31.05.2011

Oase am Tropf

Die Golf-Emirate sind eine Provokation des gesunden Menschenverstands. Ihr extremer Reichtum, ihre glitzernde Architektur, ihre Hyperinstallationen der Kultur - alles auf Sand gebaut. Sind die Golfstaaten die arabische Zukunft?
Es ist ein 16 Millimeter dicker Schlauch aus schwarzem Plastik. Man sieht ihn nicht sofort, aber er ist da, überall. An jeder Dattelpalme des Emirats liegt er, an jeder Akazie und Tamariske, mal unterirdisch verborgen, mal offen im Sand. Kostspielig entsalztes Meerwasser fließt durch den Schlauch, und Hunderte, vielleicht Tausende Kilometer reicht das Netz der Schläuche, ganze Alleen werden so bewässert, vierfach gestaffelt ziehen sie sich durch die Wüste von Abu Dhabi, und jeder einzelne Baum hängt am Tropf.
Dieser Schlauch ist der Inbegriff eines Experiments, das seit 40 Jahren zwischen den hitzeflimmernden Ufern des Golfs und der Rub-al-Chali-Wüste läuft: das Experiment "Vereinigte Arabische Emirate" (VAE).
Es handelt sich eher um eine Wette. Der Staatsgründer, Scheich Sajid Bin Sultan Al Nahajan, war überzeugt, dass man nur genügend Bäume mit Schläuchen in die Wüste stellen müsste, dann würde sich das Klima schon ändern.
Dann würden die Wurzeln eines Tages lang genug sein, um ohne Schlauch Wasser zu finden. Dann würden die sieben Emirate ohne die Krücken des Öls laufen können. Häfen und Finanzindustrie würden das Geld bringen, Forschungs- und Handelszentren, aus aller Welt würden Menschen in die Hotels, Museen, Freizeitparks am Golf kommen. Und überall würden Bäume ihnen Schatten spenden.
Knapp sieben Jahre nach dem Tod von Scheich Sajid sieht es ganz so aus, als könnte er seine Wette gewinnen. Die Vereinigten Emirate sind seit den Zeiten des legendären arabischen Forschungsreisenden Ibn Battuta die erste gute Botschaft gewesen, die aus der arabischen Welt ans Ohr des Westens drang.
"Dubai" ist eine Marke geworden. In Ostafrika und Zentralasien ist von "Dubaization" oder "Gulfization" die Rede, wenn es darum geht, auf nacktem Boden Stadtlandschaften zu errichten aus pseudotraditioneller Copy & Paste-Architektur, bewachten und bewässerten Freizeitparks und möglichst spektakulären Bauten als Wahrzeichen. "Bingo Urbanismus" nennt es der dänische Stadtplaner Boris Brorman Jensen.
Die Golfstaaten mögen langweilig sein und satt. Aber an keinem anderen Fleck Arabiens lässt es sich so komfortabel und westlich leben wie in Abu Dhabi und Dubai, wie in Katar. Der Islam bleibt großteils Privatsache, nicht jeder Ausländer wird unter den Generalverdacht des Kreuzfahrertums gestellt. "Steuern" ist ein Begriff aus dem Yachtclub, nicht aus der Ökonomie. Und wer geht schon auf die Straße, um gegen eines der höchsten Pro-Kopf-Einkommen der Welt zu protestieren?
Dubai ist die erste Post-Petrol-Ökonomie Arabiens geworden. 95 Prozent seiner Einkünfte kommen aus dem Hafen, von Finanzdienstleistungen, Industrie, Tourismus und sonstigen Aktivitäten, die man in einem Wüstenstaat nicht vermuten würde; nicht aber aus dem Export von Öl oder Gas.
Nahezu alle Weltkonzerne haben ihre Zentralen für den Mittleren Osten in Dubai, Bahrain oder Katar angesiedelt. Staaten mit null Toleranz gegenüber Korruption und Verwaltungen, die es an Effizienz mit den meisten EU-Ländern aufnehmen können.
Es genügt, sich die Nachbarn anzuschauen. Den Gottesstaat Iran im Norden, das Wahhabiten-Regime der Saudis im Westen, der zerrissene Jemen im Süden. In dieser Landschaft fällt es nicht schwer, die Moderne zu besetzen.
Derzeit sind die Scheichtümer dabei, die politische Führung in der arabischen Welt zu übernehmen, zusammen mit dem neuen Ägypten und Saudi-Arabien. Der Flughafen Jebel Ali von Dubai wird gerade zum größten Gebäude der Welt ausgebaut. Es gibt Klassikfestivals, Formel-1-Rennen, Nachtclubs und Golfanlagen, die so grün sind wie die in den schottischen Highlands.
Aber überall schaut dieser 16-Millimeter-Schlauch hervor. Wie eine allgegenwärtige Erinnerung, dass es sich bei all dem Glanz um eine Wette auf die Zukunft handelt. Eine Wette, die schicksalhaft ist für die arabische Welt und deren Ausgang immer noch völlig offen ist.
Die Emirate liegen an einer der unwirtlichsten Ecken einer unwirtlichen Halbinsel. Selbst an der Küste ist es schwer, Land von Wasser zu unterscheiden, salzverkrustetes Ödland zieht sich weit ins Innere, der Persische Golf ist hier weitgehend ein dunstiges Einerlei von Sandbänken und Mangrovenwäldern.
Jahrhundertelang, bis zur Entdeckung des Öls, blieb die Bevölkerung aus Perlentauchern, Fischern, Händlern und Piraten stabil. Das Land war nicht zum Leben gemacht. "Wer sich hier durchschlug, der gehörte, noch bis vor 50 Jahren, zu den am wenigsten entwickelten Gesellschaften des Planeten", schreibt Jim Krane in seiner Stadtbiografie von Dubai.
Geschichte passierte woanders. Nicht hier, wo die geduckten Gebäude im Sand kaum zu erkennen waren. Die erste und lange auch einzige Glühbirne wurde 1961 im Haus des Herrschers angeknipst. Aber auch dort gab es damals keine Toiletten und kein fließend Wasser.
Innerhalb einer Generation hat diese Gesellschaft den Sprung vom Fladenbrot zum Sushi-Dinner gemacht, vom Analphabetismus zum Harvard-Ph.D. Vom Kamel zum Maserati. Von der Lehmhütte zum höchsten Wolkenkratzer, der je gebaut wurde. Vom nackten Überleben zum Leben in Opulenz.
Ein höherer Beamter im Außenministerium erzählt wie selbstverständlich, dass sein Vater sein Brot als Pirat verdiente. Bis in die Fußnägel gestylte Marketing-Direktricen berichten, wie ihre Großväter den Bauch eines Kamels aufschlitzten, wenn sie am Verdursten waren.
Die Herrscher Dubais sind stolz auf ihre beduinischen Väter und Großväter. Ihre Urbanität ist erst jüngsten Datums. "Die Golfstaaten sind neo-patrimoniale, autoritäre bürokratische Monarchien", sagt der Mainzer Humangeograf Christian Steiner. Es gibt keinerlei öffentliche Beteiligung, abgesehen von den Leserbriefseiten in den "Gulf News". Ausländern, die sich über verschmutzte Badestrände beschweren, wird gern mal nahegelegt zu verschwinden.
Wie regiert und entschieden wird, ist undurchschaubar. Die "Ruler" sind umgeben von einem engen Zirkel von Beratern, meistens selbst Mitglieder des Stammes. Wer zum Zirkel gehört, wird mit lukrativen Posten belohnt. Es ist eine vormoderne Form politischen Verhandelns, bei der es vorkommen kann, dass 30-Jahres-Pläne in zwei Stunden umgeworfen werden.
Dafür, wie sie innerhalb von 20 Jahren aus einer mittelkleinen Hafenstadt eine Weltstadt mit fast zwei Millionen Einwohnern hochgezogen haben, gibt es kein Beispiel. "Was hier geschieht, ist eines der Mirakel unserer Tage", sagt der Philosoph Peter Sloterdijk. ",Am Persischen Golf ist in kürzester Zeit ein beispielloser Zivilisationskollektor entstanden, an dem viele maßgebliche Elemente der Weltkulturen unter einer kraftvollen Regie neu versammelt werden." Er beschreibt Abu Dhabis Kunstinsel Saadija, ja ganz Dubai als "Hyperinstallation", wo die Museen, die künstlichen Klimata und Landschaften Teil eines Größeren sind, einer "Arabosphäre".
Möglich ist all dies geworden, weil die Welt am Öl hängt. Weil China und Indien die Bühne betreten haben, weil es einen immensen Bedarf an Service gab und der Welthandel zwischen Europa und Asien in einem Maße explodiert ist, wie seit den Tagen vor dem Ersten Weltkrieg nicht mehr.
Den Scheichtümern am Golf mag vieles vorgehalten werden, aber nicht, dass sie ihre Jahrhundertchance nicht genutzt hätten.
Dubai vervierfachte seine Größe innerhalb von zehn Jahren und verdoppelte seine Bevölkerung auf heute 1,9 Millionen. Der neue Airport wird doppelt so groß sein wie London-Heathrow. Las Vegas mag für Autofahrer gebaut worden sein, Dubai ist für den Landeanflug entworfen worden. Ein deutscher Architekt in Dubai erzählt, seine Kunden hätten bei Besprechungen nur einen einzigen Wunsch: "Make it look rich." Dann folge meist der Satz: "Das Dienstmädchen-Zimmer braucht kein Fenster."
Es mangelt nicht an Urbanisten, die schlüssig erklären, weshalb dieses Entwicklungsmodell nicht gutgehen kann. Weshalb es sich eigentlich um ein Missverständnis handeln muss, dieses Land, in dem alles unecht ist, die Bäume, die Arbeitsverträge, das Lächeln, das Wasser, die Inseln. Das im Grunde eine Fata Morgana ist, glitzernd aus der Ferne, das beim Sichnähern aber sofort zu dem zerfällt, was es eigentlich ist - in Sand.
Diese Stadt ist eine Provokation für den gesunden Menschenverstand. Es kann nicht sein, dass ein Wüstenland ohne einen Liter Süßwasservorkommen mit seinen Golfplätzen wirbt. Es kann nicht sein, dass rund 90 Prozent der Bürger gar keine sind, sondern weitgehend rechtlose Arbeitsnomaden (Expats), die bei der erstbesten Gelegenheit wieder hinausgeworfen werden können. Es kann nicht sein, dass immer noch so gelebt wird, als sei Klimawandel das Hirngespinst einer apokalyptischen Sekte.
Seit Abu Dhabi den Sitz von Irena ergattert hat, der Agentur für erneuerbare Energien, stehen überall Schilder, auf denen zu bewusstem Umgang mit Wasser und Energie ermahnt wird. Diese Schilder sind die ganze Nacht beleuchtet und stehen meist auf künstlich bewässerten Rasenflächen.
Dieser ungenierte Glaube an Wachstum, meint der im Emirat Ajman lehrende Architekt Michael Schwarz, sei einer der Gründe für den Boom der Emirate.
Stadtpläne zeigen Dubai nicht, wie es ist, sondern wie es aussehen soll. Die abgebildeten Viertel sind "u/c", "under construction". Eine Stadt, die angelegt ist wie ein Freizeitpark. Räumlich getrennte Themenparks, mit Gebäude-Ikonen und dem Versprechen von Entspannung und Einmaligkeit.
Dubai ist der Versuch, mittels Architektur eine Identität zu erzeugen. Nur wird Identität mit Marke verwechselt. Die Gebäude, ganze Viertel sind völlig austauschbarer Globalstil, ideal für das Marketing, doch ungeeignet, die Sinnlichkeit zu erzeugen, die eine authentische Stadt braucht.
Dubai und Abu Dhabi sehen in weiten Teilen aus wie ein Architekturmodell im Maßstab 1:1. Sie sind genauso sauber, steril und unbelebt. In urbanistischen Ideallandschaften stehen Sitzbänke in der flirrenden Hitze herum, blinken Fußgängerampeln, alles weit, sauber und menschenleer.
Der Dubai-Kult, dieser Tanz ums goldene "Übermorgenland", endete abrupt, als am 25. November 2009 die staatseigene Holding Dubai World und ihr Bau-Tochterunternehmen Nakheel vorübergehend seine Kredite nicht bedienen konnte. Bauprojekte wurden gestoppt, Expats und Investoren verließen scharenweise die Stadt, und wer sich nur auf Zeitungslektüre verließ, musste den Eindruck bekommen, Dubai sei klinisch tot.
Die Schadenfreude war nicht zu überhören. Plötzlich wurde die dunkle Seite des Glamours beschrieben, als sei Dubai ein neues Babylon, errichtet in Rekordzeit und auf Pump, erbaut auf den Trümmern von Korallenriffen und auf den zerschundenen Knochen der Billigarbeiter aus Südindien.
Das Dubai-Bashing ist so unangebracht wie der Dubai-Taumel zuvor. Das Emirat hat sich von der Krise schnell erholt. Lediglich der Hype ist vorbei, die auf Pump finanzierte Hybris des "Alles-ist-möglich". Es wird besser gerechnet. "Sustainability" ist das Codewort, was die PR-Berater ihren Fürsten jetzt in die Reden schreiben, auch wenn es erst mal nur ein Wort ist.
Die Zukunftsgewissheit aber wurde keinen Moment erschüttert: "Während die Welt in der Rezession dahinsiechte, machte Dubai keinen Moment Pause und baute einen Flughafen und ein gewaltiges Logistiknetz", sagt Jim Krane. Vom arabischen Frühling 2011 profitiert das Emirat. Wer sein Geld in Sicherheit bringen will, der schafft es nach Dubai.
Von der Anhäufung "symbolischen Kapitals" sprach der Soziologe Pierre Bourdieu. Er meint damit ein Phänomen, das bei Neureichen anzutreffen ist. Nachdem ihre Garagen bestückt sind und sie die Kinder auf Elite-Internaten untergebracht haben, fangen sie an, großformatige Kunst zu sammeln. Das gilt auch für neureiche Staaten.
Es gibt kein anderes arabisches Land, in dem so viel Kultur veranstaltet wird wie in den Emiraten am Golf. Das weitgehend unbekannte Kleinstemirat Schardscha verfügt über 16 Museen und eine ernstzunehmende Kunstbiennale. Es gibt eine jährliche Buchmesse in Abu Dhabi, die nach Frankfurter Vorbild organisiert wird.
Im Luxushotel Emirates Palace wechseln sich Berliner Philharmoniker und das Amsterdamer Concertgebouw-Orchester auf der Bühne der "Abu Dhabi Classics" ab. Dubai hat seine Kunstmesse, Abu Dhabi ebenso. Außerdem Filmfestivals, World-Music-Konzerte an der Corniche.
Abu Dhabi, der reiche, leicht snobistische Vetter im Süden, hat über die Megalomanie der Scheichs von Dubai immer die Nase gerümpft. Und war doch tief gekränkt, wenn Bill Clinton und George W. Bush sich von Scheich Mohammed Raschid Al Maktum durch sein Glitzerreich fahren ließen und Abu Dhabi für eine Art Vorort hielten.
Die Söhne des alten Scheichs Sajid sind derzeit in Abu Dhabi dabei, Dubai den Rang abzulaufen. Hier gibt es einen Urbanistikplan "Abu Dhabi 2030", der mehr oder weniger abgearbeitet wird. Hier der Fischereihafen, dort die Marina, hier die "Labour Camps" für die Arbeiter, dort die Regierungsstadt und da die "Ferrari World" mit angeschlossenem Formel-1-Circuit.
Auf Saadijat-Island stehen bereits die Fundamente für den größten Museumsbezirk der Welt. Jean Nouvel baut hier einen Abu Dhabi Louvre, Zaha Hadid ein Performing Arts Center, Lord Norman Foster ein Scheich Sajid Nationalmuseum. Und Frank Gehry ein neues Guggenheim, das laut Bauherren-Vorgabe mindestens so spektakulär sein soll wie das in Bilbao und zwölfmal größer als das Original in New York. Allein für die Leihgaben und die Nutzung des Namens des Louvre werden bis 2038 nach Paris 400 Millionen Euro überwiesen.
In der Stadt Abu Dhabi gab es vor Guggenheim kein einziges Museum. Es ist ein zivilisatorischer Quantensprung, ein Kulturschock in einer Gesellschaft, die noch vor wenigen Jahrzehnten aus großteils analphabetischen Nomadenstämmen bestand.
In Katar wurde Ende 2008 das Museum für Islamische Kunst eröffnet, in einem Bau des amerikanischen Stararchitekten I. M. Pei. Die über 6000 Exponate der "Mathaf"-Sammlung für zeitgenössische arabische Kunst hat Scheich Hassan Bin Mohammed Al Thani, ein Mitglied des Herrscherhauses, auf dem internationalen Kunstmarkt zusammengekauft. Aber haben es die Renaissance-Fürsten in Florenz und Siena seinerzeit anders gemacht?
Problematischer ist das vorherrschende Gefühl der Leere bei den meisten dieser Kulturveranstaltungen. Ein Kulturdistrikt macht noch keine kreative Stadt. Es ist eine Sammlung von Meisterwerken - in einer Wüste kultureller Produktion.
Die gefragten Künstler bei den "Art Dubai"-Events kommen fast ausschließlich aus Damaskus, Kairo, Beirut oder der arabischen Diaspora. Die Zahl einheimischer Besucher bei einem Konzert der Philharmoniker lässt sich an zwei Händen abzählen. Ausstellungen werden ebenfalls von Expats besucht. Das wichtigste Kulturereignis in Abu Dhabi ist nach wie vor das "Dattelfestival" in der Oase Liwa.
Wer soll auf all diesen Golfplätzen spielen? Wer wird die Museen, die Fünf-Sterne-Hotels im Dutzend besuchen, die Malls leerkaufen? Wer wird nach Abu Dhabi statt nach Paris fliegen, wenn er in den Louvre will?
Niemand - wenn die Welt hinter Dubai enden würde. Aber sie fängt am Golf erst an. China, Indien, Iran, die zentralasiatischen Republiken warten vielleicht nur darauf, ihren Wintern, ihrer Ödnis zu entkommen, um eine Woche lang pauschal "Ferrari World & Luxusshopping & Resort & Guggenheim" zu buchen. Diese Boom-Kontinente liegen nur wenige Flugstunden entfernt, ihre gerade zu Wohlstand kommenden Bewohner sind die Klientel.
"Natürlich birgt jeder Neubau eines Museums das Risiko, sein Publikum nicht zu finden. Aber man muss es wagen", sagt Manal Ataja, die junge Museumschefin in Schardscha. "Früher musste man ins Ausland fahren, um etwas zu sehen. Jetzt gibt es jeden Tag eine Vernissage in Dubai." Und die Nachfrage nach Kunst und Kultur werde weiter zunehmen. Solange nur genug gegossen wird. Es ist die Wette von Scheich Sajid. Ob sie gelingt, hängt allerdings nicht von Frank Gehry ab.
Dubai, Katar, Abu Dhabi sind globale Städte, in denen Dutzende von Nationalitäten ohne größere Konflikte miteinander leben. 180 sind es in Dubai. Der Taxifahrer kommt aus Peschawar, hört dröhnende Koransuren und sieht aus, als trainiere er für den "Bin-Laden-Look-alike"-Wettbewerb. Aber er spricht neben Urdu und Paschtu auch ausreichend Hindi, Arabisch und Englisch und führt nebenbei ein Unternehmen für Transporte aller Art.
New York gilt als kosmopolitische Stadt, weil dort 40 Prozent aus dem Ausland kommen. In Dubai sind es mehr als doppelt so viele. Die Stadt besteht aus Clustern, ihre Bewohner sind großteils Nomaden, die keine Chance haben, ein Bleiberecht zu bekommen. Sie sind wie die Nanny eines reichen Kindes. Sobald der Kleine groß ist, muss sie gehen.
Das Phantastische an Dubai sind nicht die Gebäude, nicht das süße Leben der Expats. Das Großartige sind die Zwischenräume, in denen sich die Weltnomaden eingerichtet haben. Die Typing Offices und Garküchen, die Netzwerke der Handlanger, Fischer, Mechaniker, IT-Experten. In Vierteln wie Sahwa drängeln sich Ukrainer, Afghanen, Jemeniten, Malaien an den Electronic-Shops, Galerien und Supermärkten vorbei, hier sind die Straßen, wo Dubai ein wenig von der Lower East Side hat.
Die Männer aus Kerala, Bangladesch und Peschawar, die Dubai gebaut haben, werden jeden Abend in Bussen in ihre Lager gekarrt, so erschöpft von der 12-Stunden-Schicht, dass ihre in Tücher gehüllten Köpfe gegen die Scheiben schlagen. Früher wurden sie in Viehwaggons transportiert. Hunderte haben ihr Leben für die Türme Dubais gelassen, sind in der Höllenhitze von Gerüsten gestürzt und irgendwo verscharrt worden.
Für sie hat keiner geplant, also haben sie sich selbst Orte genommen. Wo es keine Plätze gibt, werden Busbahnhöfe zur Piazza. In den Malls haben sie nichts zu suchen. Sie haben ethnische Zonen geschaffen, verborgene Städte. Das sind Brutplätze, für Illegales aller Art natürlich, für Alkoholbrenner, Geldwäscher, Drogen- und Mädchenhändler. Aber es sind auch diese Zonen, jenseits staatlicher Präsenz und ständig in Bewegung, wo Kunst entstehen kann, Literatur, Innovation, Musik, Mode.
Auf die eigene Jugend ist in dieser Beziehung nur bedingt Verlass. Anderswo ist die junge Generation die Hoffnung. In den Emiraten ist sie ein mittlerer Alptraum. Wo anderswo Halbstarke in tiefergelegten Golfs herumknattern, cruist der (männliche) Nachwuchs in Abu Dhabi mit elfenbeinweißen Porsches herum, in Maseratis, Jetskis oder Yachten. Ist das die Generation der "Löwen", der allseitig einsetzbaren Super-Leader, von denen Scheich Mohammed träumte?
Es ist eine Generation von strukturellen Lottogewinnern, die von Geburt an wissen, dass sie sich um nichts bemühen müssen, um sorgenfrei zu leben. Die Arbeit machen die anderen. Mit 18 Jahren bekommt jeder Bürger der Emirate ein Stück Land und einen Kredit, um sich ein Haus zu bauen - und es teuer an Expats zu vermieten. Strom und Wasser sind umsonst, Gesundheitssystem und Ausbildung bis zum Ph.D. ebenfalls. In den Internationalen Schulen in Dubai muss den einheimischen Schülern erst beigebracht werden, dass man seine Schultasche auch selbst tragen kann.
Die Enkelgeneration in Dubai und Abu Dhabi scheint vor allem das Problem zu haben, die eigenen Blutzuckerwerte unter Kontrolle zu bekommen. Die VAE haben nach der Pazifikinsel Nauru die höchste Diabetes-Rate der Welt, jedes dritte Kind ist übergewichtig. "Nicht jeder ist wohlhabend. Aber sie sehen nicht, dass man für ein Luxusauto vielleicht hart arbeiten muss", sagt Frauke Heard-Bey, eine der besten Kennerinnen der Vereinigten Emirate.
Die bequemen Pöstchen in Militär, Polizei, Verwaltung, wo Einheimische 90 Prozent der leitenden Stellen bekleiden, sind vergeben. Viele Firmen vermeiden es, Einheimische einzustellen. Sie gelten als faul, zu teuer und wenig belastbar. 13 Prozent der einheimischen Bevölkerung sind bereits arbeitslos.
In den Golfstaaten gibt es "Emiratisierungs-", "Bahrainisierungs-" und "Katarisierungs-Programme", um die Quote der Einheimischen im Arbeitsleben nicht unter die Nachweisgrenze sinken zu lassen. Insgeheim herrscht die Furcht, die Region an die Expats zu verlieren. Die zweite und dritte Generation der Inder und Iraner hat besser gelernt, ist polyglotter und ehrgeiziger als ihre einheimischen Altersgenossen.
Ausländer können zwar in bestimmten Zonen eine Wohnung kaufen, haben damit aber keinen Anspruch auf Aufenthalt. Sie sind zumindest in den ersten beiden Jahren vollkommen abhängig von ihrem "Sponsor", einem Einheimischen, der für sie bürgt und sich das gut bezahlen lässt. Wenn der Sponsor es nicht will, kann der Betreffende keine neue Arbeit annehmen. Wer keine Arbeit findet, bekommt sein Visum nicht verlängert und muss Dubai verlassen.
Es gibt keinerlei Sozialsysteme für die Expats, keine Rentenansprüche, kein Anrecht auf Eigentum an Boden. Bleiberecht und Rechtssicherheit sind in den Golfstaaten praktisch inexistent.
Eine Gesellschaft, die glaubt, auf Grundrechte verzichten zu können, wird keine Zukunft haben. Was fehlt, ist Demokratie. Das ist die Herausforderung, und keiner kann sie den Scheichs abnehmen. Dubai kann nur ein Modell für die arabische Welt werden, wenn die Nichtaraber integriert werden. Katar überlegt derzeit, zumindest den hochqualifizierten Ausländern ein dauerhaftes Bleiberecht zu geben.
"Natürlich besteht die Möglichkeit, dass Dubai in 50 Jahren nicht mehr existiert", sagte der Architekturprofessor Michael Schwarz kürzlich bei einem Symposium in Berlin. Diejenigen, die Dubai aus dem Sand gestampft haben, könnten dann weitergezogen sein, nach Lagos oder Khartum. "Anders als New York oder London ist Dubai zu einem extrem großen Teil von der Globalisierung abhängig", sagt Schwarz.
Es gibt "The Line", ein Videogame, das genau dieses Szenario durchspielt. Der Sand hat sich den Ort zurückgeholt, die Architektur-Ikonen der Scheich-Zayed-Road sind Ruinen geworden, die Karawane ist weitergezogen.
Das Spiel wurde in Dubai auf den Index gesetzt.
Von Alexander Smoltczyk

SPIEGEL GESCHICHTE 3/2011
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