31.05.2011

Gestirn des Orients

Die ägyptische Sängerin Umm Kulthum war mehr als die Callas Arabiens - sie versetzte Menschen in Ekstase, Nasser nannte sie „meine Geheimwaffe“.
An einem Frühlingsvormittag 1965 kam in Kairo der Verkehr zum Erliegen. Die Busfahrer schalteten die Motoren ab, Autos hielten, Passanten eilten in Teestuben und Cafés. Der Staatsrundfunk hatte bekanntgegeben, dass Umm Kulthum ein neues Liebeslied singen werde - der beliebte Komponist Mohammed Abd al-Wahhab hatte es für sie in Ton gesetzt. Anderthalb Stunden lang lauschten Ägypten und die arabische Welt, "stumm und glücklich", wie sich ein Zeitgenosse erinnert. Noch heute kommen auch jungen Ägyptern die Tränen, wenn das Lied "Anta Umri", "Du bist mein Leben", aus dem Lautsprecher klingt.
Jeden ersten Donnerstagabend im Monat sang Umm Kulthum auf der Bühne des historischen Kasr-al-Nil-Kinopalastes in Kairo. Arabiens Herrscher, so hieß es, hielten diesen Abend von Reden frei, Golfscheichs flogen zum Konzert im eigenen Jet. Der Rundfunk übertrug ihre Stimme auf Kurzwelle in alle Welt. Die Nil-Metropole wurde dann für Stunden zur Geisterstadt. Wenn "al-Sitt", "die große Dame" des ägyptischen Gesangs, zu ihren Arien über die großen Gefühle, Liebesleid und Vaterland anhob, fingen bereits die Ersten an zu weinen, manche wurden ohnmächtig.
Mit ihrer unvergleichlichen Stimme, ihrem spannungsgeladenen Vibrato begeisterte die Tochter eines muslimischen Dorfpredigers aus dem Nildelta über Jahrzehnte die arabische Welt, bis heute, 36 Jahre nach ihrem Tod. Ihr Vater war als Sänger bei Hochzeiten aufgetreten, als er das Talent seiner Tochter erkannte, ließ er sie in Jungenkleidern auf Feiern Koranverse vortragen.
Um 1900 geboren, stieg das junge Stimmwunder Fatima Ibrahim in Kairo in wenigen Jahren zum Superstar auf. "Diese Stimme verzauberte alle", erinnerte sich der Geschichtsphilosoph Ahmed Lutfi al-Sajjid. "Wir konnten uns nicht satthören." Zunächst sang sie religiöse Lieder, aber schon bald griff sie auch freimütig Tabuthemen wie leidenschaftliche Liebe und Hingabe auf, die heute von islamistischen Gralshütern schon wieder verteufelt werden. Politisch war "Umm Kulthum", die "Mutter der rosigen Wangen", so ein Kosename, nicht festgelegt. In einer Zeit, in der die meisten arabischen Länder von europäischen Kolonialmächten dominiert, teilweise sogar noch besetzt waren, beschwor sie den glühenden Patriotismus, die große Vergangenheit. "König Faruk, mögest du ewig leben", pries sie Ägyptens Monarchen.
Mit dem Sturz der Monarchie im Sommer 1952 fiel Arabiens erste "Chansonette und Königin des Liedes" (Radio Kairo) zunächst in Ungnade. Hatte sie nicht Loblieder auf den gesungen, den die "Freien Offiziere" um Gamal Abd al-Nasser als Ausgeburt der Korruption zur Abdankung zwangen?
Doch Nasser wollte den Volksliebling für seine Ideologie gewinnen und bat die gefeierte Sängerin höchstpersönlich, das Millionenheer ihrer Anhänger weiterhin zu begeistern - nun für die Revolution. Umm Kulthum stimmte zu und wurde selbst vom revolutionären Elan der neuen Zeit erfasst. "Ich bin das Volk", sang sie im fortissimo "für uns ist nichts unmöglich." Ihr Lied "Wallah saman ja silahi", "Schon lange vermisse ich dich, meine Waffe", wurde zur Nationalhymne gekürt. Für Nasser war sie nun "meine Geheimwaffe", er adelte sie als "Gestirn des Morgenlandes".
Umm Kulthum sang für die Freiheitskämpfer Algeriens, für die Revolutionäre im Irak, für die Palästinenser und den neuen Geist, der Arabien beflügelte. "Vielleicht von Nasser abgesehen, ist sie die stärkste Verkörperung panarabischen Fühlens", urteilte die Londoner "Times".
Als die Ägypterin 1975 an einer Nierenentzündung starb, unterbrachen die Rundfunkstationen ihr Programm und sendeten Trauermusik, das letzte Geleit gaben ihr Hunderttausende.
Von Volkhard Windfuhr

SPIEGEL GESCHICHTE 3/2011
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