31.07.2012

„Inkarnation des Teufels“

Alexander VI. missbrauchte sein Papstamt zur hemmungslosen Bereicherung seines Clans - und machte die Borgia zu einer der mächtigsten Familien Europas.
Es ist der Abend des 9. August 1492, die Augen Roms sind auf den Vatikan gerichtet. Die Christenheit lebt ohne Papst, seit Innozenz VIII. vor 16 Tagen gestorben ist. Nun tagt das Konklave, die Wahlversammlung der Kardinäle, viele aus berühmten Familien, den Orsini, den della Rovere, den Borgia, den Medici. Die ersten beiden Wahlgänge haben keinen Sieger erbracht.
Langsam verlöschen die Lichter in den Häusern der Stadt, die letzten Bettler humpeln vom Petersplatz, als eine vermummte Gestalt aus dem Schutz einer Säule tritt, ein Schwert zieht und dreimal damit auf Stein stößt. Da öffnet sich ein Fenster in einem Seitenflügel des Vatikans, und ein Päckchen landet vor den Füßen des mysteriösen Boten. Der eilt damit durch die Gassen des nächtlichen Roms, klopft an die Tür eines prächtigen Hauses und zieht endlich seine Kapuze zurück: Es ist ein Sohn des ehrgeizigen Kardinals Rodrigo Borgia, der Papst werden will.
Der Geheimplan, den der junge Mann dann seiner Mutter Vanozza und der Schwester Lucrezia als Botschaft des Briefes enthüllt, soll ihm dazu verhelfen: Versteckt in Brathühnchen, die am nächsten Tag ins Konklave geliefert werden, lässt Rodrigo Borgia Schenkungsurkunden von Palästen und Pfründen an seine Kardinalskollegen schicken, deren Stimmen er noch braucht. Es funktioniert: Zwei Tage nach der geheimen Wurfpost steigt weißer Rauch aus der Sixtinischen Kapelle auf. Habemus papam, Rodrigo Borgia ist Papst. Er nennt sich Alexander VI.
Mit der krimireifen Bestechungsszene beginnt der französische Schriftsteller Alexandre Dumas der Ältere 1839 seinen historischen Kurzroman "Die Borgia", Teil einer Serie "Berühmte Verbrechen".
Was ist wahr, was Fiktion am spannenden Gaunerstück? Korruption per Brathendl? Tatsache ist, die Wahl Rodrigo Borgias zum Nachfolger Petri ging als einer der spektakulärsten Fälle von Ämterkauf in die Geschichte ein.
Ohne Zweifel gehört Alexander VI. zu den schillerndsten Papstgestalten. Die Schlagzeilen seiner Biografie lesen sich eher wie die eines Mafiapaten als die eines Heiligen Vaters: Korruption, Erpressung, Giftmorde, Skandale, Orgien im Vatikan, Inzest.
"Der unheimliche Papst" nennt ihn denn auch der Schweizer Historiker Volker Reinhardt. Der französische Schriftsteller Stendhal sah ihn als die "gelungenste Inkarnation des Teufels auf Erden".
Ein Monster, der Antichrist leibhaftig, so urteilten schon die Zeitgenossen über Alexander. Verschlagen sei dieser Pontifex maximus, ein Meister der "dissimulazione", der Täuschung, befand der venezianische Gesandte in Rom, Girolamo Donato.
Tatsächlich rief der Name Borgia neben Bewunderung auch Angst und Schrecken hervor, und das sollte er auch. Die Feinde sollten sich fürchten - und fügen.
Wer es nicht tat, musste damit rechnen, erdrosselt oder erdolcht aus dem Tiber gezogen zu werden. Andere sollen am Gift der Borgia gestorben sein. Die Söldner und Mordbuben Cesares, der die Truppen des Vaters befehligte, kannten keine Gnade. "Jede Nacht findet man in Rom vier, fünf Ermordete - Bischöfe, Prälaten und andere Leute; die ganze Stadt zittert vor dem Herzog", berichtete ein Botschafter nach Hause.
Jede Nacht? Bei den Borgia weiß keiner so genau, wo "die Fakten enden und die Legenden einsetzen", warnt Reinhardt. Zeitgenössische Chronisten hätten vieles "dazuerfunden".
Zu den Legenden gehört natürlich die Geschichte, nach der Rodrigo Borgia für seine Wahl einen teuflischen Pakt einging. Man will ihn gesehen haben, wie er sich mit zwei Dämonen vor dem Hauptaltar der Kirche von Santa Maria Maggiore traf.
Am Ende soll ihn der Teufel persönlich geholt haben; so bezeugte es der junge Geistliche Gian Pietro Carafa, der im Sterbezimmer Alexanders zugegen war. Der selbsternannte Augenzeuge wurde als Paul IV. später selbst Papst - und einer der leidenschaftlichsten Beförderer der Inquisition. Wie glaubhaft sind solche Berichte von Gegenspielern, die ihre ureigenen Machtinteressen hatten?
Wirkungsvoll waren sie auf jeden Fall. Der Teufelsglaube war Ende des 15. Jahrhunderts weit verbreitet. Die kulturglänzende Epoche der Renaissance zeigte sich auch als Zeit der Endzeitfurcht; Dürer schuf in diesen Jahren seine düsteren Holzschnitte der Apokalypse. Hexenverfolgungen ängstigten die Menschen. Alexanders Vorgänger Innozenz VIII. hatte die Inquisition mit der päpstlichen Bulle "Summis desiderantes affectibus" legitimiert und den Hexenwahn damit noch befeuert. Es waren düstere Jahrzehnte des Unrechts und der Grausamkeit, während gleichzeitig grandiose Ideen und Erfindungen geboren wurden, der Horizont der Welt sich weitete. Just im Jahr der Wahl Rodrigo Borgias zum Papst entdeckte Kolumbus die Neue Welt. Alexander VI. sollte es denn auch sein, der das Territorium zwischen Spanien und Portugal aufteilte.
Selbst dabei holte er sich seinen Profit heraus, in dem Fall ein Herzogtum für seinen Lieblingssohn Juan. Das war ein Dankeschön für gute Dienste - immerhin hatte der Papst die spanischen Könige Isabella und Ferdinand um einige Längengrade und damit riesige Einflusszonen begünstigt, auch wenn die Portugiesen das später erfolgreich monierten.
Alexander VI. hat den Nepotismus nicht erfunden. Verwandtenbegünstigung, Ämterkauf und persönliche Bereicherung waren in der Kirche schon länger verbreitet und trieben nun neue Blüten. Papst Sixtus IV. (1471-1484) aus der Familie della Rovere etwa beförderte gleich sechs Familienmitglieder in Kardinalswürden.
Das noch vom Großen Abendländischen Schisma geschwächte Papsttum tat alles, um seine wiedererlangte Herrschaft in Rom auszubauen und sich Einnahmen zu verschaffen. Dazu ließ sich der Vatikan neuerdings nicht nur kirchliche Verwaltungsakte teuer bezahlen, sondern er begann, Posten zu schaffen und diese zu verkaufen.
Rodrigo Borgia kannte die schmutzige Praxis, seit ihn sein Onkel, Papst Calixt III., 1457 zum päpstlichen Vizekanzler bestallt hatte.
Alfonso Borgia, Spross einer spanischen Honoratiorenfamilie, war 1455 als erster Borgia-Papst auf den Petrusthron gelangt. Der angesehene Jurist hatte es zuvor zum Bischof von Valencia und dann zum Kardinal gebracht. Doch Papst wurde er nur, weil sich die Rivalen der Familien Colonna und Orsini gegenseitig blockierten; ein Kompromisskandidat wurde nötig. Im Gegensatz zu seiner Umgebung nahm Calixt den Zölibat ernst und lebte sittenstreng.
Als er 1458 starb, war die Stunde seines Neffen Rodrigo aber noch lange nicht gekommen. Der musste vier andere Päpste aussitzen, bis er die ersehnte Tiara tragen konnte.
Das Amt, das er antrat, war in Bedrängnis, ein weitgehend politischer Posten, der ein Reich verteidigen musste. Frankreichs König Karl VIII. marschierte in Italien ein, am Silvestertag 1494 stand er in der Ewigen Stadt. Der Papst musste in der Engelsburg Schutz suchen. Doch wie so oft hatte Alexander den längeren Atem: Mit einer "Heiligen Allianz" europäischer Verbündeter konnte er den Eindringling schließlich ganz zurückschlagen.
Doch die Macht und die Gebiete, die er gewann, nutzte er vor allem zur Bereicherung seiner Familie: "All sein Trachten richtet sich darauf, seinen Söhnen Staaten zu verschaffen", lautete das Urteil des Venezianers Donato.
Die Korruptheit dieses Pontifikats schien grenzenlos. Kardinalsämter gingen jetzt nicht mehr bloß an Günstlinge aus der Familie. "Kardinalate den Meistbietenden zum Kauf anzubieten war eine persönliche Erfindung Alexanders VI.", so der Historiker Reinhardt.
Seinen eigenen Sohn Cesare hatte er schon zum Kardinal gemacht, als der gerade 17 Jahre alt und noch nicht einmal zum Priester geweiht war. Insgesamt 16 Bischofstitel häufte Cesare an; doch ließ er sich bald von seinen Kirchenämtern befreien, um sich ganz der Kriegsführung widmen zu können.
Seine Schwester Lucrezia, auch sie illegitimes Kind der Lieblingsmätresse Vanozza, wurde unterdessen wie ein Kapital aus dem Familienvermögen hin- und herinvestiert in immer neue Hochzeiten, stets maximal gewinnbringend; die alten Ehemänner ließ mutmaßlich Cesare mit Hilfe von Würgeschlingen beseitigen.
Dass Kirchenfürsten Kinder mit Geliebten zeugten, war in der Epoche normal, nicht jedoch, dass sie die illegitimen Sprösslinge als leibliche Nachfahren anerkannten. Das tat Alexander bei mindestens sieben Kindern.
Lucrezia soll er vergöttert haben. Die selbstbewusste junge Frau, die im Kloster viele Fremdsprachen, auch Latein und Griechisch, studiert hatte, forderte die Kirchenwelt heraus. In einer Zeit, in der gebildete Frauen als Hexen verbrannt wurden, ging sie im Vatikan ein und aus, verkehrte ganz selbstverständlich mit den höchsten geistlichen Würdenträgern, wurde vom Vater in seiner Abwesenheit sogar einmal als Stellvertreterin eingesetzt. Das musste provozieren.
Lucrezia Borgia wurde zur Femme fatale. In späteren Jahrhunderten, vor allem durch die französische Romantik, war sie die Giftmischerin, der männermordenden Salome gleich. Ihr Vater, dessen Appetit nach Frauen legendär war, soll mit ihr Inzest getrieben, sogar ein Kind gezeugt haben. Reinhardt hält das für "abwegig": Alexander habe genug willige Gespielinnen gehabt, die Blutschande hätte sein Image verheerend geschädigt. Schriftsteller wie Dumas oder Victor Hugo, auch der Komponist Gaetano Donizetti sorgten dafür, dass der düstere Borgia-Mythos weiterlebte, obwohl Lucrezia sich als spätere Herzogin von Ferrara mit Krankenfürsorge, der Kunstförderung und großem Geschäftssinn als Einzige der Familie ein ehrbares Ansehen erwarb.
Während sie dämonisiert wurde, erntete ihr brutaler Bruder Cesare, der sogar die Ermordung seines Bruders Giovanni veranlasst haben soll, Lob; der Renaissance-Philosoph und Diplomat Niccolò Machiavelli hebt ihn in seinem berühmten Werk "Der Fürst" als "Vorbild" eines machtbewussten Herrschers heraus. Noch Friedrich Nietzsche feierte um 1880 Cesare als einen "Virtuosen des Lebens", ihm gefiel dessen Ruchlosigkeit wider die christliche Moral.
Manche hielten gar den Sohn für den eigentlichen Spiritus Rector von Alexanders Pontifikat. Falsch, meint Reinhardt, der Papst habe ganz klar die Fäden in der Hand gehabt, Vater und Sohn hätten vielmehr eine perfekte Rollenteilung betrieben mit Cesare als Mann fürs Grobe. Er führte das Terrorregime in Rom und der Romagna, mit dem die Familie den alten Feudaladel von seinem Besitz verdrängte. Vater und Sohn ließen auch den venezianischen Kardinal Giovanni Michiel vergiften, um sich dessen Besitztümer anzueignen. Der Fall erregte ein solches Aufsehen, dass der nachfolgende Papst Julius II. 1504 dazu einen Kriminalprozess anstrengte.
Zorn und Hass auf die Borgia wuchsen, doch nur wenige trauten sich, öffentlich gegen die mächtige Familie aufzutreten. Es brauchte schon das Sendungsbewusstsein eines Girolamo Savonarola, jenes berühmten Bußpredigers aus Florenz, der zum Märtyrer werden sollte.
Alexander sei nicht nur unrechtmäßig gewählt, er sei ein Ungläubiger, predigte der Dominikanerprior zum Volk: "Oh, verruchte Kirche, höre, was der Herr zu dir spricht: Ich habe dir die schönen Gewänder gegeben, und du hast Abgötterei mit ihnen getrieben. Die Wollust hat aus dir eine schamlose Dirne gemacht. Du bist schlimmer als ein Vieh, du bist ein abscheuliches Ungeheuer."
Der Volksprediger wurde zum Sprachrohr der Sehnsucht nach Reformen und moralisch-politischer Emanzipation der Bürger vom herrschenden Klerus. In der endzeitlichen Angst vor dem Weltgericht keimte neue Frömmigkeit, die sich über die Prasserei der Kirchenherren empörte. 20 Jahre später markierte Martin Luther mit seinen Wittenberger Thesen den Beginn der Reformation.
Alexander ließ den Mönch exkommunizieren. Doch auch die Machtkämpfe um das von Savonarola damals beherrschte Florenz führten dazu, dass der Eiferer ins Gefängnis geworfen, gefoltert und schließlich am 23. Mai 1498 öffentlich hingerichtet wur-de.
In all den Wirren und Skandalen führte einer akribisch Buch: der deutsche Zeremonienmeister des Papstes, Johannes Burckard, ein prinzipientreuer Traditionalist. In seinem Tagebuch notierte er alles, was im Vatikan und auch außerhalb vor sich ging.
In dem Diarium findet sich auch folgender Eintrag: "Am Abend des letzten Oktober 1501 veranstaltete Cesare Borgia in seinem Gemach im Vatikan ein Gelage mit 50 ehrbaren Dirnen, Kurtisanen genannt, die nach dem Mahl mit den Dienern und den anderen Anwesenden tanzten, zuerst in Kleidern, dann nackt." Nach dem Essen wurden Kastanien ausgestreut, die die nackten Frauen auf allen vieren kriechend aufsammeln mussten, "wobei der Papst, Cesare und seine Schwester Lucrezia zuschauten". Schließlich wurden Preise für die ausgesetzt, "welche mit den Dirnen am häufigsten den Akt vollziehen könnten".
Die berüchtigte Nacht der Kurtisanen gilt in der Überlieferung gleichsam als der Königsbeweis für Sexorgien im Vatikan. Die österreichische Historikerin Susanne Schüller-Piroli hat indes die Echtheit der Szene, deren Originalhandschrift verlorenging, angezweifelt. Sie gehöre zu den Legenden, urteilt auch Reinhardt. Warum Burckard den Eintrag aufnahm, bleibt unklar.
Es kam nie zum offenen Bruch, aber begann sich der Chronist so für die Nachwelt zu distanzieren vom Skandal-Papst? Immerhin kopierte Burckard auch einen anonymen Brief, angeblich aus einem spanischen Heerlager an einen italienischen Edlen gesandt, in dem der Heilige Vater als "Verräter der Menschheit", "Feind Gottes, Belagerer des Glaubens Christi und Unterwühler der Religion" angeprangert wird; alles sei "beim Papste käuflich: Würden, Ehren, Ehebünde und -scheidungen". Der wohl fiktive Brief datiert vom 15. November 1501.
Da neigt sich Alexanders Pontifikat schon dem Ende zu. Der Papst stirbt im August 1503 überraschend nach plötzlichem Unwohlsein am Fieber. Die Macht der Borgia stürzt nun wie ein Kartenhaus zusammen. Cesare landet später in einem spanischen Kerker, kann fliehen und stirbt 1507 schließlich bei einem Kampf.
Bei aller Wut, die nun gegen die Borgia losschlug: Von der Kurie wurde Alexanders Amtszeit hinter vorgehaltener Hand als durchaus erfolgreich bewertet. Als Herrscher des Kirchenstaates hatte er sich ja durchaus klug gezeigt, das politische Gleichgewicht in Italien zwischen Frankreich und Spanien zu erhalten versucht, urteilen etwa August Franzen und Remigius Bäumer in ihrer Papstgeschichte. Für die Kirche allerdings, so ihre Bilanz, war sein Pontifikat dennoch "ein Unglück".
Noch sein Tod löste wilde Gerüchte aus: War er womöglich selbst Opfer einer Vergiftung geworden? Hatten er und sein Sohn versehentlich aus Pokalen getrunken, die eigentlich für ihre Feinde bestimmt waren? Die Forschung hält längst auch eine profanere Ursache für möglich: Malaria.
Der Rest ist Legende.
Von Annette Großbongardt

SPIEGEL GESCHICHTE 4/2012
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