29.11.2011

Das Urteil

Als Richter über Jesus ist Pontius Pilatus in die Geschichte eingegangen. Der Statthalter Roms war ein treuer Diener seines Kaisers.
Auf diesen Mann konnte sich der Kaiser verlassen. Pontius Pilatus stammte aus ritterlichem Amtsadel, darauf deutet der Name Pontius hin. Sein Beiname Pilatus geht wahrscheinlich auf "pilum" zurück, das ist die Bezeichnung für den Speer, den das Fußvolk im römischen Heer bei sich trug. Pilatus zeigte Einsatz, vor allem an den nördlichen Grenzen des Imperiums. Zur Belohnung für treue Dienste machte ihn Kaiser Tiberius zum Statthalter in der südöstlichen Ecke des Mittelmeers.
So trat Pontius Pilatus im Jahr 26 als fünfter römischer Präfekt in der Provinz Judäa an, die wegen der heiklen politischen und sozialen Verhältnisse eine Sonderstellung einnahm. Die historischen Belege über seine Arbeit als Statthalter sind spärlich, aber sie ergeben ein gewisses Bild: Offenbar hat er seine Aufgabe aus römischer Sicht gut gemeistert.
Der jüdische Geschichtsschreiber Josephus Flavius beschrieb ihn als einen Mann, der bei den immer wieder auftretenden Unruhen umsichtig und angemessen vorging. Allerdings malt Josephus alles Römische in hellen Farben (siehe Seite 132). Ganz anders sein Kollege Philo von Alexandria, der ebenfalls Jude war: Bei ihm erscheint Pilatus als herrschsüchtiger, judenfeindlicher Machtmensch, korrupt und zu jeder Gewalttat bereit.
Das dürfte überzogen sein. Einiges spricht dafür, dass der oberste Repräsentant in Judäa während seiner zehnjährigen Amtszeit das Wort seines Herrschers befolgte: "Ein guter Hirte schert seine Schafe, er schindet sie nicht", mahnte Tiberius seine Statthalter.
Um dem Kaiser zu genügen, musste Pilatus Steuern eintreiben und gleichzeitig die oft rebellischen Juden einbinden, die sich als auserwähltes Volk mit der römischen Besatzung nicht abfinden konnten. Dabei war er offenbar nicht gerade zimperlich, mit Protestlern und Aufwieglern machte er kurzen Prozess. Der britische Bestsellerautor Nick Page beschreibt Pilatus in seinem Buch "Die letzten Tage Jesu" als einen gewieften Taktiker, "der die Menschen politisch zu manipulieren weiß".
Wahrscheinlich war Pilatus ein Pragmatiker, der auf Konfrontation ging, wenn es ihm nötig erschien, sich sonst aber nicht in jüdische Belange einmischte. Mal benahm er sich wie ein Unterdrücker, mal war er ganz der kluge Administrator und verbesserte die Lebensverhältnisse in den ihm anvertrauten Landstrichen.
So ließ Pilatus mit den Mitteln des Tempels von Jerusalem eine Wasserleitung in die Stadt bauen. Ein steiner-nes Denkmal setzte er sich im Hafen der Verwaltungshauptstadt Cäsarea, wo er Tiberius zu Ehren ein Tiberieum, einen Leuchtturm, errichten ließ. Das bezeugt eine Steintafel mit antiker Inschrift, die Pontius Pilatus als "praefectus Iudaeae" benennt. Italienische Archäologen entdeckten sie 1961 bei Ausgrabungen.
Für seine Politik musste sich Pilatus nicht nur gegenüber Kaiser Tiberius verantworten, sondern auch gegenüber dem Oberstatthalter der Provinz Syrien, von dem er abhängig war, und gegenüber den jüdischen Würdenträgern.
Pilatus respektierte den Glauben der Juden, obwohl er viele ihrer religiösen Gebräuche nicht verstand.
Gleichzeitig musste er sicherstellen, dass die Juden den römischen Kaiser und seine Gesetze achteten. Bei dieser Gratwanderung arbeitete er eng mit dem Hohepriester Kaiphas zusammen, dem obersten Repräsentanten der jüdischen Theokratie.
Zur Erfüllung seiner heiklen Aufgaben hatte Pilatus nur rund 3000 Soldaten, zumeist Hilfstruppen aus der Region, zur Verfügung. Einen Aufstand der Juden gegen die römische Besatzung durfte er keinesfalls riskieren. Er wäre hoffnungslos unterlegen gewesen.
Pilatus residierte am Meer in Cäsa-rea Maritima. Während des Pessachfestes wollte er jedoch vor Ort in Jerusalem sein. Wie jedes Jahr rechnete er mit einem Massenansturm jüdischer Pilger und mit entsprechenden Unruhen.
Wovon Pilatus noch nichts ahnte: In Jerusalem predigte in diesen Tagen ein Mann namens Jesus vor einer wachsenden Anzahl von Menschen, die ihm Wundertaten zuschrieben und ihn innig verehrten.
Das war nichts Besonderes - seit dem Tod des Herodes tauchten immer wieder Prediger, Aufrührer, selbsternannte Propheten auf, die vom Ende der Welt kündeten und die Ankunft eines Messias verhießen.
Religiöse Eiferer gab es in diesen Zeiten reichlich: Der Mann aus Nazareth verfügte allerdings bereits über eine beachtliche Anhängerschaft und besaß offenbar das Zeug zur charismatischen Führungsfigur.
Die jüdische Tempelelite reagierte verärgert und empört über diesen neuen Unruhestifter, der im Tempel die Tische der Händler und Geldwechsler umgeworfen hatte und auch sonst durch respektlose Auftritte von sich reden machte. Was für eine Provokation, so kurz vor dem Pessachfest! Die Autorität der Glaubensführer stand auf dem Spiel. Deshalb schwärzte Kaiphas den Unruhestifter bei Pilatus an: Dieser Mann sei ein politischer Aktivist und bezeichne sich außerdem als König der Juden.
Pilatus musste reagieren. König der Juden - das wäre Hochverrat. Jedweder Anspruch auf die Königswürde war ei-ne Rebellion gegen den Kaiser. Darauf stand die Todesstrafe.
Welche Rolle spielte Pontius Pilatus im wohl folgenreichsten Prozess der Weltgeschichte? Hielt er Jesus für unschuldig? Wollte er ihn, wie die Evangelisten schrieben, sogar retten? Oder war es für Pilatus lediglich ein Routineverfahren gegen einen Möchtegern-Messias, der für Aufruhr und Unruhe sorgte? War es sogar, wie manche Gläubige annehmen, göttliche Vorsehung und Fügung, die den treuen Sachwalter römischer Interessen dazu ausersehen hatte, Geburtshelfer einer neuen Religion zu sein?
Jedenfalls wurde der römische Verwaltungsbeamte zum traurigen Helden wider Willen, der es sogar ins Glaubensbekenntnis schaffte: "Gelitten unter Pontius Pilatus", so sagen es heute in vielen Sprachen Abermillionen Christen auf.
Die Quellenlage zum Prozess ist dürftig. Sämtliche Aufzeichnungen sind später entstanden und schildern ein Verfahren, das modernen juristischen Anforderungen keinesfalls genügen würde.
Die positiven Darstellungen des Richters in den Evangelien sind durch andere Quellen nicht belegt. Und auch viele Legenden und Interpretationen späterer Autoren lassen die Absicht erkennen, den Juden die Hauptschuld am Tod Christi zuzuschieben.
Nüchtern gesehen ist das Todesurteil sicher ein schwerer Justizirrtum. Und doch beginnt nach der Kreuzigung der Siegeszug des Christentums im Römischen Reich.
Eindringlich beschreiben die Evangelisten, wie Jesus in die Fänge der Jerusalemer Priesterschaft gerät, die ihn der Gotteslästerung bezichtigt und ihn dann an die Römer ausliefert. Marlis Gielen, Professorin für Neutestamentliche Bibelwissenschaft an der Universität Salzburg, hält es für historisch wahrscheinlich, dass die jüdische Tempel-Elite Jesus an Pilatus überstellte, mit dem Vorwurf, er sei ein politischer Unruhestifter.
Pilatus interessierte sich zwar nicht für religiöse Auseinandersetzungen, er musste aber jeden Aufruhr vermeiden und sich im Zweifel auf die Seite des Hohen Rates schlagen. Wenn Jesus sich mit Priestern und Glaubenslehrern angelegt hatte und beanspruchte, König der Juden zu sein, war sein Leben verwirkt. Ihm musste noch vor dem Pessachfest der Prozess gemacht werden. Und schnell sollte es gehen, denn der Sabbat stand bevor, und an diesem Feiertag durfte niemand hingerichtet werden.
Auch wenn Kaiphas sein Urteil bereits gefällt haben sollte, konnte nur der Statthalter als oberster Richter die Todesstrafe verhängen, das religionsgesetzliche Verfahren musste also in ein politisches umgewandelt werden. Es wird öffentlich stattgefunden haben, vermutlich vor dem herodianischen Palast, in dem Pilatus während seines Jerusalem-Aufenthalts residierte.
Auf die Frage des Statthalters: "Bist du der König der Juden?", antwortete der Angeklagte nach der Überlieferung selbstbewusst: "Du sagst es." So steht es bei Markus Kapitel 15, Vers 2. Belege für diesen Dialog außerhalb der Evanelien gibt es nicht.
Da Jesus im Prozess die Anklage nicht widerlegen konnte oder wollte, war sein Schicksal besiegelt: Zunächst öffentliches Auspeitschen mit einer Geißel, dann umgehende Kreuzigung.
War es wenigstens ein faires Verfahren? Was auffällt, ist das Tempo, mit dem der Delinquent hingerichtet wurde. Die Zeit drängte, viele Pilger befanden sich in der heiligen Stadt, die sich an solchen hohen Festtagen immer in ein Pulver-fass verwandelte.
Deshalb machte Pilatus kurzen Prozess, zumal Jesus kein römisches Bürgerrecht in Anspruch nehmen konnte, ja nicht einmal aus der Provinz Judäa stammte, sondern aus dem benachbarten Galiläa. Als Zeugen traten laut Bibel die Repräsentanten des Hohen Rates auf, einen Verteidiger gab es nicht.
Dass er ihn im Austausch gegen den Mörder Barabbas vor dem Kreuz bewahren wollte, berichten zwar alle vier Evangelien. Allerdings halten Historiker und Theologen diese Deutung der Geschehnisse für falsch. Denn damals gab es offenbar keine Feiertagsamnestie, und ein Begnadigungsrecht hätte, bei einem Kapitalverbrechen wie Hochverrat, nur dem Kaiser zugestanden. Auch das angebliche Händewaschen als Geste der Unschuld war unter Römern nicht üblich.
Wahrscheinlich an einem Freitag, im April des Jahres 30, wird in Jerusalem also ein Mann namens Jesus von Nazareth hingerichtet. Römische Soldaten schlagen ihn brutal ans Kreuz. Verantwortlich für das Urteil ist der kaiserliche Präfekt Pontius Pilatus. Und sicher wäre der römische Statthalter heute vergessen, hätte er nicht den Mann hinrichten lassen, durch den später eine Weltreligion begründet wurde.
Wie ging es weiter mit Pilatus? Ein neuer Konflikt wurde ihm zum Verhängnis. Im Norden der Provinz tauchte einige Jahre später ein samaritanischer Prophet auf, der das Volk aufwiegelte. Pilatus ließ seine Truppen aufmarschieren und knüppelte die Leute brutal nieder, die Anführer wurden hingerichtet.
Auf eine Beschwerde beim syrischen Legaten Vitellius hin sollte sich Pilatus in Rom rechtfertigen. Als er im Jahr 37 in der Hauptstadt eintraf, war Kaiser Tiberius bereits gestorben. Ob es zu einem Verfahren gegen Pilatus kam, ob er verbannt wurde oder Selbstmord beging - all diese Legenden sind historisch unsicher. Tatsächlich hat man von dem amtsenthobenen Statthalter in Judäa nichts mehr gehört.
Die Frage bleibt: Hat Pilatus sich schuldig gemacht?
Im Neuen Testament ist er für die Kreuzigung Jesu verantwortlich, moralisch sehen die Evangelisten jedoch mehr Schuld bei den jüdischen Hohepriestern, die machtbesessen die wahre Größe des Gottessohns verkannten.
In der äthiopischen und koptischen Kirche wird Pilatus gar als Heiliger verehrt, weil er seinen Teil dazu beigetragen habe, dass Jesus durch seinen Opfertod die Menschheit erlöste.
Pontius Pilatus stehe "nicht umsonst im Credo", schreibt denn auch der Historiker Alexander Demandt in seinem klugen Buch "Hände in Unschuld": "Hätte er geahnt, dass der Name jenes ,Judenkönigs' dreihundert Jahre später auf den Standarten der Legionen stehen würde, dass dessen Anhänger die Macht im Reiche übernehmen und die Jupiter-Tempel in Abstellräume verwandeln würden, dann hätte Pilatus diesen Jesus bestimmt laufenlassen."
So gesehen, findet Demandt: Pilatus wusste nicht, was er tat. Deshalb konnte er seine Hände in Unschuld waschen.
Von Angela Gatterburg

SPIEGEL GESCHICHTE 6/2011
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