29.11.2011

Die Trümmer von Galiläa

Die Archäologie zeigt uns, was Jesus sah, wenn er durch die Lande zog: blühende Dörfer und reiche Kleinstädte, die unter römischer Herrschaft ihre jüdisch-hellenistischen Traditionen pflegten.
Als ein Jahr nach dem Sechstagekrieg 1967 die Bagger anrückten, um Häuserfundamente auf dem von Israel eroberten Hügel Givat Hamivtar in Ostjerusalem auszuheben, stießen sie auf Gräber. An sich nichts Ungewöhnliches in einem Boden, der seit mehr als 5000 Jahren besiedelt ist. Normalerweise werden die Knochen in solchen Fällen herausgeholt, archäologisch untersucht und woanders wieder in die Erde hineingesetzt - ohne viel Aufhe-bens darum zu machen. Doch diesmal waren die Bagger zwischen den Resten der jordanischen Schießanlagen auf etwas gestoßen, das sich nicht so routinemäßig erledigen ließ - es war eine steinerne Knochenkiste, ein Ossuarium. Darin lagen Knochen einer Frau, eines Kindes und von "Jehohanan, Sohn des HGQWL".
Jehohanan war im Jahr 7 nach Christus als junger Mann keines natürlichen Todes gestorben. In seinem rechten Fersenknochen steckte ein 11,5 Zentimeter langer Eisennagel, darunter noch die Reste eines Olivenstammes: Jehohanan hatte sein Leben am Kreuz beendet.
Die Ferse war eine Sensation. Zuvor gab es keine archäologischen Funde von Gekreuzigten. In der Regel durften die Hingerichteten nicht bestattet werden, ihre Körper endeten zumeist als Tierfutter oder auf den Müllkippen der Stadt. Auch die Balken blieben nicht stehen - Holz war ein rares Gut und wurde möglichst oft recycelt. Und die Nägel blieben schon mal gar nicht übrig. Sie galten als Heilmittel für allerlei Krankheiten. Der römische Gelehrte Plinius (23 bis 79 n. Chr.) etwa empfahl einen in Wolle gewickelten Kreuzigungsnagel als Arznei gegen Fieber. Kein Wunder also, dass Jehohanans Fersenbein bis heute der einzige archäologische Nachweis einer Kreuzigung ist, den wir kennen.
Entsprechend dem israelischen Gesetz wurden auch Jehohanans Knochen wieder zur Ruhe gebettet, nachdem er penibel vermessen, fotografiert und analysiert worden war. Die Daten halfen den Anthropologen, den Tod am Kreuz besser zu verstehen.
Sie lieferten die Erkenntnis, dass er nicht mit gekreuzten Beinen, sondern mit je einer Ferse links und rechts seitlich an den Balken genagelt starb.
Die Archäologie soll uns die historische Figur Jesus und seine Zeit nahebringen. Die Versuchung ist deshalb groß, mit Spaten und Pinsel nach dem Heiland zu suchen. Im Boden liegen Skelette von Menschen, denen er vielleicht die Hand geschüttelt hat. Teller, von denen er aß. Boote, auf denen seine Jünger auf den See Genezareth hinausfuhren, um Fische zu fangen. Häuser, an denen sein Vater als Zimmermann mitbaute.
Doch die Suche kann Zeugnissen für das Neue Testament birgt auch die Gefahr von Missverständnissen. Denn wer mit der Bibel in der einen und dem Spaten in der anderen Hand loszieht, wird nur das finden, was er sucht. Er wird kein vollständiges Bild Galiläas um die Zeitenwende erhalten, sondern nur einen kleinen, wahrscheinlich verzerrten Ausschnitt.
Galiläa zur Zeit Jesu war ein spannendes Terrain. Eine strategisch wichtige Durchgangsstation, an der sich Handelsrouten von Nord nach Süd und von West nach Ost kreuzten. Eine Region, in der die aufstrebende Macht Rom nach der Herrschaft griff. Ein Ort, an dem alter Glaube und Tradition mit neuen Ideen, Werten und Machtformen konkurrierten - mit allem Aufruhr, der zu einem solchen Prozess gehört. Und trotz aller Umwälzungen eben auch ein Landstrich, dessen Bauern wie jeden Tag seit Jahrhunderten auf die Felder gingen und die Fischer auf den See fuhren. "Unsere Frage lautet also nicht: "Wie lebte Jesus? Sondern vielmehr: Wie lebte man damals in Galiläa?", erklärt der Archäologe Jürgen Zangenberg von der Universität Leiden.
Jesus wählte Kapernaum am Nordufer des Sees Genezareth als Wohn- und Wirkstätte. Heute gehören große Teile des Geländes dem Orden der Franziskaner, die dort seit Beginn des 20. Jahrhunderts archäologische Ausgrabungen durchführen. Auf den Nachbargrundstücken gräbt die griechisch-orthodoxe Kirche. Dabei kommt ein Kapernaum um die Zeitenwende zutage, das mit 600 bis 1000 Einwohnern die Bezeichnung "größeres Dorf" verdiente. Der Alltag der Einwohner muss in sehr beschaulichen Bahnen verlaufen sein, das lassen die Häuser vermuten, die von den Franziskanern ausgegraben wurden. Geräumige Gebäude aus grob behauenen Feldsteinen. Ställe, Wohn- und Lagerräume gruppierten sich um kleine Höfe, von rechtwinkligen Gassen in regelmäßige Straßenblöcke zerteilt.
So lebten Großfamilien mehrerer Generationen mit ihren Bediensteten plus Tieren unter einem Dach. Offensichtlich musste niemand dem Nachbarn etwas neiden - der Zuschnitt der Wohnhäuser zeigt, dass sich die Besitztümer kaum voneinander unterschieden. Weder gab es in diesem Wohnviertel größere Häuser, die auf besonderen Reichtum hindeuten würden, noch fanden die Ausgräber ungewöhnlich kleine Hütten. Offenbar stand jedem der gleiche Platz und damit auch ein ähnliches soziales Ansehen zu.
Viel zu tun gab es nicht, die Einwohner verbrachten ihre Tage mit Ackerbau und Fischfang. Doch sie waren bei weitem keine Hinterwäldler. Immerhin zogen regelmäßig Karawanen auf dem Weg von oder nach Jerusalem, Tiberias, Sepphoris, Ptolemais oder Damaskus am Dorf vorbei. Im Gepäck hatten sie neben Neuigkeiten auch hübsche Dinge aus Glas oder feiner Keramik, alles stets nach der neuesten Mode.
Nach dem Tod des Herodes im Jahr 4 vor Christus war das Land östlich des Sees an seinen Sohn Philippus gefallen, das westliche an seinen Sohn Antipas. Kapernaum wurde Grenzstadt zwischen den beiden Reichen - und damit zur Zollstation, zum erzwungenen Stopp für alle Reisenden. Warum sich Jesus ausgerechnet diesen Ort als Wirkstätte auswählte, ist nicht bekannt. Zumindest kamen seine ersten Jünger aus dieser beschaulichen Welt, von hier aus fuhren sie täglich auf den See hinaus - auf Booten wie jenem, das 1986 bei sehr niedrigem Wasserstand am Ufer des Kibbuz Ginnosar auftauchte.
Spaziergänger entdeckten zuerst ein paar rostige Nägel im Schlamm. Sie gehörten zu einem acht Meter langen Boot, auf dem tatsächlich zu Lebzeiten Jesu Fischer ihren Lebensunterhalt erarbeitet hatten. Zwar bestand der Rahmen aus Eiche, die Verschalung aus Libanonzeder - doch für die vielen Flicken und Reparaturen hatten die Fischer nehmen müssen, was sie an Hölzern gerade bekommen konnten. Sie hämmerten Aleppokiefer, Johannisbrotbaum, Christusdorn, Weißdorn, Judasbaum, Lorbeer, Platane, Feige, Weide oder Pistazie vor die Lecks, um das Boot seetüchtig zu halten. Das schwimmende Flickwerk diente den Fischern offensichtlich als zweites Zuhause. Zwischen den Planken entdeckten die Archäologen nicht nur ein Öllämpchen, sondern auch einen Kochtopf aus Keramik, wie er in frührömischer Zeit überall in der Gegend verwendet wurde.
Ein solches Boot ist auch auf einem Mosaik im nur 1,5 Kilometer von der Fundstelle entfernten Magdala abgebildet. Das Mosaik schmückte einst den Fußboden einer Stadtvilla - Fischfang war die Basis des Reichtums in Magdala, den die Bewohner auch wieder in ihre Arbeitsgrundlage, den Hafen, investierten. Der ist eine technisch hervorragende und moderne Konstruktion, wurde mit großer Sorgfalt erbaut und war damals mit einer 200 Meter langen Mole und einem 70 Meter breiten Wellenbrecher einer der größten am See. Dort dümpelten nach Beschreibungen des Historikers Josephus bis zu 230 Schiffe im Wasser.
In der Villa mit dem Bootsmosaik wohnte aller Wahrscheinlichkeit nach eine Familie, die durch den Fang, die Konservierung und den Vertrieb von Fisch zu Reichtum gekommen war. Davon gab es einige in Magdala - und sie demonstrierten ihren Wohlstand mit luxuriösen Häusern und feinem Geschirr. Anders als im eher sozialistisch anmutenden Kapernaum gab es in Magdala, der Geburtsstadt Maria Magdalenas, sehr wohl eine Oberschicht. Die liebte es, sich durch Äußerlichkeiten vom Plebs abzusetzen.
Gerade die Funde der letzten Jahre legen nahe, dass Magdala eine kleine, aber sehr feine jüdisch-hellenistische Stadt war. Bislang sind noch keine Grabungsergebnisse veröffentlicht, aber erste Berichte der Ausgräber lassen schon erahnen, dass Magdala es kulturell durchaus mit den größeren Städten Griechenlands und Kleinasiens aufnehmen konnte.
Hier gibt es auch ein gutes Beispiel dafür, was passiert, wenn biblischer Eifer den Blick der Archäologen trübt: ein kleines Gebäude, das die Ausgräber der Stadt zunächst als frühe "Mini-Synagoge" gefeiert hatten. Erst eine nüchterne Betrachtung zeigte, dass es sich wahrscheinlich um ein Brunnenhaus oder gar eine öffentliche Toilette handelt, die zu einer großen Badeanlage gehörte. Die Synagoge lag neben dem Bad und wurde erst bei den jüngsten Ausgrabungen entdeckt. Es ist allerdings wohl nicht die große, repräsentative Synagoge der Stadt, sondern nur eine kleine Nachbarschaftssynagoge. Die Wände sind mit Malereien im herodianischen Stil geschmückt, das Gebäude stand also bereits zu Lebzeiten Jesu.
Eher in die Größenordnung des Fischerdorfs Kapernaum gehörte wiederum das etwas weiter nordöstlich gelegene Betsaida auf dem Hügel et-Tell. Die Entdeckung dieser Siedlung ist noch recht jung und die Identifizierung als Betsaida unter den Wissenschaftlern umstritten. 1967, während des Sechstagekriegs, nutzten die Syrer den Hügel gegenüber der israelischen Jordangrenze als Militärstützpunkt. Entsprechend zernarbt ist seine Oberfläche von Schützengräben, Bunkern und Flugabwehrstellungen. Nach Kriegsende zog die syrische Armee zwar ab, ließ jedoch jede Menge Minen im Boden zurück. Kuhherden waren die ersten, die das verminte Gelände betraten. Dann kamen die Archäologen.
In den siebziger und frühen achtziger Jahren bewegte sich der Benediktinermönch Bargil Pixner auf seinen archäologischen Streifzügen strikt entlang der Trampelpfade der Rinder, um sicher das Gelände durchqueren zu können. Er fand Keramikscherben aus hellenistischer und frührömischer Zeit - und damit wohl den schon seit dem Mittelalter gesuchten Fischerort Betsaida.
Als das Gelände dann geräumt war, stießen die Ausgräber auf die ersten Häuser. Anders als in Kapernaum war hier nichts geordnet. Die Wohnhäuser an alten, schiefen Straßen waren eher organisch über Jahrhunderte gewachsen als geplant gebaut. Bisher wurden keine öffentlichen Gebäude gefunden, aber die könnten in dem noch unausgegrabenen Teil des Areals liegen. Eine "Stadt" war Betsaida, wenn auch wohl nur auf dem Papier. Denn um das Jahr 30 n. Chr. gefiel dem Herodessohn Philippus das Dorf nahe der Jordanmündung so sehr, dass er ihm den Titel einer Polis (griechisch: Stadt) verlieh und nach Julia Augusta (Livia), der gerade verstorbenen Mutter des Kaisers Tiberius, in Julias umbenannte.
Wer lebte in diesem Dorf mit Stadtrechten? Typische Indizien eines regen jüdischen Lebens, wie zum Beispiel eine Synagoge, Mikwen - jüdische Bäder - und Gräber oder Ossuarien als letzte Ruhestätte tauchten bislang in Betsaida nicht auf. Dafür fanden die Ausgräber viele Steingefäße, wie sie vornehmlich in jüdischen Haushalten gebraucht wurden. Es ist auffällig, dass es kaum Darstellungen von Göttern, Menschen und Tieren gibt - wie sie der jüdische Glaube verbieten würde. Es gibt aber auch Hinweise auf nichtjüdische Bewohner.
Bezeichnend ist vor allem, was die Archäologen in Betsaida nicht oder nur vereinzelt fanden: Alltagsgegenstände aus der ersten Hälfte des 1. Jahrhunderts. Wie leergefegt scheint die Stadt davon zu sein. Der Ausgräber Rami Arav vermutet, dass die Bewohner ihre Stadt räumten, als während des ersten jüdischen Aufstands die römischen Truppen anrückten. Vielleicht nahmen sie all ihr Hab und Gut, alle Töpfe, allen Schmuck, und flohen in das nahe gelegene Gamla, das weitaus besser befestigt war als ihr eigenes schutzloses Dorf. Stimmt diese These, dann war die Bevölkerung von Betsaida tatsächlich überwiegend jüdisch.
Gamla ist archäologisch eine der interessantesten Stätten des Heiligen Landes - auch wenn wir nicht wissen, ob Jesus jemals einen Fuß in die Stadt gesetzt hat. Alles Leben in Gamla endete am 20. Oktober 67, als drei römische Legionen und mehrere Hilfseinheiten - insgesamt rund 30 000 Mann - unter dem Befehl des Feldherrn Vespasian nach einmonatiger Belagerung in die Stadt einfielen. Da lebte Jesus zwar schon lange nicht mehr. Aber die zerstörten Häuser Gamlas sind wichtig, um zu verstehen, was das Leben in Galiläa auch schon zu seiner Zeit prägte.
In dem Aufstand entluden sich die Spannungen zwischen der jüdischen Bevölkerung und den römischen Besatzern mit voller Wucht. Durch Galiläa ziehen sich Zerstörungen, die es erlauben, archäologische Funde klar einzuordnen - entweder in die Zeit vor oder nach dem Aufstand. Wer nach dem Galiläa zur Zeit Jesu sucht, muss unter diese Trümmer- und Brandschichten schauen.
Insgesamt rund 2000 jener Basaltkugeln, die römische Belagerungsmaschinen über die Mauern hinweg in die Stadt schleuderten, konnten die Archäologen bisher bergen - und es ist erst ein kleiner Teil Gamlas ausgegraben. Dazu kamen noch 1600 Pfeilspitzen. In der Stadtmauer klafft eine riesige Bresche - geschlagen von einem römischen Rammbock. Der Historiker Flavius Josephus behauptete später, 9000 der 10 000 in der Stadt anwesenden Juden hätten den Römersturm nicht überlebt. Die Archäologie aber zeigt, dass in der Stadt unmittelbar vor dem Aufstand wohl insgesamt nur 3000 bis 4000 Menschen lebten.
Die Einwohner Gamlas waren reiche Olivenbauern. Ihr Öl war so fein, dass es sogar in Jerusalem im Tempel verwendet wurde. Von den produzierten Mengen zeugen die vielen Ölmühlen, die Ausgräber überall in der Stadt gefunden haben. Die Wohnräume der Reichen waren fein dekoriert, es gab aber auch kleinere, ärmlichere Häuser. Die wenigen bisher veröffentlichten Fragmente der Wandmalereien zeigen farbenfrohe Streifen und Muster, wie sie in hellenistisch-römischer Zeit in den besseren Haushalten beliebt waren. Und auch das Geschirr war edler als in vielen der umliegenden Siedlungen: Keramik, Bron-ze, Glas und auch Schmuck von weither hatten sich die Bewohner von Gamla geleistet.
Jesus verbrachte seine Tage vornehmlich in den Dörfern, wie sie vor der römischen Zerstörung rund um den See blühten. Erstaunlich ist, dass er um die einzige ernstzunehmende Großstadt der Region einen weiten Bogen gemacht zu haben scheint - Tiberias. Das Neue Testament ist sehr dürftig mit Hinweisen auf die Existenz der Römerstadt. Dabei muss es zu Lebzeiten Jesu schlicht unmöglich gewesen sein, die Stadt am Westufer des Sees Genezareth zu ignorieren. Herodes Antipas begann um das Jahr 19 mit dem Bau dieses ambitionierten Großprojekts, das er von seinen Architekten auf dem Reißbrett entwerfen ließ - mit Prachtbauten, Sportstadion, imposanter Synagoge und Königspalast. Die Neugründung benannte er zu Ehren seines Kaisers Tiberias.
Den Großteil der Beamten brachte Antipas aus seiner alten Hauptstadt Sepphoris mit, doch mit besonderen Vergünstigungen lockte er neue Bürger aus allen Teilen Galiläas in die Neustadt. Sie konnten Land zu günstigen Konditionen pachten und mussten für Fischerei und Landwirtschaft nur wenig Steuern zahlen. Bald ließ Antipas Münzen mit einer Dattelpalme darauf prägen: Symbol für den Wohlstand und die Blüte seiner Saat.
Die Archäologie deckt seine Kompromisse dabei auf: Die Münzen der Stadt müssen ohne Kaiserporträt auskommen, weil Darstellungen von Lebewesen nach jüdischem Glauben verboten sind. Auch einen Tempel für den Kaiser, wie sein Vater Herodes ihn in Cäsarea Maritima und Samaria errichten ließ, gab es nicht. Die erwartete Kaiserverehrung praktizierte der schlaue Monarch jüdischer Herkunft mit Wettkämpfen zu Ehren des römischen Oberhauptes; an denen konnten auch Juden teilnehmen, ohne dabei gegen ihren Glauben verstoßen zu müssen. Aus schriftlichen Quellen wissen wir, dass es ein Sportstadion und eine Pferderennbahn gab - nach denen die Archäologen aber bislang noch suchen. Nur in seinen eigenen vier Wänden hielt Antipas es nicht so genau mit der Religion: Seinen Palast ließ er mit Tierdarstellungen dekorieren.
Antipas' Vater Herodes hatte sein Hauptaugenmerk auf Jerusalem gerichtet. Die Stadt war bald nicht wiederzuerkennen. Alles war neu. Die Wasserleitung. Die Zitadelle mit massiven Turmanlagen. Herodes' eigener Palast. Und natürlich der Tempel, das zentrale Heiligtum der Juden.
Weil die Hügelkuppe, auf der angeblich schon Salomo im 10. Jahrhundert vor Christus den ersten Tempel platziert hatte, für die gigantischen Pläne des Königs viel zu klein war, ließ Herodes Steine und Sand herbeischleppen, um eine neue Plattform zu schaffen. Die heutige Klagemauer auf der Westseite des Hügels ist das letzte Zeugnis dieser Vorbereitungsarbeiten. Angeblich erzählten die Juden Jesus, als er den Tempel besuchte, dass die Arbeiten auf dem Tempelberg bereits seit 46 Jahren im Gange seien. Zwar war der Tempel zur Zeit Jesu weitgehend fertig gebaut und betriebsbereit, die umgebende Anlage jedoch wahrscheinlich noch eine Baustelle.
Die Jerusalemer sollten nicht nur schöner ihrem Gott huldigen können, sondern auch schöner wohnen. Und so nahm sich Herodes auch die Oberstadt vor, wo die Reichen lebten; die hasmonäischen Könige hatten hier ihre Paläste gehabt, Herodes selbst residierte hier in den luftigen Höhen genauso wie die Hohepriester mit ihren Familien. Herodes verpasste dem alten verwinkelten Viertel nun den neuen römischen Mainstream-Look: Breite, gerade Straßen, öffentliche Plätze und Prunkbauten - so muss Jesus sie gesehen haben. Der Glanz währte nicht lange. Ende Juli 70 zerstörten die Römer den Tempel. Einen Monat später plünderten sie auch die Paläste der Oberstadt und machten das Viertel dem Erdboden gleich.
Das volle Ausmaß des römischen Zorns offenbarte sich noch einmal knapp 2000 Jahre später. Nach dem Sechstagekrieg planten die Israelis die vorher zu Jordanien gehörende Oberstadt neu. Nicht nur politisch, auch architektonisch sollte ein klarer Schnitt gezogen werden. Dabei ließ die Regierung die geschichtsträchtigen Stätten archäologisch untersuchen. Was die Ausgräber fanden, waren Zeugnisse der römischen Gewalt.
Als beispielhaft gilt die Geschichte des "Verbrannten Hauses", das Besucher heute im Jüdischen Viertel besichtigen können. Alles war den brüllenden Flammen zum Opfer gefallen. Die Steine gebrannt von der intensiven Hitze. Die Holzbalken verkohlt. Über allem lag ei-ne dichte Ruß- und Ascheschicht. Die archäologischen Reste erzählen vom Leid, dass sich in diesen Mauern im Jahr 70 abspielte, aber auch vom Prunk und Reichtum zuvor, der Lebensweise und Kultur der jüdischen Oberschicht in Jerusalem.
Überall fanden die Archäologen das Notgeld jener Zeit - Münzen, die in den Jahren der Rebellion zwischen 66 und 70 geprägt wurden. In einer Ecke lehnte noch der eiserne Speer eines wohl jüdischen Widerstandskämpfers. Und auf der Schwelle zu einem Nebenraum lag ein Armknochen. Es war der Unterarm einer jungen Frau, vom Ellenbogen bis zu den Fingerspitzen - im Tod hatte sie ihre Hand verzweifelt um die steinerne Türschwelle gekrallt.
Von Angelika Franz

SPIEGEL GESCHICHTE 6/2011
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