31.01.2012

Der Wille zur Macht

Katharina die Große war als strenge Herrscherin bewundert und gefürchtet. Sie spielte mit den Ideen der Aufklärung, blieb aber absolute Kaiserin.
Tag der Entscheidung, ein Freitag, der 9. Juli 1762. Schon ganz früh steht über der russischen Hauptstadt St. Petersburg die Sonne prall am wolkenlosen Himmel. Es scheint, als wäre sie gar nicht untergegangen. Weiße Nächte, so heißt die Zeit der Sommersonnenwende, in der die Abend- und die Morgendämmerung kaum merklich ineinander übergehen.
Wieder einmal hat sich Peter, der Kaiser, der Zar, allein ins knapp 40 Kilometer entfernte Oranienbaum verzogen, und wieder einmal hat er über die Maßen getrunken. Peter ist Deutscher, ein Mann aus Holstein; die Russen, das Volk, über das er herrscht, sind ihm fremd. Die Preußen, die verehrt er, trägt am liebsten deren blaue Uniform.
Ein ewiger Junge, der lange mit Soldatenfiguren aus Holz und Blei spielte, bildungsfaul, jähzornig. "Er ist eine Missgeburt", sagte seine Tante voller Verachtung, "der Teufel möge ihn holen."
Auch Peters Frau stammt aus Deutschland. Katharina ist intelligent, klug, emanzipiert, sie schmökert in lateinischen und griechischen Klassikern, liest Montesquieu und auch Voltaire, dessen Werke "mein Gemüt und meinen Geist geformt haben". Schon als Teenager behauptete sie, ein "philosophischer Kopf" zu sein. Schnell lernte sie Russisch, weil "ich Russin sein wollte, um von den Russen geliebt zu werden". Was ihr gelingt, obwohl sie ihr Leben lang mit deutschem Akzent spricht. Sie geht in ihrem neuen Glauben auf, der orthodoxen Lehre, Peter hingegen ist verkappter Lutheraner.
Katharina hat die helle Juli-Nacht im "Monplaisir" verbracht, einer klei-nen Villa auf dem Gelände von Schloss Peterhof, wie Oranienbaum Sommersitz der kaiserlichen Familie am Saum der Ostsee. Um sechs Uhr lässt ein Offizier der kaiserlichen Garden, ein Elitekämpfer, sie wecken. Der narbengesichtige Hauptmann Alexej Orlow mahnt zur Eile: "Alles ist fertig für die Proklamation."
Ein Satz, der klingt wie ein Code. Proklamation - das heißt, Katharina auf den Thron zu heben und den Kaiser abzusetzen. Coup d'état, Staatsstreich, ein Verbrechen, beschlossen aus Gründen der Staatsräson.
Peter III. ist erst seit einem halben Jahr Zar aller Reußen und hat bereits eine starke Opposition gegen sich aufgebracht. Den Militärs missfällt vor allem seine offen zur Schau gestellte Preußenliebe; Peters Spruch, General in Preußen zu sein sei ehrenvoller als Imperator in Petersburg, muss als böse Entgleisung gelten. Und dann sein Befehl, russische Soldaten in einen Krieg gegen Dänemark zu hetzen - um die Interessen des Hauses Holstein durchzusetzen, Interessen seines Hauses. Ein Privatkrieg also, bald soll Abmarsch sein.
Das ist zu viel. Dieser Herrscher muss weg.
Nur seine Frau kommt für die meisten der Verschwörer als Nachfolgerin in Frage. Katharina hat ihre eigenen Gründe. Erst kürzlich kanzelte Peter sie in aller Öffentlichkeit ab, eine "dura" sei sie, eine dumme Gans, ein dummes Frauenzimmer. Und sie ist überzeugt davon, dass er sie verstoßen will, um seine Geliebte zu heiraten.
Überraschend schnell gelingt es Katharina, alle vier Regimenter der kaiserlichen Garden auf ihre Seite zu ziehen; Soldaten nennen sie "Mütterchen", küssen ihr die Hände und den Rockzipfel. Bald sind auch Senat und Kirchenobere vom Segen des zügigen Machtwechsels überzeugt. Am Abend des 9. Juli, nicht einmal 12 Stunden nach ihrem Aufbruch aus Monplaisir, ist Katharina Russlands neue Kaiserin.
Der Ex-Zar, aus dem Amt gejagt "wie ein Kind, das man ins Bett schickt" (Preußens Friedrich II.), kommt unter Hausarrest. Sieben Tage später ist er tot - wahrscheinlich vergiftet und vielleicht, sicherheitshalber, erdrosselt. Katharina klagt, ihre "Abscheu" sei "unaussprechlich, dieser Tod ist ein Schlag, der mich zu Boden wirft". Den Mord hat sie weder in Auftrag gegeben noch von ihm gewusst, und doch profitiert sie davon.
Aus taktischem Kalkül lässt sie verbreiten, der Gatte sei trotz intensiver ärztlicher Hilfe an einer "äußerst akuten Kolik" gestorben, die das Gehirn angegriffen und zu einem Schlaganfall geführt habe. So steht am Anfang ihrer Herrschaft, die 34 Jahre lang dauern sollte, eine Lüge. Die allerdings schnell verblasste; Katharina gelang es, dieses Reich, das am Ende größer war als das Imperium Romanum in der Hochphase, überhaupt regierbar zu machen.
Und sie schaffte es, ihr Land auf Abstand zu bringen zu den asiatischen Despotien. "Russland", wird sie sagen, "ist eine europäische Macht."
Ein gewaltiges Wort. Und von sich selbst zeichnete sie das Bild einer mustergültig aufgeklärten Herrscherin. Doch dies, urteilt der Russland-Kenner Reinhold Neumann-Hoditz, sei reines Posieren gewesen, "mit Blick auf Westeuropa". Der Adel, den sie nach der Machtübernahme beständig hofieren musste, blieb allzu mächtig. Letztlich steigerte sie die Macht der fürstlichen Familien noch, obschon sie anderes versprochen hatte.
Und die Lage der Bauern, die die Hauptlast der Steuerbürde zu tragen hatten und weitgehend rechtlos blieben, verschlechterte sich - allen gegenteiligen Bekundungen zum Trotz.
Historiker haben Katharina deswegen eine Heuchlerin genannt und zugleich anerkannt, dass sie sich um Russland verdient gemacht hat. Schon fünf Jahre nach dem Umsturz bot ihr die "Gesetzgebende Kommission", ein Reformkonvent, einen besonderen Beinamen an, den bis dahin nur bedeutende Männer der Weltgeschichte getragen hatten. Katharina lehnte ab, weil sie es der "Nachwelt überlassen" wollte, "unparteiisch zu beurteilen, was ich getan habe".
Der vorgeschlagene Titel war hochmögend - "die Große".
Das Fürstentum Anhalt-Zerbst gehörte zu den kleinen Territorien des Alten Reichs, gerade mal 20 000 Menschen lebten hier als Nachbarn des mächtigen Preußen. Die anhaltinischen Herrscher entstammten dem Geschlecht der Askanier, und diese Herkunft konnte stolz machen. Hochadel mit einer jahrhundertelangen Tradition, vom Alter her ebenbürtig den Staufern und Welfen; die Habsburger und die Hohenzollern traten erst später auf die Bühne Deutschlands und Europas.
Sophie war Askanierin, Sophie Auguste Friederike, Prinzessin von Anhalt-Zerbst, geboren 1729 im pommerschen Stettin, wo ihr Vater dem preußischen König als Kommandant diente. Als sie sieben war, verkrümmte sich nach einem Sturz ihr Rückgrat, vermutlich als Folge einer Brustfellentzündung. Mehrere Jahre trug sie ein Korsett, angefertigt ausgerechnet vom Henker der Stadt - ein Arzt war zu teuer. Es muss eine quälende Zeit gewesen sein, bis sie wieder gesund war, "eine Lehre in Demut und Geduld", schreibt der britische Historiker Vincent Cronin.
Das Mädchen galt nicht unbedingt als Schönheit, ihr Kinn stand so weit vor, dass Sophies Erzieherin sie mahnte, es einzuziehen, sonst würde sie noch jemanden damit erstechen. Dennoch hatte sie genügend Verehrer, und sie wusste genau, wohin sie wollte. "Obwohl ich noch ein Kind war", sagte sie, habe ihr vor allem eines geschmeichelt - "der Titel einer Königin".
Im September 1745 fand die Hochzeit mit Peter statt, dem designierten Nachfolger der Zarin Elisabeth, eingefädelt von Friedrich, dem "Alten Fritz", der Russlands Bedeutung früh erkannte. Peter war ihr Cousin zweiten Grades. Offiziell hieß sie nun Jekaterina Alexejewna. Er war 17, sie 16, ein allzu junges Paar. "Wir kannten nie unter uns die Sprache der Zärtlichkeit. Es war doch wohl nicht meine Sache, sie in Gang zu bringen", echauffierte sich Katharina. Ehrlich gab sie aber zu, ihr sei "an der russischen Krone mehr" gelegen gewesen "als an seiner Person".
Königin, Krone, Kaiserin - ehe sie dann ihren Mann stürzte, hatte sie 17 Jahre lang, demütig und geduldig, als Großfürstin an der Seite Peters gelebt. Einmal nannte er sie "schrecklich bösartig und sehr eigensinnig".
Und sie gebar drei Kinder, Peter war jedoch wohl weder der Vater von Paul noch von Anna noch von Alexej. "Für seine lockeren Sitten", so Neumann-Hoditz, sei "der Zarenhof bekannt" gewesen, und dies blieb auch weiterhin so.
Katharinas Regentschaft begann mit einer fast spielerischen Szene, und sie sollte zu einer ihrer ersten wichtigen Entscheidungen führen.
Im Senat, einem Kollegium von 30 Männern, frag-te sie ganz unbedarft: "Wie viele Städte hat Russland?" Keiner wusste es. Eine Karte wurde aus der "Akademie der Wissenschaften" geholt, die Senatoren zählten, und an diesem Tag, formuliert es Cronin, habe die Zarin die "behütete und zivilisierte Welt des Hofes" verlassen und ein Russland betreten, "so wie es wirklich war: unwissend und für einen Europäer erschreckend rückständig".
Ein Riesenland, schwer gebeutelt durch den Siebenjährigen Krieg gegen Preußen, der gerade zu Ende ging, im Etat fehlten sieben Millionen Rubel. Russlands Kreditwürdigkeit war dahin, am Ende der Regierungszeit von Kaiserin Elisabeth (1741 bis 1761) hatten die Niederländer ein Darlehen von zwei Millionen Rubel abgelehnt.
Schnell erkannte Katharina, dass sie den Haushalt konsolidieren musste. Russland war ein Agrarstaat, unterbevölkert, mit viel zu wenigen Arbeitskräften. Sie ließ ein Einwanderungskonzept erarbeiten, in ausländischen Zeitungen, besonders deutschen, erschienen Anzeigen, mit denen Siedler für die Steppengebiete an der unteren Wolga zu großzügigen Bedingungen gesucht wurden: ein halbes Jahr freies Quartier, Vieh, Gerätschaften, Saatgut umsonst, Steuerfreiheit für bis zu 30 Jahre.
Tausende Familien aus deutschen Landen folgten zwischen 1763 und 1767 dem Ruf, fern der Heimat gründeten sie über hundert Ortschaften. Sie zogen auf derselben Route gen Osten wie zwei Jahrzehnte zuvor die junge Prinzessin von Anhalt-Zerbst; die Nachkommen der Immigranten heißen bis heute Wolgadeutsche.
Dieses - insgesamt erfolgreiche - Projekt zeigt, dass Katharina politischen Weitblick besaß, gepaart mit dem Gespür für notwendige gesellschaftliche Veränderungen. Dafür arbeitete sie hart, wie sie einer Brieffreundin mitteilte. "Ich stehe regelmäßig um sechs Uhr früh auf, ich lese und schreibe ganz allein bis acht; dann kommt man und trägt mir die Angelegenheiten vor. Ich geh vor elf Uhr schlafen, um am nächsten Tag das Gleiche zu tun."
Eine lebendige Synthese aus deutschem Fleiß und russischer Glaubensstärke wurde ihr Erfolgsrezept. Weil sie "mehr als die meisten in ihrem Jahrhundert an die Kraft der Erziehung zum Wohle des Volkes glaubte" (Cronin), trieb die Kaiserin ihre Beamten auf diesem Gebiet besonders an. Schulen gab es so gut wie keine in Russland, außer einigen kirchlichen Seminaren oder Lehranstalten für künftige Heeres- und Marineoffiziere. Dies änderte sich, freilich nicht so schnell und nicht so flächendeckend, wie es sich die Regentin vielleicht vorgestellt hatte. Am Ende sollten es immerhin 315 staatliche Schulen sein mit 790 Lehrern und fast 20 000 Schülern, etwa ein Zehntel von ihnen Mädchen.
Katharina gründete eine ganz besondere Ausbildungsstätte, die bis zum Ende der Zarenzeit bestand. Im Petersburger Smolny-Institut blieben Schülerinnen vom 5. oder 6. Lebensjahr bis zum 18., mit breitem Lehrplan: Erdkunde, Rechnen, Religion und Geschichte, Heraldik, Fremdsprachen, Musik und Zeichnen. Auch Nähen, Haushaltskunde und Tanzen standen auf dem Programm, selbst das Erlernen juristischer Grundbegriffe.
Voltaire, dieser geniale Kopf, mit dem sie auf hohem Niveau über ein Jahrzehnt lang korrespondierte, ließ in einem seiner zahllosen Briefe die Befürchtung anklingen, die Smolny-Damen könnten einem "Amazonenbataillon" angehören, "ich unterstelle aber nicht, dass sie die Männer verbannen". Postwendend antwortete die lebensbejahende Katharina, leicht spöttelnd, man sei "weit davon entfernt, aus ihnen Nonnen zu machen, die vor lauter Litaneien nachts in der Kirche schwindsüchtig werden. Wir erziehen sie im Gegenteil zu den Freuden der Familie, wir wünschen sie weder prüde noch kokett".
In der alten Hauptstadt Moskau, dem wirtschaftlichen und politisch-kulturellen Zentrum des Landes, ließ sie eine Schule für Findelkinder einrichten. Findelhäuser gab es mehrere, und es mutet nachgerade modern an, dass niemand, der ein unehelich geborenes Kind dorthin brachte, verpflichtet war, "sich auszuweisen oder irgendwelche Auskünfte über das Kind zu geben", so der Russland-Historiker Erich Donnert. Jedes Kind konnte im eigenen Bett schlafen, allein das Moskauer Haus nahm jährlich etwa 2000 Jungen und Mädchen auf.
Überhaupt lag der Kaiserin das Schicksal von Kindern besonders am Herzen, vielleicht auch, weil ihr Töchterchen Anna mit nicht einmal zwei Jahren gestorben war. "Wenn man in ein Dorf kommt und einen Bauern fragt, wie viele Kinder er hat, wird er sagen 10, 12 oder sogar 20", hielt Katharina fest. "Und wie viele leben davon? Dann sagt er, einer, zwei oder drei, selten vier. Diese erschreckend hohe Sterblichkeit muss bekämpft werden."
Peter der Große hatte für seine kranken oder verletzten Soldaten gut ausgestattete Lazarette errichten lassen, Katharina kümmerte sich um die Zivilbevölkerung. Sie ließ sich gegen die todbringenden Pocken impfen - um den skeptischen, verängstigten Untertanen klarzumachen, wie ungefährlich diese überaus wichtige Prophylaxe war. Während in den Metropolen London und Berlin kurz vor dem Ende des 18. Jahrhunderts die Kindersterblichkeit bei 32 beziehungsweise knapp 28 Prozent lag, tat sich St. Petersburg mit einer deutlich besseren Rate hervor - knapp über 18 Prozent.
Als die deutsche Russin Katharina an die Macht kam, hatten sich in wichtigen Herrscherhäusern Europas politische Maximen bereits grundlegend verändert. Vormals galt als Regierungsform der Absolutismus, Fürsten glaubten sich nur ihrem Gewissen gegenüber verantwortlich und Gott, von dem sie sich eingesetzt fühlten.
Nun durchdrangen die Ideen der Aufklärung dieses Prinzip der Obrigkeit und der Selbstgefälligkeit. Eine der eingängigsten Beschreibungen des gesellschaftlichen Umbruchs lieferte der deutsche Philosoph Immanuel Kant. "Aufklärung", schrieb er, sei der "Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit".
Aufklärung hieß, im Idealfall: Achtung der Menschenrechte, Handlungsfreiheit für jeden, Pressefreiheit, eine aufs Gemeinwohl verpflichtete Regierungsführung. Der Souverän sollte "erster Diener seines Staates" sein, nicht erster Nutznießer.
Ein Thema beschäftigte deshalb die Regenten in der Phase des aufgeklärten Absolutismus vor allem: Reformen.
Keine Frage: Die Ordnung des Bildungswesens, ihr großes Interesse an sozialer Wohlfahrt, an Kunst und Kultur stehen auf Katharinas Habenseite, wie auch die Konsequenz, mit der sie im ständig wachsenden Reich für ein effektives Verwaltungssystem sorgte, damit ein einheitlicher Staat geschaffen werden konnte.
Und zwar ein gewaltiger: Zwei Türkenkriege brachten Russland den Zugang zum Schwarzen Meer, die Krim wurde annektiert, die südliche Ukraine kam hinzu, ein Teil Georgiens als Protektorat; die drei Teilungen Polens (1772, 1793 und 1795) vergrößerten das Land im Westen um eine halbe Million Quadratkilometer - und 5,6 Millionen Menschen, überwiegend Weißrussen und Ukrainer orthodoxen Glaubens.
Anfangs hatte die Kaiserin davon geträumt, in diesem Imperium Ideale der Aufklärung realisieren zu können. Eigenhändig verfasste sie eine "Instruktion", geplant als Grundlage für ein umfassendes russisches Gesetzbuch. Katharinas Fleißarbeit bestand aus 655 Paragrafen, die ihren Untertanen Rede- und Glaubensfreiheit genauso versprach wie das Recht auf Eigentum oder langfristig die Aufhebung der Leibeigenschaft. "Das schönste Monument des Jahrhunderts", jubelte Voltaire, ihr Berater Nikita Panin dagegen hob warnend die Stimme: "Das sind Grundsätze, die geeignet sind, Mauern einzureißen."
Er behielt recht. Die "Gesetzgebende Kommission" - mit 208 Deputierten der Städte, 160 des Adels, 60 Kosaken und 80 Bauern, die Katharina aus einer Vorschlagsliste persönlich auswählte - tagte zwar ab August 1767 im Moskauer Kreml. Heraus kam freilich nichts. Schon im Jahr darauf stellte die Kommission ihre Arbeit ein. Russische Konservative verstanden sich früh darauf, Reformprojekte zu zerreden und auszusitzen.
Doch diesem Misserfolg habe Katharina nicht lange nachgetrauert, konstatiert die Slawistin Annelies Graßhoff. Bald schon "belächelte sie ihre ,Instruktion' als ,Jugendsünde' und tat sie als ,leeres Geschwätz' ab".
Es zeigte sich, dass diese rückwärtsgewandte Politik große Gefahren in sich barg, für Katharina, für den Thron, für Russland. Im Herbst 1773 gelang es dem Kosaken Jemeljan Pugatschow, hinter sich ein Heer unzufriedener, geschundener und rechtloser Männern zu versammeln - ein Führer zwar ohne rech-tes Programm, aber ein mitreißender Typ, der geschickt die "anarchischen Instinkte der Volksmassen" entfachte, so Neumann-Hoditz. Doch der bäuerliche Volksanarchismus, das machte ihn gefährlich, wurde von einem Gegen-Zaren geführt. Denn Pugatschow behauptete, er sei Peter III. (siehe Seite 58).
Die Zarin schien über die Hintergründe dieser Revolte nicht nachden-ken zu wollen, sie nannte die Aufständischen "Straßenräuber". Erst als die Kritik an ihr und ihrem Führungsstil wenige Jahre später offener und politischer wurde, erfasste sie Unruhe - die sich nach dem Ausbruch der Französischen Revolution 1789 noch verstärkte, weil sie fürchtete, das Volk werde sich mit der "Seuche des französischen Irrwegs" infizieren.
Sie erzitterte vor den Worten mutig gewordener Publizisten wie dem Beamten Alexander Radischtschew, dessen 1790 erschienener Bestseller "Reise von Petersburg nach Moskau" ihr Regime außergewöhnlich scharf attackierte.
Radischtschew prangerte Misshandlungen von Leibeigenen an, schrieb über die unvorstellbare Armut, über Zwangsehen, Vergewaltigungen von Bauernmädchen durch ihre Herren - in der Ode "Freiheit" prophezeite er gar das Ende der Zarenherrschaft.
Katharina sah in dieser Bestandsaufnahme "kriminelle und durch und durch aufrührerische Tendenzen". Wie Pugatschow wurde Radischtschew zum Tode verurteilt, dann begnadigt und ins sibirische Städtchen Ust-Ilimsk verbannt. Russland blieb Adelsland, und es war noch reaktionärer als zu Beginn der Herrschaft Katharinas.
Ach ja, die Liebe, der Sex, ihre angebliche Gier. Ein Thema, das echte und vermeintliche Forscher, einander überbietend in ausschweifender Phantasie, bis heute beschäftigt. Oftmals erscheint Katharina als eine Mischung aus Lady Macbeth und einer Nymphomanin. Ihr Liebesleben wurde romantisiert oder vulgarisiert. "Historikern, die keine größere Sorge zu kennen scheinen", ärgerte sich der Geschichtsforscher Valentin Gitermann, "verdanken wir den Nachweis, dass Katharina von ihrem 23. Lebensjahr an insgesamt 21 Liebhabern ihre Gunst geschenkt hat."
Manche der Männer nutzte sie aus in vielleicht schwelgerischer Schamlosigkeit, manche liebte sie wirklich. Ihr letzter Gespiele, der sich ganz offiziell am Hofe bewegte, war fast 40 Jahre jünger als sie, auch dies galt Moralaposteln als bedeutsames Thema.
Lange vor ihrem Tod am 17. November 1796 hatte die "teutsche Prinzessin aus dem unmächtigen Anhaltinischen Hause von Zerbst" (so die damalige Zeitschrift "Politisches Journal"), die eine überraschend gute Schreiberin war, einen Text für ihren Grabstein entworfen. Sie "trachtete" danach, "ihren Untertanen Glück, Freiheit und Wohlstand zu verschaffen", formulierte Katharina über sich selbst, "sie war nachsichtig, machte sich das Leben nicht schwer, war von heiterem Naturell, hatte eine republikanische Seele und ein gutes Herz".
Das war, wie so oft in Russland, wenn Zarenmacht sich inszenierte, nicht die ganze Wahrheit.

Potjomkin

FAVORIT DER KAISERIN
Berühmt ist Grigorij Potjomkin als Favorit Katharinas II. Doch der1739 geborene Sohn eines Majors war nicht nur ein feuriger Liebhaber, sondern auch ein geschickter Stratege und Organisator. Dass er mit bemalten Holzfassaden "Potjomkinsche Dörfer" errichtet habe, ist eine Legende, erfunden von adligen Neidern. Der Anschluss der Krim und der Aufbau der Schwarzmeerflotte waren Potjomkins Werk. Er avancierte 1784 zum Feldmarschall und starb 1791 während einer Dienstreise. Zeitlebens blieb er der Zarin politisch treu und freundschaftlich nah.
Von Georg Bönisch

SPIEGEL GESCHICHTE 1/2012
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