31.05.2011

Zwischen den Welten

Yasmina Khadra schreibt die Geschichte seiner Heimat - ein Besuch in Paris.
Geblieben ist der messerscharfe Haarschnitt, der gerade Blick, der knappe Handschlag. Sonst aber deutet nichts darauf hin, dass der schmale Mann mit den grazilen Gesten fast sein halbes Leben als Offizier der algerischen Armee diente: Yasmina Khadra, 56, gefeierter Bestsellerautor, übersetzt in rund 40 Sprachen, verbreitet die Aura des Intellektuellen. Er empfängt im algerischen Kulturzentrum in Paris, das er leitet. "Mohammed Moulessehoul" steht auf der Visitenkarte, berühmt wurde er jedoch als Yasmina Khadra - ein Mann, der sich hinter einem Frauennamen versteckt ("Grüne Jasminblüte"). Um der Zensur zu entgehen, publizierte er schon früh unter Pseudonym.
Seine Landsleute lieben seine Bücher, doch in Teilen der Elite ist er verhasst - ein unerbittlicher Kritiker des Regimes und zugleich ein Diener des Staates: Die Wege von Monsieur Khadra und Offizier Moulessehoul sind so gewunden und widersprüchlich wie die Geschichte Algeriens.
Khadras Bücher sind ein Spiegel seines Landes - ei-ner feudalen Stammesgesellschaft, die sich nach 130 Jahren französischer Kolonialherrschaft 1962 befreit, dann aber ins Massenelend und schließlich in einen Bürgerkrieg taumelt.
Seine bittere Abrechnung mit der Unterdrückung schreibt sich Khadra als Krimis um den lauteren Kommissar Brahim Llob von der Seele. Die Algier-Trilogie "Morituri", "Doppelweiß", "Herbst der Chimären" (1997/98) erreicht endgültig Kultstatus. Die Romane verknüpfen geschliffene Plots mit der Schilderung des real existierenden Terrors, mit den Tabuthemen Korruption und Bürgerkrieg.
Als Neunjähriger kommt Mohammed Moulessehoul in eine Kadettenanstalt, wird später Offizier. Der Drill verhindert nicht, dass er seine Bestimmung als Romancier findet. "Die Armee hat mir als Schriftsteller sogar geholfen", sagt der Autor. "Ich verstehe die Dinge besser als ein Intellektueller, weil ich am eigenen Leib Mut, Feigheit, Terror und Unglück erlebt habe."
Doch sein Erfolg bringt ihn zunehmend in Gefahr. Denn seine Protokolle des Abgleitens in Hass und Brutalität enthalten auch Seitenhiebe auf das mafiöse Geschäftsgebaren der herrschenden Politikerkaste.
2000 verlässt Khadra Algerien und geht, wie so viele seiner Landsleute, nach Frankreich. Hier erst lüftete er den Schleier um seine wahre Identität, hier entstand auch sein großer Roman "Die Schuld des Tages an die Nacht". Er erzählt die traumatische Beziehung zwischen Frankreich und Algerien, ein anrührendes Epos von Liebe, Freundschaft und Verrat zwischen Menschen auf beiden Seiten.
Der Roman beginnt in den dreißiger Jahren, als die Franzosen sich auf dem Höhepunkt ihrer Herrschaft wähnen. Die Araber sind vor allem ihre Feldarbeiter, Dienstboten, Tagelöhner, Bettler, sie werden misshandelt, ausgebeutet. "Das sind alles Nattern", sagt einer der arroganten französischen Brotherren über die Araber. Im kolonialen Weinbauerndorf Río Salado wächst der Romanheld Younes unter Franzosen auf. Araber seien faul, hört der Jun-ge bestürzt. "Wir lassen uns nur Zeit zum Leben", erklärt ihm sein kluger Onkel.
Das erste Mädchen, das ihn küsst, stellt bald fest: "Wir gehören verschiedenen Welten an … Kannst du dir vielleicht vorstellen, dass ich einen Araber heirate? Da krepier ich doch lieber!" Und doch entwickelt er eine lebenslange Freundschaft zu vier Franzosen. "Du bist einer von uns, doch du führst ihr Leben", wirft ihm ein algerischer Nachbar vor. Tatsächlich gerät Younes immer stärker in Konflikt, vor allem im Unabhängigkeitskrieg Auf welcher Seite steht er?
Den arabischen Aufbruch 2011 beobachtet der Schriftsteller nun mit "großer Erleichterung": "Wir haben so lange auf diesen Moment gewartet, auf das Erwachen der über Generationen unterdrückten Völker, denen es verboten war, sich auszudrücken, ja zu träumen. Die Intellektuellen waren verbannt, ermordet oder eingesperrt. Die arabischen Regime hatten in die Herzen der Menschen Misstrauen eingepflanzt - die Angst des einen vor dem anderen." Ihre Würde sei dennoch intakt geblieben.
Wird die "Explosion des lange komprimierten Schweigens" auch Algerien erfassen? "Die Algerier sind müde", sagt Khadra, "sie wollen keinen Umsturz." Den bewaffneten Kampf lehnten sie ab. Zu frisch sei noch die Erfahrung des Bürgerkriegs, der 1992 losbrach, nachdem sich zuvor bei den ersten freien Wahlen ein Sieg der Fundamentalisten abgezeichnet hatte. "Mehr als 100 000 Tote, eine Million Opfer - das hat uns zutiefst traumatisiert." Khadra hat das "schwarze Jahrzehnt" hautnah erlebt, als Offizier beim Einsatz gegen die islamistische Guerilla - ein gegenseitiges Abschlachten von unvorstellbarer Brutalität.
Nun hofft der Autor auf eine Veränderung von innen, einen wirklich demokratischen Wandel, der von der Mittelschicht und der gebildeten Jugend getragen wird: "Statt der Clans und Cliquen, die sich jahrzehntelang schamlos bereichert haben, brauchen wir junge, gutausgebildete Minister." Vorwürfe aus der Heimat, er sei in Aix-en-Provence, wo er ein Haus hat, zum Luxus-Exilanten mutiert und als Kulturchef zum politischen Wendehals obendrein, kontert er lächelnd: "Meine Kritik am Regime hat sich nicht geändert." Tatsächlich ist sein Urteil über den seit zwölf Jahren regierenden Staatschef Abdelaziz Bouteflika vernichtend. "Das System ist wurmstichig, die Korruption hat sich als Nationalsport etabliert, die Justiz ist einäugig. Es herrschen Nepotismus und soziale Ausgrenzung. Die Parteien sind bloße Fassaden." Gewiss, Öleinnahmen wurden in Straßen, Krankenhäuser, Schulen und Universitäten investiert. Doch der einfache algerische Bürger habe vom Boom nicht profitiert.
Im Roman kehrt Younes am Ende zurück nach Algerien. Yasmina Khadra bleibt in Frankreich. Hier sei er dichter bei seinen Verlegern, sagt er, und geschützt vor der "Intrigenwirtschaft" der algerischen Neid-Zirkel.
Aber immer wieder besucht er seine Heimat. "Algerien verfolgt mich", heißt es im Buch, "bald trifft mich sein Giftpfeil, bald umweht mich sein Duft." Stefan Simons
Yasmina Khadra: "Die Schuld des Tages an die Nacht". Aus dem Französischen von Regina Keil-Sagawe. Ullstein Verlag, Berlin; 416 Seiten; 19,95 Euro.
Von Stefan Simons

SPIEGEL GESCHICHTE 3/2011
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