29.11.2011

Anfang einer neuen Zeit

Das Leben und Sterben des jüdischen Wanderpredigers Jesus von Nazareth markiert eines der wichtigsten Daten der Weltgeschichte.
Merkwürdig, dass der Name dieses Mannes so sehr in Vergessenheit geraten ist. Denn die Idee, die Dionysius Exiguus hatte, ist seit mehr als einem Jahrtausend in aller Munde. Bis heute. Jeden Tag. Auf der ganzen Welt.
Dionysius lebte Anfang des 6. Jahrhunderts als Mönch in Rom, er übertrug Kirchenschriften aus dem Griechischen ins Lateinische. Sein Zusatzname Exiguus bedeutet "der Kleine" oder "der Geringe". Groß aber war er im Berechnen von Kalenderdaten.
Als knifflig hatte sich von jeher der Ostertermin erwiesen, die Feier der Auferstehung und deshalb das höchste christliche Fest. Schon in den ersten Jahrhunderten nach dem Tod des Heilands hatten sogenannte Computisten ("Berechner") es zu einiger Kunstfertigkeit bei der Ermittlung der Ostertermine gebracht. Dabei kommt es vor allem auf den ersten Vollmond im Frühjahr an, denn auf den nachfolgenden Sonntag fällt Ostern.
Zu Lebzeiten des Dionysius zählten viele Römer die Jahre seit der Inthronisierung des Kaisers Diokletian. Anno 241 nach Diokletian stand der Mönch vor einem Problem: Für das Osterfest des nächsten Jahres ergaben die gebräuchlichen Berechnungsarten unterschiedliche Termine. Der leidenschaftliche Computist fand eine Lösung, mit der er den Kalender revolutionierte: Als neuen Fixpunkt der Jahreszählung setzte er die Geburt Jesu ein. Das passte mathematisch und gefiel den Frommen. Dionysius Exiguus war der Erste, der seine Ostertafeln mit der Angabe "anni ab incarnatione Domini" veröffentlichte, "Jahre nach der Fleischwerdung des Herrn". Nach der von ihm erfundenen Datierung zählte man das Jahr 525.
Noch mehrere Jahrhunderte vergingen, bis die Einteilung der Weltgeschichte in eine Zeit vor und eine Zeit nach Christus allgemein in Westeuropa üblich wurde. Andere Weltgegenden schlossen sich später an.
Sicher, es war ein Zufall, dass der Mönch Dionysius durch ein Rechenproblem auf die Idee kam, die Menschwerdung Christi als Beginn einer neuen Zeitrechnung zu sehen. Aber der Zufall wirft ein Licht darauf, wie lange es gedauert hat, bis die Geburt Jesu diese Bedeutung bekam. Der Abstand vieler Jahrhunderte war nötig, um das wundersame Geschehen in Palästina als Wasserscheide im Fluss der Zeit zu begreifen. Ein Abstand, der so groß war, als würden wir heute beschließen, den Kalender nach Christoph Kolumbus, Johannes Gutenberg oder Martin Luther auszurichten.
Der Vergleich zeigt auch: Keine dieser Jahrtausendgestalten reicht an Jesus heran. Man muss nicht gläubiger Christ sein, um die epochale Wirkung dieses Mannes zu würdigen, der sich Menschensohn nannte, wie ein Messias auftrat und als Gottessohn angebetet wird. Wenige haben die Welt so verändert wie er, der Revolutionär wider Willen.
Jesus war Jude, der seinen Glauben reformieren wollte. Eine neue Religion stiften wollte er nicht. Warum löste sich die Jesusbewegung dennoch vom Judentum ab? Warum wurde das Christentum aus prekären Anfängen in Jerusalem zur führenden Weltreligion, der heute mehr als zwei Milliarden Menschen angehören? Sogar in der zweitgrößten Religion, dem Islam mit seinen rund 1,5 Milliarden Gläubigen, gilt Jesus - arabisch Issa - als bedeutender Prophet, der im Koran häufiger erwähnt wird als Mohammed.
Auch wenn es kaum eindeutige Antworten auf diese Fragen gibt, sind Erklärungen möglich. Der historische Jesus war ein Mensch seiner Zeit. Das sehen auch die Christen so, über ihre konfessionellen Grenzen hinweg: Jesus Christus sei "wahrer Mensch" gewesen und zugleich "wahrer Gott", lautet die Kernaussage der auf dem Konzil von Chalkedon im Jahr 451 beschlossenen Zwei-Naturen-Lehre.
Obwohl dieser ungeheuer charismatische Mann keine schriftlichen oder anderen Beweise seines Lebens hinterlassen hat, ist sein Wirken als Prediger, Heiler und Exorzist dokumentiert, in der Bibel und in einigen wenigen nichtchristlichen Quellen. Und von der Welt, in der er gelebt hat, können wir uns ein Bild machen.
Die Spurensuche führt zuerst dorthin, wo alles begann, nach Galiläa.
Jesus von Nazareth, nicht Jesus von Bethlehem. Wer sich dem historischen Jesus nähern möchte, muss sich von einer der schönsten christlichen Erzählungen verabschieden. Das Kindlein hat wohl nie neben Ochs und Esel in einer Krippe gelegen. Es kamen auch keine Weisen aus dem Morgenland mit Gold, Weihrauch und Myrrhe im Gepäck, um dem Neugeborenen zu huldigen.
Der Nazarener, wie er in der Bibel genannt wird, hat wohl in Nazareth das Licht der Welt erblickt. Und mit großer Sicherheit war es einige Jahre vor dem Beginn der von Dionysius Exiguus erfundenen Zeitrechnung; der römische Mönch hat sich leider bei der Datierung vertan. Heute gilt 4 v. Chr. als wahrscheinlichstes Geburtsjahr.
Seine Eltern nannten den Jungen Jeschua, was so viel bedeutet wie "Gott hilft". Jesus ist die griechische Form dieses aramäischen Namens. Aramä-isch, eine alte semitische Sprache, war im östlichen Mittelmeerraum viele Jahrhunderte lang weitverbreitet. Als überregionale Verkehrssprache drang dann das Griechische vor, aber in weiten Teilen Palästinas blieb Aramäisch das Idiom des Volkes. Später am Kreuz schreit Jesus, ehe er stirbt, in seiner Muttersprache die Worte: "Eli, Eli lama asabtani?" ("Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?").
Nazareth war in jener Zeit ein Dorf, in dem Schafe und Ziegen, Esel und Kamele zum alltäglichen Bild gehörten. Die Familien lebten von der Landwirtschaft, vor allem für den eigenen Bedarf, betrieben vielleicht zusätzlich ein Handwerk und fluchten über die hohe Steuerlast durch die römischen Besatzer.
In den Schriften des Alten Testaments wird Nazareth kein einziges Mal erwähnt, und auch zu Jesu Lebzeiten war der Ort wohl nicht mehr als eine unbedeutende Ansiedlung in einer Hügellandschaft. "Was kann aus Nazareth Gutes kommen!", bemerkt ein Mann namens Nathanael abfällig in der Bibel, als er von Philippus, einem der Jünger, für die Jesusbewegung geworben werden soll. Aber der Aura des Meisters kann sich Nathanael nicht entziehen. Ergriffen sagt er: "Rabbi, du bist Gottes Sohn, du bist der König von Israel!"
Galiläa ist ein überschaubarer Landstrich zwischen dem nördlich gelegenen Litani-Fluss im heutigen Libanon und der Jesreel-Ebene im Süden. Mehrere Jahrhunderte lang waren hier Juden in der Minderheit. Daran erinnert der Name Galiläa, der auf die hebräische Bezeichnung "galil hagoijim" zurückgeht, "Region der Heiden". Ab etwa 100 v. Chr. wurde das Land rejudaisiert, fromme Familien aus Judäa zogen nach Norden und ließen sich in Galiläa nieder. Um die Zeitenwende lebten dort ungefähr 150 000 bis 200 000 Menschen.
Wer in der kargen, felsigen Gegend um Jerusalem groß wurde, der dürfte von der fruchtbaren Hügellandschaft beeindruckt gewesen sein, in der Datteln, Oliven und Wein reichlich gediehen. Im Herzen Galiläas speist das Wasser des Jordans den See Genezareth, der auch Galiläisches Meer genannt wird. Mit einer Ausdehnung von 21 Kilometern in der Länge und 12 Kilometern in der Breite hat er ungefähr ein Drit-tel der Fläche des Bodensees. An den Ufern des Sees Genezareth hat Jesus gepredigt, geheilt und Jünger geworben. Das Fischerdorf Kapernaum wurde zum ersten Zentrum der von ihm geführten Reformbewegung.
Ebenso interessant wie die biblischen Stätten sind manche Orte, die in den Evangelien nicht oder nur am Rande erwähnt werden. Allen voran ist das Sepphoris, die alte galiläische Hauptstadt. Der von Rom abhängige Herrscher Herodes Antipas ging dort seinen Regierungsgeschäften und seinem Vergnügen nach, bis er nach Tiberias umzog. Das neue politische Zentrum am Ufer des Sees Genezareth hatte er nach seinem Kaiser Tiberius benannt.
Auffällig an Sepphoris ist die Nähe zu Nazareth: Nur eineinhalb Stunden mag es gedauert haben, vom Dorf in die Stadt zu wandern. Beide Orte sind gut sechs Kilometer Luftlinie voneinander entfernt, die Strecke führt aus 350 Metern Höhe überwiegend bergab. Ein im 1. und 2. Jahrhundert errichteter Aquädukt leitete Wasser aus Nazareth in die ungefähr 10 000 Einwohner zählende Stadt, die bis dahin aus Zisternen und mit Hilfe von Eselstransporten versorgt worden war.
Nach christlicher Legende stammten Anna und Joachim, die Eltern von Jesu Mutter Maria, aus Sepphoris. Aber auch wenn das nur eine Ausschmückung der Geschichte aus späteren Zeiten ist, kann man annehmen, dass Jesus sich auf dem urbanen Pflaster auskannte: Ein junger Mann, der mit wachem Blick für die Welt in Nazareth aufwuchs, dürfte recht genau gewusst haben, was in der nahen Stadt alles passierte.
Und sicher ist: In Sepphoris bewegte sich einiges. Denn nachdem König Herodes ("der Große") 4 v. Chr. gestorben war, kam es vielerorts in Palästina zu Erhebungen gegen die römischen Machthaber. In der Hauptstadt Galiläas riss ein Rebell, der als Judas, Sohn des Ezechias, in die Geschichtsbücher einging, die Herrschaft an sich. Aus Sicht der Römer war die Gefahr so groß, dass der mächtige Statthalter von Syrien mit einer robusten Streitmacht von Norden her gegen die Aufständischen vorrückte. Das war Publius Quinctilius Varus, derselbe Varus, der einige Jahre später von den Germanen vernichtend geschlagen werden sollte. Unter seinem Oberkommando wurde Sepphoris in Schutt und Asche gelegt. Rund 2000 palästinensische Rädelsführer, heißt es in den Quellen, habe der Römer nach seinem Sieg ans Kreuz schlagen lassen.
Beim Wiederaufbau der galiläischen Metropole wurde dann anscheinend geklotzt, nicht gekleckert. Für Handwerker, wie vielleicht auch Jesus einer war, gab es viel zu tun. Archäologen haben herausgefunden: Die mit hellem Kalkstein gepflasterten Straßen bildeten ein rechteckiges Gitter, sie verbanden Häuser und Märkte, elegante Villen und Vergnügungsstätten. Der zeitgenössische Historiker Josephus nannte Sepphoris "die Zierde Galiläas".
Die Stadt war ein altes Handelszentrum, gelegen an einem Teilstück der Via Maris, einer der bedeutendsten Verkehrsadern der Antike. Die "Meeresstraße" verband schon seit der frühen Bronzezeit (3. Jahrtausend v. Chr.) die uralten Hochkulturen Ägypten und Mesopotamien. Von nah und fern marschierten Lastenträger und Karawanen nach Sepphoris, sie schleppten Töpfe und Pfannen, Feigen und Granatäpfel, Schmuck, feines Tuch und Parfum. Auch mit dem noch ferneren Osten wurden damals bereits Waren getauscht: Aus China kam Seide ins Römische Reich, aus Indien Pfeffer.
Wer durch die Straßen und Märkte von Sepphoris schlenderte, tauchte ein in einen Kosmos der Nachrichten und Geschichten, der Fakten und Gerüchte. Denn neben ihren Waren transportierten die Händler Informationen - unschätzbar wichtig in einer Zeit, die nur wenig Geschriebenes kannte. Für den, der Ohren hatte zu hören und Augen zu sehen, tat sich mitten im kleinen Galiläa die große weite Welt auf.
Es war eine jüdische, römische, phönizische, syrische, parthische, kurz eine multikulturelle Welt. Vor allem aber war es eine griechische Welt. Griechisch war die Verkehrssprache rund um das östliche Mittelmeer - nicht in ihrer klassischen Ausprägung, sondern in Form der Koine, einer Gemeinsprache, die sich seit dem 4. vorchristlichen Jahrhundert durch Vermischung verschiedener Dialekte im Heer Alexanders des Großen herausgebildet hatte.
Was für ein Leben, und welche Nachwirkungen! Mit Alexander dem Großen, der als Eroberer Siege feierte wie niemand vor ihm, begann die jahrhundertelange Vorherrschaft der griechischen Kultur in einem Gebiet, das von Sizilien bis Indien reichte. Im Zeitalter des Hellenismus war es auch für die militärisch-politischen Riesen im kaiserlichen Rom selbstverständlich, sich vor den griechischen Geistesgrößen zu verneigen. Man ahmte ihre Dichtkunst ebenso nach wie ihre meisterliche Bildhauerei, man schmückte Gärten und Paläste im Stil der unterworfenen Nachbarn.
Das griechische Erbe hatte alle Lebensbereiche durchdrungen, hohe Kultur und Philosophie, aber auch den Alltag. In vielen Städten des östlichen Mittelmeers fanden Olympische Spiele statt, so wie seit Hunderten von Jahren im Zeus-Heiligtum von Olympia auf dem Peloponnes. Die Zeitrechnung im Vierjahreszyklus der Olympiaden war üblich. Wenn Jesu Geburt auf das Jahr 4 v. Chr. datiert wird, dann war es das 1. Jahr der 194. Olympiade.
Eine der berühmtesten Wettkampfstätten außerhalb Griechenlands lag unweit von Antiochia. Dort, am Ufer des Orontes, residierte auch der römische Statthalter von Syrien. Die Reihe der Olympischen Spiele von Antiochia endete erst 521 n. Chr. Es war die Zeit, als der Hellenismus in den Wirren der Spätantike unterging.
Antiochia, das war aber auch die Stadt, in der die Apos-tel Paulus und Petrus zu einer der wichtigsten Gemeinden der frühen Christenheit predigten. Und sie gerieten dort heftig aneinander: Können auch Unbeschnittene, also Nichtjuden, gute Christen werden? Dass diese Streitfrage am Ende mit Ja beantwortet wurde, sollte sich als entscheidende Weichenstellung für das Christentum erweisen. Während Petrus, der als echter Galiläer mit Aramäisch groß geworden war, stärker am Judentum hing, dachte Paulus globaler. Paulus sprach fließend Griechisch. Aufgewachsen unter römischer Herrschaft an der Küste Kleinasiens, war er ein hellenistischer Jude.
Es ist anzunehmen, dass in den jungen Gemeinden, die Paulus und andere Missionare in den Jahrzehnten nach Jesu Tod gründeten, überwiegend die Koine gesprochen wurde. Griechisch ist auch die Sprache des Neuen Testaments.
Und Jesus? Beherrschte er die Sprache, die nur ein paar Kilometer von seinem Heimatdorf entfernt den Alltag prägte, die so wichtig war für die gesamte Kultur seiner Zeit? Das bleibt Stoff für Spekulationen.
Wichtiger ist aber etwas anderes: Weil die griechische Sprache und die mit ihr verbundene Weltsicht die Menschen jener Zeit über große Entfernungen hinweg einander nahebrachte, fand der neue Glaube Gehör. Sonst, wer weiß, wäre die Geschichte von Jesus aus Nazareth vielleicht nicht wieder und wieder erzählt worden.
Von Dietmar Pieper

SPIEGEL GESCHICHTE 6/2011
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