26.07.2011

Bankier des Krieges

Der flämische Calvinist Hans de Witte finanzierte Wallensteins Armee. Sein Ende war düster.
Das stattliche Adelshaus in der Brückengasse zu Füßen der Prager Burg kostete 7000 Schock Meißnisch, und der Käufer zahlte in bar. Hans de Witte, der neue Besitzer, war es gewohnt, mit Summen zu hantieren, die für die meisten seiner Zeitgenossen schwindelerregend hoch waren. In seinen Büchern führte er lange Kolonnen von fünf- und sechsstelligen Beträgen. Sie addierten sich zu Millionen, die nach heutigem Wert Milliarden bedeuteten.
Als de Witte am 13. Dezember 1617 den Kaufvertrag für sein künftiges Wohn- und Geschäftshaus unterschrieb, hatte er bereits eine glänzende Karriere gemacht. Und sein Aufstieg ging immer noch weiter. Der Kaiser persönlich protegierte ihn. Wallenstein machte ihn zu seinem Hausbankier; der große Feldherr brauchte den großen Finanzmann, denn der Krieg fraß Leben genauso wie Geld.
Wo und bei welchen Lehrmeistern Hans de Witte seinen stupenden Geschäftssinn geschult hat, ist nicht bekannt. Er stammte aus Flandern, sein Biograf Anton Ernstberger nimmt an, dass er in den Jahren 1583 bis 1585 geboren wurde, vermutlich in Antwerpen.
Um 1603 taucht de Witte in Prag auf. Er ist Calvinist, spricht gut Deutsch und versteht schon einiges von Handel und Finanzen. In das Geschäft des kaiserlichen Hofhandelsmannes Nikolaus Snouckaerdt, auch er ein Flame, tritt er als "Faktor" ein, eine Art Juniorpartner.
Bald zeigt sich, dass der junge Mann nicht nur klug, fleißig und gewissenhaft ist, sondern auch besonderes Geschick im Umgang mit schwierigen Kunden hat. Besser als sein Vorgesetzter versteht er es, gegenüber adligen Schuldnern vor Gericht den passenden Ton zu finden. Nach einigen erfolgreichen Jahren rückt er als gleichberechtigter Hofhandelsmann neben Snouckaerdt, der schließlich ganz aus dem Geschäft aussteigt.
Hans de Witte ist jetzt sein eigener Herr. Wie sehr er bereits in der Gunst des habsburgischen Kaisers steht, zeigt der Wappenbrief, der ihm im Oktober 1616 gewährt wird. Ein kunstvolles Emblem mit silbernen Doppellilien schmückt nun seine Papiere.
Dann aber kommt es in seiner Wahlheimat Prag zur Rebellion. Die protestantischen Stände begehren gegen den katholischen Herrscher auf und wählen den Calvinisten Friedrich von der Pfalz zum böhmischen König.
Von den revolutionären Umtrieben hält de Witte sich allerdings so fern wie möglich; sein calvinistischer Glaube bleibt Privatsache. Und das erweist sich als klug. Denn als die Katholiken den "Winterkönig" Friedrich davonjagen, wollen sie genau wissen, wer den Aufstand unterstützt hat und wer nicht.
Weil auf Hans de Witte Verlass ist, beruft ihn der Kaiser im Januar 1622 an die Spitze des sogenannten Münzkonsortiums. Dabei handelt es sich um eine Art private Staatsbank für das Königreich Böhmen: Das Konsortium erhält für ein Jahr das gewinnbringende Monopol auf die Ausgabe von Münzen. Als Abgabe an den Kaiser in Wien, der auch König von Böhmen ist, sind sechs Millionen Gulden festgeschrieben.
Näher besehen ist das Münzkonsortium ein höchst windiges Unternehmen. Aus derselben Menge Silber, aus der noch im Jahr zuvor 46 Gulden geprägt wurden, fertigen die Konsorten laut Vertrag 79 Gulden. Die organisierte Münzverschlechterung stürzt das Land in eine Inflation, die vielerorts Hunger und Elend zur Folge hat.
De Witte aber kommt weiter voran, denn nun ist er gut bekannt mit dem Konsortialmitglied Albrecht von Wallenstein. Der ehrgeizige Aufsteiger organisiert für den Kaiser ein Massenheer. Und das Geld dafür beschafft das Finanzgenie aus Prag. 1624 wird de Witte sogar geadelt und darf sich "von Lilienthal" nennen. Als aus seiner Ehe mit Anna von Glauchau 1627 ein Sohn hervorgeht, gibt sich Wallenstein auf einer prächtigen Feier als Taufpate die Ehre, und der Adel wird für erblich erklärt.
Wie teuer Soldaten sind, lässt Wallenstein den Kaiserhof ohne Umschweife wissen: "So mache man ein paar Millionen alle Jahr fertig, diesen langwierigen Krieg zu führen", schreibt er nach Wien. Geld hat man dort natürlich nicht, jedenfalls nicht dafür. Aber der Kaiser kann Güter zuteilen sowie Länder, Städte und kirchliche Stifte zu Abgaben verpflichten. Diese sogenannten Kontributionen soll de Witte vorstrecken, das ist der Plan. Wallenstein muss nur dafür sorgen, dass die Kontributionen auch wirklich geleistet werden.
Krieg auf Kredit, finanziert von einem Privatmann, das hat man in diesem Ausmaß bis dahin nicht gesehen. Eine Weile geht es gut. In der europäischen Finanzwelt hat de Witte einen ausgezeichneten Ruf. Scheinbar mühelos gelingt es ihm, die gewaltigen Summen aufzutreiben, die Wallenstein verlangt. Er macht Schulden, um einen mächtigen Schuldner zu bedienen. Als erfahrener Handelsmann kümmert er sich daneben auch um den militärischen Nachschub: Musketen, Piken, Hellebarden (das Stück zu einem Gulden), was immer der Feldherr verlangt.
Weil kleine Gewinnspannen sich zu enormen Profiten addieren, häuft der Flame ein riesiges Vermögen an: Stadthäuser, Landbesitz, Brauereien, Bergwerke. Es ist wie ein Traum.
Der reichste Mann von Prag bewältigt ein ungeheures Arbeitspensum, denn Wallenstein fordert und fordert - auch für seine persönliche Hofhaltung. Das Gehalt als kaiserlicher Heerführer? De Witte streckt es vor. Feinste Weine aus Italien oder der Champagne? De Witte besorgt sie in riesigen Mengen. Prächtige Kutschen, ausgeschlagen mit rotem Leder? De Witte lässt die Räder rollen. In seinen Büchern trennt er die privaten und die staatlichen Ausgaben des Generalissimus so gut es eben geht.
Dann naht die Frankfurter Herbstmesse des Jahres 1628. Die Messen jener Zeit sind nicht nur Handels- und Informationsbörsen, sondern auch Zahlungstermine. Zur Messe werden Wechsel fällig; wer pünktlich zahlt, festigt seinen guten Ruf. Wehe, wenn einer nicht zahlen kann.
Wallenstein ist inzwischen ein ziemlich säumiger Schuldner. Aber das bringt nicht ihn, sondern de Witte in Not. Denn nur wenn der Bankier das Geld, das er sich überall in Europa geliehen hat, zurückzahlen kann, bleibt er kreditwürdig. Und nur, wenn er kreditwürdig ist, kann er sein Geschäft betreiben.
De Witte bedrängt Wallenstein ein ums andere Mal, seine Schulden zu begleichen, er schildert ihm seine "äußerste Not". Den Frankfurter Messetermin übersteht er noch. Aber die Not hält an. Denn das große Räderwerk der Kriegsfinanzierung stockt überall. Wallenstein gelingt es nur mit Mühe, oft auch überhaupt nicht mehr, die fälligen Kontributionen einzutreiben. Immer mehr Städte und Länder sind ausgepresst. Wismar zum Beispiel: Ein Oberst, den der Feldherr samt einer rauen Schar Musketiere dorthin beordert hat, um die einst reiche Hansestadt zum Zahlen zu zwingen, meldet ihm: "Wismar ist halb ausgestorben, dahero von ihnen auch nichts zu bekommen."
De Witte blickt in den Abgrund. Längst muss er Wucherzinsen zahlen, um den Geldkreislauf irgendwie in Gang zu halten. Anfang 1630 sieht er sich genötigt, Teile seines Grundbesitzes zu verkaufen. Aus dem stolzen Bankier ist ein verzweifelter Finanzjongleur geworden.
Am 13. August 1630 wird Wallenstein aus dem kaiserlichen Dienst entlassen. Als de Witte davon hört, weiß er sofort: Das ist das Ende. Denn wer würde an einen Ex-Generalissimus noch Kontributionen zahlen? Er sei, schreibt de Witte an Wallenstein, "über alle Maßen bestürzt". Angesichts der Lage müsse er seine Vorauszahlungen nun einstellen.
Wallenstein schäumt. In dem, was einfach nur folgerichtig ist, wittert er Verrat: Dieser Geldhändler sei doch ein "ehrvergessener Schelm".
Hans de Witte, der sich "einen betrübten und ganz bekümmerten Mann" nennt, zieht jetzt einen Schlussstrich. Noch einmal schreibt er an den Kaiser, seinen alten Fürsprecher, dann verlässt ihn der Mut. In der Nacht vom 10. auf den 11. September stürzt er sich in den Brunnen hinter seinem Haus in der Brückengasse und ertrinkt.
Von Dietmar Pieper

SPIEGEL GESCHICHTE 4/2011
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