31.05.2011

Impulse vom König

Die jungen Marokkaner wollen ihren Monarchen nicht stürzen, sondern ihm Reformen abhandeln. Kann das gelingen?
Zangengeburt auf der Theaterbühne: Die Marokkanerin mit dem Kopftuch in der roten Landesfarbe liegt auf dem Operationstisch, ihr Kind will einfach nicht auf die Welt kommen - und das nach fast fünf Jahrzehnten Schwangerschaft. Ihr Kopf steckt in einer Schlinge. Die droht der Henker zuzuziehen, sobald die Frau geboren hat. Endlich befördert der Arzt das "Baby Verfassung" ins Freie - es ist ein ausgewachsener Mann. Im Mutterleib ha-be er all die Jahre so wunderbar geträumt. Ja wovon denn? "Ich hab's vergessen."
Das Publikum im ausverkauften Saal des französischen Kulturinstituts nahe dem Bahnhof von Rabat lacht und tobt vor Begeisterung über die Parabel, die eigens für diesen Abend geschrieben wurde.
Denn auch Marokko wird mitgerissen vom arabischen Frühling. Seit Wochen fordern junge Demonstranten in den größeren Städten Freiheit und Demokratie. Im März hat der König angeboten, den Volksvertretern im Parlament und der gewählten Regierung Macht abzutreten. In diesen Tagen im April sammelt eine Kommission bei Parteien und gesellschaftlichen Gruppen Vorschläge für eine neue Verfassung. Wird es eine Zangengeburt?
Unter den Zuschauern, die der Truppe wild applaudieren, ist auch Najib Chaouki, 32. In Rabat hat der Blogger, befeuert von den Revolutionen in Tunesien und Ägypten, die "Bewegung 20. Februar" mit angestoßen. So nennen sich die protestierenden Marokkaner - nach dem Tag, an dem sie sich erstmals auf die Straßen trauten. Sehr pointiert seien die Texte in Daridscha, der Alltagssprache der Marokkaner, sehr gewagt die Anspielungen.
Vielleicht wollte deshalb keiner im Saal einen Kommentar abgeben, als die Leiter des Dabateatr - "daba" heißt "sofort" - wie üblich zur Debatte aufgefordert hatten. Doch vor der Tür diskutieren die Intellektuellen der Hauptstadt dann in der milden Nacht mit Chaouki und anderen Aktivisten.
Die haben Marokko heftig in Bewegung gebracht. Seit sie ihre Altersgenossen über Facebook für Sonntag, den 20. Februar, alarmierten, haben Zehntausende monatlich in landesweiten Kundgebungen und lokalen Grüppchen friedlich demonstriert. Sie fordern Meinungsfreiheit, gleiches Recht für alle und bessere Chancen auf Bildung, Aufstieg und Wohlstand. Es sind im Grunde die Ziele der Französischen Revolution, welche die jungen Rebellen endlich in Marokko durchsetzen wollen.
Den Abgang des Machthabers verlangen sie nicht - anders als ihre Gesinnungsfreunde in Tunesien und in Ägypten. Die hatten ein klares Ziel: Ben Ali und Mubarak zu stürzen. Die jungen Marokkaner wollen ihren König nicht stürzen, sondern ihm Reformen abhandeln.
Kann das gelingen? Kann ein autoritäres Regime durch Reformen in eine Demokratie verwandelt werden?
Wie fragil die Lage ist, zeigte Ende April ein Anschlag in der Tourismusmetropole Marrakesch. Gerade in dem beliebtesten Café mit dem besten Blick auf den Platz der Gaukler - Magnet für die führende Industrie des Landes -, wo jeder Marokko-Besucher einmal Minztee getrunken haben muss, starben 17 Menschen, die meisten von ihnen Ausländer. Und alte Ängste, dass Lockerungen aus Sicherheitsgründen wieder zurückgenommen werden könnten, kehrten zurück.
Nachdem Marokko von den Kolonialmächten Frankreich und Spanien unabhängig geworden war, schrieb die erste Verfassung - 1962 in einem Volksentscheid mit 99 Prozent der Stimmen angenommen - die fast absolutistische Rolle des Herrschers fest. Der in Frankreich promovierte Jurist Mohammed VI., der 1999 seinem mit harter Hand herrschenden Vater Hassan II. auf dem Alawiden-Thron folgte, erklärte sich bei seinem Machtantritt zur Öffnung nach dem Vorbild westlicher Demokratien bereit.
Doch der "Sultan" der schon seit 1664 über Marokko herrschenden Dynastie sieht sich als direkter Nachfahre des Propheten Mohammed. Deshalb ist der König zugleich oberster Führer der Gläubigen und weltlicher Machthaber.
In den Vereinigten Staaten und Europa wurde der Sunnit als Bollwerk gegen islamistische Extremisten geschätzt. Dem Westen ging Sicherheit stets vor Demokratisierung. Als 2003 Selbstmordattentäter in Casablanca 33 Menschen mit in den Tod rissen, brach der junge König die "Zeit der Laxheit", wie er die Toleranzphase nannte, ab.
Die überwältigende Mehrheit der Marokkaner steht hinter dem König. Das hatte eine Umfrage des unabhängigen Magazins "Telquel" zu seinem zehnten Thronjubiläum 2009 ergeben. Dennoch wurde diese Ausgabe eingestampft, weil Marokkos frechste Journalisten an einem Tabu gerüttelt hatten: Über den König darf keiner urteilen, er ist sakrosankt. Ebendiese "Unantastbarkeit" wollen viele junge Leute nicht mehr hinnehmen.
"Wir wollen keinen Superman als König, der alles allein bestimmen kann", sagt der arbeitslose Journalist Chaouki, der sechs Jahre lang in Deutschland gelebt hat. "Wir verlangen, dass alle Macht vom Volk ausgeht", betont Selma Maarouf, 22, aus Salé, der frommen Schwesterstadt Rabats am gegenüberliegenden Ufer des Bou Regreg. Das Problem sei nicht die Monarchie, erklärt sie, "aber wer Politik, Wirtschaft und Religion dirigiert, kann nicht heilig sein". Die Biologiestudentin und ihre Mitstreiter fordern, dass jede Macht Kontrollen unterworfen werden muss.
"Wir fordern einen Rechtsstaat", bekräftigt Omar Radi, 25, der für Onlinemedien über Wirtschaft schreibt. Die Korruption habe überhandgenommen, Günstlinge des Palasts nutzten ihre Nähe zum König aus. Das US-Wirtschaftsmagazin "Forbes" schätzt dessen persönliches Vermögen auf 2,5 Milliarden Dollar, fünfmal so viel wie bei seiner Thronbesteigung. Auch kritisiert Radi, dass die Königsfamilie über eine Holding führende Branchen dominiere.
Jetzt "ist die Mauer der Angst gefallen", freut sich der Theatermacher Jaouad Essounani. Er hatte in den vergangenen zwei Jahren Bloggern wie Chaouki die Bühne seines Dabateatr zur Verfügung gestellt, damit sie das Publikum mit ihren Ideen konfrontieren konnten. "Die Jugend hat die Alarmglocke geläutet", sagt Essounanis Dramaturg Driss Ksikes, bis 2006 Chefredakteur von "Telquel".
Und der Palast hat reagiert. Mit seiner Rede, nur 17 Tage nach den ersten landesweiten Demonstrationen, setzte der Herrscher ein starkes Signal. Er stellte eine "tiefgreifende Revision der Verfassung" in Aussicht. Dazu setzte er eine 18-köpfige Kommission von Gelehrten, Vertretern der Zivilgesellschaft und Menschenrechtlern ein, die bis Ende Juni einen Text ausarbeiten soll. Über den könnten die Marokkaner vielleicht schon im Herbst abstimmen.
Marokko soll dezentralisiert, die einzelnen Regionen nicht mehr von "Walis", die der König ernennt, sondern von gewählten Räten regiert werden. Als wichtigste Änderungen bot der König an, den Premier aus den Reihen der Partei mit dem besten Wahlergebnis zu bestimmen und dem "aus freien und glaubwürdigen" Wahlen hervorgegangenen Parlament mehr Kompetenzen einzuräumen. Die Justiz müsse unabhängig von der Regierung arbeiten. Ein Rat, der über die Einhaltung der Menschenrechte wacht, soll genauso wie Institutionen, die Korruption und Monopole in der Wirtschaft bekämpfen, erstmals Verfassungsrang erhalten.
Alles nur Kosmetik? Nach der Rede des Königs müssten "alle Marokkaner sich an die Arbeit machen und für eine umfassende, aber friedliche Revolution einsetzen", schreibt der wohl bedeu-tendste marokkanische Gegenwartsautor in französischer Sprache, Tahar Ben Jelloun, in seinem im April auf Deutsch erschienenen Buch "Arabischer Frühling". Muss sich der in Paris und Tanger lebende Schriftsteller den Vorwurf gefallen lassen, ein naiver Höfling zu sein?
Natürlich zeigte das Attentat von Marrakesch, das zunächst Terroristen der aus Algerien, Mauretanien und Mali operierenden "al-Qaida des islamischen Maghreb" zugeschrieben wurde, die Verletzlichkeit des marokkanischen Demokratisierungsexperiments. Doch erstmals haben sich sowohl in Gefängnissen einsitzende Salafisten wie auch die außerparlamentarische Islamistenbewegung von dem Anschlag distanziert.
Einiges spricht dafür, dass Marokko die friedliche Ausnahme in der Reihe arabischer Umwälzungen sein könnte. Anders als seine Nachbarländer verfügt es über eine seit den achtziger Jahren entstandene Zivilgesellschaft. Gerade auch gegen die schweren Menschenrechtsverletzungen unter Hassan II. hatte sich ein enges Netz von Vereinen und Verbänden geknüpft.
In seinem Büro an der Hauptachse der Wirtschaftsmetropole Casablanca erklärt Saâd Tazi, Chefredakteur der französischsprachigen Tageszeitung "Le Soir": "Bei uns gibt es seit Jahren jeden Tag Demonstrationen." Die Bevölkerung sei es gewohnt, mal vor dem Parlament, mal vor den Rathäusern oder Fabriken ihren Unmut auszudrücken. Jetzt verstärke die internationale Aufmerksamkeit die Wirkung.
Den Demonstranten vom 20. Februar hatten sich zunächst die Mitglieder der tolerierten islamistischen Bewegung Al Adl Wal Ihsane (Gerechtigkeit und Wohlfahrt) angeschlossen. Dann hatte sich auch die äußerste Linke solidarisiert, während die im Parlament vertretenen Parteien allenfalls ihre Jugend mitziehen ließen. Keine Gruppe habe die Oberhand gewonnen, bemerkt Tazi, die Märsche seien ein getreues Abbild der marokkanischen Gesellschaft.
"Wir unterstützen die Jugend vom 20. Februar bedingungslos in ihrem Kampf für die konstitutionelle Monarchie", sagt Mohamed Salmi. Der graubärtige Soziologe von der Universität in Kénitra ist Koordinator des Ausschusses für Menschenrechte bei "Gerechtigkeit und Wohlfahrt". Er versichert, seine Bewegung zöge einen laizistischen Staat, der "Freiheit garantiert und dessen Gesetze sich an Fundamenten des Islam orientieren", dem gegenwärtigen Regime vor. Gewalt lehne man aber ab, beteuert er beim Treffen in einer Teestube in Rabat.
Der neue Aufbruch in diesem Frühling hat an die Zeit nach der Thronbesteigung Mohammeds VI. angeknüpft. Damals hatte der neue König die Opfer von Menschenrechtsverletzungen entschädigt, Regimegegner rehabilitiert und das Familienrecht zugunsten der Frauen reformiert. Eine von ihm eingesetzte Behörde legte schon 2005 Empfehlungen für eine unabhängige Justiz und eine institutionalisierte Kontrolle der Sicherheitskräfte vor. Jetzt endlich sollen diese Vorschläge in die neue Verfassung eingehen.
Driss El Yazami, 59, ehemaliger Generalsekretär der Internationalen Föderation der Menschenrechts-Ligen, hat daran mitgearbeitet. Im März ernannte ihn der König zum Vorsitzenden des aufgewerteten Nationalen Menschenrechts-Rats. Auf dessen Vorschlag hin korrigierte der Monarch umstrittene Urteile durch Begnadigungen. Mitte April kamen fast 100 Häftlinge frei, sogar einige, denen Terrorismus angelastet wurde. Fünf zum Tode Verurteilte und viele bislang als radikal eingeschätzte Islamisten erhielten mildere Strafen.
Einige der Freigelassenen wollen ihre Prozesse wieder aufrollen. Das geht alten Schergen des Innenministeriums wohl zu weit. Sie versuchen, den Wandel zu bremsen und Stärke zu zeigen. Deshalb ist El Yazami mit seinen Leuten allen Klagen wegen Polizei-Übergriffen sofort nachgegangen. Es komme darauf an, das Recht auf freie Demonstrationen zu sichern und gleichzeitig die öffentliche Ordnung aufrechtzuerhalten. Er glaubt an einen "radikalen Wandel, aber in Frieden".
Die demografische Entwicklung kommt Marokko, nach Mauretanien das ärmste Maghreb-Land, zu Hilfe. Der Babyboom, so eine 2009 veröffentlichte Studie des Uno-Entwicklungsprogramms, klingt ab. Nach 2000 wuchs die Bevölkerung nur noch um durchschnittlich ein Prozent jährlich.
Zwar sind noch 32 Prozent der jungen Menschen unter 24 Jahren arbeitslos. Etwa 170 000 Hochschulabsolventen, meist Philologen oder Gesellschaftswissenschaftler, haben keinen Job. 4300 arbeitslose Akademiker wurden im März in den Staatsdienst übernommen. Doch in einigen Branchen, wie in der boomenden Bauindustrie, gibt es Vakanzen. Jährlich werden etwa 10 000 Ingenieure gebraucht.
Nada El Kasmi, 38, ist eine der begehrten Spezialistinnen. Die schmale Schwarzhaarige in Jeans und Lederjacke, die in Rabat studiert hat, leitet als Ingenieurin eines der Lieblingsprojekte des Königs: die Hauptstadt völlig umzukrempeln. Seit 2007 ist die junge Mutter "mit Leidenschaft dabei", die verschnarchte Verwaltungszentrale Rabat und das hässliche proletarisch-islamistische Salé zu modernisieren.
Es ist das größte Vorhaben in der Geschichte des Landes: Auf 60 Quadratkilometern, 15 Kilometer landeinwärts von der Mündung in den Atlantik, entsteht zu beiden Seiten des Bou Regreg ein Lebensraum der Zukunft.
Über eine von dem französischen Architekten Marc Mimram entworfene Brücke sollen Straßenbahnen jährlich bis zu 80 Millionen Fahrgäste umweltfreundlich zwischen den beiden Städten befördern. Der Fluss wird befahrbar gemacht, sogar für Kreuzfahrtschiffe. Tunnelbau-Spezialisten aus Italien und der Schweiz projektierten zwei Röhren unter der acht Jahrhunderte alten Kasbah, die auf einem Felsen prunkt.
Neben Hotels, Museen und wissenschaftlichen Forschungsstätten sollen sich in den kommenden Jahren die Wohnviertel von der Marina mit eleganten Restaurants und Boutiquen bis an das Felsplateau von Akreuch ausdehnen.
Die Vision scheint noch unrealistisch. Unerträglicher Gestank steigt von den Haufen aus Müllsäcken, Plastikkanistern, rostigen Dosen und anderem Unrat auf. Darin wühlen Menschen mit vor Schmutz starrender Kleidung und dreckbeschmierten Gesichtern und Händen. Mittendrin schieben Bulldozer die Abfallberge zusammen. Männer und Frauen beladen offene Lastwagen und Eselskarren mit den schmierigen Resten.
In dieser "bidonville" genannten illegalen Siedlung hausten in notdürftigen Verschlägen aus Blech oder Karton und in Zelten aus Plastikplanen sowie in wenigen gemauerten Unterständen über 1500 Familien. Schon die kleinen Kinder wurden von ihren Eltern zum Müllsortieren losgeschickt. Zur Schule durften die wenigsten. Inzwischen wurden sie, nur zehn Minuten Autofahrt vom Akreuch entfernt, in Mehrfamilienhäuser mit Zwei- und Dreizimmerwohnungen umgesiedelt.
Um die Elendsviertel hatten sich lange weder der Staat noch Politiker gekümmert. Allein die Islamisten verteilten hier großzügig Suppe, hielten aber auch aufwühlende Predigten. Um das Monopol religiöser Fanatiker zu brechen, gab Mohammed VI. ein soziales Wohnungsbauprogramm in Auftrag, an dem er sich mit seiner königlichen Stiftung beteiligt. Städte sollten sich von Slums befreien: "Villes sans bidonvilles" heißt die Parole.
Aus der verschleierten, engen Welt der Vorstädte mit ihren strikten religiösen Regeln kamen die zwölf jugendlichen Attentäter, die im Mai 2003 rasche Reform- und Liberalisierungspläne des jungen Königs durch Selbst-mordattentate in Casablanca jäh erschütterten. Mohammed VI. setzte damals den Schriftsteller Ahmed Toufiq als Minister für religiöse Angelegenheiten ein - zum Missfallen der Ulamas, der erzkonservativen Geistlichen.
Dem Außenseiter unter den Theologen trug der König nach den Attentaten auf, das Chaos in den Moscheen zu beseitigen. Toufiq, Sohn eines armen Bergbauern aus dem Hohen Atlas, besetzte den Obersten Rat der Ulamas neu, sogar Frauen sind jetzt dabei. Allein dieser Rat unter Vorsitz Mohammeds VI. darf "Fatwas", Anweisungen an die Gläubigen, erteilen.
Um von fundamentalistischen Spendern wie den Saudi-Arabern unabhängig zu werden, hat Toufiq für die Arbeit in den Moscheen Mittel aus dem Staatshaushalt beansprucht. "Der König hat die Legitimität auf allen Ebenen, auch die, sein Volk in die Moderne zu führen", erklärt Toufiq.
Doch bislang wurde aller Fortschritt von oben angeordnet. "Handelnde Monarchie" nannte Mohammed VI. sein besonders bei den Armen und bei der Landbevölkerung beliebtes Modell. Seine Projekte setzte er mit Ministern und hohen Beamten durch, die er persönlich ernannt hat.
Versagt haben vor allem die Parteien. In den 20 wichtigsten Gruppierungen spielten sich die immer selben Angehörigen des Machsan, der herrschenden Schicht, die Posten zu. Die Parteien entwickelten keine Ideen für ein besseres gesellschaftliches Zusammenleben. Selbst ihre vornehmste Aufgabe, Gesetze zu machen, überließen die Volksvertreter meist in vorauseilendem Gehorsam den Königsberatern.
Deshalb wenden sich die Wähler immer häufiger von den Politikern ab. Bei den Parlamentswahlen 2007, für die ein Erdrutschsieg der Islamisten von der PJD vorhergesagt war, kam es zum Debakel: 63 Prozent der Stimmberechtigten blieben den Urnen fern, 19 Prozent der abgegebenen Stimmen waren ungültig.
Wieder gab der König einen Impuls: Sein ehemaliger Mitschüler und enger Vertrauter Fouad Ali El Himma, lange wichtigster Mann im Innenministerium, gründete die "Bewegung aller Demokraten". Im ganzen Land scharte er die einflussreichsten Persönlichkeiten der Zivilgesellschaft um sich und formierte daraus die "Partei der Authentizität und Modernität". Bei den Regional- und Kommunalwahlen 2009 wurde die sogenannte Partei des Königs zur mächtigsten. Viele Marokkaner wählen sie aus Verehrung für ihren Monarchen.
Jetzt hat der König alle Parteien vor eine Bewährungsprobe gestellt, als er dem Parlament und der Regierung Entscheidungshoheit anbot. "Das ist wirklich revolutionär", begeistert sich der "Le Soir"-Chefredakteur Tazi. Die Parteien müssten endlich die Rolle als Vermittler des Volkswillens wahrnehmen, die ihnen in echten Demokratien zukommt. Einige haben immerhin Programm-Kongresse anberaumt.
Der Unternehmer Omar Balafrej, 37, hatte vor knapp zwei Jahren einen Aufruf an die Linken publiziert und war später aus der Sozialistischen Partei, für die er lange im Gemeinderat saß, ausgetreten. Zu viele alte Kämpfer aus den bleiernen Jahren hätten sich in der Regierung bequem eingerichtet, kritisierte er. Jetzt müssten sie endlich Platz machen für eine frische Generation.
Dass bei den jungen Leuten das politische Bewusstsein erwacht, stimmt ihn froh. Ende der neunziger Jahre hatte Balafrej den "Technopark" in der Wirtschaftsmetropole Casablanca gegründet. Dort arbeiten jetzt rund 170 IT-Unternehmen, weit über 1000 Mitarbeiter mit einem Durchschnittsalter von 30 Jahren. Diese Gutverdienenden, weiß Balafrej, hätten fast alle die letzten Wahlen geschwänzt. Aber am Referendum über die neue Verfassung würden sie sich beteiligen.
"Wir haben ein Kap umschifft", ist Balafrej überzeugt. Die Selbstzensur sei überwunden, man könne alles kritisieren. Schließlich gelte es in Marokko, mit über vier Millionen Armen und über 40 Prozent Analphabeten, für sozialen Fortschritt zu kämpfen.
Um den Unmut der Benachteiligten zu besänftigen, hat der König die Subventionen für Grundnahrungsmittel verdoppelt. Es gab Gehaltserhöhungen für die über 600 000 Beamten, auch für Polizei und Militär. Die Renten wurden fast verdoppelt, der Mindestlohn um 15 Prozent und die Stipendien für Studenten auf umgerechnet etwa 200 Euro angehoben.
Trotz dieser Erfolge wollen Najib Chaouki, Selma Maarouf, Omar Radi und ihre Mitstreiter vom 20. Februar den Druck auf das Regime mit Straßenaktionen aufrechterhalten - gerade nach dem Attentat von Marrakesch. Sie verlangen eine Verfassunggebende Versammlung, denn die vom König eingesetzte Kommission repräsentiere nicht das Volk. Wenn die Marokkaner wieder mit einem "Reförmchen" abgespeist würden, fürchtet der Theater-Dramaturg Ksikes, könnte "die Wut auf der Straße unkontrollierbar werden".
Der engagierte Unternehmer Balafrej ist jedoch zuversichtlich. Zwischen Monarchie und Demokratie müsse es keinen Widerspruch geben, das zeige sich in Dänemark oder den Niederlanden. Auch die Rolle des Königs als Oberhaupt der Gläubigen stelle kein Hindernis dar, wie in Großbritannien zu beobachten sei.
Vielleicht werde nicht sofort eine vollgültige parlamentarische Monarchie funktionieren, räumt Balafrej ein. "Aber über kurz oder lang muss sich auch in Marokko demokratische Gewaltenteilung durchsetzen."
Von Helene Zuber

SPIEGEL GESCHICHTE 3/2011
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