29.11.2011

GLOSSARWer waren die Heiligen Drei Könige? Gegen wen kämpften die Zeloten?

Wichtige Begriffe zur Jesuszeit
Apokryphen Die "verborgenen", nichtkanonischen Evangelien wie das Thomasevangelium, das Petrusevangelium oder das Geheime Markusevangelium sind zunehmend Gegenstand der Forschung, liefern aber nur wenig Material für die Rekonstruktion des historischen Jesus und haben so die Erwartungen enttäuscht, nun die ganze Wahrheit über den Mann aus Nazareth zu erfahren. Die gnostisch inspirierten Texte enthalten keine zusammenhängende Erzählung vom Leben Jesu, sondern Sprüche, Dialoge oder einzelne Episoden. Die Jesusaussprüche des Thomasevangeliums gehören indes einer sehr frühen Überlieferungsschicht an. Die Quellen wurden zumeist als Fragmente auf Papyrus im 19. Jahrhundert oder später entdeckt.
Gnostiker Anhänger einer nichteinheitlichen Religionsbewegung mit Geheimlehre. Ihr Zentrum lag im östlichen Mittelmeerraum, ihre Blüte im 2./3. Jahrhundert n. Chr. Die Erlösungslehre beinhaltete ein exklusives "Wissen um göttliche Geheimnisse". Der geistige Kern ("pneuma") des Menschen galt als Teil einer göttlichen Substanz, eingebettet in ein kosmisches Geschehen, einen Dualismus von finsteren Mächten und göttlichem Lichtreich. Der Mensch sollte aus seinem doppelten Gefängnis von Leib und Welt errettet und mit seinem himmlischen Ursprung wiedervereinigt werden. Seit dem 17. Jahrhundert entdeckte man zahlreiche gnostische Schriften. Den größten Fund machte man aber erst 1945 im ägyptischen Nag Hammadi. Dort wurde eine 53 Schriften umfassende gnostische Bibliothek mit apokryphen Texten wie dem Thomasevangelium gefunden.
Heidenchristen Die frühen nichtjüdischen Christen, die im Zuge der Missionierung der hellenistischen Umwelt bekehrt werden. Anders als die Judenchristen waren sie nicht den rituellen Vorschriften der Tora verpflichtet. Ihnen war es leichter möglich, den strengen jüdischen Monotheismus aufzuweichen und Jesus als Gottes Sohn zu begreifen. Nach der Tempelzerstörung im Jahr 70 gewannen sie zunehmend an Gewicht. Doch erst ab Mitte des 2. Jahrhunderts kam es zur vollständigen Trennung des Christentums vom jüdischen Ursprung.
Herodianer Als Anhänger Herodes' des Großen (um 73 bis 4 v. Chr.) unterstützen die Herodianer dessen Politik der Hellenisierung. Unter Herodes wurde der Jerusalemer Tempel grundlegend umgebaut und erweitert. Im ganzen Land entstanden außerdem prachtvolle Bauwerke, und die Stadt Cäsarea wurde zu Ehren des Augustus gegründet. Die herodäischen Klientelfürsten sorgten seit etwa 40 v. Chr. auch für die Einziehung von Steuern; damit unterstand hier kein Jude direkter römischer Herrschaft. Dies entschärfte einen Konflikt der Juden Palästinas, für die eine direkte Steuerzahlung an die Römer als Götzendienst galt. Seit den zwanziger Jahren wandten sich oppositionelle Erneuerungsbewegungen wie die Johannes' des Täufers und weiterer Propheten gegen den vom traditionellen Judentum entfremdeten Lebensstil der Herodianer.
Hohepriester Einst von den Königen selbst ausgeübtes Amt, das zum politischen Titel geworden war. Seit Hero-des I. durfte der König als Vasall der Römer die Hohepriester ernennen und absetzen. Berühmt-berüchtigt ist der Hohepriester Kaiphas, der von 18 bis 36 amtierte und laut Johannes' römerfreundlicher Passionsgeschichte Jesu Auslieferung an die Römer betrieb (siehe Prozess). Bei der Ausübung von Gewalt und der Durchsetzung von Ansprüchen waren die Hohepriester aber von den Römern abhängig, ohne die sie nicht agieren konnten. So war Kaiphas vom römischen Präfekten berufen; seine relativ lange Amtszeit von 18 Jahren deutet auf eine machtpolitisch erfolgreiche Amtsführung hin.
Judenchristen Alle aus dem Judentum stammenden Christgläubigen; das heißt, eigentlich alle Christen der Anfangszeit waren Judenchristen. Anders als ihre jüdischen Glaubensgenossen bekannten sie sich zu Jesus als Messias. Im engeren Sinn diejenigen Christgläubigen, die eine jüdische Theologie und Lebensführung, also die Einhaltung der Gesetzesvorschriften wie Beschneidung, Speisevorschriften und Sabbatruhe, für unverzichtbar halten.
Leben-Jesu-Forschung Als Begründer der historischen Jesusforschung gilt Hermann Samuel Reimarus (1694 bis 1768), der erkannte, dass man zwischen der zeitgenössischen Verkündigung Jesu, die nur aus dem ursprünglichen jüdischen Kontext zu verstehen ist, und dem späteren Christusglauben der Apostel unterscheiden müsse. Albert Schweitzers Fazit der "Leben-Jesu-Forschung" von 1906 lautete: Jede Epoche schafft sich den Jesus, der ihr am besten passt. David Friedrich Strauß (1808 bis 1874) sah Unhistorisches und Widersprüche der Evangelien als Produkt einer mythischen Imagination, der "absichtslos dichtenden Sage". Er erkannte als Erster, dass das Johannesevangelium theologisch stark überformt und deshalb weniger zuverlässig ist als die übrigen Evangelien. Andere Forscher wiesen den tendenziösen Charakter auch der älteren Evangelien nach. Gemeindebedürfnisse, nicht historische Genauigkeit bestimmten deren Jesusüberlieferungen. Rudolf Bultmann sieht daher das Zentrum der Theologie des Neuen Testaments in der Verkündigung des auferstandenen Christus. Erst ab Mitte des 20. Jahrhunderts wandte man sich wieder dem historischen Jesus zu, verbunden mit starkem sozialgeschichtlichen Interesse.
Leviten In neutestamentlicher Zeit sollten sie wie die Priester das Volk in der toragemäßen Lebensführung unterweisen, was ihnen zunehmend von den Pharisäern und Sadduzäern streitig gemacht wurde. Sie waren Kultdiener am Herodianischen Tempel. Nach der Apostelgeschichte gehörte auch ein Levit zu den Judenchristen.
Messias Ein Gesalbter, griechisch "christos" - ein Gott geweihter Mensch, ein Rang, der ursprünglich nur Königen, Hohepriestern und Propheten vorbehalten war. Allerdings gab es im Judentum zur Zeit Jesu keine einheitlichen Messiasvorstellungen, vielmehr die unterschiedlichsten endzeitlichen Erwartungen. So hofften die Pharisäer auf einen Erretter aus dem Geschlecht Davids, die Essener hingegen erwarteten die Ankunft einer priesterlichen Gestalt, den "Gesalbten Aarons". Jesus versteht sich laut Markusevangelium als Messias, obwohl er sich selbst so nicht bezeichnet, nur die Frage danach bejaht. Auch andere Titel wie "Sohn Gottes", "Rabbi", "Prophet", "Sohn Davids", "Heiland" oder "Herr" werden Jesus zugeschrieben. Als "Menschensohn" und "Diener" bezeichnet er sich im Neuen Testament nur selbst, niemand spricht ihn so an.
Pharisäer Die Bezeichnung kommt wahrscheinlich vom hebräischen "paroschim", was "Spalter" und "genau Unterscheidende" bedeutet. Die Pharisäer standen dem Volk näher als die Sadduzäer. Der Überlieferung der Väter und der Tora folgten sie mit größter Genauigkeit, versuchten aber, sie im Alltag praktikabel zu machen. Josephus (siehe Quellen) erwähnt neben erleichternden Bestimmungen, die die Pharisäer "eingeführt" hätten, aber auch Verschärfungen. Es erscheint widersprüchlich, dass sich Jesus besonders an ihnen reibt, obwohl sie seiner toleranteren Einstellung etwa zum Ritus am nächsten kamen, so etwa in der Frage, was am Sabbat erlaubt ist. Jesus steht mit ihnen im Dialog, in der Passionsgeschichte treten sie als seine Gegner zurück.
Prozess Jesu Noch 1951 sah Josef Blinzler die Passionsdarstellungen des Prozesses als historisch glaubwürdige Berichte an. Jesus habe sich durch seine Tempelkritik und seinen Messiasanspruch der Blasphemie schuldig gemacht, was in jüdischen Kreisen zu Todfeindschaft und Vernichtungswillen um jeden Preis geführt habe. Mit dieser Darstellung bekräftige Blinzler den antijüdischen Gottesmordvorwurf. Mehr als umstritten ist heute, inwieweit die Darstellungen der Verurteilung durch den Hohepriester in der Passionsgeschichte historisch sein können und ob die Juden zur Zeit Jesu überhaupt Kapitalgerichtsbarkeit besaßen. Die Darstellung in den Evangelien ist tendenziös. Die Römer (Pontius Pilatus) hatten zwar kein religiöses, aber ein politisches Motiv für die Kreuzigung eines potentiellen Königsprätendenten und Unruhestifters in Palästina.
Quellen Die Briefe des Paulus aus den Jahren 50 bis 60 n. Chr. bilden die ältesten Schriftzeugnisse über Jesus. Die Evangelien als Hauptinformationsquellen entstanden später, zwischen 70 und 100. Die Evangelien nach Markus, Matthäus und Lukas heißen "synoptische Evangelien", weil sie eng zusammenhängen, wobei nach der "Zweiquellentheorie" das Markusevangelium für die beiden anderen als Vorlage diente. Eine weitere ist die sogenannte Logienquelle oder Quelle Q, eine für das damalige Judentum typische Sammlung von Worten und Sprüchen Jesu, die auf 40 bis 50 n. Chr. datiert wird, aber nicht erhalten ist. Sie enthält keinen Bericht über sein Leiden und Sterben. Das Johannesevangelium entfernt sich weit von der Jesusdarstellung der synoptischen Evangelien, sein historischer Gehalt wird daher niedriger eingeschätzt. Auch nichtchristliche Quellen wie der jüdische Historiker Josephus Flavius und die römischen Historiker Sueton und Tacitus bekräftigen durch Berichte oder beiläufige Erwähnungen, dass Jesus gelebt hat, liefern aber vom Neuen Testament abweichende Details.
Qumran Zwischen 1947 und 1956 wurden in den Höhlen bei Khirbet Qumran nahe dem Toten Meer Schriften und archäologische Hinweise entdeckt, die die Existenz der Essener vermuten ließen. Die jüdische Sondergruppe wird zwar in antiken Berichten des Josephus und Plinius' d. Ä. wohlwollend erwähnt, nicht aber im Neuen Testament direkt genannt. Nach der Amtsenthebung eines kultisch strengen Hohepriesters spalteten sich besonders strenggläubige Juden um etwa 120 v. Chr. von der Jerusalemer Tempelpriesterschaft ab. In Fragen der Ritustreue nahmen sie eine radikale Haltung ein; darüber stritten sie mit den Pharisäern. Als dritte "Religionspartei" neben Sadduzäern und Pharisäern markieren sie einen Bruch innerhalb des Judentums. Schon wegen der Geheimhaltung ihrer Lehren lieferten sie Stoff für wilde Spekulationen - so wurde Jesus schon zum Essener und die Qumrangemeinschaft zur christlichen Urgemeinde erklärt. Tatsächlich verbindet sie zwar die Hoffnung auf den baldigen Anbruch der Gottesherrschaft, doch den für die Essener typischen kultischen Rigorismus und eine Absonderung der Reinen von der Masse lehnte Jesus ab.
Sadduzäer Die Bezeichnung stammt vermutlich von Zadok als Stammvater der Jerusalemer Priesteraristokratie. Sie sind laut Josephus eine der "Religionsparteien" und die einflussreichste Gruppe im Synhedrion, dem jüdischen Hohen Rat unter dem Vorsitz des Hohepriesters. Die Sadduzäer sind aber keine Theologen, sondern Politiker, sie stehen mit großer Sicherheit der herrschenden hellenistischen Kultur nahe. In Glaubensfragen halten sie sich treu an das in der Tora Überlieferte. Mit den Pharisäern ringen sie um das Recht, das Volk im toragemäßen Lebenswandel zu unterweisen. Jesus sieht sich in großer Distanz zu den konservativen Sadduzäern, etwa bei der Diskussion um die Auferstehung der Toten, eine Vorstellung, die sie strikt ablehnen.
Samaritaner Unter Alexander dem Großen hatte sich Samarien kultisch von den anderen Juden getrennt und einen eigenen Tempel auf dem heiligen Berg Garizim errichtet; sie stützen sich in ihrem Glauben allein auf die fünf Bücher Mose und lehnen religiöse Neuerungen, wie die Pharisäer sie vertraten, ab. Im Neuen Testament begegnet Jesus mehrfach Vertretern dieser selbständigen religiösen Gruppe, ihr entstammt auch der barmherzige Samariter aus dem berühmten Gleichnis.
Schriftgelehrte Im Judentum bezeichneten sie religiöse Lehrer. Im Neuen Testament erscheinen sie als homogene Gruppe, sie sind es aber tatsächlich nur im Gegensatz zu Jesus. So kann ein Schriftgelehrter etwa ein Pharisäer sein, aber auch keiner religiösen Richtung angehören. Auch Jesus und Johannes der Täufer sind in ihrer Funktion als jüdische Lehrer ("Rabbi") Schriftgelehrte im weiteren Sinn. Mit der rabbinischen Formel "Ich aber sage euch" setzt sich Jesus von anderen Schriftgelehrten ab.
Sikarier Zelotische Extremisten, die in der Zeit nach Jesu Tod laut Josephus als "Dolchmänner" römische Einrichtungen überfielen und sowohl jüdische Kollaborateure des römischen Systems als auch den amtierenden Hohepriester ermordeten.
Weise aus dem Morgenland Die Bibel erzählt nicht von Heiligen Drei Königen, wie es im Volksglauben verbreitet ist, sondern von Magiern (griechisch "magoi") oder Sterndeutern. In der Weihnachtsgeschichte bei Matthäus bringen sie dem Jesuskind Gold, Weihrauch und Myrrhe. Die Namen Kaspar, Melchior und Balthasar werden erst ab dem Mittelalter geläufig. Nach dem antiken Schriftsteller und Philosophen Apuleius (2. Jh.) bezeichneten Magier zunächst persische Priester, die für die Erziehung der Prinzen zuständig waren. Sie verfügten über ein besonderes, geheimes Wissen, wohl deshalb wies man ihnen auch Zauberkräfte zu. Für die drei Weisen an Jesu Krippe gibt es keine historischen Belege.
Zeloten Die jüdischen Eiferer (von griechisch "zelotes") bildeten ei-ne Widerstandsbewegung gegen die Römer. Ihre politischen Rebellen verweigerten jede Herrschaft außer der Gottes. Sie sahen sich direkt von ihm gesandt, um seine Königsherrschaft im Dies-seits zu errichten. Die Zeloten kämpften zunächst in kleinen Zellen gegen Rom und seine Vasallen, die Herodianer, bis zum Aufruhr und offenen Krieg gegen Rom. "Simon der Zelot" war ein Jünger Jesu. Beim Geschichtsschreiber Josephus tauchen Zeloten dagegen erst nach Jesu Tod unmittelbar vor Ausbruch des Jüdischen Krieges ab dem Jahr 66 als "vierte Philosophenschule" und bewaffnete Widerstandskämpfer in Jerusalem auf, die in Konflikt mit der aristokratischen, Rom-freundlichen Priesterschaft stehen. Nach älterer Forschung wurden die Zeloten vom jüdischen Freiheitskämpfer Judas Galilaios gegründet, der schon 6 n. Chr. zur Verweigerung von Steuerzahlungen an die Römer aufrief; die neuere Forschung sieht sie loser als eine Bewegung. Viola Broecker

SPIEGEL GESCHICHTE 6/2011
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