29.11.2011

SPIEGEL-GESPRÄCH„Ein unglaublicher Machtanspruch“

Der Kirchenhistoriker Christoph Markschies, 48, über die Sehnsucht nach einem neuen Glauben im antiken Palästina und die Suche nach dem wahren Jesus
SPIEGEL: Herr Markschies, wenn Sie nur einen Satz hätten, was würden Sie auf die Frage antworten: Wer war Jesus von Nazareth?
Markschies: Ein antiker jüdischer Prophet, der mit Wort und Tat versuchte, Gesellschaft heil zu machen, und damit bis heute Gesellschaften gestaltet und Menschen hilft.
SPIEGEL: War er ein sozialer Neuerer, ein Rebell?
Markschies: Auch, ja - wie alle wirklich großen Gestalten kann man ihn nicht auf einzelne Felder einschränken. Er war einer, der im Vergleich zu vielen anderen mit einer ungeheuren Autori-tät auftrat. Er gehörte zu einer jüdischen Reformbewegung, die das Gewicht der strengen Rechtsverordnungen mildern wollte, etwa am Sabbat. Er sagte, der Sabbat ist für den Menschen da und nicht umgekehrt.
SPIEGEL: Also Jesus war noch gar kein Christ?
Markschies: Nein, er war ein waschechter Jude. Doch angesichts seines unglaublichen Machtanspruchs entschied sich ein Großteil des Judentums, ihn für einen Scharlatan oder einen überdrehten Neuerer zu halten.
SPIEGEL: Im Markusevangelium fragt Jesus einmal seine Jünger, für wen ihn die Menschen halten. Ihre Antwort lautet: "Einige für Johannes den Täufer, einige für Elia, wieder andere für sonst einen Propheten … Da fragt er: Für wen haltet ihr mich? Da sagt Petrus: Du bist der Messias!" War das die überwiegende Wahrnehmung?
Markschies: Jesus selbst hat ja die Bezeichnung "Menschensohn" verwendet, und ich gehöre zu denen, die glauben, dass es so war, wie die Evangelien berichten. Da wählt er einen Titel, der nicht im Zentrum der üblichen Mes-sias-Erwartungen steht, sondern verwendet einen Namen, den er mit seiner Person prägen kann. Damit sagt er, ich bin etwas ganz Besonderes.
SPIEGEL: Die Menschen erwarteten damals den Messias - wie muss man sich das vorstellen?
Markschies: Die Zeitgenossen Jesu hofften in ganz unterschiedlicher Weise auf Befreiung und Erlösung. Die meisten Messias-Vorstellungen haben auch eine politische Dimension: Hoffnung auf Wiederherstellung von staatlicher, gesellschaftlicher Einheit, mit der die religiösen Verhältnisse und das eigene Leben in Ordnung kommen und ein Leben nach Gottes Maßstäben möglich werden würde. Das speist sich aus dem Judentum, dem Alten Testament.
SPIEGEL: Also nicht die düstere Endzeit-Erwartung des Mittelalters?
Markschies: Nein, deutlich hoffnungsfroher. Erwartet wird nicht der Untergang der Welt, sondern dass der Messias die Dinge auf Erden richtet. Sichtbarer Ort dafür soll Jerusalem sein, in dem, so steht es in rabbinischen Texten, die Häuser alle so hoch sein werden "wie der Weg von Jerusalem bis ans Meer".
SPIEGEL: Was bedeutet eigentlich Menschensohn? Das ist doch jeder.
Markschies: Der Prophet Daniel im Alten Testament sagte voraus: Der da einst die Herrschaft in Gottes Auftrag übernehmen werde, sehe aus "wie der Sohn eines Menschen". Das heißt, es wird keine Gottesgestalt sein. Die Menschen damals hatten ja eine ganz andere Bibelkenntnis. Wenn man also Menschensohn sagte, wussten sie, das ist das Wort des Propheten Daniel. In der Zeit Jesu beginnt es, dass von einer Gestalt neben dem göttlichen Thron oder auf dem Thron die Rede ist.
SPIEGEL: Hat sich Jesus selbst als Messias gesehen?
Markschies: Die Wissenschaft würde nicht so furchtbar darüber streiten, wenn das eindeutig wäre. Anders als beim Menschensohn nimmt er das Wort nie selbst in den Mund, sagt nie affirmativ: Ja, ich bin der Messias. Es bleibt immer irgendwie vage, andeutend. Für mein Verständnis ist relativ deutlich, dass er sich bestimmten Teilen der messianischen Erwartung verweigert, und zwar offenkundig der radikal-politischen Auslegung. Das zeigt die berühmte Geschichte mit der Kaisermünze: Sollen wir Steuern zahlen oder verweigern? Er sagt: Wer ist denn drauf auf der Münze? Der Kaiser - also zahlt dem die Steuer.
SPIEGEL: Damals sind einige Propheten unterwegs, Wanderprediger, Wunderheiler, und nun ausgerechnet er - ein Mann aus einem Dorf, Sohn eines Bauhandwerkers, ohne theologische Ausbildung, aber er hat offenbar ein Talent zur Predigt. Was treibt ihn an?
Markschies: Er glaubte tatsächlich, er sei allein zum Volk Israel gesandt, von Völkermission kann da keine Rede sein. Obwohl er nicht studiert hat, hält er sich für berufen, die Schrift auszulegen. Und er tut das mit ungeheurer Souveränität. Er kann, und das ist im Nahen Osten gar nicht so selten, auch als einfacher Mensch starke Sätze formulieren. Nehmen sie etwa: "Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge, und wirst nicht gewahr des Balkens in deinem Auge?" Da wird fern jeder Gelehrsamkeit Lebenswahrheit verdichtet. Und offenbar war er tatsächlich jemand, der Kranke gesund machen konnte.
SPIEGEL: Das könnte ja auch konstruiert sein, um seine Göttlichkeit zu belegen.
Markschies: Nein, dafür gibt es viel zu viele Überlieferungen davon. Ich glaube, man muss anerkennen, dass er bei bestimmten Krankheitsbildern eine signifikante Besserung erzielen konnte.
SPIEGEL: Durch Handauflegen?
Markschies: Ja, die Hände sind wichtig. "Wenn ich mit dem Finger Gottes die Dämonen austreibe, dann ist die Königsherrschaft Gottes da." Dies halte ich auch für eines der authentischen Jesus-Worte. Er selbst hat die Krankenheilungen als Zeichen des anbrechenden Reiches gesehen.
SPIEGEL: Was sind die Belege, wenn Sie sagen, das sind für mich authentische Jesus-Worte?
Markschies: Ich mache das in einer Art Subtraktionsverfahren; wie bei einem Kuchen versuche ich, die oberen Schichten abzutragen bis zum Boden, auf dem ein Bild von Jesus sichtbar wird, das in den Evangelien bezeugt ist und das sich in langen Jahren der Forschung als wahrscheinlich herausgestellt hat. Wo ich den Eindruck habe, man kann es in die Sprache Jesu, das Aramäische, zurückübersetzen und es passt. Früher hätte man sich an dem orientiert, was nicht zum umgebenden Judentum passt. Ich sehe es genau umgekehrt: Was die Figur beheimatet im nordgaliläischen Raum, was sich dort hineinfügt, ist aussagekräftig.
SPIEGEL: Jesus mied die hellenisierten Städte am See, warum eigentlich?
Markschies: Ich glaube, er war sozusagen sturzfromm. Nach Tiberias ging man als frommer Jude schon gar nicht, weil die Stadt auf Gräbern gebaut und deshalb unrein war.
SPIEGEL: Warum aber geht er nach Jerusalem? Wollte er mehr Anhänger gewinnen? Die Tempelpriesterschaft aufmischen?
Markschies: Weil er als frommer Jude an den Wallfahrtsfesten teilnahm. Es ist die Zeit des jüdischen Pessachfestes. Dass er fromm war, kann man etwa in der Geschichte von der Heilung der blutflüssigen Frau ablesen, da heißt es, sie fasst an die Quasten seines Gewandes - das sind die Gebetsfäden eines frommen Juden. Er kleidet sich also wie ein frommer Jude, er sah gewiss nicht so aus, wie ihn etwa der dänische Bildhauer Bertel Thorvaldsen darstellt …
SPIEGEL: … der ihn Anfang des 19. Jahrhunderts als gut gebautes, eher nor-disch aussehendes Idol mit langen Haaren und Mittelscheitel zeigt. Vermutlich hatte Jesus sogar Schläfenlocken wie die ultraorthodoxen Juden noch heute?
Markschies: Möglich, es gibt ja ein später übermaltes Bild von Max Liebermann, Jesus als jüdischer Junge im Tempel, das für viel Aufregung gesorgt hat. Es ist aber sicher richtiger, wenn auch provozierender, als all die blonden und arischen Jünglinge.
SPIEGEL: Beim Einzug in Jerusalem wird er bejubelt?
Markschies: Stärker noch, er bekommt einen messianischen Einzug.
SPIEGEL: Woher wissen die Menschen von ihm?
Markschies: In einer Gesellschaft, wo sehr viele Gerüchte unterwegs sind, spricht es sich herum, wenn in Galiläa - das ist ja nicht weit weg - ein Prophet auftritt, der eine Schar von Anhängern um sich gesammelt hat. Es gibt viele Kranke, und da wird gesagt, der kann Kranke heilen.
SPIEGEL: Aber hier interessiert sich Jesus nicht für das Volk, er geht vielmehr in den Tempel und legt sich mit den Händlern und Hohepriestern an.
Markschies: Das ist zentral: Er stößt die Tische der Wechsler um. Es gab eine eigene Tempelwährung, in die musste man sein Geld umtauschen. Das heißt, da macht jemand das Funktionieren des Tempels unmöglich, indem er die finanzielle Basis angreift. Offensichtlich hat er bei diesem letzten Pessachfest gedacht, das sage ich in aller Vorsicht, es ist jetzt Zeit, einen Schritt zu tun, der klarmacht, dass mit meiner Person etwas ist, das mehr bedeutet als der Tempel, das ihn im gewissen Sinne sogar überflüssig macht: Mit mir geschieht etwas Zentrales auf dem Weg zur Gottesherrschaft. Damit unterscheidet er sich fundamental von den Christen der Urgemeinde, die gehen ja wieder ganz brav in den Tempel und befolgen die Kulte.
SPIEGEL: Jesus zeigt eine überraschende Aggressivität bei dieser im Wortsinn umstürzlerischen Aktion. Vorher wirkt er doch eher sanft.
Markschies: Er setzt gern Zeichen, auch skandalöse, er heilt am Sabbat. Seine Zeichen haben im Grunde fast alle einen provozierenden Charakter.
SPIEGEL: Muss er gewusst haben, dass Jerusalem für ihn gefährlich ist?
Markschies: Es gibt neutestamentliche Äußerungen, aus denen man folgern kann, dass er gewusst hat, was da passiert. Ihm muss klar gewesen sein: Man kann nicht einfach ein Attentat auf das Funktionieren des Tempels unternehmen, ohne dass dies eine ziemlich schroffe Gegenreaktion hervorruft.
SPIEGEL: Hat er den Märtyrertod gesucht?
Markschies: Das Alte Testament hält beim Propheten Jesaja dafür ein Modell bereit: Der, der sein Leben für die Sünden des Volkes hingibt. Es gibt auch diesen Satz im Neuen Testament, der Menschensohn ist gekommen, um sein Leben als Lösegeld für viele hinzugeben. Das kann natürlich eine spätere Deutung des Leidens Jesu sein, aber man kann sich auch gut vorstellen, dass er das am Schluss wirklich so denkt. Ich glaube, zuvor in Galiläa sah er sich so: Ich heile durch Dämonenaustreibung und Schriftauslegung die Welt und richte das Reich Gottes auf.
SPIEGEL: Eigentlich ist das ja ganz schön vermessen: Ich, der Sohn eines Zimmermanns, errichte das Reich Gottes!
Markschies: Sicher. Die Zeitgenossen konnten das nur für den völlig aberwitzigen Anspruch eines Irren halten oder sagen: Das glaube ich.
SPIEGEL: Jesus stirbt am Kreuz - ist dies der Moment, in dem das Christentum entsteht?
Markschies: Nein, ich glaube, es entsteht, indem Leute kommen und sagen, sein Leben ist nicht gescheitert, sondern er lebt. Wir haben ihn gesehen! Zunächst sitzen alle ganz verzagt da, es ist ja das Peinlichste passiert, was überhaupt passieren kann, Sklaventod am Kreuz - Verflucht ist, wer am Holz hängt!, sagt das jüdische Gesetz - also alles ganz dramatisch. Und dann kommen sie und sagen, er lebt. Und sie ziehen durch das Römische Reich und erzählen das weiter, selbst wenn sie verprügelt werden.
SPIEGEL: Paulus thematisiert das Anstoßerregende des Kreuzigungstodes für die Zeitgenossen, für Jesu Anhänger gilt das aber nicht mehr. Liegt nicht auch hierin ein Geburtsfaktor der neuen Religion? Der Tod ist nicht mehr das Ende, in ihm steckt sogar eine zentrale Botschaft?
Markschies: Das ist die besondere Theologie des Paulus. Der war ja offenbar ein kluger Schriftgelehrter und hatte eine gute theologische Ausbildung. Und so kommt ihm am Anfang des ersten Korintherbriefes diese faszinierende Idee, zu sagen: Um alle Weisheit von Schriftgelehrten zu beschämen, ist gerade das erwählt worden, was verworfen erscheint.
SPIEGEL: Wie ist es zu erklären, dass ausgerechnet in der Randlage des Römischen Reichs, im tiefsten Galiläa, eine neue Religion entspringt?
Markschies: Obwohl Jesus von Nazareth das gar nicht wollte, formulierte die erste Generation der Christen ein generelles Angebot für das Römische Reich: Ich muss nicht mehr zuerst gesetzesfrommer Jude werden, um diesem Mann nachzufolgen. Gleichzeitig stehen Missionare bereit, die ausschwärmen und im ganzen Reich dafür werben. Sie werben erst mal in den jüdischen Synagogen, da gibt es eine Zweiklassengesellschaft der Beschnittenen einerseits, die aktiv Mitglied sind, und der vielen Sympathisanten, die das Judentum nicht wirklich hereinholt. Damit gibt es genügend Leute, die sich freuen, wenn sie mal irgendwo richtig dazugehören können.
SPIEGEL: Der preußische Theologe Adolf von Harnack benannte als Faktoren der Ausbreitung: "ein Imperium, eine Weltsprache (das Griechische), ein Verkehrsnetz, eine Kultur, eine gemeinsame Entwicklung zum Monotheismus und eine gemeinsame Sehnsucht nach Heilanden". Trifft es das?
Markschies: Das beschreibt nur die äußeren Voraussetzungen. Harnack hat aber auch einmal gesagt: Diese Religion zeichnet sich aus durch eine rigorose Ethik auf der einen Seite - und eine unglaubliche Großzügigkeit auf der anderen. Sündenstrafe und Askese gehören ebenso zum Bild wie der humane Dreiklang von Reue, Buße und Vergebung.
SPIEGEL: Passiert die Ablösung vom Judentum allmählich, oder gibt es markante Einschnitte?
Markschies: Ein zentraler christlicher Trennungsschritt scheint mir der Verzicht auf die Beschneidung. Und der jüdische Scheidepunkt ist der Ausschluss aus der Synagoge, wie bei Paulus beschrieben. Das ist schon in der Mit-te des 1. Jahrhunderts abgeschlossen. Natürlich gibt es immer noch Christen, die den jüdischen Gesetzen treu bleiben, aber an dieser Stelle verläuft ein zentraler Trennungsstrich. Gleichzeitig bleiben Judentum und Christentum bis weit in die Spätantike eng miteinander verbunden und aufeinander bezogen.
SPIEGEL: Wie viel Jüdisches steckt im Christentum? Einiges hat sich offenkundig aus jüdischen Ritualen entwickelt - das Abendmahl aus dem Sedermahl, die zwölf Stämme Israels finden sich in den zwölf Jüngern, das persönliche Gebet, die Gottesdienstordnung.
Markschies: Ja, bis heute enthält der christliche Gottesdienst jüdische Elemente, etwa in der Psalmenlesung.
SPIEGEL: Gab es zu Beginn noch stärkere Bestrebungen, sich vom Judentum abzugrenzen? Etwa das Alte Testament als heilige Schrift abzulehnen?
Markschies: Die hat es leider schon sehr früh gegeben. Im 2. Jahrhundert tritt in Gestalt von Markion ein Theologe auf, der den Gott des Alten Testaments vom Vater Jesu Christi trennt und das Alte Testament zurückweist. Und es ist vermutlich das allgemeine Entsetzen über Markion gewesen, das dazu geführt hat, dass diese Linie seitdem relativ entschieden abgelehnt wird.
SPIEGEL: Woher kommt in dieser Zeit überhaupt die Bereitschaft, ja Sehnsucht, einer neuen Religion zu folgen?
Markschies: Erst mal gilt für die Antike: Viel hilft viel. Die Menschen waren offen für neue Angebote. Die Antike ist auch fromm. Die Missionare begriffen, dass die Botschaft mehr Menschen betrifft als nur die Juden, auch wenn Jesus nur von den verlorenen Schafen des Hauses Israel sprach.
SPIEGEL: Die römischen Religionen hatten ja auch nicht diesen Ausschließlichkeitsanspruch.
Markschies: Die Menschen merkten aber nach einiger Zeit, der neue Glaube ist nicht einfach einer unter vielen.
SPIEGEL: War die soziale Botschaft wie etwa in der Bergpredigt besonders attraktiv? Die Hinwendung zu den Unterprivilegierten?
Markschies: Das frühe Christentum betrieb eine unglaublich erfolgreiche Sozialdiakonie. Not konnte im Römischen Reich nur durch direkte staatliche Intervention kuriert werden. Bei einer allgemeinen Hungersnot musste der Kaiser persönlich dafür sorgen, dass Getreide aus Ägypten kommt. Aber ein Einzelner fand keine Hilfe. Die Christen dagegen kümmerten sich um die Witwen und Waisen …
SPIEGEL: … die besonders benachteiligt waren im Römischen Reich.
Markschies: Kaiser Julian, der im 4. Jahrhundert vom Christen wieder zum Heiden wurde, hat gesagt: Hätten wir es geschafft, eine effektive Sozialfürsorge zu organisieren, wäre die Sekte der Galiläer nicht so erfolgreich geworden. Außerdem spielt damals sicher eine Rolle, dass ich als Christ in ein religiöses System hineinkomme, in dem ich mit individueller Schuld umgehen kann. Und die Christen argumentieren im Alltag bald präziser als Jesus von Nazareth selbst, sie legen beispielsweise genau fest, wie viel Zinsen gegeben werden können, ob die Schwägerin geheiratet werden darf. Das heißt, ich bekomme eine relativ klare Orientierung für mein Leben und weiß auch noch, was nach dem Tod kommt. Zudem bin ich Teil eines starkes Netzwerks, also wenn ich Kaufmann aus Trier bin und fahre nach Dura Europos an der heutigen syrisch-irakischen Grenze, da weiß ich, ich muss bloß in die Stadt hineingehen und das nächste christliche Wohnhaus aufsuchen, schon habe ich Unterkunft.
SPIEGEL: Auffällig ist die besondere Sprache der Evangelien, wenn man etwa an die Gleichnisse denkt. Sie übersetzen ja philosophische, theologische Probleme in praktische Lebenslösungen.
Markschies: Jesus ist ein Weisheitslehrer, in der antiken Kultur ist das etwas sehr Bewundertes, wenn einer Sätze sagt, über die man lange nachdenken kann, und der Geschichten erzählt, faszinierende Gleichnisse eben. Ich muss kein Ethik-Kompendium lesen, um zu erfahren, was zentrale Lebensaufgaben sind.
SPIEGEL: Nehmen wir das Gleichnis vom verlorenen Schaf: Wenn einer von euch 100 Schafe hat und eines davon verliert, lässt er dann nicht die 99 in der Steppe zurück und geht dem verlorenen nach, bis er es findet? Woher kommt diese Kraft, die bis heute spürbar ist?
Markschies: In diesem Gleichnis sehe ich eine der authentischen Überlieferungen, weil es mit galiläischer Lebenswirklichkeit zu tun hat. Ich kann mir schlecht vorstellen, dass Lukas, der doch ein gebildeter Mensch ist, an seinem Schreibtisch in Antiochia oder wo auch immer sitzt und sich überlegt: Der Jesus ist doch durch solche Dörfchen gegangen, da machen wir mal ein Schafgleichnis.
SPIEGEL: Unsere Quellen sind stets die vier großen Evangelien - aber inwieweit sind sie denn glaubwürdig? Die Evangelisten waren ja keine Augenzeugen.
Markschies: Die Evangelien sind sich alles in allem überraschend ähnlich. Es gibt unterschiedliche theologische Tendenzen, aber es ist doch viermal die mehr oder weniger selbe Geschichte.
SPIEGEL: Es gibt aber auch deutliche Unterschiede. Die Bergpredigt, die steht so nur bei Matthäus, bei Lukas ist es eine Feldrede.
Markschies: Aber wenn man die vier direkt nebeneinanderlegt, sieht man doch, wie wenig verschieden die Texte sind. Das ist eine mündliche Kultur. Wenn man in der Antike zum Priester ordiniert wurde, musste man ein Evangelium auswendig können. Die Worte und die Gleichnisse Jesu werden memoriert, Leute können enorme Textmengen auswendig.
SPIEGEL: Was ist mit den offiziell nicht anerkannten Evangelien, den Apokryphen - wie viel unbekannte und unterdrückte Wahrheit steht darin?
Markschies: Ich ediere gerade die Übersetzung der antiken christlichen Apokryphen, das sind sämtliche Schriften, auf denen Evangelium draufsteht oder die so aussehen, zusammen 1200 Seiten. Und es bleibt dabei: Es gibt kaum authentische Jesus-Worte, die nicht in den kanonischen Evangelien stehen. Das ist öffentlich zwar schwer zu vermitteln, weil es immer spannender ist, über ein unbekanntes Evangelium zu spekulieren, als beim Altbekannten zu bleiben.
SPIEGEL: Aber manches ist doch wirklich neu.
Markschies: Nun ja, der Versuch von christlichen Gnostikern, ihre Geheimlehren mit dem historischen Jesus zusammenzubringen, ist sicher interessant. Im Kindheitsevangelium nach Thomas finden sich ein paar sekundäre Kindergeschichten Jesu, etwa dass er aus Lehm Tonvögelchen macht, die anpustet, und dann fliegen sie los. Oder dass ihn ein anderes Kind ärgert, und er das Kind tot umfallen lässt zur Strafe. Das sind theologiegeschichtlich hochspannende Texte, aber über den historischen Jesus sagen sie bestürzend wenig.
SPIEGEL: Die Erkenntnis, dass einige Frauen zum Kreis um Jesus gehörten, ist eines der Ergebnisse der historisch-kritischen Jesusforschung, auch die Betonung der Tatsache, dass Jesus Jude war. Was sind für Sie die wichtigsten Resultate?
Markschies: Diese beiden Aspekte. Leider hat das Christentum den in der kirchlichen Tradition so unendlich starken Antijudaismus und auch den Antisemitismus in der Gesellschaft nicht kritisch angeprangert, sondern im Gegenteil noch mit zusätzlichen Argumenten gestützt. Bedeutend ist für mich auch die Erkenntnis, dass Jesus von Nazareth Kontrastgesellschaften vor Augen hatte, auch wenn er kein Revolutionär war. Ihm ging es um Umwertung der Werte. Es ist sicher so, dass Jesus einen Kreis vornehmer Frauen hatte, die ihn unterstützten, und er war sicher nicht so frauenfeindlich wie andere jüdische Kreise damals und das Mehrheitschristentum danach.
SPIEGEL: Gefallen deshalb Papst Benedikt XVI. die Ergebnisse der historisch-kritischen Jesusforschung nicht? Im neuen zweiten Band seiner großen Jesusbiografie beklagt er, diese Forschung würde die Figur Jesus nicht näher bringen, sondern im Gegenteil immer weiter entfernen.
Markschies: Ich glaube, dieser Papst springt hier, wie so häufig, vor und zurück. In seinen beiden Bänden nimmt er stärker als die allermeisten katholischen Neutestamentler hierzulande auch jüdische und französische Exegeten wahr. Benedikt ist jemand, der die historisch-kritische Jesusforschung gelesen hat wie kaum ein anderer systematischer Theologe, und international breit ausgerichtet wie kaum ein anderer deutscher Neutestamentler. Das sind die zwei Schritte voraus, dann kommt dieser Rückschritt. Ihn stört immer Relativismus, das Gespenst, das durch die Moderne wandert. Für einen Theologen wie Joseph Ratzinger ist neuzeitliche Pluralisierung grundsätzlich et-was Unglückliches, ja Gefährliches. Ich selbst bin ja gleichzeitig histori-scher Wissenschaftler und evangelischer Pfarrer. Aber ich habe nicht den Eindruck, dass mir die Forschung den Jesus zerstört, im Gegenteil. Ich bin sehr dankbar dafür.
SPIEGEL: Alles Graben nach der Bibel hat allerdings wenig gebracht, es gibt kaum Jesus-Orte im Heiligen Land, die man als authentisch bezeichnen kann. Bei der Via Dolorosa wissen wir, dass sie vermutlich in ganz anderer Richtung verlaufen ist. Sie selbst sprechen von dem "garstigen, breiten Graben" zwischen dem, was da im kollektiven Gedächtnis über die Erinnerungsorte aufbewahrt ist, und der historischen Realität.
Markschies: Es gibt verschiedene Ty-pen: Orte, die ein hohes Maß an Authentizität haben, sich aber schwer erschließen lassen wie die Grabeskirche. Dann gibt es Orte wie den Berg der Seligpreisungen, die sind unhistorisch. Natürlich kann man dort die Aussicht genießen …
SPIEGEL: Wie wichtig sind überhaupt Beweise?
Markschies: Ein Protestant würde natürlich immer sagen: Das Heil hängt nicht an irgendwelchen Steinen. Ich finde, das Land ist nicht wegen seiner spezifischen Erinnerungsstellen wichtig, sondern weil es klar macht, Jesus hat etwas mit diesem Land zu tun, mit dem Judentum, mit dem ländlichen Leben und auch bildungsfernen Kreisen.
SPIEGEL: Was empfinden Sie, wenn Sie auf Golgatha in der Grabeskirche stehen vor dieser Mulde, in die man die Hand stecken kann, um den Felsen zu spüren, auf dem das Kreuz gestanden haben soll? Haben Sie dann das Gefühl: Hier war es?
Markschies: Ich habe dann das Gefühl, hier irgendwo war es. Hier ist es auch relativ wahrscheinlich, dass das Kreuz da irgendwo gestanden hat; die Grabeskirche ist unter den Memorialstätten ein ziemlicher Sonderfall.
SPIEGEL: Gut, sagen wir, auf dem Berg Tabor, wo Jesus verklärt worden sein soll?
Markschies: Da gucke ich vom Berg runter und denke: Meine Güte, ist Galiläa schön!
SPIEGEL: Herr Professor Markschies, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

SPIEGEL GESCHICHTE 6/2011
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