31.07.2012

Arsenal frommen Wissens

Die Bibliothek des Vatikans, gegründet im Humanismus, ist heute Kultur-Schatzkammer und ein Weltzentrum für die Erforschung alter Handschriften und Drucke.
"Schauen Sie mal hier lang", sagt Mauro Mocavini und entriegelt ein eisernes Gitter. Der niedrige Gang dahinter wirkt endlos - vor allem weil auf der linken Seite der etwa 150 Meter wie die Zinken eines Kamms in möglichst dichtem Abstand Regale herausragen, fast alle randvoll mit Büchern. "So sieht es hier in mehreren Stockwerken aus, gegenüber auch - dort lagern Bestände des Geheimarchivs."
Sein ganzes Berufsleben schon ist der gebürtige Römer in diesem Arsenal frommen Wissens zu Hause. Bedächtig, sorgsam und mit leuchtenden Augen führt er durch das labyrinthische Gänge- und Treppenknäuel der "Biblioteca Apostolica Vaticana", wie sie offiziell heißt. Er deutet im Vorübergehen auf moderne Bildschirmarbeitsplätze und raumsparende Galerien, grüßt im neuen Zeitschriftenlesesaal zwei Kollegen und senkt vor dem gutbesuchten Studienraum für Handschriften routiniert die Stimme. Dann öffnet sich eine schwere Holztür, und unversehens steht man im Salone Sisto, dem über und über mit Fresken und bemalten Bücherschränken geschmückten, 70 Meter langen Hauptraum von 1588.
"Momentan finden hier noch kleine Umbauten statt", erklärt Mocavini. "Aus dem früheren Museumstrakt wird ein Lese- und Tagungssaal." Von 2007 bis 2010 war die Bibliothek komplett zur Renovierung geschlossen; umso mehr Spezialisten stehen seither Schlange, die kostbaren Frühdrucke und vor allem Handschriften auswerten zu dürfen.
"Wir sind eine reine Forschungsbibliothek", sagt Ambrogio Piazzoni, der als Vizepräfekt den Traditionsbetrieb von etwa hundert Angestellten organisatorisch leitet - nach jahrhundertelangem Kleriker-Regiment der erste Laie im Führungsrang. Von den jährlich etwa 20 000 Nutzern komme "die Hälfte aus Italien, die anderen aus der restlichen Welt - davon sehr viele aus Deutschland und den angelsächsischen Ländern".
Was sie studieren wollen? "Vor allem humanistische Manuskripte", antwortet der Kirchenhistoriker, "das hat mit unserer Geschichte zu tun." Als eigentlicher Gründer der Bibliothek gilt Papst Nikolaus V., ein ligurischer Arztsohn, den im Florenz der Renaissance die Begeisterung für antike Originaltexte ergriff.
Schon als aufstrebender Kleriker habe Nikolaus "für Bücher mehr Geld ausgegeben, als er hatte", berichtete sein Freund, der Buchhändler Vespasiano da Bisticci. 1447 eher als Kompromisskandidat zum Papst gewählt, nutzte der eifrige Gelehrte die Chance, seine reiche Privatkollektion um die etwa 340 Handschriften zu erweitern, die seine Vorgänger hinterlassen hatten.
Neben der Bibel enthielt die nun mit über 1200 Codices, darunter 414 griechischen, schlagartig bedeutendste Textsammlung Italiens alle wichtigen Kirchenväter und Philosophen, aber auch Mathematiker und Astronomen, Grammatiker und eine stattliche Abteilung mit Poesie und Literatur. 56 Bände, überwiegend Antikes, stellte sich Nikolaus in sein Arbeitszimmer.
Ein eigener Agent erhielt den Auftrag, von Preußen bis Griechenland nach Unbekanntem zu fahnden und Abschreiber zu beschäftigen. Für den hebräischen Urtext des Matthäus-Evangeliums beispielsweise wollte der Papst die fürstliche Prämie von 5000 Dukaten zahlen; leider hat es, wie man später herausfand, eine solche Version nie gegeben.
Nach Nikolaus' Tod führte die Vaticana jahrzehntelang eher ein Schattendasein; zur Zeit Sixtus' V. (1585-1590), der den üppigen Freskensaal einweihte, besaß die Bibliothek noch immer nur etwa 3700 Handschriften und Drucke. Dann aber schwoll der Bestand rasch an. So überließ Maximilian I. von Bayern 1622 nach der Eroberung Heidelbergs dem Papst die wertvolle Büchersammlung der dortigen Pfalzgrafen, die sogenannte Palatina; 1657 wurden die wertvollen Codices der Herzöge von Urbino den Schätzen einverleibt; 1689 kamen einige tausend Bände aus dem Nachlass der abgedankten, katholisch gewordenen Königin Christina von Schweden hinzu. Seither ergänzten immer wieder gelehrte Kardinäle und Päpste den Bestand durch Ankäufe und Schenkungen.
"Mit etwa 80 000 Manuskripten gehören wir zu den führenden Bibliotheken der Welt", sagt Ambrogio Piazzoni. Das ist noch bescheiden formuliert. Von den größten antiken Autoren etwa finden sich hier besonders frühe, wichtige Abschriften. Als die Vaticana 1993 eine Ausstellung nur über den römischen Dichter Horaz veranstaltete, paradierten im Salone Sisto in langen Reihen von Vitrinen derart viele kostbare Codices seiner Verse, dass man den geistlichen Schwerpunkt der Bibliothek darüber fast vergessen konnte.
Im Luxus schwelgen kann die ehrwürdige Institution allerdings nicht: Sie ist abhängig vom knappen Etat, den die päpstliche Verwaltung ihr vorgibt. Personalkosten und enormer konservatorischer Aufwand für die vielen Museumsstücke schränken die finanzielle Beweglichkeit drastisch ein. "Angeschafft wird an neuen Büchern nur, was unmittelbar zu unseren Spezialgebieten gehört und nicht ohnehin als Geschenk kommt", lautet Piazzonis Devise. "Zudem müssen wir leider schon aus Platzgründen ablehnen, wenn uns Autoren ihre Werke schicken, bloß um hier verewigt zu sein."
Der Ansturm von Interessenten ist für die freundlichen Bibliothekare natürlich ein Kompliment, aber er birgt auch Risiken. Bis vor kurzem bestellte man das Gewünschte noch mit altertümlichen Leihscheinen; sobald jemand ein Buch vom angestammten Regalplatz entfernt hatte, war es oft nahezu unmöglich festzustellen, wo es abgeblieben war.
Das ist nun vorbei. "Aufgepasst", sagt Sicherheitsexperte Mocavini, greift den nächstbesten Wälzer aus der Regalwand und trägt ihn zu einer elektromagnetischen Schleuse. "Hier, sehen Sie die Lampe aufleuchten? Das Ortungssystem hat den Chip erkannt, der im Buch steckt. So weiß unser Computer jederzeit, wo ein Band zu suchen ist."
Natürlich wird es noch lange dauern, bis die 1,8 Millionen Bücher mit Funkchips ausgestattet sind. Doch zusammen mit den elektronischen Zugangskarten für alle Angestellten und Besucher, die nach ähnlichem Prinzip funktionieren, hat die Apostolische Bibliothek, was Sicherheit und Service angeht, in den vergangenen Jahren gewaltige Fortschritte gemacht.
"Wir waren ja nie Geheimniskrämer, die Bibliothek dient seit ihrer Gründung der kundigen Öffentlichkeit", sagt Ambrogio Piazzoni. Forscher aus aller Welt können es bestätigen. Schon ein Gespräch unter Experten führt hier oft zu neuen Einsichten. Auch deshalb mögen alle den kleinen begrünten Hof so gern, wo man zwischendurch rasch mal einen Espresso trinken kann.
Johannes Saltzwedel
Von Johannes Saltzwedel

SPIEGEL GESCHICHTE 4/2012
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