29.11.2011

König der Wahrheit

Was wissen wir über den historischen Jesus und seine Welt? Eine Spurensuche im antiken Palästina.
Dass er lange Haare, einen Bart und womöglich dunkle Augen hatte, kann man annehmen, aber es ist nirgends verbürgt. Er könnte ausgesehen haben wie ein typischer jüdischer Mann im Hügelland von Galiläa, weil nirgends in oder außerhalb der Bibel erwähnt wird, dass er anders oder auffällig ausgesehen hätte. Er muss galiläisches Aramäisch gesprochen haben, diesen ländlichen Dialekt, der in den urbanen Zirkeln Jerusalems belächelt wurde, weil er unsauber war und gern Silben verschluckte; die Galiläer scheinen die für semitische Sprachen wichtigen Gutturallaute nicht präzise unterschieden zu haben. Die allgemeine Verkehrs- und Handelssprache, die Sprache der Händler in den Städten zu jener Zeit war Griechisch. Jesu Aramäisch hingegen sprach man auf dem Land, es war die Sprache der jüdischen Tradition. Die Dörfer waren seine Bezugsgröße: Jesus stammte vom Land und ging ins Land. Städte mied er.
In seinen Gleichnissen wird er später von Menschen erzählen, die Samen auf die Erde streuen und auf Ernte warten. Bilder, die in städtischen Kontexten spielen, wird es bei ihm nicht geben.
Um das Jahr 28 war er plötzlich da. Er tauchte quasi aus dem Nichts auf, so viel ist bekannt, denn bis zu diesem Zeitpunkt hatte offenbar niemand etwas von ihm gehört. Im Jahr 28 wird Jesus mindestens 32 Jahre alt gewesen sein, weil er nicht im Jahr 1 geboren wurde, sondern mindestens vier Jahre früher, noch zu Lebzeiten des Vasallenkönigs Herodes des Großen. Der starb, historisch verbürgt, im Jahr 4 v. Chr. in Jericho. Nach Herodes' Tod übernahmen dessen drei Söhne die Herrschaft über das antike Palästina, einer von ihnen, Herodes Antipas, bekam die römischen Klientelstaaten Galiläa und Peräa (dessen nördlicher Teil heute in Jordanien liegt).
Was diesem Wechsel folgte, war ein unerhörter Aufbruch, eine Zeit großer Prosperität, eine Art antike Marktwirtschaft. All das kann nicht ohne Einfluss auf den heranwachsenden Jesus gewesen sein.
Wenn er ein Zuhause gehabt hat, dann war es Kapernaum, ein größeres Fischerdorf mit einer Fläche zwischen 10 und 30 Hektar direkt am Ufer des Sees Genezareth. Ein eigenes Haus besaß er dort wahrscheinlich nicht, auch keine Wohnung, kein eigenes Zimmer. Er schlüpfte unter, als Gast oder Dauergast. Ob er gern gesehen war, ist nicht bekannt, aber anzunehmen, da Gastfreundschaft in der semitischen Werteordnung des Vorderen Orients seit je eine wichtige Norm war und der Schutz eines Fremden als hohes Gut galt. Von Kapernaum ging er fort, nach Kapernaum kehrte er immer wieder zurück - ein Ort, dessen Einwohnerzahl die 5000 nicht überschritten haben dürfte. Auch in anderen Dörfern Galiläas, das belegen die Grabungen der Archäologen, lebten gewöhnlich nicht mehr Menschen.
Soziologisch betrachtet war dieses Galiläa deutlich anders strukturiert als das südlichere Judäa. In Judäa lebten die Gelehrten und Priester, in Galiläa die Arbeiter und Bauern. Galiläa war reiches, Judäa karges Land. Galiläa besaß fruchtbare Böden, vor allem um den See Genezareth herum, der so tief liegt, dass man sich dort noch heute weit unterhalb des Meeresspiegels befindet. In den galiläischen Breiten, berichtet der antike Geschichtsschreiber Josephus Flavius, wuchsen Palmen, Feigen-, Nuss- und Ölbäume, und zehn Monate des Jahres gab es Weintrauben. Das Land ist geprägt von Basaltsteinhügeln und auslaufenden Schluchten; Klima und Landschaft sind mediterran, die Temperaturen im November mild, und wo der obere Jordan in den See Genezareth mündet, ist es heute genauso unbesiedelt, naturbelassen und vogelverzwitschert, wie es um 28 gewesen sein könnte, weil sich hier seit zweitausend Jahren kaum etwas verändert haben dürfte. Einer der zahlreichen, leicht ansteigenden Hügel am nordwestlichen Ufer, der einen Panoramablick über Kapernaum und den See erlaubt, ist der legendäre "Berg der Seligpreisungen", auf dem Jesus vor dem Volk aus dem jüdischen Land und von jenseits des Jordans, wie das Matthäusevangelium berichtet, mit dem großen Satz "Selig sind, die da geistlich arm sind, denn ihrer ist das Himmelreich" die Bergpredigt begonnen haben soll.
In Kapernaum stand eine große Synagoge und 30 Meter davon entfernt das Haus des Fischers Simon. Gesichert ist, dass es ein Gemeinschaftshaus war, in dem die Familie des Simon wohnte, mit zwei oder drei Innenhöfen und besteigbaren Lehmdächern, man könnte sagen: eine Art Wohngemeinschaft. Wenn Jesus in Kapernaum wohnte, dann in diesem Haus. Heute sind die freigelegten Ruinen der Synagoge und des Simonhauses Wallfahrtsziele von Pilgern aus der ganzen Welt. Dass die Fischer gerade hier, am nördlichen Rand des Sees Genezareth, siedelten und arbeiteten, ist wenig überraschend: Im See lebte der kälteempfindliche Buntbarsch, der sogenannte Petrus-Fisch, und in der Bucht zwischen Kapernaum und Tabgha flossen einige, teils 26 Grad warme Quellen in den See ein, weswegen dort vor allem im Herbst und Winter große Buntbarschmengen zu leichter Beute wurden. Arm waren Kapernaums Fischer also keineswegs, was auch an Herodes Antipas lag.
Ohne den Tetrarchen von Galiläa, der einen der vier (griechisch "tetra") Bereiche des alten herodianischen Herrschaftsgebiets Palästina regierte, kann man die Geschichte Jesu nicht verstehen. Antipas' Politik prägte die sozioökonomischen Strukturen Galiläas; er sorgte für großen wirtschaftlichen Aufschwung und politische Stabilität, verursachte aber auch soziale Ungerechtigkeiten und Verelendung. Beide Entwicklungen hatten Einfluss auf Jesu Leben und jene Anhängerschaft, die sich um seine Person formierte und die man später "Jesusbewegung" nennen würde.
Dass um das Jahr 28 sozialer Frieden im Land herrschte und das gesellschaftliche Klima gut war, lag vornehmlich in der Klugheit und Cleverness des Herrschers von Galiläa begründet, der ein äußerst geschickter Konfliktvermeider gewesen sein soll. Anders als sein älterer Bruder Archelaos im ständig kriselnden Judäa verstand es Antipas, durch Ehrbezeugungen dem römischen Kaiserhaus gegenüber hohe Loyalität zum Ausdruck zu bringen. Etwa im Jahr 19 gründete er am Ufer des Sees Genezareth nach hellenistischem und römischem Vorbild eine neue Stadt mit Palast, Marktplatz und Theater, ließ Stadion und Hippodrom bauen, erkor die Stadt zu seinem Amtssitz und benannte sie nach dem neuen Kaiser, der fünf Jahre zuvor in Rom den Thron bestiegen hatte: Tiberias. Taktisches Antichambrieren war für jeden Klientelfürsten in fernab gelegenen Provinzen überlebenswichtig, um sich bei all den angezettelten Intrigen, der allseitigen Missgunst und den gestreuten Denunziationen im Amt halten zu können.
Andererseits, und das zeichnete Antipas offenbar gegenüber seinen Brüdern aus, respektierte er die jüdische Prägung Galiläas, achtete weitgehend die religiösen Rituale und Praktiken der ländlichen Bevölkerung. Damit schuf er eine wichtige Voraussetzung für die Entfaltung der Persönlichkeit Jesu. Das heißt: Er hielt am Monotheismus fest und verzichtete auf heidnische Tempel. Es gab keine Prozessionen, keine Opferrituale, und aufgrund des Bilderverbots im Judentum wurde das Konterfei des Kaisers nicht, wie sonst üblich, auf die Münzen geprägt.
Ohne Zweifel profitierte Jesus von der vergleichsweise ruhigen sozialen und politischen Situation und der religiösen Toleranz; unter Antipas behielt Galiläa seine starke jüdische Identität. Man muss sich immer wieder vor Augen führen, dass Jesus Jude war, dass er nichts anderes als Jude sein wollte und nur aus dem Judentum heraus verstanden werden kann. Er bewegte sich im Rahmen der jüdischen Traditionen und Sitten, von der Beschneidung über die Speisevorschriften zum Synagogenbesuch und der Sabbatheiligung, er war im Wesentlichen toratreu und setzte die göttliche Erwähltheit des Volkes Israel voraus. Alles, was er tat, dachte und sagte, bezog sich auf das Judentum und war an das Volk Israel gerichtet. Wäre Antipas ein brutaler, ignoranter, dummer Herrscher gewesen - heftige Spannungen und Konflikte wären programmiert, Verhaftungen, Verurteilungen, Hinrichtungen und ein Klima der Angst wahrscheinlich gewesen.
Einmal, kurz vor seinem Tod, könnte Jesus dem ungefähr 16 Jahre älteren Herrscher sogar direkt begegnet sein - nach der Verhaftung in Jerusalem, die wahrscheinlich im Jahr 30 stattgefunden hat. Das Lukasevangelium berichtet: Als Pilatus, Präfekt von Judäa, Jesus, den Galiläer, zu Antipas geschickt hatte, welcher gerade in Jerusalem weilte, habe dieser ihn erst sehr froh begrüßt, dann ein Zeichen von Jesus erhofft, den Schweigenden schließlich verspottet, ihm ein weißes Gewand angelegt und wieder zurück zu Pilatus gesandt. "An dem Tag wurden Herodes und Pilatus Freunde."
Indirekt begegnete Jesus dem Herrscher ständig, weil er, wie jede männliche Person ab 14 Jahren, kopfsteuerpflichtig war - daher ist es wahrscheinlich, dass Jesus einen Beruf hatte. Entweder war er Fischer oder Landwirt oder Zimmermann, weil Obergaliläa durch Landwirtschaft, Fischerei und Bauhandwerk geprägt war.
Wenn es stimmt, dass Jesu Vater Bauhandwerker war und womöglich auf der damaligen Großbaustelle beim Wiederaufbau der Stadt Sepphoris Hand angelegt hatte, ist anzunehmen, dass auch Jesus Bauhandwerker war, weil Söhne gewöhnlich den Beruf des Vaters ergriffen. Der Begriff "Zimmermann" - so übersetzt Martin Luther das griechische Wort "tekton" - setzt jedoch die Verarbeitung von Holz voraus, in Obergaliläa aber gab es kaum Holz. Also ist wahrscheinlich, dass beide, Josef wie Jesus, Steinhandwerker auf Montage waren.
Die Bibel berichtet aus Jesu Jugend kaum etwas, es fehlt ein historisch greifbarer Kern. Die Geburtsgeschichte in der Krippe zu Bethlehem etwa, die zum Kanon der westlichen Kulturgeschichte gehört, ist nach Auffassung der großen Mehrheit der Neutestamentler reine Legende, eine erfundene Erzählung, mit der die Geburt von Jesus gedeutet werden soll - dass er der erwartete Nachfolger Davids sei. Und nach alttestamentlich-jüdischer Tradition und dem Buch des Propheten Micha würde der sogenannte Davidide, der künftige Herr Israels, aus der Stadt Davids kommen - aus Bethlehem in Judäa.
Jesus aber kam aus Nazareth in Galiläa, einem Dorf von maximal 400 Einwohnern. Daran besteht kaum Zweifel wie an seiner Existenz überhaupt. Weil er jedoch weder bei den jüdischen Schreibern seiner Zeit erwähnt wird und es außerhalb christlicher Überlieferung nur sehr wenige kurze Notizen über Jesus gibt (so bei Tacitus, bei Josephus Flavius und Sueton), liegt es bei der historischen Jesus-Forschung, die Kontexte der damaligen Lebenswelt zu rekonstruieren. Dies begann mit dem "Third Quest", dem dritten Ansatz der historischen Jesus-Forschung in den siebziger Jahren, der - und das war das Neue - den soziokulturellen Umständen Vorrang vor der theologischen Deutung einräumte. Dabei versuchte man, die Person Jesus vor dem Hintergrund der damaligen Gesellschaftsordnung verständlich zu machen.
Näher als durch diese sozialwissenschaftliche Rekonstruktion ist man der realen Person hinter dem theologisch-literarischen Jesus nie gekommen: Das Einzige, auf das sich alle Richtungen des Third Quest, ohne glaubwürdigen materiellen Beweis dafür zu haben, letztlich einigen können, ist die Annahme, dass Jesus aller Wahrscheinlichkeit nach gelebt hat. "Es handelt sich um eine historische Figur und nicht um einen Mythos", sagt Jens Schröter, Professor für Exegese und Theologie des Neuen Testaments an der Berliner Humboldt-Universität. Später allerdings haben zahllose urchristliche und christliche Quellen seine Figur mit bestimmten Vorstellungen überformt und retrospektiv gedeutet.
Um das Jahr 28 war nichts mehr so wie einst, denn im bäuerlichen Galiläa war eine Art antiker Kapitalismus eingezogen. Profitstreben und Gewinnmaximierung beherrschten den Alltag der Bauern, Fischer und Handwerker, deren wichtigste Werte Familie, Solidarität und Gemeinsinn waren. Konnte so etwas auf Dauer gutgehen? Der erzwungene Strukturwandel Galiläas lag in der römischen Herrschaftsstruktur und der Pyramide streng geordneter Hierarchie begründet, innerhalb derer ein Wettbewerb um Macht durch Loyalität gefördert und gefordert wurde. Rom lenkte aus der Ferne, indem es die lokalen Führer ernannte, die im Vasallenverhältnis standen und festgesetzte Tribute zu entrichten hatten - Geld, das sie als Steuern von ihren Untertanen eintrieben.
Die Last der direkten und indirekten Abgaben muss erdrückend gewesen sein: Grundertragsteuer, Handel- und Gewerbesteuer, eine Kopfsteuer, die auch Vieh und Sklaven mitzählte, dazu Tempelsteuer, Wege- und Brückenzoll. Der Umfang des damaligen Steueraufkommens wird auf bis zu 50 Prozent des Sozialprodukts geschätzt. Damit nicht genug, die Abgaben wurden unerbittlich eingetrieben, Gnade der Administratoren und Zöllner gab es selten. Die meist vielköpfigen Familien waren gezwungen, immer mehr zu produzieren und zu arbeiten, um ihrer Steuerschuld nachkommen zu können. Ihr Einkommen war gering, sie lebten am Existenzminimum. Kamen Missernten hinzu, geriet man rasch in die Schuldenfalle, aus der es kein Entkommen gab. Wer dem Maximierungsprinzip nicht mehr gewachsen war, wurde Tagelöhner, zog von hier nach da, ohne jede soziale Sicherheit. "Der Teufelskreis der Verarmung war vorgezeichnet", sagt Martin Ebner, Professor für das Neue Testament an der Universität Münster. Die Kluft zwischen Arm und Reich, zwischen Großgrundbesitzern und Kleinbauern wuchs, die Schere der Ungleichheit weitete sich, und die Verdrängung des traditionellen Tauschhandels durch die neue Geldwirtschaft produzierte zunehmend mehr Verlierer.
Die römischen Herrscher hatten ihre Politik der Landpacht durchgesetzt: Nicht das Land an sich war wertvoll, sondern der Gewinn, den es brachte. Das war ein klarer Bruch mit der Tradition. Wahrscheinlich mehr als 90 Prozent der Galiläer betrieben Landwirtschaft; sicher hingen sie an ihrem Land, vielleicht mehr als am Gewinn. Jedenfalls musste man, um zu überleben, das Wachstum jetzt stetig steigern und stets mehr Oliven, Getreide, Wein und Fisch exportieren.
Zur Jesuszeit, das haben Bodenuntersuchungen nachgewiesen, waren 97 Prozent des bebaubaren Landes agrarische Nutzungsfläche, die Produktionssteigerung war also enorm. Fang, Weiterverarbeitung und Export des Buntbarschs aus dem See Genezareth wurden zu einem der wichtigsten Industriezweige Galiläas und spülten Geld in die Kassen des Landesherrn, der am Gewinn persönlich beteiligt war.
Die Folge des wirtschaftlichen Drucks war eine Dreischichtengesellschaft: oben die Besitzenden, in der Mitte die von ihnen abhängigen Dienstleister wie Handwerker, unten die Tagelöhner, Hirten und Bettler, die Armen, Deklassierten und Ausgeschlossenen. Wäre eine bessere Brutstätte für Gewalt, Protest und Aufstand vorstellbar?
Um 28 aber war hier von einer Rebellion nichts in Sicht, sozialrevolutionäre Aufrührer gab es nicht. Auf den ersten Blick war Galiläa trotz der Verelendung immer größerer Bevölkerungsteile ein relativ spannungsarmes Land. Nicht einmal römische Soldaten waren in Galiläa stationiert. Und dann wurde im Jordan ein weitgehend unbekannter Mann aus Nazareth getauft, mit dem eine neue Zeit begann.
Jesu Taufe durch Johannes, die um das Jahr 28 stattfand, ist der erste historisch belastbare Auftritt des Nazareners in der Weltgeschichte. Der charismatische Asket und radikale Bußprediger Johannes, der in seinen Reden den Zorn Gottes verkündete, muss einen immensen Einfluss auf Jesus ausgeübt haben. Von Johannes übernimmt Jesus zum einen die Idee der Umkehr im Hier und Jetzt, zum anderen das apokalyptische Denken der entscheidenden Schlacht zwischen dem Guten und dem Bösen, zwischen Hell und Dunkel, Gott und Satan.
Und dann muss Jesus entweder eine umstürzende Erkenntnis oder ein Initiationserlebnis gehabt haben. Was genau geschehen ist, ist nicht bekannt. Bei Lukas heißt es geheimnisvoll: "Er sprach aber zu ihnen: Ich sah den Satan vom Himmel fallen wie einen Blitz." War das eine Vision? Eine Halluzination? Oder war der Satan, wie Martin Ebner vorschlägt, ein Meteor, den Jesus beobachtet hatte? Mancher Jesusforscher sieht in dieser Satans-Passage den inneren Glutkern der beginnenden Mission. Jens Schröter tut das nicht. "Ich würde eher sagen", meint der Berliner Wissenschaftler, "dass Jesus zu der Überzeugung gelangt ist, nicht einfach nur ein Jünger von Johannes dem Täufer zu sein, sondern von Gott zu einer besonderen Aufgabe ausersehen zu sein."
So sehr die geistige Welt der Judäer und Galiläer um 28 von Heilserwartungen und Heilsversprechen geprägt war, so desolat war seit langem die soziale, politische und gesellschaftliche Situation des Judentums im alten Palästina: das Volk in Parteien, Gruppen und Richtungen zerfallen; die Verheißung Gottes von einem Zusammenleben im Königreich Israel nicht erfüllt; der ersehnte Messias und die Wiederkehr des Goldenen Zeitalters nicht in Sicht. Woran oder an wem lag das? An Rom? An Gott? An ihnen, den Juden, selbst?
Als Einzelner hatte man zur Erklärung dieser Malaise zwei Möglichkeiten: Entweder man klagte Gott an, sein Versprechen nicht eingelöst zu haben, was für einen gottesfürchtigen Juden niemals in Frage gekommen wäre. Oder, und das war weitaus wahrscheinlicher, man beschuldigte sich selbst und das eigene unfromme, entfremdete, materialistisch dominierte Leben und war empfänglich für die Idee der Umkehr. Israels Gottesverhältnis war zu jener Zeit tief gestört, das Volk zweifelte daran, erwählt zu sein. Was tun? Von einer erneuten Zuwendung zu Gott erhoffte man sich dessen erneute Zuwendung zum Volk Israels. Die Hoffnung, Gott möge die Fremdherrschaft der Römer und die Zerstreuung der Juden beenden, hatte ernorme Erwartungen geschaffen, die man, wie im Judentum seit jeher geübt, auf den Messias, den Gesalbten, den von Gott zur Errettung Geschickten projizierte - auf dass dieser, wie einst Mose und zuletzt, tausend Jahre zuvor, König David, Israel als das von Gott erwählte Reich führe. Welche spirituellen Sehnsüchte - und welch materialistischer Alltag zugleich.
Wenn ein derart metaphysisches Vakuum entsteht, sind Propheten selten weit entfernt. Also bestellten, mit je eigenen Ideologien und Programmen, die unterschiedlichsten Bewegungen, philosophischen Schulen und politischen Interessengruppen das Feld des Seelenheils und der Erlösung in den zwanziger Jahren dieses ersten Jahrhunderts. Zuhauf zogen Prediger und Apokalyptiker über die Hügel und durch die Wüsten Palästinas, traten als Wundertäter und Prediger auf und erhoben den Anspruch, der erwartete Messias zu sein und das Volk zu führen. Einer von ihnen verzichtete augenfällig auf Hass, Agitation und aggressive Untertöne. Er war versöhnungsbereit und begann sein öffentliches Wirken just in dem Moment, als Johannes der Täufer auf Befehl des Antipas wegen der politischen Provokation seiner Predigten verhaftet und getötet wurde. Die Bewegung, die in seinem Namen entstand, fand rasch Anhänger und immer mehr Berufene.
Der evangelische Neutestamentler Gerd Theißen hat das Sozialverhalten, die innere Struktur und die treibenden Kräfte dieser "Jesusbewegung" in Wechselwirkung mit der umgebenden jüdisch-palästinensischen Gesellschaft mustergültig herausgearbeitet. Primär habe Jesus nicht Ortsgemeinden gegründet, so Theißen, sondern eine Bewegung vagabundierender Charismatiker, wandernder Apostel, Propheten und Jünger, die von Ort zu Ort zogen und dabei auf materielle Unterstützung der jeweiligen Gemeinden durchaus angewiesen waren. Es war eine innerjüdische Erneuerungsbewegung, die der Menschensohn da, fern der großen Städte im Hinterland, ins Leben rief, und die anfangs mit vielen anderen innerjüdischen Reformbewegungen in Konkurrenz stand. Die Jünger der Jesusbewegung, die bewusst auf Recht, Schutz und Mittel zur Selbstverteidigung verzichteten, lebten von der Unterstützung durch Sympathisanten, denen sie als Gegenleistung Predigt und (manchmal) Heilung zu bieten hatten - eine Investition ins eigene Heil, die sich erst nach dem großen Gericht am Tag des Herrn auszahlen würde.
Die Bedürfnisfreiheit der Jesusbewegung war gewollt. Wer berufen war, verließ Haus, Hof und Familie, entsagte allem Besitz und wanderte als Prophet oder Lehrer umher. Gezielt wurde die eigene soziale Entwurzelung betrieben, man band sich an keinen Ort mehr und heiratete nicht. Deshalb, weil er der Familie und der traditionellen Gemeinschaft den Rücken kehrte, wurde der Prophet in seiner eigenen Heimatstadt verachtet.
"Jesus und seine Zeitgenossen", befindet Wolfgang Stegemann, "lebten in nicht-individualistischen Gesellschaften, in denen die Unterschiede zwischen den Geschlechtern ebenso wie die Zugehörigkeit zu bestimmten Familien, Clans und Ethnien von grundlegender Bedeutung für die Möglichkeit der Partizipation an den wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Gütern waren."
Stegemann, der als Professor für Neues Testament vor allem die Sozialgeschichte des Urchristentums erforscht hat, weist darauf hin, dass Jesus in eine Mittelmeerwelt hineingeboren wurde, deren soziale Beziehungen vom Wettstreit der Männer um Ehre gekennzeichnet waren. Obwohl Jesus dieser Kultur entstammte, hielt er sich nicht mehr an ihren Kodex, und obwohl Jesus auf der Basis der jüdischen Tradition stand, brach er mit ihr. Das war neu und traf in den Jahren vor 30 n. Chr. auf ein offenbar großes Bedürfnis: Profitstreben, Materialismus und mangelnde Frömmigkeit waren so gewachsen, dass die Fischer und Bauern von Obergaliläa sich nach der Erneuerung eines großen Versprechens sehnten: der Ankunft des Messias.
Was aber unterschied diesen einen von all den anderen Charismatikern seiner Zeit im mediterran geprägten Kulturraum Palästina? Warum sahen seine Anhänger in ihm den Offenbarer, den Anführer, den Leitstern? Was hatte er, was die anderen Wanderer nicht hatten?
Wohl die Kraft der Anmaßung. Eine radikale Selbstgewissheit. Die Unerbittlichkeit eines Entweder-Oder. "Wer nicht mit mir ist, ist gegen mich", zitiert ihn die nicht-kanonische "Logienquelle Q", die als Vorstufe der vier Evangelien gilt und die Reden und Aussprüche von Jesus dokumentieren soll. Unter all jenen, die sich ebenso im Einzugsbereich von Messiaserwartung, Heilshoffnung, Ehre, Schande und Scham tummelten, trat nun jemand in der kompromisslosesten Art und Weise auf, mit scheinbar unbeirrter Selbstsicherheit und unbeirrbarem Sendungsbewusstsein, und beanspruchte, die Vollmacht Gottes zu besitzen. So viel Hybris irritierte und verstörte - hier sprach ja doch ein Mensch!
Damit geschah in Galiläa, Samaria und Judäa etwas bis dahin ganz und gar Unerhörtes, Neues. Dass da einer aus dem Nichts kam und behauptete, das so lang ersehnte Königreich Gottes breche jetzt, durch ihn, mit ihm, an. "Von Jesus muss auf jeden Fall eine große Faszination ausgegangen sein, die die Menschen in seinen Bann zog", meint Jens Schröter.
Was Jesus sagte, war keineswegs nur an eine Ortsgemeinde oder Region gerichtet, nein, es war an ganz Israel adressiert. Was er sagte, sag-te er mit Blick auf die Apokalypse, das Jüngste Gericht, das aber nicht die Vernichtung der gegenwärtigen Welt im Sinn hatte, sondern auf das zukünftige Heil Israels zielte.
Jesus tat etwas völlig Unerwartetes, Verblüffendes: Er bezog alle mit ein in dieses neue Israel, nicht nur die Juden, sondern eben auch und gerade die Heiden; nicht nur die Deklassierten, sondern eben und gerade auch die Sünder, die Dirnen und Zöllner, all jene also, die den orthodoxen Juden als unrein galten und nach Jesu neuer Lehre nicht durch rituelle Waschungen rein wurden, sondern nur durch den Glauben. Das war das Faszinierende: dass sich da einer in gleicher Weise allen Menschen zuwendet - im Bewusstsein, dass die entscheidende Wende zum Heil bereits begonnen hat, und zwar jetzt, hier, durch ihn, mit ihm. Wer mit ihm war, der war in der Umkehr, in der Wende, im Heil, der war im Königreich Gottes.
Eine Theorie, ein System hat Jesus nie entwickelt. Sein Wirken war eher ethisch als politisch, seine Wirkung eher subtil als plakativ. Er strebte eine Gesellschaft der Gleichen an, in der nicht alle gleich viel oder gleich wenig hatten, sondern in der alle zugleich die Gemeinschaft mit Gott eingingen. In dieser Königsherrschaft hatten hierarchische Machtverhältnisse und Abhängigkeiten keinen Platz. Doch weder war das ein soziales noch ein politisches Reformprogramm. Statt politische Agitation zu üben, gab er Verhaltensregeln aus und formulierte Prinzipien eines neuen Ethos: des Ethos der Gemeinschaft. Den Arbeitern im Weinberg, die am Abend murrten, dass diejenigen, die nur eine Stunde gearbeitet hätten, gleich viel Lohn bekämen wie diejenigen, die die Last eines zwölfstündigen Tages trügen, sagt er, wie es bei Matthäus heißt: "Mein Freund, ich tue dir nicht Unrecht … Nimm, was dein ist, und geh! Ich will aber diesem Letzten dasselbe geben wie dir."
Jesus hielt sich für den Erneuerer, und genau den erkannten seine Anhänger in ihm. Er präsentierte sich als Überbringer der absoluten Wahrheit. Beweis dieser Wahrheit war er, Jesus, selbst. Weiterer Beweise bedurfte es nicht. Wer so auftritt, polarisiert. Die einen fühlten sich zu ihm hingezogen, die anderen sich von seiner Radikalität abgestoßen. Die einen setzten all ihre Erwartungen in ihn, die anderen unterstellten ihm Manie, Magie und Blasphemie. Vor allem den konservativen jüdischen Pharisäern, die eine genau vorgegebene Alltagsgestaltung nach dem mosaischen Gesetz kultivierten, war er trotz gewisser Nähe ein Dorn im Auge. Da erhob sich doch ein Jude über das heilige jüdische Gesetz! Da vergab einer den Schuldigen, was doch nur Gott tun konnte! Da erkor sich einer zum König der Wahrheit!
Was der Mann aus Galiläa für sich in Anspruch nahm, muss in den Ohren der jüdischen Autoritäten in Judäa, dem Land der Priester und Schriftgelehrten, so selbstherrlich wie ungeheuerlich geklungen haben. Ein Affront. Eine Provokation.
Kurz vor Jesu Kreuzigung, womöglich im April des Jahres 30, wird deshalb dem Johannesevangelium zufolge der amtierende Hohepriester Kaiphas in der Ratsversammlung sagen: "Es ist besser für euch, ein Mensch sterbe für das Volk, als dass das ganze Volk verderbe" (Joh 11,50). In kluger Voraussicht also lieferten die Tempelaristokraten ihren Mitjuden Jesus an die Römer aus, weil beide, Hoher Rat wie Römer, größte Furcht vor einem Massenaufruhr hatten. Die Römer, da sie hochempfindlich gegen jede Form von Unordnung waren; die jüdischen Autoritäten, weil sie genau wussten, dass die Angst der Römer vor Unruhen eine ständige Gefahr für das gesamte jüdische Volk bedeutete. Propheten und Aufrührer wurden gewöhnlich sofort ans Kreuz genagelt.
Bis zum fatalen Spruch des Kaiphas gegen ihn hatte Jesus also nur zwei kurze Jahre, in denen sich sein Wirken und seine Bewegung entfalteten konnten. Da predigte er vor allem am Ufer des Sees Genezareth. Wanderte durch die Felder, überquerte den See, erklomm die Hügel, zog sich in Grotten zurück. Fuhr mit dem Holzboot von Ufer zu Ufer, stillte den Sturm auf dem See Genezareth, trieb Dämonen aus und heilte ohne Medizin.
Ob man dem Menschensohn Jesus bereits während seines Lebens den Titel "Messias" (griechisch "christos") beigestellt hat, ist umstritten; er selbst hat sich weder als Messias noch als Gottessohn bezeichnet. Die vier Evangelisten, die Jesu Wirken ähnlich beschrieben, aber unterschiedlich gedeutet haben - Matthäus stark theologisch, Markus nüchtern historisch, Lukas betont ethisch, Johannes streng apokalyptisch -, berichten von seinen Taten an den Armen und Kranken, die man als Wunder bezeichnen wird: In Kapernaum heilte er den Gelähmten und die Schwiegermutter des Simon, erweckte das tote Mädchen zum Leben und gab einem Stummen die Stimme zurück. In Tabgha soll er fünf Brote, zwei Fische vermehrt und damit fünftausend Mann gespeist haben. In Betsaida machte er Blinde sehend, und in Gadara trieb er zwei Besessenen den Satan aus, ließ denselben in eine Horde Schweine fahren und die Tiere im Wasser ersaufen.
All diese Orte sind im Umkreis von dreißig Kilometern zu finden, manche sogar nur ein paar hundert Meter voneinander entfernt - heute meist seltsam verkommene Ruinen oder verwaiste Gegenden um den See Genezareth, dem allmählich das Wasser ausgeht. Ebendort, am westlichen und nördlichen Saum des Sees, in den Dörfern Magdala, Kapernaum, Betsaida und Chorazin, hatte Jesus keine direkten Gegner, dort konnte er ungestört die Umkehr predigen, die Gottesherrschaft verkünden und seine Gefolgschaft rekrutieren. Die Pharisäer agierten vornehmlich in Judäa, die aristokratischen Priesterfamilien der Sadduzäer lebten um den Jerusalemer Tempel herum, und die puristischen Essener studierten in der Wüste des Südens.
Mindestens die ersten vier der zwölf berufenen Jünger waren, wie man heute sagen würde, Kleinunternehmer. Die Brüder Simon und Andreas verdienten ihr Brot als Fischer, die Brüder Jakobus und Johannes entstammten einer Unternehmerfamilie, deren Oberhaupt Zebedäus etliche Arbeiter beschäftigte. "Die Jesusbewegung hat nicht die Ärmsten der Armen gesammelt, um eine soziale Revolution anzuzetteln", meint Jens Schröter. Man könnte sogar sagen: Wahrscheinlich war die Jesusbewegung in ihrem Ursprung eine Art Mittelschichtbewegung in Zeiten großer Orientierungslosigkeit.
Acht weitere Jünger wurden den Evangelien zufolge berufen, bis der Zwölferbund komplett war. Im Judentum ist die Zwölf eine hochsymbolische Zahl: Die zwölf Söhne Jakobs waren die Gründungsväter der zwölf hebräischen Stämme, für die wiederum nun die zwölf Jünger standen und so Jesu Anspruch auf die Herrschaft über ganz Israel und die ganze israelische Geschichte ausdrückten.
War Jesu Wirken nun Ausdruck der spirituellen und sozialen Krise jener Zeit - oder eher die Antwort auf sie? Darüber sind sich die Forscher ebenso wenig einig wie über die Frage, ob seine friedliche Botschaft aus dem konfliktfreien Raum Galiläas zu erklären ist. Sicher ist nur, dass er um das Jahr 28 plötzlich aktiv wurde und eine ganz andere, eine von Solidarität und wechselseitiger Zuwendung geformte Gesellschaft forder-te. Das war völlig verschieden von dem, was die römischen Herrscher im Sinn hatten und die jüdischen Autoritäten wollten, und das konnte auf Dauer nicht gutgehen.
Dass der bukolische Wandercharismatiker, der offenbar gern aß und trank, schließlich in die große Stadt Jerusalem zog, ist unbestritten. Aber warum tat er es? Er muss gewusst haben, in welche Gefahr er sich begab, als er vor Beginn des Pessachfestes, dem späteren Palmsonntag vor Ostern, von Betfage über Betanien unterhalb des Ölbergs auf einem Eselsfohlen von Osten her in die heilige Stadt ritt, um, wie es bei den Evangelisten heißt, den Tempel zu "reinigen". Er muss gewusst haben, dass Judäa seit 20 Jahren latentes Unruhegebiet war. Er muss gewusst haben, dass eine Menge Propheten in Jerusalem ihr Ende gefunden hatten. Und er muss gewusst haben, dass sein Einzug eine Provokation für die jüdischen Autoritäten war. Warum kam er trotzdem?
Womöglich gerade deswegen: um in der ihm eigenen, kompromisslosen Weise die letzte Entscheidung zu suchen. Seine Anhänger verehrten ihn, aber seine Gegner, vor allem die konservative Laienbewegung der Pharisäer, waren zahlreicher und lautstarker geworden, und außerhalb Galiläas wurde seine Botschaft zunehmend abgelehnt. Wer in die heilige Stadt einzieht, den Tempel aufsucht, Verkäufer aus dem Vorhof vertreibt, Tische der Geldwechsler und Stände der Taubenkrämer umstößt - zeigt der nicht sein wahres, ein aggressives, zorniges Gesicht? Indizien für eine Hitzköpfigkeit Jesu gibt es sonst nirgends, und doch stellt sich die Frage: Was bezweckte er mit dem Eklat? Wollte er den zur "Räuberhöhle" verkommenen Tempel, wie er schimpfte, als Zentrum des Judentums in Frage stellen - oder wollte er, im Gegenteil, dessen ursprüngliche Bedeutung als Bethaus wiederherrichten? Oder war alles nur Protest gegen die wirtschaftliche Macht der Tempelaristokratie, die vom Handel in den Vorhöfen anteilig profitierte?
Der Tempel war das sensibelste Territorium der hochsensiblen Stadt Jerusalem. An der Ecke des Vorplatzes hatten die Römer eine Festung installiert und eine Garnison stationiert; die jüdischen Tempelpolizisten überwachten das gesamte Areal, um bei jedem Verdacht auf Unruhestiftung sofort einzugreifen. Jesus, resümiert der Schweizer Neutestamentler Ulrich Luz, habe sich um das offenkundige Risiko, das er einging, überhaupt nicht gekümmert. "Er hat in der Tat seinen möglichen Tod bewusst in Kauf genommen oder ihn sogar gewollt."
Aber warum? Welchen Sinn macht der Tod des Messias, da er doch gerade erst gekommen war? Aus jüdischer Sicht keinen: Wenn der Messias stirbt, stirbt die Hoffnung auf den Erretter und das durch ihn kommende Heil.
Als Messias war Jesus also gescheitert: Der neue Davidide hing, erniedrigt und gedemütigt, am Kreuz, die Römer blieben dominante Besatzer, und das Volk war nach wie vor zerstreut. Genau genommen steht am Anfang des Glaubenswunders von Jesus das totale Versagen: Jener, der die Vollmacht Gottes zu besitzen vorgab, hat eben diese Vollmacht doch nicht. Würde er sonst sterben? Ein Irrtum. Eine Katastrophe. Tatsächlich?
Nicht aus christlicher Sicht. Wenig später hieß es auf einmal, Jesus, der Christus, sei für die Sünden der Menschen gestorben. Auch das war neu, und es war ein ganz anderes Verständnis von einem Messias, als man es aus den jüdischen Texten bisher kannte. Auf einmal war der Tod des Gottgesandten nicht die alles widerlegende Katastrophe, nein: Er war folgerichtiger Bestandteil des neuen Weges. Und dieser Weg, so ging die verblüffende neue Perspektive weiter, musste durch den Kreuzestod zu Auferstehung, Himmelfahrt und Erhöhung führen. Die Geschichte des galiläischen Wandercharismatikers endete nicht am Kreuz, denn der Tod des Gesalbten machte Sinn - das war die Lehre des Paulus. Hier übersetzte sich das Judentum ins Christentum. Hier begann die neue Zeitrechnung.
Von Christian Schüle

SPIEGEL GESCHICHTE 6/2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


SPIEGEL GESCHICHTE 6/2011
Titelbild
Abo-Angebote

SPIEGEL GESCHICHTE lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

  • Veranstalter Scumeck Sabottka: Vom Blumenverkäufer zum Konzertdealer
  • Manipuliertes US-Video: Die "betrunkene" Nancy Pelosi
  • Trump vs. "Crazy Nancy": "Habe ich geschrien?"
  • Spektakuläre Verfolgungsjagd: Flucht mit gestohlenem Wohnmobil