31.01.2012

Zwei oder drei Halleluja

Die russisch-orthodoxe Kirche war von jeher erzkonservativ. Elend und Knechtschaft rechtfertigte sie als gottgewollt.
Am dritten Fastensonntag geschah Ungeheuerliches auf Moskaus Straßen: Isidor, der geistliche Oberhirte der russischen Christenheit, kehrte mit Gefolge aus dem Ausland zurück, und die letzten Werst bis zum Kreml ließ er sich ein lateinisches Kreuz voraustragen. Dazu, nach römischem Brauch, drei silberne Stöcke.
Schon von unterwegs empfahl sich der heimkehrende Metropolit mit neuem Titel auch als "Legatus des apostolischen Stuhls in Polen, Litauen und Deutschland". Dabei verhieß er das Ende der Trennung zwischen "morgenländischer Kirche" und "Lateinern", predigte beider künftige Union und versprach einen Kompromiss in so wichtigen Glaubensfragen wie jener, ob Christi Leib nur "im sauren Brote" (wie bei Griechen und Russen) oder auch "in süßem Teig" (wie bei den Römisch-Katholischen) empfangen werden dürfe.
Der 61-jährige Isidor kam vom Konzil aus Florenz: einem großen, über Jahre und durch mehrere Städte sich hinziehenden Kirchenpalaver, bei dessen Abschluss Papst Eugen IV. glauben durfte, er habe den Vatikan wieder an die Spitze einer geeinten Kirche zurückverhandelt. Für solche Beute schien es vertretbar, die Gleichwertigkeit östlicher wie westlicher Rituale anerkannt zu haben.
Doch die Architekten der Einheit hatten ihre Rechnung ohne Wassilij II. Wassiljewitsch gemacht: Dieser nicht eben helle Großfürst von Moskau und Wladimir, der schon als Zehnjähriger auf den Thron gelangt war, mochte sich nicht an neumodischen Kirchenkram gewöhnen. Und auch die Befehlsgewalt über seinen Oberpopen wollte er nicht mit dem Krummstab-Träger im fernen Italien teilen. Deshalb befahl Wassilij, den ökumenisch bewegten Isidor wegen Ketzerei standesgemäß hinter Klostergitter zu setzen, nachdem er es im Gottesdienst auch noch gewagt hatte, den Namen des Papstes vor dem seines Landesherrn zu nennen.
Das alles geschieht im Jahr 1441: In England hat Heinrich VI. gerade Eton College gegründet. In weniger als hundert Jahren wird der Deutsche Martin Luther die katholische Kirche in ihren ideologischen Angeln quietschen lassen. Und Ostrom hat keine 15 Jahre mehr vor sich, bevor es die Osmanen hinweg-fegen.
Doch noch ehe das Kreuz auf der Krönungskirche oströmischer Kaiser gekappt und gegen den Halbmond ausgetauscht wird, erhebt 1448 eine Synode zu Moskau erstmals einen Russen ohne Zustimmung aus "Zargrad" (Konstantinopel) zum Metropoliten: Die Wahl fällt auf Ion, den Bischof von Rjasan und Murom. Die orthodoxe Kirche Russlands ist von nun an autokephal, das bedeutet unabhängig.
Von der slawisch-griechischen Achse bleibt dem russischen Volk allein der orthodoxe Glaube, dazu die einenden Buchstaben der missionarischen Mönchsbrüder Kyrill und Method. Die Ursprünge seiner Religion haben sich längst im Dunkel von Legenden, Sagen und Apokalyptik verloren: Selbst ausgesucht hätten sich danach die Herrscher von Kiew die prunkvolle byzantinische Variante des Christuskultes.
Doch die schönen Märchen drapieren selten mehr als handfeste Machtinteressen: Die Großfürsten von Kiew gieren im 10. Jahrhundert nach internationaler Aufwertung. Die oströmischen Kaiser, feinster Adel der damaligen Welt, brauchen Verbündete gegen die aufrührerischen Bulgaren: Eine Ehe zwischen Anna, der "purpurgeborenen" Schwester Basileios' II., und dem barbarischen Großfürsten Wladimir von Kiew verspricht eine elegante Lösung beider Probleme. Nur muss der Heide bis zur Vermählung seinem Gewittergott Perun abgeschworen haben: Im Januar 988 empfängt Wladimir die Taufe (und den Taufnamen Wassilij), Ende Mai desselben Jahres steigen seine Untertanen in den Dnjepr und erbaden sich kollektiv eine unsterbliche Seele. Im Sommer wird geheiratet.
Die russische Kirche bewahrt seitdem durch alle Zeitläufte hindurch oftmals nur um des Bewahrens willen. Sie ist aller Konservativen natürlicher Verbündeter und ebenso verlässlich allen Veränderungen feind. Fremde aus dem Westen gelten ihr, so der habsburgische Diplomat Siegmund Freiherr von Herberstein 1516 sichtlich getroffen, als "nicht rechtgläubig und als Schismatiker, so hassenswert wie die Mohammedaner".
Eine weitere Nachricht des Wiener Freiherrn, die russischen Metropoliten nähmen ihre "gwalt von dem Patriarchen zuo Constantinopl", wird rasch überholt: Bereits 1588 erhandelt Boris Godunow die vollständige kirchliche Unabhängigkeit.
Moskau "und das ganze russische Zartum" erhalten nun einen eigenen Patriarchen; die Ausbildung einer russisch-orthodoxen Staatskirche findet damit auch ihre formale Bestätigung: Die mal mythisch, mal imperialistisch genutzte Formel von Moskau als Drittem Rom gehört von nun an ins Arse-nal jeder expansiven Herrschaft in Russland.
Die "Zeit der Wirren" mit ihren falschen Zaren, polnischen Marionetten und Usurpatoren lockt auch den höheren Klerus ins Spiel um die politische Macht (siehe Seite 30). Noch als weltlicher Adelsmann probt Fjodor Nikititsch Romanow den Aufstieg, wird jedoch vom Wahl-Zaren Godunow kaltgestellt und unter dem Mönchsnamen Filaret ins Kloster verbannt. Nach Godunows Tod macht ihn der erste Pseudo-Dmitrij 1606 zum Metropoliten von Rostow. Zwölf Jahre später ist er bereits Patriarch, geweiht vom durchreisenden Jerusalemer Oberhirten, und nimmt neben seinem 23-jährigen Sohn Michail auf dem Zarenthron Platz: für 14 Jahre, als "velikij gosudar", Groß- und Doppelherrscher über Kirche und Reich. Filaret, der umtriebige Mann im Kirchenpelz, wird zum Stammvater der Romanows, die bis 1917 regieren.
Wachsende Widersprüche zwischen Asketen und Mitläufern entladen sich wenige Jahrzehnte später in einem bis heute nicht überwundenen Schisma: Als Patriarch Nikon in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts rituelle Rückkehr zu den griechischen Ursprüngen verlangt und der Zar diese Reform forciert, verweigert der im Norden Russlands einflussreiche Kloster-Klerus den Gehorsam: Die altgläubigen "Raskolniki", die Spalter, bestehen darauf, ihr Kreuz weiter mit zwei geraden und drei gekrümmten Fingern zu schlagen und nur zwei Halleluja zu singen statt drei. Sie verfluchen die Neuerer - und werden selbst verdammt, verfolgt, gefoltert. Sie enden nicht selten im Feuer wie der Protopope Awwakum, ihr standhaftester Bekenner.
Erst Peter I., sechster Romanow auf dem Moskauer Thron, stößt die hinderliche Kirche beiseite: Er schneidet den Bojaren die fettigen Bärte ab und befreit die Staatsräson von sakralen Fesseln. Volkswohl wird, bei aller autokratischen Beschränktheit, sein imperiales Credo. Die Nebenregentschaft der Kirche beseitigt er ebenso wie ihre Finanzhoheit: An die Stelle der Patriarchen tritt ein Kollegialorgan, der "Heilige Synod" mit dem vom Zar ernannten Oberprokuror an der Spitze. Die Kontrolle der Kirchengüter versieht ein Klosteramt, das jedoch schon 1720 aufgelöst wird.
1722 befiehlt Zar Peter den Dragoner-Obristen Iwan Boltin nach St. Petersburg. Dessen neues Kommando lautet, künftig Bischöfe, Erzäbte (Archimandriten) und Äbte (Igumene) auf Trab zu bringen, ihnen die Korruption auszutreiben und sie auf die neue Ordnung einzuschwören: Staatsdienst vor Gottesdienst.
Freilich: Der Wille des Herrschers als absolutes Gesetz, die Kirche als sein Werkzeug, die Bibel wichtiger als Traditionsrituale - das ist zu viel der Aufklärung und jedenfalls mehr, als Altgläubige, aber auch der konservative Mehrheitsklerus ertragen mögen. Hinzu kommt massive Reglementierung: Klöster werden verpflichtet, abgediente und kranke Soldaten zu unterhalten, Schulen für Waisen einzurichten, keine Mönche unter dreißig und keine Nonnen unter sechzig zu rekrutieren.
Aus Sicht der Raskolniki ist Peter der Große bis in die Gegenwart der "Sohn des Beelzebubs". Aber auch die Hierarchen der Staatskirche ertragen sein Regiment nur murrend. Der ideologische Grabenkampf zwischen Westlern und Slawophilen, zwischen Erneuerern und Traditionalisten, zwischen Austausch und Abschottung, der in Russland seither regelmäßig Mobilmachung erfährt - hier werden seine Konturen erstmals deutlich sichtbar. Die orthodoxe Kirche ist daran stets beteiligt, oft als Täter, seltener als Opfer. So wird ihre nach innen gewandte, auf Meditation, Fasten und Läuterung gerichtete Facette unter Katharina II. für kurze Zeit Exportgut in Sachen Mission: Zunächst nach Sibirien, später über die Beringstraße nach Alaska ziehen geistlich wie physisch starke Mönche aus Nordrusslands Klöstern.
Wie bei der englischen Konkurrenz sind sie das kollektive Feigenblatt vor der brutalen Landnahme durch kolonialistische Abenteurer und Pelztierjäger. Aber anders als ihre anglikanischen Brüder verbünden sich russische Missionare rasch mit ihren Taufkindern gegen die Ausbeuter der Russisch-Amerikanischen-Kompagnie: "Sie missbrauchen Ehefrauen und deren junge Töchter, sie bringen alle um, die nicht für sie auf Seeotter-Jagd gehen wollen", berichtet Mönch Makarij Ende des 18. Jahrhunderts nach St. Petersburg. Auf Unterstützung wartet er vergebens.
Im russischen Mutterland ist die Kirche zu diesem Zeitpunkt längst wieder sicherer Hort der Reaktion. Von Volk und Intelligenzija ebenso isoliert wie von geistigen Strömungen der Zeit, lehnt sie jegliche Reformen ab. Auf die rasante Verarmung ihrer Schutzbefohlenen reagiert sie kaum mit sozialen Werken, dafür umso öfter mit Rechtfertigung auch ärgster Ausbeutung und Leibeigenschaft als gottgewollt.
Ein eindrucksvolles Beispiel für die intellektuelle Verelendung der Staat wie Kirche tragenden Kaste bietet die Biografie des Juristen Konstantin Pobedonoszew. Der Spezialist für bürgerliches Recht gilt mit seinen Forderungen nach einer liberalen Justizreform zunächst als große Hoffnung der aufgeklärten Moskauer Studentenschaft - bis er nach Petersburg befohlen und dort mit der Erziehung des Zarewitsch, des späteren Zaren Alexander III., betraut wird. Dessen Vater, Reform-Zar Alexander II., belohnt ihn noch kurz vor seiner Ermordung mit der Würde des Oberprokurors.
25 Jahre lang, die gesamte Amtszeit seines Zöglings und die halbe des letzten russischen Zaren Nikolai II. dazu, wird Pobedonoszew nun den Heiligen Synod in eine Agentur für Obskurantismus und Fortschrittsfeindlichkeit verwandeln. Er predigt "unerschütterliche Selbstherrschaft", organisiert eine Geheimgesellschaft und hetzt gegen die Juden: Von denen, so hofft er, werde ein Drittel "sterben", ein weiteres Drittel "auswandern" und der Rest "im russischen Volk völlig assimiliert werden".
Diese Anschauung von der Welt ist längst kirchliche Hauptströmung. In gewisser Weise hat Pobedonoszew nur die ebenfalls über ein langes Leben gestreckte Wende des 40 Jahre jüngeren Goethe-Freundes Sergej Uwarow nachvollzogen. Der führt als 30-Jähriger im von ihm mitbegründeten Dichterkreis Arsamas aufmüpfige Reden und drangsaliert drei Jahrzehnte später den armen Alexander Puschkin: Als Minister für Volksaufklärung und Chef der Zensurbehörde verschreibt er seiner polit-orthodoxen Klasse eine "nationale Idee", die aus der tristen Triade Rechtgläubigkeit, Autokratie und Volkstümlichkeit besteht.
Der schlichte Dreisatz vermag aus dem zaristischen Völkergefängnis keinen identitätstiftenden Staat mehr zu machen. Die Monarchie schlittert ihrem Ende entgegen - halb getrieben, halb gebombt. Und die Kirche der Rechtgläubigen ist ihr auf diesem letzten Wege weder Stecken noch Stab. Am Ende hat sie die Herrschaft - oder die Herrschaft sie - auf das Zerrbild des quacksalbernden Wanderpredigers Grigorij Rasputin reduziert, über den das Volk nur rätselt, ob er wohl mehr Zeit am Bett des kranken Kronprinzen verbringt oder im Bett der Zarin.
Als 1917 die bürgerliche Revolution frischen Wind in diese Gruftgemeinschaft von Thron und Kirche bläst und Nikolais II. zum Abdanken zwingt, erhält die organisierte Orthodoxie noch einmal eine Chance. Selten zuvor verfügten Christi Stellvertreter in Russland über größeren Spielraum, die Stellung zwischen ihrem himmlischen Herrn und den Gläubigen neu zu bestimmen. Kaum jemals sind sie freier gewesen von staatlicher Macht als zwischen März und November 1917. Und sie nutzen die kurze Zeit zur Neuorientierung: durch die Wahl eines neuen Patriarchen, durch mehr Selbstverwaltung und größere Autonomie der Gemeinden.
Aber die Galgenfrist ist zu kurz. Lenins Bolschewiki geben die Kirche als konterrevolutionäre Organisation zum Abschuss frei - bis der Priesterseminarschüler Josef Stalin sie unter den segnenden Händen seiner Geheimdienstler reaktiviert, zum Kampf gegen die Hitler-Truppen. Das kirchliche Personal wird zu einer Art Hilfstruppe der atheistischen Staatsmacht.
BPK
Von Jörg R. Mettke

SPIEGEL GESCHICHTE 1/2012
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