen Länder
Ägypten
Arabische Republik Ägypten
Hauptstadt: Kairo
Staatsoberhaupt: Militärrat
Politisches System: Präsidialrepublik
Bevölkerung: 85 Millionen (etwa zehn Prozent koptische Christen)
Uno-Entwicklungsindex: Rang 101
BIP pro Kopf(*): 5673 US-Dollar
I n mehr als 5000 Jahren Geschichte eroberten viele Herrscher das Land am Nil: Nach den Pharaonen kamen die Römer, später die arabischen Kalifen und die Türken. 1805 erlangte Mohammed Ali faktisch Autonomie vom Osmanischen Reich und leitete eine Modernisierung ein, doch europäische Mächte bestimmten zunehmend die Politik. Obwohl seit 1922 nominell unabhängig, blieb Ägypten unter britischer Verwaltung. In Aufständen 1881 (unter Ahmed Urabi) und 1919 gegen die Fremdbestimmung forderte das Volk politische Mitsprache. 1928 gründete der Volksschullehrer Hassan al-Banna die Muslimbruderschaft. Nach dem Sturz König Faruks wurde Ägypten 1953 Republik. Präsident Gamal Abd al-Nasser fuhr einen sozialistischen Kurs und wurde zum Idol der panarabischen Bewegung. Nachfolger Anwar al-Sadat öffnete das Land ab 1970 vor allem wirtschaftlich nach Westen. Sein Frieden mit Israel 1979 isolierte Kairo in der arabischen und islamischen Welt. Gegen die starke Linke förderte Sadat die Islamisten. Am 6. Oktober 1981 erschossen ihn religiöse Extremisten. Der neue Staatschef Husni Mubarak galt dem Westen als Garant für Stabilität, der die Islamisten im Zaum hielt. Doch er regierte mit harter Hand weiter über Notstandsgesetze. Seit 2004 wuchs die Oppositionsbewegung. Im Februar 2011 zwingen ihn Massenproteste zum Rücktritt. Das Militär kontrolliert den Übergang zu Neuwahlen.
Rebell Urabi 1882
Algerien
Demokratische Volksrepublik Algerien
Hauptstadt: Algier
Staatsoberhaupt: Abdelaziz Bouteflika
Politisches System: Sozialistische Republik
Bevölkerung: 35,7 Millionen (etwa 30 Prozent Berber)
Uno-Entwicklungsindex: Rang 84
BIP pro Kopf: 8172 US-Dollar
Vor der Besetzung durch die Franzosen 1830 herrschten die Deys, relativ unabhängige Regenten der Osmanen, über eine feudale Stammesgesellschaft. Die französische Kolonialherrschaft wurde brutal durchgesetzt. Die muslimischen Algerier erhielten keine vollen Bürgerrechte, obwohl ihr Land als Teil Frankreichs galt. Der Befreiungskrieg (1954 bis 1962) wurde beiderseits äußerst grausam geführt. Seit der Unabhängigkeit 1962 trieb Algier die Industrialisierung voran, baute Bildung und medizinische Versorgung aus. Angelehnt an die Sowjetunion wurde Algerien zu einem einflussreichen Dritte-Welt-Staat, aber auch zu einer korrupten Diktatur. Nach Brotunruhen 1988 leitete der Präsident eine Demokratisierung ein. Als bei der Parlamentswahl 1992 die Islamische Heilsfront (FIS) vorn lag, ergriff das Militär die Macht. Sieben Jahre tobte ein extrem blutiger Bürgerkrieg. Erst Präsident Bouteflika dämmte ab 1999 mit Amnestieangeboten die Gewalt ein. Aufstände hielten an.
2011: Nach Demonstrationen wird im Februar der Ausnahmezustand von 1992 aufgehoben.
(*) Alle BIP-Angaben sind kaufkraftbereinigt.
Grab eines Heiligen in Blida
Bahrain
Königreich Bahrain
Hauptstadt: Manama
Staatsoberhaupt: König Hamad Bin Issa Al Chalifa
Politisches System: Konstitutionelle Monarchie
Bevölkerung: 0,8 Millionen (etwa die Hälfte Ausländer, 70 Prozent sind Schiiten)
Uno-Entwicklungsindex: Rang 39
BIP pro Kopf: 35 174 US-Dollar (2008)
Als sich Großbritannien 1971 aus allen Gebieten "östlich von Suez" zurückzog, bildete das kleine Inselreich einen unabhängigen Staat. Die Ansprüche Irans, das von 1622 bis 1783 über die bereits seit dem 3. Jahrtausend v. Chr. besiedelten Inseln geherrscht hatte, waren von der Uno abgewiesen worden. Seit 1783 wurde das Reich durchgängig von der sunnitischen Herrscherfamilie Chalifa regiert - allerdings lag die Macht de facto seit dem späten 19. Jahrhundert bei den Briten. 1931 wurde in Bahrain, lange Zentrum des Perlenhandels, als erstem Golfstaat Erdöl entdeckt. In den folgenden Jahrzehnten formierte sich die aus Sunniten und Schiiten gemeinsam getragene Unabhängigkeitsbewegung. 1973 fanden in Bahrain erstmals Parlamentswahlen statt. 1975 löste der Emir die Volksvertretung jedoch auf und regierte fortan mit Notstandsgesetzen. Infolge der iranischen Revolution 1979 politisierte sich vor allem die schiitische Mehrheit der Bahrainer. Mitte der neunziger Jahre kam es zu Unruhen. Die "bahrainische Intifada" wurde brutal niedergeschlagen.
Hoffnung auf Veränderung keimte auf, als 1999 Scheich Hamad Bin Issa nach dem Tod seines Vaters den Thron bestieg. In einem Referendum stimmten 98,4 Prozent der Bahrainer einer vagen Reformcharta zu, die Bahrain 2002 vom Emirat zum Königreich machte.
Wie in vielen arabischen Rentierstaaten, die ihre Bürger von Steuern freistellen, geht die Demokratisierung nur zögerlich voran. Insbesondere die Schiiten werden immer weiter ausgegrenzt.
2011: Anfang März kommt es zu massiven Bürgerprotesten vor allem der schiitischen Opposition, die Demonstranten besetzen den Perlenplatz in Manama. Die Regierung greift gewaltsam durch: Truppen des Golfkooperationsrates marschieren ein. Ende April werden vier Demonstranten zum Tode verurteilt, drei erhalten lebenslange Haftstrafen. Oppositionsgruppen werden verboten.
König Hamad
Jemen
Republik Jemen
Hauptstadt: Sanaa
Staatsoberhaupt: Ali Abdullah Salih
Politisches System: Präsidialrepublik
Bevölkerung: 24,3 Millionen (davon geschätzt 20 bis 40 Prozent saiditische Schiiten)
Uno-Entwicklungsindex: Rang 133
BIP pro Kopf: 2470 US-Dollar
Das Staatsgebiet des Jemen war historisch kein einheitliches Gebilde. Legendäre Reiche bestanden in Teilen des Landes - auch wenn die in Bibel und Koran erwähnte Königin von Saba wohl ein Mythos ist. Im 9. Jahrhundert etablierte die schiitische Splittergruppe der Saiditen einen unabhängigen Staat, dessen Imame bis 1962 abgeschottet von außen regierten. Das Gebiet zwischen Aden und Oman war zeitweilig britisches Protektorat. 1967 in die Unabhängigkeit entlassen, entstand dort die Volksrepublik Südjemen mit enger Bindung an die Sowjetunion. Im Norden tobte seit dem Sturz des Imam ein Bürgerkrieg, 1974 übernahm das Militär die Macht. 1990 wurden die beiden Landesteile vereinigt. Gegen den Versuch sozialistischer Gruppierungen im Südjemen, eine erneute Teilung zu erreichen, setzte sich Sanaa 1994 nach heftigen Kämpfen durch.
Die Demokratisierung schien im ärmsten Land der Arabischen Halbinsel besser voranzukommen als in anderen Ländern der Region; die islamistische Islah-Partei war stärkste Kraft der Opposition im Parlament. Doch auf die immer heftiger aufbrechenden Konflikte reagierte das Regime autoritär. Der Jemen ist zum Rückzugsgebiet terroristischer Gruppen, insbesondere al-Qaidas, geworden. Im Nordwesten geht Sanaa seit 2004 militärisch gegen die saiditischen Aufständischen vor, im Süden sind neue separatistische Bewegungen aktiv. Weite Teile der Bevölkerung sind arm, in vielen Familien fließt das karge Einkommen in den Konsum der Volksdroge Kat.
2011: Massive Demonstrationen weiten sich aus, sie fordern den Sturz des Präsidenten, der sich gegen den Regimewechsel stemmt. Er lässt die Proteste blutig niederschlagen - bis zum Mai kamen mehr als hundert Menschen ums Leben.
Hauptstadt Sanaa
Irak
Republik Irak
Hauptstadt: Bagdad
Staatsoberhaupt: Dschalal Talabani
Politisches System: Föderale Republik
Bevölkerung: 31,6 Millionen (etwa 20 Prozent Kurden; rund 60 Prozent der Iraker sind Schiiten)
BIP pro Kopf: 3548 US-Dollar
Im Zweistromland an Euphrat und Tigris entstand um 3000 v. Chr. eine der ältesten Hochkulturen der Welt: Die Sumerer erfanden nicht nur Schrift, Rad und Bier, sondern rechneten auch mit der Zahl Pi und schufen ein raffiniertes Bewässerungssystem. Mit der Eroberung durch die Araber 637 wurde das Land islamisiert. Nach dem Ersten Weltkrieg unter britischer Mandatsverwaltung, wurde der Irak 1932 formell unabhängig. "Freie Offiziere" stürzten 1958 König Faisal. Nach Umstürzen kam 1968 die Baath-Partei an die Macht, die unter Saddam Hussein bis zum Irak-Krieg 2003 herrschte. Saddam initiierte den Krieg gegen Iran 1980. Er erwies sich als brutaler Diktator, obwohl er auch die Wirtschaft und Sozialreformen vorantrieb. Er wurde 2006 hingerichtet. Die Zeit nach dem Sieg der Alliierten war von Terror gekennzeichnet, gleichzeitig ging der Aufbau demokratischer Institutionen voran.
Antike sumerische Skulptur
Jordanien
Haschemitisches Königreich Jordanien
Hauptstadt: Amman
Staatsoberhaupt: König Abdullah II.
Politisches System: Parlamentarische Monarchie
Bevölkerung: 6,5 Millionen
Uno-Entwicklungsindex: Rang 82
BIP pro Kopf: 5597 US-Dollar
Die Bewohner des ressourcenarmen Königreichs gehören zwei arabischen Völkern an: Die Transjordanier sind beduinischer Herkunft mit traditionellen Stammesstrukturen, die Mehrheit stellen Palästinenser mit eher städtischer Kultur. Nach dem Ende der britischen Mandatszeit wurde das Wüstenland als Transjordanien 1946 unter Herrschaft der Haschemiten in die Unabhängigkeit entlassen. Nach dem ersten Krieg der Araber gegen Israel annektierte Amman 1950 das Westjordanland und Ost-Jerusalem, verlor es jedoch im Sechstagekrieg 1967 wieder und trat 1988 alle Ansprüche an die Palästinenser ab. 1994 schloss König Hussein Frieden mit Israel. Innenpolitisch verhielt sich Amman restriktiv. 2011: Nach Protesten versprach Abdullah II. weitere Reformen und erneuerte die Regierung.
König Abdullah II. und Gattin Rania
Katar
Staat Katar
Hauptstadt: Doha
Staatsoberhaupt: Emir Hamad Bin Chalifa Al Thani
Politisches System: Emirat
Bevölkerung: 1,5 Millionen (etwa 80 Prozent Ausländer)
BIP pro Kopf: 91 379 US-Dollar
I n der Region tobten in der Kolonialzeit Machtkämpfe um die Handelswege nach Indien. Die Bewohner, überwiegend Nomaden, sicherten ihr Einkommen als Perlentaucher und durch Überfälle auf Handelsschiffe an der "Piratenküste". Mitte des 18. Jahrhunderts kam aus dem Inneren der Arabischen Halbinsel der Stamm der Al Thani und errang nach heftigen Kämpfen mit den Al Chalifa, die bis heute Bahrain regieren, die Macht. Durch einen Vertrag mit den Briten 1867 sicherte der wahhabitische Emir seine Herrschaft. 1939 wurde Erdöl gefunden. Nach dem Rückzug der Briten erlangte Katar 1971 seine Unabhängigkeit, ein unblutiger Putsch brachte Chalifa Al Thani auf den Thron. Er modernisierte das Land. Sein Sohn Hamad setzte ihn 1995 ab, als er auf Staatsbesuch war. Der Emir regiert weiter absolut, leitete aber eine Liberalisierung ein, gründete den kritischen Sender al-Dschasira.
Emir Hamad
Kuwait
Staat Kuwait
Hauptstadt: Kuwait
Staatsoberhaupt: Sabbah al-Ahmed Al Sabbah
Politisches System: Emirat
Bevölkerung: 3,1 Millionen (über 60 Prozent Ausländer)
Uno-Entwicklungsindex: Rang 47
BIP pro Kopf: 48 631 US-Dollar (2008)
Das Staatsgebiet war bis Mitte des 18. Jahrhunderts osmanisch. 1756 gelangten die zugewanderten Al Sabbah an die Herrschaft und schlossen 1899 ein Protektoratsabkommen mit Großbritannien. 1938 wurden große Erdölvorkommen entdeckt. Kuwait erklärte 1961 seine Unabhängigkeit. Trotz Grenzvertrag marschierten Saddam Husseins Truppen 1990 in Kuwait ein und annektierten das Nachbarland. Erst eine internationale Militärkoalition unter US-Führung beendete Anfang 1991 die Besatzung. Nach der Befreiung wuchs der internationale Druck zu Reformen, bis 2005 hatten Frauen kein Wahlrecht. Heute gilt das kuwaitische Parlament mit 33 Oppositionellen bei 50 Abgeordneten als das aufmüpfigste der Golf-Region.
2011: Am 30. März trat die Regierung zurück, die Opposition hatte die Ablösung des Premiers gefordert. Öffentliche Proteste oder Demonstrationen gab es nicht.
Kuwaiter mit Bild Sabbahs
Libanon
Libanesische Republik
Hauptstadt: Beirut
Staatsoberhaupt: Michel Sulaiman
Politisches System: Parlamentarische Republik
Bevölkerung: 4,3 Millionen (größte Religionsgruppen: schiitische Muslime, christliche Maroniten)
BIP pro Kopf: 13 070 US-Dollar
Nach dem Ersten Weltkrieg, Frankreich war Mandatsmacht, entstand der Libanon als einziger Staat mit christlicher Bevölkerungsmehrheit in der Region. Die Verfassung schrieb 1926 fest, dass die verschiedenen ethnisch-religiösen Gemeinschaften "proportional in den öffentlichen Ämtern vertreten" sein sollten. Das gilt bis heute: Staatspräsident ist ein maronitischer Christ, Regierungschef ein sunnitischer Muslim und Parlamentspräsident ein Schiit, deren Bevölkerungsanteil rapide wächst; die fundamentalistische Hisbollah regiert mit. Um den Proporz ging es auch im Bürgerkrieg 1975 bis 1989. Seit der Ermordung von Ex-Premier Rafik al-Hariri, der den Wiederaufbau vorantrieb, findet das Land keine politische Stabilität. 2011: Proteste gegen die Hisbollah.
Saad Hariri vor Bild des ermordeten Vaters
Libyen
Große Sozialistische Libysche Arabische Volksdschamahirija
Hauptstadt: Tripolis
Staatsoberhaupt: Muammar al-Gaddafi
Politisches System: Sozialistische Volksdschamahirija
Bevölkerung: 6,6 Millionen
Uno-Entwicklungsindex: Rang 53
BIP pro Kopf: 16 502 US-Dollar
Das libysche Staatsgebiet wurde 1912 unter italienischer Herrschaft aus den drei Regionen Fessan, Cyrenaika und Tripolitanien gebildet. Widerstand gegen die Fremdherrscher wurde brutal niedergeschlagen. Unter Mussolini war das Land teils Kolonie, teils Bestandteil Italiens, im Zweiten Weltkrieg Ausgangsbasis italienischer und deutscher Truppen. Den Weg in die Unabhängigkeit begleitete die Uno, da sie Libyen weder wirtschaftlich noch politisch als lebensfähig einschätzte. 1951 erlangte Libyen als Königreich Souveränität; einer der ärmsten Staaten der Welt, 90 Prozent der Bevölkerung waren Analphabeten. Von den Ölfunden 1959 profitierte die Bevölkerung kaum. Offiziere um "Revolutionsführer" Muammar al-Gaddafi stürzten 1969 den König.
2011: Aufstand gegen Gaddafi, der Demonstranten und Rebellen brutal bekämpft. Die Nato greift auf Seiten der Opposition ein.
König Idris I., 1951
Marokko
Königreich Marokko
Hauptstadt: Rabat
Staatsoberhaupt: König Mohammed VI.
Politisches System: Parlamentarische Monarchie
Bevölkerung: 33,1 Millionen (einschließlich Westsahara)
Uno-Entwicklungsindex: Rang 114
BIP pro Kopf: 4494 US-Dollar
Die Alawiden, die sich auf Ali, den Vetter des Propheten Mohammed, zurückführen und Marokko bis heute regieren, gelangten 1660 an die Macht. König Mohammed VI. gilt als Abkömmling des Propheten in 36. Generation. 1912 wurde Marokko Protektorat Frankreichs, das Widerstand mit großer Härte unterdrückte. Erst 1956 wurde Marokko unabhängig. Hassan II. wandelte Marokko 1962 in eine konstitutionelle Monarchie um, löste jedoch das Parlament wieder auf. Der aufgeklärt auftretende Monarch war nach innen ein Despot, dessen Folterkeller berüchtigt waren. Unruhen schlug er nieder. 1976 annektierte er die Westsahara, ein bis heute ungelöster Konflikt. 1991 begann Hassan II. eine Liberalisierung, die sein Sohn Mohammed VI. seit 1999 dynamisch fortsetzt. So bekam Marokko 2004 das modernste arabische Familienrecht.
2011: Nach Demonstrationen versprach der König weitere Reformen.
Gasse in Rabat
Mauretanien
Islamische Republik Mauretanien
Hauptstadt: Nouakchott
Staatsoberhaupt: General Mohammed Ould Abd al-Asis
Politisches System: Islamische Präsidialrepublik
Bevölkerung: 3,4 Millionen
Uno-Entwicklungsindex: Rang 136
BIP pro Kopf: 1929 US-Dollar
Der dünnbesiedelte Wüstenstaat gehört zu den am wenigsten entwickelten Ländern der Erde. Seine ersten Einwohner waren vor mehr als 3000 Jahren vermutlich Berber. Anfang des 20. Jahrhunderts von Frankreich unterworfen, erlangte das Land 1960 seine Unabhängigkeit und wurde zu einer treibenden Kraft bei der Gründung der Organisation für Afrikanische Einheit (OAU) 1963. Die einstige spanische Kolonie Westsahara geriet zum Zankapfel mit Marokko.
Auch innenpolitisch war die Lage mit einer Reihe von Militärregierungen heikel. Nach schweren Unruhen 1989 drängte Frankreich auf demokratische Reformen. Doch Oberst Taya, der sich 1984 an die Macht geputscht hatte, hielt sich bis 2005. Nach einem Staatsstreich erklärte sich der Junta-Chef Ould Abd al-Asis 2009 zum Sieger der Präsidentenwahl.
Hauseingang in Walata
Oman
Sultanat Oman
Hauptstadt: Maskat
Staatsoberhaupt: Sultan Kabus Bin Said
Politisches System: Sultanat
Bevölkerung: 2,9 Millionen
BIP pro Kopf: 25 462 US-Dollar (2008)
Unter der Dynastie der Jaariba stieg der Oman im 18. Jahrhundert zur wichtigsten Handelsmacht und zum Hauptakteur des Sklavenhandels am Indischen Ozean auf. Geschickt nutzte Maskat dafür den Konkurrenzkampf zwischen den Kolonialmächten Portugal und Großbritannien in der Region. 1749 gelangten die Al Said an die Macht, die sie bis heute innehaben. Die Öffnung des Suezkanals und das Verbot des Sklavenhandels trugen im 19. Jahrhundert zum Niedergang des Oman bei. Die Briten halfen dem Sultan, seine Herrschaft 1959 über den ganzen Oman auszudehnen. Nach einer Palastrevolte übernahm 1970 Sultan Saids Sohn Kabus die Macht. Er leitete eine umfassende Modernisierung ein. Seit 2003 wird die Beratende Versammlung vom Volk gewählt, Parteien gibt es jedoch nicht.
2011: Nach Protesten verspricht der Sultan dem Parlament mehr Macht.
Kamelrennen in Sohar
Palästina
Palästinensische Autonomiegebiete
Regierungssitz: Ramallah
Autonomiepräsident: Mahmud Abbas
Politisches System: Parlamentarische Autonomie
Bevölkerung: 4,4 Millionen (etwa fünf Prozent Christen)
Ende des 19. Jahrhunderts begann die zionistische Einwanderung nach Palästina, das zum Osmanischen Reich gehörte. 1917 eroberten es die Briten. Den Plan der Uno, das Land in einen jüdischen und einen palästinensischen Staat aufzuteilen, lehnten die Araber ab. Im Krieg gegen das gerade gegründete Israel 1948 verloren etwa 700 000 Palästinenser ihre Heimat. Nach weiteren Kriegen vergrößerte Israel sein Staatsgebiet auf Kosten der Palästinenser erheblich. Auch der 1959 von Jassir Arafat mitbegründeten militanten Befreiungsbewegung gelang es nicht, ein unabhängiges Palästina zu schaffen. 1993 unterzeichneten Israelis und Palästinenser ein Autonomieabkommen, Arafat wurde 1994 Präsident. Intifada und Terror unterbrachen den Friedensprozess. Arafats Nachfolger Mahmud Abbas will notfalls einseitig einen Staat ausrufen - nach Versöhnung mit der islamistischen Hamas auch im Gaza-Streifen.
Mahmud Abbas
Saudi-Arabien
Königreich Saudi-Arabien
Hauptstadt: Riad
Staatsoberhaupt: König Abdullah
Politisches System: Königreich
Bevölkerung: 26,4 Millionen
Uno-Entwicklungsindex: Rang 32
BIP pro Kopf: 23 480 US-Dollar
Mit der Geburt des Islam erlangte die Arabische Halbinsel weltgeschichtliche Bedeutung. Mohammed machte die Kaaba in seiner Geburtsstadt Mekka zum Zentralheiligtum. Bereits unter den umajjadischen Kalifen (ab 661) verlor die Region ihre politische Führungsrolle, blieb aber das religiöse Zentrum des Islam. Mit der rigiden wahhabitischen Lehre konnte Scheich Mohammed Bin Saud im 18. Jahrhundert die Stämme einen, der erste saudische Staat entstand; er wurde im Auftrag des osmanischen Sultans zerstört. 1932 rief Abd al-Asis Al Saud das Königreich Saudi-Arabien aus. Die Öleinnahmen machten es zu einer einflussreichen Regionalmacht. Nach dem Einmarsch Saddam Husseins in Kuwait wurde Saudi-Arabien ein wichtiger US-Stützpunkt. 2005 gab es erstmals Kommunalwahlen, aber echte Reformen bleiben aus.
Kaaba in Mekka
Sudan
Republik Sudan
Hauptstadt: Khartum
Staatsoberhaupt: Omar al-Baschir
Politisches System: Republik
Bevölkerung: 43,4 Millionen
Uno-Entwicklungsindex: Rang 154
BIP pro Kopf: 2210 US-Dollar
D er Vielvölkerstaat mit Hunderten ethnischer Gruppen und 130 Sprachen hat keine einheitliche Geschichte. Unter den Osmanen blühte der Sklavenhandel. Von 1882 an unterstand der Sudan den Briten, bis er 1956 in die Unabhängigkeit entlassen wurde. Die Staatsgewalt bekamen die arabischstämmigen muslimischen Nordsudanesen. Der Konflikt führte zum Bürgerkrieg, der in 50 Jahren etwa zwei Millionen Menschen das Leben kostete. 2005 gelang internationalen Vermittlern ein Friedensabkommen, der Südsudan erhielt Teilautonomie. Beim Referendum im Januar 2011 stimmten fast 99 Prozent für einen unabhängigen Südsudan. Wegen Massakern in Darfur im Westsudan ließ der Internationale Strafgerichtshof 2009 Staatschef Baschir wegen Völkermords zur Fahndung ausschreiben.
2011: Demonstrationen im Januar wurden mit Härte niedergeschlagen.
Omar al-Baschir
Syrien
Syrische Arabische Republik
Hauptstadt: Damaskus
Staatsoberhaupt: Baschar al-Assad
Politisches System: Präsidialrepublik
Bevölkerung: 22,6 Millionen (etwa 90 Prozent Muslime, 9 Prozent Christen)
Uno-Entwicklungsindex: Rang 111
BIP pro Kopf: 4730 US-Dollar
Damaskus gilt als älteste Hauptstadt der Welt. Bis 750 war es Sitz der Umajjaden-Kalifen und damit Zentrum eines Großreiches von Spanien bis Zentralasien. Als Teil der Konkursmasse des Osmanischen Reichs stand Syrien zunächst unter französischer Mandatsherrschaft, 1941 marschierten britische Truppen ein. Der 1946 schließlich souveräne Staat wurde von Umstürzen und Putschen erschüttert. 1963 kam die bis heute herrschende Baath-Partei an die Macht. Sie stützt sich auf das Militär und die religiöse Minderheit der Alawiten. 1967 verlor Syrien die Golanhöhen an Israel, auch der Krieg 1973 endete mit einer Niederlage. Im libanesischen Bürgerkrieg von 1975 bis 1989 lieferten sich Syrien und Israel schwere Gefechte; danach blieb Syrien die alles bestimmende Macht im Zedernstaat. Erst 2005 zog Damaskus unter Druck seine Truppen zurück. General Hafis al-Assad, seit 1970 Präsident, machte den Staat zu einer Ein-Mann-Diktatur. 1982 ließ er eine Revolte der Muslimbrüder niederschlagen, bis zu 30 000 Anhänger der Islamisten sollen in Hama getötet worden sein. Assads Sohn Baschar, der 2000 die Führung übernahm, enttäuschte die Hoffnungen auf Liberalisierung und Demokratie. Zwar liberalisierte der in London ausgebildete Augenarzt die Wirtschaft und schuf eine Art kollektiver Führung, doch Kritiker wurden weiter verfolgt.
2011: Anhaltende Proteste vor allem in der Provinz ließ Assad mit äußerster Härte niederknüppeln, er schickte Panzer und sogar die Luftwaffe. Bis Mitte Mai starben rund 700 Menschen, Tausende Regimegegner wurden verhaftet. Die USA kritisierten das Vorgehen als "barbarisch".
Antike Ruinenstadt Palmyra
Tunesien
Tunesische Republik
Hauptstadt: Tunis
Staatsoberhaupt: Übergangsregierung
Politisches System: Präsidialrepublik
Bevölkerung: 10,5 Millionen
Uno-Entwicklungsindex: Rang 81
BIP pro Kopf: 8273 US-Dollar
Einst Kornkammer des Römischen Reiches und Teil des christlichen Byzanz, kam Tunesien im 7. Jahrhundert unter islamische Herrschaft. 1574 wurde es osmanische Provinz, die jedoch weitgehende Autonomie genoss. Auch als französisches Protektorat ab 1881 blieb eine gewisse Selbständigkeit erhalten. Von 1920 an versuchten die Tunesier, die Fremdherrschaft abzuschütteln, was 1956 gelang: Im Juli 1957 rief Habib Bourgiba die Republik aus. Industrialisierung und Liberalisierung der Wirtschaft brachten die Arbeitermassen in oft prekäre Verhältnisse, es kam zu Unruhen, und 1987 setzte Zine el-Abidine Ben Ali den "Vater der Unabhängigkeit" ab. Erklärtes Ziel des Umsturzes war Demokratisierung: Ein Mehrparteiensystem sollte entstehen, Menschenrechte geachtet werden. Doch angesichts von Erfolgen der Islamisten bei Kommunalwahlen und unter dem Eindruck des Bürgerkriegs in Algerien etablierte Ben Ali ein strenges Überwachungsregime. Die islamistische Bewegung al-Nahda verbot Tunis 1991 nach ersten Wahlerfolgen. Korruption und Selbstbereicherung der Machtelite uferten aus. 2002 ließ Ben Ali per Referendum die Verfassung so ändern, dass er Präsident bleiben konnte.
Nach außen galt Tunesien aufgrund der wirtschaftlichen Öffnung, der Gleichberechtigung von Frauen und Männern sowie seiner demokratisch wirkenden Institutionen als Musterland. Doch die Unzufriedenheit wuchs, zumal im "akademischen Proletariat": 60 Prozent der Arbeitslosen hatten einen Hochschulabschluss und sahen keinerlei Perspektiven in ihrem Land. 2011: Mit der Selbstverbrennung des 26-jährigen Gemüsehändlers Mohammed Bouazizi am 17. Dezember 2010 begannen die Massenproteste, die am 14. Januar 2011 zum Sturz und Exil Ben Alis führten und den "arabischen Frühling" einläuteten. Doch Tunesien kam auch danach nicht zur Ruhe.
Präsident Ben Ali 1987
Vereinigte Arabische Emirate
Hauptstadt: Abu Dhabi
Staatsoberhaupt: Emir Chalifa Bin Sajid Al Nahajan
Politisches System: Föderation der sieben Bundesstaaten Abu Dhabi, Dubai, Schardscha, Adschman, Umm al-Kaiwain, Fudschaira und Ras al-Chaima
Bevölkerung: 4,7 Millionen (etwa 80 Prozent Ausländer)
Uno-Entwicklungsindex: Rang 32
BIP pro Kopf: 57 744 US-Dollar
Als die Bewohner der unwirtlichen Wüstenregion sich im 7. Jahrhundert zum Islam bekannten, gab es mit Ausnahme der Oasenstadt al-Ain keine dauerhaften Siedlungen. Später enstanden Handelshäfen, doch die Region wurde vor allem als "Piratenküste" berüchtigt. Die Briten zerstörten 1819 den Haupthafen der Freibeuter, Ras al-Chaima, und beendeten den "Piratenkrieg". Die ganze Region wurde britisches Protektorat.
Die drei wichtigsten Städte der VAE entwickelten sich erst im 20. Jahrhundert: Zunächst war Schardscha britische Residenz, dann Dubai, das Zentrum des Goldhandels; Abu Dhabi erstarkte als Zentrum der Erdölförderung, die zusammen mit dem internationalen Handel nach 1945 die Perlentaucherei als wichtigste Einnahmequelle ablöste.
1968 kündigte London an, bis 1971 seine gesamten Streitkräfte "östlich von Suez" abzuziehen. Die Mehrheit der kleinen Emirate am Golf entschieden sich daraufhin für eine Föderation; Katar und Bahrain schlossen sich nicht an, Ras al-Chaima erst ein Jahr nach der Staatsgründung von 1971. Die VAE erlebten eine schwunghafte Entwicklung, insbesondere der rasante Anstieg des Ölpreises nach dem arabisch-israelischen Krieg 1973 verschaffte ihnen satte Einnahmen. Geführt von den beiden reichsten Emiraten - Abu Dhabi stellt den Präsidenten, Dubai den Regierungschef - investierten die VAE auch in die Infrastruktur, den Aufbau eines staatlichen Wohlfahrts- und Bildungssystems. Die einzelnen Emirate besitzen eigene Verwaltungsstrukturen, große Teile der Souveränität haben sie jedoch an die Föderation abgetreten. Demokratische Institutionen, Parteien oder Gewerkschaften gibt es nicht. Die politischen Strukturen sind von den Herrscherfamilien bestimmt; Schritte zur Demokratisierung wurden zwar seit 2005 angekündigt, bisher aber nicht umgesetzt.
2011: Auf die Proteste in anderen arabischen Staaten reagierten auch die Herrscher der Emirate und kündigten für September Neuwahlen zur "Beratenden Versammlung" an; 130 Intellektuelle aus den VAE forderten in einer Internetpetition die Schaffung eines Parlaments. Großdemonstrationen blieben aber aus.
Ölförderung in Bu Hasa, Abu Dhabi
Dschibuti
Republik Dschibuti
Hauptstadt: Dschibuti
Staatsoberhaupt: Ismail Omar Guelleh
Politisches System: Präsidialrepublik
Bevölkerung: 0,9 Millionen
Uno-Entwicklungsindex: Rang 147
BIP pro Kopf: 2319 US-Dollar
Komoren
Union der Komoren
Hauptstadt: Moroni
Staatsoberhaupt: Ikililou Dhoinine
Politisches System: Föderale Republik
Bevölkerung: 0,7 Millionen
Uno-Entwicklungsindex: Rang 140
BIP pro Kopf: 1183 US-Dollar
Somalia
Republik Somalia
Hauptstadt: Mogadischu
Staatsoberhaupt: Scharif Scheich Ahmed
Politisches System: Somalia ist ein "gescheiterter Staat", international anerkannt ist eine Übergangsregierung
Bevölkerung: 9,4 Millionen
(*) Alle BIP-Angaben sind kaufkraftbereinigt.
Von Anne-Sophie Fröhlich

SPIEGEL GESCHICHTE 3/2011
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SPIEGEL GESCHICHTE 3/2011
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