31.05.2011

Karawane der Menschheit

Gamal Abd al-Nasser propagierte den Panarabismus. Er galt als Idol, bevor er zum Diktator wurde. Sein Polizeistaat reichte bis zu Husni Mubarak und dessen korruptem Regime.
Wenn die irakische Schriftstellerin Alija Mamduh sich an ihre frühe Jugend erinnert, denkt sie an Abende in Bagdad, die erfüllt waren von der sinnlichen Stimme eines Mannes. Dessen Worte drangen aus dem Radio zu ihr. Gamal Abd al-Nasser hieß der Redner, Staatschef Ägyptens mit dem sonoren Ton: "Seine Stimme hatte etwas von religiöser Hingabe", so Mamduh, und: "Jedes seiner Worte fand Widerhall bei uns. Wir waren alle Nasseristen." Andere wiederum warnten: "Jedes Transistorradio im Nahen Osten ist ein Nasser-Agent", so das US-Magazin "Time" 1963.
Nasser war ein Politiker, der wenige gleichgültig ließ. Der Millionen Araber faszinierte, den Israelis hassten und Moskaus Mächtige schätzten. Er schuf das moderne Ägypten - als Polizeistaat.
Im Januar 1918 in Alexandria als Sohn eines Briefträgers geboren, lernt Nasser das Leben seiner Verwandten in Häusern aus ungebrannten Lehmziegeln kennen, ohne Strom und fließendes Wasser. Die Nassers leben wie die Masse der ägyptischen Bauern, die Fellachen.
Als sein Vater nach Kairo versetzt wird, besucht Gamal dort eine Schule. Geschichte ist das Lieblingsfach des intelligenten, aber verschlossenen Jungen. Er liest Biografien über Alexander den Großen und Napoleon. Schon als Zwölfjähriger nimmt er an Demonstrationen gegen die Briten teil, die Ägypten immer noch wie ein Protektorat beherrschen. Mit 19 Jahren tritt er in die Militärakademie ein. Dort vertieft er seine Geschichtskenntnisse mit der Lektüre von Biografien Otto von Bismarcks, Winston Churchills und des türkischen Modernisierers Kemal Atatürk.
Sein Feindbild festigt Nasser als Soldat im arabisch-israelischen Krieg 1948. Die Niederlage der Araber erlebt er, schwer verwundet, als demütigend.
Ägypten wird zu der Zeit von König Faruk I. regiert. Im korrupten Regime des Lebemannes sieht Nasser, der schon in den Schützengräben der Sinai-Wüste mit seinen Kameraden über po-litische Alternativen diskutiert hat, das entscheiden-de Problem seiner Heimat. Er gründet eine konspirative Organisation, die "Freien Offiziere", und sammelt an die 1000 ägyptische Patrioten.
Am 22. Juli 1952 gibt der Oberst die Parole "Sieg" aus - das Signal zum Losschlagen. In den frühen Morgenstunden des folgenden Tages schwärmen die Umstürzler in Kairo aus, sie besetzen die Schaltstellen in der Hauptstadt, den Rundfunk. Von dort verkündet der 33-jährige Offizier Anwar al-Sadat: "Ägypter, euer Land durchlebt den herrlichsten Augenblick seiner Geschichte."
Doch die romantische Revolutionsstimmung verfliegt rasch. Der gestürzte König Faruk darf mit seiner Yacht "Mahrussa" ins Exil nach Neapel dampfen. Seine Münz- und Briefmarkensammlung werden Volkseigentum. Die Brillanten und Porno-Bildchen des Herrschers dürfen Journalisten im Königspalast bestaunen.
Schwieriger wird die Bestandsaufnahme des Landes. Für anderthalb Jahre fungiert ein biederer General als Galionsfigur des Revolutionsrates, dann übernimmt Nasser. Der Putschist "mit dem entwaffnenden Grinsen eines Schuljungen" ("Time") wird 1954 Premierminister.
Sein Buch "Die Philosophie der Revolution", das im selben Jahr erscheint, enthält seine Vision: Die Führungsrolle Ägyptens nicht nur in der arabischen, sondern auch der afrikanischen, der ganzen islamischen Welt.
Nasser ist entschlossen, mit seinem Volk "die fortschreitende Karawane der Menschheit wieder einzuholen, hinter der wir vor fünf Jahrhunderten oder länger zurückgeblieben waren".
Das Land leidet unter Massenarmut und Analphabetismus, der junge Revolutionär wagt radikale Schritte: Er lässt Gutsbesitzerland an Bauern verteilen und setzt Mindestlöhne fest. Das neue Regime führt die Schulpflicht ein, baut Krankenhäuser und schickt Ärzte aufs Land. Söhne und auch Töchter einfacher Bauern können nun erstmals studieren.
Möglich wird dies unter einem modernen, säkularen Staatschef, der mit Simone de Beauvoir über die Gleichberechtigung der Frau diskutiert und mit Ernesto Che Guevara über die soziale Revolution. Doch es gibt auch eine Kehrseite. Von Anfang an setzt Nasser nicht auf Demokratie, sondern auf eine autoritäre Herrschaft. Die westlichen Demokratien sind für ihn Regime der Ausbeutung und des Kolonialismus, er will einen arabischen Sonderweg. In einer Art Erziehungsdiktatur will er die Ägypter in die Zukunft zwingen.
Das heißt auch: Alle Parteien werden verboten, Nasser lässt Rundfunk und Presse zensieren. Armeeoffiziere leiten Handelsfirmen und sogar Theater. So entsteht die bis heute anhaltende Macht des ägyptischen Militärs. In seinem Misstrauen gegenüber politischen Institutionen setzt der Staatschef auf eine mächtige Geheimpolizei. Die bespitzelt und drangsaliert diskussionsfreudige Intellektuelle, selbst Schriftsteller, die mit der Revolution sympathisieren.
Doch diese Schattenseiten seines Regimes kompensiert der Staatsführer durch einen Schritt, der ihn zum Nationalhelden macht. Im Juli 1956 proklamiert er vor jubelnden Massen die Verstaatlichung des Suezkanals, an dem britische Unternehmen über 40 Prozent der Anteile halten. "Ihr seid alle Gamal Abd al-Nasser", ruft er seinen Anhängern zu.
Um sich die Kontrolle über den Kanal zurückzuholen, fallen Ende Oktober 1956 britische, französische und israelische Truppen in Ägypten ein. Nasser gibt die Parole aus: "Niemand wird kapitulieren." Unter dem Druck der Vereinigten Staaten und der Uno müssen die Invasoren schließlich wieder abziehen.
Bundesgenossen für seinen Kurs einer "positiven Neutralität" sucht Nasser ab 1955 in der Bewegung der Blockfreien. Nasser wird einer ihrer Wortführer, neben Jugoslawiens Staatschef Tito und Indiens Premier Nehru.
Unermüdlich propagiert Ägyptens Staatschef, seit 1956 Präsident, die "Einheit der ganzen arabischen Nation" - den Panarabismus. Dem "Imperialismus" reicher Länder setzt er die "nationale Würde" der Habenichtse entgegen.
Er unterstützt Revolutionäre im Jemen mit Waffen und Soldaten. Ägypter und Syrer vereint er 1958 für drei Jahre in einem Staat, bis die syrische Oberschicht das Experiment aufkündigt. Die "afrikanisch-asiatische Einheit", eine Säule seiner Politik, bleibt meist auf Konferenzdelegierte und begeisterte Kundgebungsteilnehmer beschränkt. Der Traum scheitert an eigennützigen Herrschern, die in früheren Kolonialmächten und den USA Alliierte haben.
Nasser dagegen findet Unterstützung bei deren mächtigstem Gegner, der Sowjetunion. Die Sowjets liefern ab 1955 Waffen und empfangen Nasser im April 1958 erstmals im Kreml. Mit Krediten und 5000 Fachleuten sorgen sie für die Fertigstellung des Assuan-Staudamms, dessen Wasser Wüstenland fruchtbar macht.
Ein dankbarer Präsident propagiert den "Sozialismus" nun als "Gesetz der Gerechtigkeit". Seine Staatspartei heißt jetzt "Arabische Sozialistische Union". Ab Anfang der sechziger Jahre verstaatlicht er Banken, Versicherungen und den Großhandel. Nasser verspricht ein "neues soziales System und eine neue Kultur". Weil er vergleichsweise bescheiden lebt, wirkt er glaubhaft für die Menschen, wenn er sagt: "Ich komme aus einer armen Familie und werde arm bleiben bis zum Tod."
Dabei ist Nasser, seit 1964 "Held der Sowjetunion", kein Kommunist. Deren Partei bleibt verboten. Und obwohl er sich wegen bundesdeutscher Waffenlieferungen an Israel "von Westdeutschland verraten" fühlt und DDR-Staatschef Walter Ulbricht empfängt, betont er 1965 in einem SPIEGEL-Gespräch, er stehe "dem deutschen Wunsch nach Wiedervereinigung mit großer Sympathie gegenüber". An DDR-Gesprächspartner richtet er 1961 kurz nach dem Mauerbau die prophetischen Worte, die Deutschen würden sich über ihre Einheit ohne äußeren Druck "innerhalb von fünf Minuten verständigen".
Die Unterstützung Moskaus braucht Nasser vor allem gegen den Erzfeind Israel. Der greift am 5. Juni 1967 mit seiner Luftwaffe Ägypten an. Der Sechstage-krieg endet für das Land mit einer Katastrophe. Israelische Bomber vernichten den Großteil der ägyptischen Luftwaffe. Panzerverbände der Israelis besetzen die Sinai-Halbinsel und rücken zum Suez-Kanal vor.
Am Abend des 9. Juni 1967 sehen die Ägypter auf ihren Fernsehschirmen einen niedergeschlagenen Präsidenten. Nasser nimmt die "volle Verantwortung" für die Niederlage auf sich und verkündet seinen Rücktritt. Da bricht ein gewaltiger Lärm aus in Hunderttausenden ägyptischen Wohnungen. "Auch meine Nachbarn fingen an zu schreien, stürmten auf die Straße und riefen 'Nasser, Nasser, lass uns nicht allein'. Das war von niemandem organisiert", erinnert sich SPIEGEL-Korrespondent Volkhard Windfuhr, der seit 1955 in Kairo lebt.
So bleibt Nasser, Symbol des arabischen Nationalismus, an der Macht. Doch in seiner Führungsriege vereinsamt er zusehends, viele seiner Kampfgefährten sind längst für eine Annäherung an die USA.
Doch die stehen im festen Bund mit Israel, dem "Dolch im Fleisch" der Araber. Deshalb setzt Nasser weiter auf die Sowjetunion, die ein Gegengewicht zur 6. US-Flotte im Mittelmeer schaffen will. Moskau schickt Tausende Militärberater, darunter Luftabwehrexperten. Mehrere von ihnen sterben bei israelischen Luftangriffen.
Mit Parolen von der "Vernichtung" Israels hat es der impulsive Mann seinen Feinden oft leicht gemacht, ihn als Wiedergänger Hitlers zu dämonisieren. Doch dass er als erfahrener Staatsmann das Potential zum Friedensstifter hat, zeigt er im September 1970 als Vermittler im Bürgerkrieg zwischen den Palästinensern und Jordanien.
Ein sichtlich erschöpfter Nasser beendet den ara-bischen Bruderkampf mit letzter Kraft. Die Niederlage 1967 hat die Gesundheit des früh ergrauten Kettenrauchers zerrüttet. Er ist verzweifelt. Dass es im Nahost-Konflikt "keine Projekte für eine friedliche Lösung gibt", konstatiert er im Juli 1968 an der Universität Kairo.
Am 28. September 1970 stirbt der 52-Jährige in seinem Haus in Kairo an den Folgen eines Herzinfarkts. Millionen weinende Ägypter geben Nasser ein letztes Geleit wie nie wieder einem ägyptischen Politiker. Er habe "die Tendenzen seines Kulturkreises exemplarisch ausgedrückt", schreibt SPIEGEL-Herausgeber Rudolf Augstein in einem Nachruf. Augstein hatte Nasser 1954 getroffen und sah in ihm "eine jener wenigen Figuren, deren Format sich in Gestalt, Mimik, Tonfall und Gesichtsausdruck überzeugend mitteilt".
Nach außen beteuert sein Nachfolger Anwar al-Sadat, er wolle Nassers Werk fortsetzen. Doch er hat anderes vor. Sadat will mit Hilfe der USA Frieden mit Israel erreichen. Das erfordert den Bruch mit dem Nasserismus. Wenige Monate nach der Amtsübernahme organisiert der neue Staatschef eine Säuberung von linken Nasseristen. Er diffamiert seine Widersacher, darunter Nasser-Intimus Ali Sabri, als "Sowjet-Agenten". Eine willfährige Justiz verurteilt sie zu langen Haftstrafen.
Im Juli 1972 wirft Sadat etwa 15 000 sowjetische Militärberater aus dem Land. Moskaus Waffen aber braucht er noch für einen Krieg gegen Israel, der Ägypten Frieden bringen soll.
Im Oktober 1973 stürmen ägyptische Truppen die nach einem israelischen General benannte Bar-Lev-Linie am Ostufer des Suezkanals. Ende Oktober wird ein Waffenstillstand geschlossen. Sadat bemüht sich mit US-Außenminister Henry Kissinger darum, den jüdischen Staat für eine Friedensregelung zu gewinnen. Im November 1977 reist Sadat als erster und bislang einziger arabischer Staatschef nach Israel und hält vor dem Parlament, der Knesset, eine historische Rede. Darin spricht er von seiner "heiligen Friedensmission", die Israel in der Region "Sicherheit" garantieren werde. Sadat hofft zunächst, er könne einen "Gesamtfrieden" für den Nahen Osten erreichen, einschließlich einer Lösung der Palästinenserfrage. Doch Israels rechtsgerichteter Premierminister Menachim Begin will keinen Palästinenserstaat.
Vermittelt durch US-Präsident Jimmy Carter einigt sich Sadat im September 1978 in dem Erholungsort Camp David im US-Bundesstaat Maryland auf einen Frieden mit Israel, der auch den Abzug der israelischen Armee von der Sinai-Halbinsel bringt. Das Abkommen, für das Sadat und Begin den Friedensnobelpreis erhalten, isoliert Ägypten in der arabischen Welt. Dort gilt Sadat nun weithin als "Verräter".
Bestätigt sehen sich Sadats Gegner, als Begin die Ruhe an der Grenze zu Ägypten bald für Schläge an anderen Fronten nutzt. 1981 annektiert Israel völkerrechtswidrig die syrischen Golanhöhen, 1982 vertreibt Begin in einem Feldzug im Libanon die Palästinenserführung aus Beirut.
Selbst in Ägyptens apolitischen Streitkräften wächst der Hass auf den "Verräter". Am 6. Oktober 1981 wird Sadat bei einer Militärparade in Kairo von islamistischen Offizieren erschossen. Das ägyptische Volk reagiert auf den Anschlag mit "teilnahmsloser Ruhe", wie Medien berichten.
Sadats Nachfolger Husni Muba-rak regiert Ägypten im Ausnahmezustand. Abstimmungen lässt er manipulieren. Während die Staatssicherheit Regimekritiker foltert und ermordet, präsentieren sich Unternehmen und Verbände mit Anzeigentexten wie: "Huldigen wir dir, o Mubarak!"
Den ägyptischen Alltag prägen Korruption, Arbeitslosigkeit und Armut. Mubarak, Kreditnehmer des Internationalen Währungsfonds, führt ein marodes Regime am Tropf der Vereinigten Staaten. Die überweisen jährlich allein 1,3 Milliarden US-Dollar Militärhilfe nach Kairo. Rund 2500 Mitarbeiter der US-Botschaft, darunter zahlreiche Männer des Geheimdiensts CIA, sorgen dafür, dass Ägypten nicht wieder gegen die Weltordnung aufbegehrt.
Westliche Demokratien bescheinigen dem Regime immer wieder Fortschritte bei vermeintlichen "politischen Reformen", bis Mubaraks Volk den Massenaufstand beginnt. Erinnerungen an die ägyptische Revolution von 1952 werden wieder wachgerufen. Am 11. Februar 2011, als die Ägypter das Mubarak-Regime stürzen, zeigt das ägyptische Fernsehen überraschend eine große Dokumentation über Nasser, den Mann, der seinem Volk einst zugerufen hatte: "Ihr seid alle Gamal Abd al-Nasser!"
Von Uwe Klußmann

SPIEGEL GESCHICHTE 3/2011
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