29.11.2011

Mordsache Jesus Christus

Das berühmteste Kreuzigungsopfer der Antike starb unter mysteriösen Umständen.
Zwischen neun Uhr morgens und zwölf Uhr mittags nagelte ein fünfköpfiges Exekutionskommando den Delinquenten an einen grob behauenen Holzbalken. Anschließend hievten ihn die Soldaten hoch und befestigten ihn als Querbalken an einem Pfosten von etwa 2,50 Meter Höhe. Drei bis sechs Stunden hing der Todgeweihte in dieser ausweglosen Lage bei sengender Hitze. Dann hob Jesus den Kopf und sagte: "Mich dürstet."
Ein Soldat hielt ihm einen in Essig getränkten Schwamm hin, der auf einem Ysopzweig steckte, und Jesus trank. Anschließend rief er mehrfach: "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" Seine letzten Worte waren: "Es ist vollbracht!"
So ungefähr stellen sich Bibelleser das grausige Geschehen am Stadtrand von Jerusalem vor. Künstler und Kitschproduzenten haben den Foltertod in zahllose Bilder übersetzt.
Für die Christenheit war das Ende erst der Anfang: Nach drei Tagen ist Jesus demnach von den Toten auferstanden und schließlich zu Gott, seinem Vater, in den Himmel aufgefahren. Weniger Glaubensfeste forschen nach dem wahren Kern in der Passionsgeschichte und versuchen, die tatsächlichen Begebenheiten von der Mythologie zu trennen.
Die Evangelien sind die einzige Quelle für jenes Martyrium, das sich auf dem Kalvarienberg zugetragen hat. "Knapp und sehr uninformativ" nennt der Religionswissenschaftler Gunnar Samuelsson von der Universität Göteborg die Textpassagen, welche die Evangelisten den letzten Stunden Christi widmeten. Der Forscher fragt sich, ob jemals ein so wichtiger Moment derart kurz und karg formuliert wurde.
Was wissen wir also wirklich über den Kreuzestod von Jesus?
Einziger archäologischer Beleg für die antike Kreuzigungspraxis ist die an ein Bruchstück aus Olivenholz genagelte Ferse eines jungen Mannes, die 1968 bei Ausgrabungen in Jerusalem gefunden wurde. Aus der anatomischen Rekonstruktion lässt sich schließen, dass die Füße seitlich an den Pfosten genagelt waren. Außerdem gilt es als wahrscheinlich, dass die Arme über dem Querbalken hingen (siehe Grafik). Mehr ist nicht bekannt.
Aufgrund der mauen Informationslage schossen allerlei Spekulationen ins Kraut. Die wohl kühnste These: Jesus überlebte selbst diese grausige Prozedur.
Anhänger dieser gewagten Theorie mutmaßten, die Auferstehung sei eine Art Bluff gewesen. Statt der Auffahrt in den Himmel habe sich der Heiler und Aufrührer seinen Häschern womöglich durch Flucht ins Ausland entzogen.
Besonders merkwürdig erscheint den Skeptikern, dass Jesus an seinem Marterpfahl bereits verhältnismäßig rasch verschieden sein soll. Den Angaben der Evangelisten zufolge endete sein Todeskampf bereits nach maximal sechs Stunden; in der Regel ging dem Exitus am Kreuz jedoch ein tagelanges Dahinsiechen unter unsagbaren Qualen voraus. Erfunden hatten diese Todesart wohl mehr als tausend Jahre zuvor die Phönizier. Den Römern galt sie als so demütigend, dass sie als finale Schmach für Sklaven und Aufständische vorgesehen war.
Die römischen Folterknechte verstanden sich bestens darauf, die Leiden der Verurteilten zu verlängern. Gepeinigt von Schmerzen, Hitze und Durst sehnten die Opfer ihren Tod regelrecht herbei.
Der Körper Jesu verschwand indes nach überschaubarer Leidenszeit zügig in einer Grabstätte, die der wohlhabende Jude Josef von Arimathäa bereitgestellt hatte. War Christus am Kreuz mit dem getränkten Schwamm statt Essig eine Art Morphinpunsch verabreicht worden, nach dessen Genuss der Gepeinigte in einen rettenden Rausch fiel?
Merkwürdig auch, dass der Pharisäer Nikodemus laut Johannesevangelium große Mengen Aloe und Myrrhe in die Gruft brachte - Gewächse, die den Menschen der Antike als Mittel zur Wundbehandlung und Desinfektion bekannt waren.
Angesichts der Torturen, die Jesus bereits vor der Kreuzigung über sich ergehen lassen musste, drängt sich freilich eine andere Sicht auf. "Ich finde es außergewöhnlich, dass Jesus überhaupt noch in der Lage war, den Opfergang zum Kalvarienberg anzutreten", sagt Frederick Zugibe.
Neben seiner früheren Arbeit als Chefpathologe eines Bezirks im US-Bundesstaat New York rätselte Zugibe über Jahrzehnte, welche Todesursache am Kreuz aus medizinischer Sicht am plausibelsten erscheint.
Lange galt der Erstickungstod als wahrscheinliche Variante. Zugibe konnte jedoch mit aberwitzig anmutenden Versuchsanordnungen im Labor belegen, dass die Atmung eines Menschen auch dann nicht auf nennenswerte Weise beeinträchtigt wird, wenn er mit ausgestreckten Armen an einem Balken hängt.
Diverse Freiwillige schnallte der Mediziner an ein Versuchskreuz. Schon nach wenigen Minuten klagten einige über Muskelprobleme. Keinem jedoch blieb die Luft weg.
Auch eine weitere Hypothese schließt Zugibe aus: "Es ist sehr unwahrscheinlich, dass Jesus an einem Herzinfarkt gestorben ist. Er war erst in den Dreißigern, und eine koronare Herzerkrankung in diesen jungen Jahren wäre doch recht ungewöhnlich", befindet der Arzt.
Vielmehr sei ihm gleich ein ganzes Bündel von Ursachen zum Verhängnis geworden. Offenkundig sah Jesus seinem Schicksal durchaus nicht mit Gelassenheit entgegen. Während des letzten Treffens mit seinen Jüngern schwitzte er Blut - unter Medizinern ein deutliches Symptom für starken Stress oder gar Todesangst.
Von religiösen Eiferern verdroschen und verspottet zu werden, wie es Jesus im Hause des Hohepriesters Kaiphas widerfuhr, hätte auch rauere Gesellen arg beunruhigt. Doch aus dieser Prüfung ging Jesus noch vergleichsweise unbeschadet hervor.
Weit dramatischer war die anschließende Folterung mit dem Flagrum, einer Art Peitsche mit mehreren Lederriemen, in deren Enden scharfe Knochensplitter oder Bleikegel eingeflochten waren. "Das ist, als würde einem ein Baseball mit voller Wucht gegen die Rippen geschmettert - es verursacht einen sehr heftigen Schmerz, der Wochen anhalten kann", sagt Zugibe.
Vielleicht wurde Jesus mit der nach jüdischem Recht höchstzulässigen Anzahl von 40 Hieben bestraft. "Es gibt wenig Zweifel, dass die brutale Auspeitschung ein wesentlicher Grund für sein frühes Ableben war", sagt Zugibe. Insbesondere Brustkorb und Lungen hatten wohl schweren Schaden genommen.
Blutüberströmt und besudelt mit Erbrochenem wurde Jesus dann einer Marter zugeführt, die nur für ihn ersonnen worden war: Die römischen Soldaten setzten ihm eine geflochtene Krone aus Gemeinem Stechdorn auf und schlugen mit einem Stock auf seinen Kopf ein.
Diese Folter sei bisher als bloße Schmähung des "Königs der Juden" unterschätzt worden, meint Zugibe. Tatsächlich jedoch habe die sadistische Krönung Jesus seinem Ende deutlich näher gebracht. Schmerzen wie nach der Behandlung mit einem glühenden Schürhaken seien die Folge gewesen.
Vermutlich litt Jesus danach an einer sogenannten Trigeminusneuralgie - einer überaus quälenden Reizung der Gesichtsnerven, die Betroffenen das Leben zur Hölle macht. Hinzu kam ein traumatischer Schock durch die Auspeitschung und ein hypovolämischer Schock, verursacht durch erheblichen Blutverlust.
Der geschundene Heiland war bereits dem Tode nah, als seine Peiniger ihn am Kreuz fixierten. Die Römer nutzten wohl dicke Eisennägel von zwölf Zentimeter Länge. Wurden sie durch die Fersen getrieben, rissen zahlreiche Nervenbündel entzwei.
"Jesus erlitt einen der schlimmsten Schmerzzustände, die der Menschheit bekannt sind", folgert Zugibe. Soldaten insbesondere des Ersten und Zweiten Weltkriegs zogen sich durch Schrapnelle und Granatsplitter ähnliche Wunden zu, deren Pein auch durch starke Medikamente kaum zu lindern war.
Bei jeder kleinsten Bewegung am Kreuz raste der Schmerz wie ein Stromstoß durch den Körper, so Zugibe. Erst nach einer gefühlten Ewigkeit trat der erlösende Tod ein.
"Wenn ich für Jesus einen Totenschein ausstellen müsste", sagt der Arzt, "dann sähe der so aus: 'Todesursache: Herz- und Atemstillstand aufgrund von hypovolämischem und traumatischem Schock nach Kreuzigung'." Frank Thadeusz

SPIEGEL GESCHICHTE 6/2011
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