31.05.2011

Bruder Führer

Libyens Staatschef Gaddafi war einst ein Volksheld, der sich auf mächtige Stämme stützen konnte. Er verordnete seinem Land ein bizarres politisches System, war zeitweise international geächtet. Doch erst die Gewalt gegen sein Volk brach seine Autorität.
Als die kleineren Stämme sich lossagten, war das ärgerlich, aber noch nicht wirklich beunruhigend. Als Teile des Stammes Warfalla ihre Loyalität aufkündigten, wurde er langsam nervös. Als aber Scheich Faradsch al-Suwai, der Führer des mächtigen Stammes Suwaja aus dem ölreichen Norden, drohte, die Ölhähne und die Zugänge zu den Erdöl-Verladehäfen zu blockieren, falls die Angriffe auf wehrlose Demonstranten nicht aufhörten, da musste er wissen, dass es ernst wird.
Sein Volk erhob sich und mit ihm die Stämme, die seit über 40 Jahren, seit Muammar al-Gaddafi mit ein paar getreuen Offizieren den verhassten König verjagt hatte, von dem System in Libyen profitiert hatten. Was war geschehen, dass sie plötzlich die Fronten wechselten? Dass von ihm der Rücktritt verlangt wurde?
Das Volk regierte sich doch selbst im System Gaddafi, er, ihr "Bruder Führer", gab seinen Brüdern und Schwestern lediglich Ratschläge, wenn sie vom Pfad der absoluten Volksherrschaft abkamen. Man konnte diese Ratschläge als Befehle verstehen, aber das sah er anders.
Es gebe keine Demonstrationen auf den Straßen, behauptete Gaddafi noch Ende Februar 2011 gegenüber der amerikanischen Journalistin Christiane Amanpour: "Haben Sie Demonstrationen gesehen? Mein Volk liebt mich. Es wird für mich sterben, um mich zu beschützen!" Folglich konnte für Gaddafi die Gefahr nur von außen kommen. "Al-Qaida! Das ist al-Qaida! Al-Qaida!", schmetterte er Amanpour im Interview entgegen. Da hatte er schon die Bomber gegen seine Brüder und Schwestern geschickt.
Es war der grausam entschlossene Versuch eines Autokraten, zu retten, was längst verloren war: den Rückhalt seines Volkes, den er zu Beginn seiner Herrschaft tatsächlich einmal hatte. Gaddafi hatte schließlich das Land von Grund auf verändert, es zu Unabhängigkeit und auf den Weg einer vermeintlich egalitär-sozialistischen Gesellschaft, aber auch in die internationale Isolation geführt. Das Nachrichten-Magazin "Newsweek" bezeichnete den Beförderer des Staatsterrorismus einst als den "gefährlichsten Mann der Welt", der damalige US-Präsident Ronald Reagan nannte ihn "den tollwütigen Hund des Nahen Ostens".
Sich selbst sah Gaddafi stets als "einen armen, herumschweifenden Beduinen". Muammar, "dem ein langes Leben gegeben ist", was sein Name übersetzt bedeutet, wurde 1942 südlich der Stadt Sirt geboren, in den kleinen und unbedeutenden Stamm der Gadadifa. Er kam erst mit neun Jahren in die Schule, interessierte sich aber früh für Geschichte. Dort hörte er auch von Omar al-Muchtar, dem "Libyschen Löwen", dem Partisan im Kampf gegen die Italiener, bis heute wird er in Libyen verehrt.
Als Ende des 19. Jahrhunderts die europäischen Kolonialmächte Afrika aufteilten, interessierten sich die Italiener für ein Stück Land im Norden, das sie ab 1911 in blutigen Kämpfen eroberten. Sie fassten 1934 das Besatzungsgebiet aus den Regionen Tripolitanien, Cyrenaika und Fessan zu einer staatlichen Einheit zusammen, nannten sie "Libia italiana" und machten Tripolis zur Hauptstadt.
Für die Italiener war Libyen ein Vorgarten Roms, den sie zwischen 1911 und 1943 ausbeuteten. Benito Mussolini sprach von "der großen Büchse Sand". 20 Jahre lang kämpfte Omar al-Muchtar mit seiner Guerilla gegen die italienische Besatzungsmacht. Mussolini schickte seinen brutalsten General, um den Aufstand niederzuschlagen. Tausende Libyer wurden in Konzentrationslager deportiert oder in die Wüste getrieben, wo sie elendig verendeten; Muchtar wurde 1931 in Suluk bei Bengasi öffentlich hingerichtet.
Über 100 000 Libyer sollen getötet worden sein, der Großvater Gaddafis war einer von ihnen, sein Vater wurde verwundet. Das prägte den jungen Gaddafi. Als er zehn Jahre alt war, putschten im Nachbarland Ägypten die "Freien Offiziere" unter Beteiligung von Gamal Abd al-Nasser. Ihre Rufe nach Sozialismus, Freiheit und Unabhängigkeit, vor allem aber ihr Abscheu gegen jede Form der Fremdherrschaft beeindruckten den Libyer noch mehr, Nasser wurde Gaddafis Idol.
Gaddafi ging nun in Tripolis zur Schule, wo ihn die Kinder der städtischen Eliten wegen seiner beduinischen Herkunft hänselten. Er folgte seinem Idol Nasser, absolvierte eine Ausbildung an der Militärakademie und putschte, gerade mal 27 Jahre alt, am 1. September 1969 mit weiteren Offizieren gegen Idris al-Sanussi, der mit der Unabhängigkeit 1951 König geworden war.
Als Gaddafis Offiziere die Macht übernahmen, floss in Libyen schon seit ein paar Jahren Erdöl, doch das Land war immer noch eines der ärmsten Länder der Erde, die Gesellschaft rückständig. Die knapp eine Million Libyer lebten von Ackerbau und Viehzucht.
Eines der wichtigsten Exportgüter zu dieser Zeit war Metall der aus dem Ersten und Zweiten Weltkrieg zurückgelassenen oder zerstörten Kriegsgeräte. König Idris I. hatte vor allem seine eigenen Taschen und die seiner Entourage gefüllt. Um seine Monarchie zu stabilisieren, war er sogar ein Bündnis mit Amerikanern und Briten eingegangen, denen er Militärbasen und die Förderung des Erdöls überließ. Der Putsch Gaddafis wurde von der Bevölkerung deshalb bejubelt.
Libyen ist ein Staat verschiedener Völker und Stämme, in dem sich erst aus dem Widerstand gegen die italienische Besetzung ein libyscher Nationalismus entwickelt hatte. Die Bevölkerung war bereits in der Antike unterschiedlichen kulturellen Einflüssen ausgesetzt, die zur Entwicklung verschiedener Mentalitäten und Alltagskulturen beitrugen. Tripolitanien war phönizisch-römisch geprägt, ist heute eher konservativ, aber auch säkular orientiert; die Cyrenaika war griechisch beeinflusst, hat heute ein stärkeres islamisches Profil; der Fessan im Südwesten des Landes ist beduinisch-afrikanisch dominiert. Noch heute fühlen sich Tripolitaner den Tunesiern näher als ihren Landsleuten im Fessan.
Auch zwischen städtischer Kultur an der Küste und dem Beduinentum im Landesinnern bestehen Gegensätze, die das Zusammenleben der Libyer noch immer beeinflussen. Zudem öffnete Gaddafi aus ideologischen Gründen im Jahr 2000 die Grenzen im Süden - nachdem der Panarabismus gescheitert war, versuchte er sich im Panafrikanismus. Hunderttausende schwarzafrikanische Gastarbeiter und Flüchtlinge, in erster Linie aus dem Tschad, aus Mali, Niger, Ghana und Nigeria, strömten daraufhin ins Land, seither gab es immer wieder Spannungen bis hin zu rassistischen Übergriffen. Aber Gaddafi verkündete: "Wir sind alle Libyer."
Jeder Libyer ist an seinen Stamm gebunden, Herkunft und Abstammung bestimmen bis heute den sozialen Status. Etwa 140 verschiedene Stämme gibt es in Libyen, von denen aber nur etwa zwei Dutzend politisch bedeutend sind. Gaddafi baute deshalb seine Herrschaft auch auf die Stämme auf.
Erstaunlicherweise gelang es ihm, einem Mitglied des recht unbedeutenden kleinen Stammes der Gadadifa, mit zwei der zahlenmäßig größten Stämme eine Allianz einzugehen. "Nach der Machtübernahme besetzte Gaddafis Stamm zusammen mit den verbündeten Warfalla und Magarha alle zentralen Posten bei Streitkräften, Polizei und Geheimdienst. So sicherten sie ihre Herrschaft ab", erklärt Hanspeter Mattes, Nordafrika-Spezialist am German Institute of Global and Area Studies in Hamburg. Gaddafi verschaffte ihnen Privilegien und Posten, verteilte unter ihnen die üppigen Einnahmen aus dem Erdölgeschäft.
Die Anführer agieren in ihren Gebieten weitgehend unabhängig von Tripolis. Die Loyalität des einzelnen Libyers gilt in erster Linie dem eigenen Stamm, nicht den übergeordneten Interessen eines staatlichen Gemeinwesens.
Das zeigte sich auch im gegenwärtigen libyschen Aufstand. "Für einen Libyer ist es unvorstellbar, die Waffe gegen ein Stammesmitglied zu richten", sagt Mattes. "Als Gaddafi begann, Demonstrationen im Osten gewaltsam niederzuschlagen, konnten ihm Angehörige dieser Stämme in der eigenen Truppe nicht länger die Treue halten."
Aber auch der Gedanke an eine "Nachkriegsordnung" spielte bereits eine Rolle. "Stämme, Staatseliten und oppositionelle Gruppen positionieren sich unterdessen schon für die Zeit nach Gaddafi", ist Wolfram Lacher von der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin überzeugt.
Dabei waren die Ergebnisse des sozioökonomischen Wandels, den Gaddafi einst auslöste, durchaus beachtlich. Briten, Amerikaner und Italiener mussten das Land verlassen, ausländische Banken und Unternehmen wurden verstaatlicht, ein Großteil der Ölfirmen wurde unter libysche Kontrolle gebracht. Mit den Ölgeldern ließ Gaddafi - von Hunderttausenden ausländischen Gastarbeitern und Technikern - Fabriken, Schulen, Krankenhäuser und Straßen bauen sowie riesige Bewässerungsanlagen in die Wüste setzen. Löhne wurden angehoben, Nahrungsmittel subventioniert, Mieten abgeschafft, Ausbildung und medizinische Versorgung kostenlos angeboten, und Beduinen bekamen Land.
Die Libyer ließen sich berieseln. "Ein Volk von Frührentnern schaute zu, was die neue Führung sich an Geschenken so einfallen ließ", schrieb der SPIEGEL 1986. Für diese Annehmlichkeiten waren sogar so stolze Beduinenstämme wie die Tuareg bereit, einen großen Teil ihrer Unabhängigkeit zugunsten des arabisch dominierten Staates zu opfern. So konnte Gaddafi die Tuareg als "seine Araber des Südens" bezeichnen, obwohl sie ethnisch keine Araber, sondern Berber sind, also zur Urbevölkerung Libyens gehören. Araber kamen erst im siebten Jahrhundert nach Nordafrika.
Dem Volk ging es folglich zunächst gut. Auch sollte jeder Bürger zu jeder Zeit an jedem politischen Entscheidungsprozess teilhaben können, das war Gaddafis propagierte Vision. 1974 legte er demonstrativ alle politischen Ämter nieder, ließ sich fortan Revolutionsführer oder Bruder Führer nennen, schaffte die Verfassung ab und legte von 1975 bis 1979 sein aus drei Teilen bestehendes Grünes Buch vor, das sämtliche Probleme des gesellschaftlichen Zusammenlebens - weltweit - lösen und den Weg zur "absoluten Volksherrschaft" aufzeigen sollte.
Sein Libyen sollte das Musterland dafür sein. "Die wahre Demokratie besteht nur durch die Beteiligung des Volkes, nicht durch die Aktivität seiner Repräsentanten", schrieb Gaddafi.
Also brauchte Libyen keine Repräsentanten. Und da "die Parlamente ein Mittel zur Ausplünderung und Aneignung der Volksmacht sind", wie er meinte, seien auch Parlamente überflüssig. Und Wahlen? "Die Menschen stehen schweigend in langen Reihen, um ihre Stimmzettel in die Wahlurnen zu werfen, genauso wie sie andere Papiere in den Abfalleimer werfen." Also auch keine Wahlen. Und Parteien seien überflüssig, denn "die Partei ist nur ein Teil des Volkes, aber die Macht des Volkes ist unteilbar".
Um den Volkswillen zu ermitteln, schuf Gaddafi mehrstufige Institutionen in seinem System der Dschamahirija, des "Volksmassenstaats", wie er sein Konstrukt nannte. Auf Hunderten Basiskonferenzen, die mehrmals im Jahr über das gesamte Land verstreut abgehalten wurden, diskutierten die Teilnehmer über anstehende Probleme und wählten Vertreter in die lokalen Basiskomitees und für den Allgemeinen Volkskongress, das Quasi-Parlament.
So wurden Beschlüsse auf die jeweils nächste Ebene weitergereicht, bis daraus Gesetze und politische Strategien entstanden. So weit die schöne Theorie - doch über all den Delegierten, Kongressen, Sekretären wachte der Revolutionsführer selbst. Zwar war der jeweilige Generalsekretär des Volkskomitees Staatsoberhaupt, doch faktisch bestimmte Gaddafi weiter die Politik. Dafür hatte er den "Revolutionssektor" geschaffen, der jeder politischen Kontrolle entzogen war.
Auch wie die wirtschaftliche Ordnung auszusehen habe, legte Gaddafi im Grünen Buch fest. Damit jegliche Ungleichheit in der Gesellschaft aufgehoben werde, ließ er sämtliche Unternehmen in Volksbesitz überführen. Die Arbeiter erhielten nun keinen Lohn mehr, sondern anteilige Rechte an den Produkten, die ihr Unternehmen herstellte. "Partner statt Lohnarbeiter" nannte Gaddafi diese "Produzentenrevolution". Die Folge: Privathandel wurde unterdrückt, die Basarhändler mussten ihre Geschäfte schließen, das öffentliche Leben kam vielerorts nahezu zum Erliegen.
Das System florierte zunächst trotzdem. Denn die politischen und wirtschaftlichen Reformen, die Gaddafi in Gang setzte, bedeuteten für die Stammesgruppen und sozialen Schichten, die während der Sanussi-Monarchie verarmt waren, bessere Lebensverhältnisse. Doch langfristig gab es gewaltige Probleme. Der ökonomische Kurs führte nicht in ein egalitäres Wirtschaftsparadies, sondern in ein organisatorisches Chaos. Die Menschen verloren zunehmend das Vertrauen in die Regierung und zogen sich immer weiter in die Privatsphäre und die verlässlicheren Stammesbindungen zurück.
Mit schätzungsweise sechs bis acht Milliarden Dollar unterstützte Gaddafi terroristische Organisationen auf der ganzen Welt: die Roten Brigaden in Italien, diverse palästinensische Splittergruppen (wie Schwarzer September), die Farc in Kolumbien, die IRA in Irland. Rücksichtslos verfolgte er Regimegegner auch im Ausland, gab das Bombenattentat auf die Berliner Discothek La Belle 1986 in Auftrag, ließ 1988 einen PanAm-Jumbo über dem schottischen Lockerbie abstürzen. Internationale Sanktionen waren die Folge.
Aufgrund einer Wirtschaftskrise seit Mitte der achtziger und später in den neunziger Jahren, bei der der Ölpreis rapide sank, begann das ökonomische und damit das politische System Libyens zu wackeln. Libyer mussten plötzlich in Schlangen nach Fleisch und Brot anstehen, die Arbeitslosigkeit betrug rund 30 Prozent in einem Land, das mit seinem Erdöl- und Erdgasvorkommen zu den reichsten Ländern Afrikas zählt.
Gaddafi erkannte, dass er außenpolitisch handeln musste, um an der Macht zu bleiben. 1999 lieferte er die mutmaßlichen Attentäter von Lockerbie aus und entschädigte die Opfer libyscher Anschläge durch Zahlungen in Millionenhöhe; Uno und EU lockerten nach und nach die Sanktionen. Auch sollen Gaddafis Geheimdienste nach dem 11. September 2001 westlichen Diensten wichtige Informationen über das Terrornetzwerk al-Qaida geliefert haben - der ehemalige Terroristen-Förderer beteiligte sich nun am Kampf gegen den Terror. 2003 erklärte Gaddafi sogar seinen Verzicht auf Massenvernichtungswaffen. Die Sanktionen gegen Libyen wurden schließlich auch von den USA aufgehoben. Als Wirtschaftspartner war Gaddafi aufgrund der reichen Erdöl- und Erdgasvorkommen schon immer sehr attraktiv, jetzt durfte man wieder ganz offiziell mit ihm Geschäfte machen. Er war zurück in der Staatengemeinschaft.
Und nun rebellierte sein Volk.
Dabei hatte Gaddafi in seinem Grünen Buch selbst vorhergesagt: "Wenn eine Klasse, eine Partei, ein Stamm oder eine Sekte eine Gesellschaft beherrscht, wird das ganze System zur Diktatur." Gaddafi entwarf 1974 daher die "Dritte Universaltheorie", die "das Demokratieproblem in der Welt endgültig löst", es fehle nur noch an einem: "Alles, was die Massen jetzt tun müssen, ist für die Beendigung aller Formen diktatorischer Herrschaft in der heutigen Welt zu kämpfen."
Seine Massen nahmen ihn beim Wort.
Von Lutz Jäkel

SPIEGEL GESCHICHTE 3/2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


  • Videoanalyse aus Brüssel: "Der Gipfel droht zum Frustgipfel zu werden"
  • Nordsyrien: 120 Stunden Gefechtspause
  • Walkadaver in der Tiefsee: Gefundenes Fressen
  • Kuriose Operation: Flügeltransplantation für Schmetterling