29.11.2011

Zu schön, um wahr zu sein

Irrtümer und Fälschungen der Christus-Archäologie
Der Wunsch ist der Feind des Wissenschaftlers, denn er erzeugt Irrtümer. Leider macht der Drang, Gebeine und Artefakte des Heilands und seiner Jünger zu finden, die Forscher oft blind für Zweifel - und anfällig für Fälschungen.
So war es im Fall des Ossuariums von Jakobus, das fast als authentisch anerkannt wurde. Der Inschriftenkundler André Lemaire von der Pariser Sorbonne-Universität wirbelte einigen Staub auf, als er 2002 in der November-Ausgabe der Zeitschrift "Biblical Archaeology Review" die Inschrift auf der Knochenkiste veröffentlichte. "Jakob, Sohn des Josef, Bruder des Jesus" stand in aramäischer Schrift darauf. Lemaire wünschte sehnlichst, hier tatsächlich die Gebeine eines Jesus-Bruders entdeckt zu haben, und datierte siegesgewiss den Schreibstil der Buchstaben auf das Jahr 63. Das hätte zu schön gepasst, denn just im Jahr zuvor soll der unglückliche Jakobus sein Leben als Märtyrer im Steinhagel eines wütenden Mobs beendet haben. Und der Gebeinkasten wäre der archäologische Beweis für die historische Existenz eines leiblichen Jesus-Bruders.
Sofort aber stürzten sich Lemaires Kollegen auf die Kiste - und beendeten den Traum des Pariser Epigrafikers. Die Inschrift war erst in moderner Zeit in die Knochenkiste geritzt worden.
Doch Wünsche sind nur schwer totzukriegen, und so tauchte denn das Ossuarium noch einmal im Jahr 2007 auf - in einem Dokumentarfilm des Hollywood-Regisseurs James Cameron. Die Kiste, so behauptet der Film "Das Jesus-Grab", sei doch echt - und stamme aus einem Grab im Jerusalemer Stadtteil Talpiot. Darin die komplette Familie des Heilands: Jesus, Maria, Matthäus, Josef und sogar - Dan Brown lässt grüßen - Juda, Sohn des Jesus. Ein frommer Wunsch. Diese Namenskombination ist im Heiligen Land des ersten Jahrhunderts in etwa so häufig wie Paul, Heinz oder Anna auf deutschen Grabsteinen von heute. Die Wissenschaftler bemühten sich diesmal nicht einmal mehr, Camerons Thesen zu widerlegen.
Die Archäologen Shimon Gibson und James Tabor, die dem Film als Experten einen Anstrich von Seriosität hätten verleihen sollen, waren indes in Wünscherkreisen keine Unbekannten. Bereits drei Jahre zuvor wollten sie die Höhle entdeckt haben, in der Johannes der Täufer die angehenden Christen mit Weihwasser übergossen hatte. Besonders sorgsam kann Gibson die Bibel allerdings nicht studiert haben, denn darin steht, Johannes habe die Gläubigen in die Fluten des Jordan getaucht. Und auch die archäologischen Funde selbst belehrten jeden, der nur genau hinschaute, schnell eines Besseren. Denn die Höhle stand definitiv zwischen dem 6. Jahrhundert vor Christus und der Mitte des 2. nachchristlichen Jahrhunderts leer. In jener Zeit fand dort nicht einmal ein bescheidenes Picknick statt, geschweige denn Massentaufen.
Wer also einen spektakulären Fund hat, tut gut daran, möglichst keine weiteren Experten einen Blick darauf erhaschen zu lassen. An dieses Prinzip hält sich oft recht erfolgreich die katholische Kirche. Jüngstes Beispiel ist die Entdeckung des Paulus-Grabes durch den vatikanischen Archäologen Giorgio Filippi 2003. Der fand unter dem Fußboden der römischen Basilika San Paolo fuori le Mura (Sankt Paul vor den Mauern) einen steinernen Sarkophag mit der Inschrift "Paulo Apostolo Mart" - dem Apostel und Märtyrer Paulus. Sofort verbot der Vatikan geschickt jede weitere Untersuchung. So werden kritische Fragen schon im Keim erstickt: Liegen überhaupt Knochen in dem Sarkophag? Wenn ja, sind es die eines Mannes? Der auch zum passenden Zeitpunkt - um 60 nach Christus - starb?
Unter all den heiligen Artefakten gibt es ein ganz besonderes Rätsel, das bis heute nicht zufriedenstellend gelöst werden konnte: das Grabtuch von Turin. Und das, obwohl sich sogar ein ganz eigener Wissenschaftszweig dessen Erforschung widmet: die Sindonologie, abgeleitet vom altgriechischen Wort für Leichentuch (sindón). Die ersten Erwähnungen des Tuches im 14. Jahrhundert sagen ganz deutlich, dass es sich bei dem Tuch mit dem Abbild Jesu um eine Fälschung handelt. Auch eine 1988 von drei unabhängigen Forschungsinstituten durchgeführte Datierung entlarvte das Grabtuch als eine Handarbeit des 14. Jahrhunderts. Allerdings: Die Art und Weise, wie das Bild Jesu auf das Tuch gekommen ist, bleibt nach wie vor ein Mysterium (siehe Seite 118).
In einem Fall aber brachte es eine wünschende Archäologin sogar zur Heiligen. Flavia Iulia Helena Augusta, Mutter des Kaisers Konstantin, gilt als die erste christliche Archäologin. Um das Jahr 300 reiste sie im Alter von 76 Jahren nach Jerusalem und ließ dort Golgatha umgraben, den überlieferten Schauplatz der Kreuzigung. Sie wollte Spuren des Heilands finden und entdeckte, oh Wunder, ein Holzkreuz und eine Höhle. Nicht nur für sie war damit das Jesusgrab gefunden. An jener Stelle steht noch heute die Grabeskirche, deren Urbau Helena und Konstantin in Auftrag gaben. Außerdem fand die umtriebige Greisin bei einer weiteren Expedition die vermeintlichen Überreste der Heiligen Drei Könige. Zum Dank wurde sie in den Heiligenstand erhoben.
Von Angelika Franz

SPIEGEL GESCHICHTE 6/2011
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