27.11.2012

Bauern, Mönche und Dämonen

Wie Inseln lagen die Höfe, Klöster, Pfalzen und Dörfer des Frankenreichs in riesigen Urwäldern. Ohne Hoffnung auf ein besseres Leben schuftete das Volk auf den Äckern.
Winter 792. Jahrzehntelange Kriege haben die Menschen im Frankenreich ausgelaugt, Unwetter große Teile der Ernte vernichtet, und nun ist grimmige Kälte über die Höfe und Felder hereingebrochen.
In ihren Holz- oder Lehmhütten suchen die Bauern Schutz vor Eis und Schnee. Das Holz, das sie in offenen Feuerstellen verbrennen, ist feucht - statt Wärme entstehen vor allem Rauch und Ruß. Als Kamin dient ein Loch im Strohdach. Abends spendet nur das Herdfeuer etwas Licht. Wachskerzen, die in Kirchen und Klöstern die Altarräume erhellen, können sich die Bauern nicht leisten.
Die letzten Getreidevorräte gehen zur Neige. In den Hütten grassiert der Hunger. Viele Bauern sind überzeugt, dass Gott sie für ihre Sünden bestrafen will. Dass verzweifelte Menschen Katzen, Hunde oder sogar Erde verzehren, ist im Frankenreich nichts Ungewöhnliches. Doch in diesem Winter des Schreckens wird ein Tabu gebrochen. "Die Hungersnot nahm solche Ausmaße an, dass Menschen andere Menschen aßen", notiert ein Chronist, "ein Bruder den anderen, Mütter ihre Kinder."
Seit mehr als 20 Jahren herrscht Karl der Große über das Frankenreich. Während die Bauern im Winter 792 scharenweise verhungern oder erfrieren, schlemmt und feiert der König auf einer seiner mehr als hundert Residenzen im Reich wie gewohnt im Kreis seiner Vertrauten. Musikanten und Spielleute unterhalten die Mächtigen bei ihren Festgelagen mit Pauke, Horn, Fiedel, Zither und Harfe, mit Clownerie, Seiltanzvorführungen und dressierten Affen.
Das Frankenreich erstreckt sich im späten 8. Jahrhundert von der Elbe bis zum Ebro und von den friesischen Inseln bis nach Mittelitalien. Riesige unberührte Wälder, Gebirgsketten, Moore und Sümpfe prägen die Landschaft. Das Reich ist ein 1600 mal 1400 Kilometer großes Mosaik aus Grafschaften, die von zahlreichen Völkern - von Romanen über Thüringer bis hin zu Bretonen und Basken - mit unterschiedlichen Sprachen und Traditionen bewohnt sind.
Sogar in Städten wie Paris oder Köln leben nur wenige tausend Menschen; ganz West- und Mitteleuropa hat keine zwölf Millionen Einwohner. Wenige, schlecht befestigte Überlandstraßen verbinden die Höfe, Dörfer, Klöster und Pfalzen des Königs, die wie Inseln in ausgedehnten Urwäldern liegen.
Mehr als 90 Prozent der Untertanen Karls leben von beschwerlicher Feldarbeit. Ein selbstgezimmerter Tisch, ein paar Schemel und Bänke sind ihr gesamtes Mobiliar. In Holzkisten liegen ihre wenigen Habseligkeiten: tönerne Schüsseln und Becher, ein Kochtopf, Holzlöffel. Mutter, Vater, Kinder nächtigen auf Strohsäcken rund um das Herdfeuer. Ein Fläschchen mit Weihwasser soll sie vor Dämonen schützen.
Doch das Christentum hat sich seit dem 6. Jahrhundert nur oberflächlich im Reich durchgesetzt. Die Menschen glauben auch an Magier, Wettermacher und Hexen, die das Vieh unfruchtbar machen. Viele Bauern beten nicht direkt zu Gott, sondern rufen Schutzheilige an. Gegen Heuschreckenplagen ziehen Geistliche mit Reliquien und Kreuzen bewaffnet ins Feld. Seher interpretieren den Flug der Krähen, um die Zukunft vorherzusagen.
Nicht nur im Hungerwinter 792 leben die Leute in Furcht. Missernten, Seuchen, Raubtiere und Banditen bedrohen unausgesetzt ihr Leben: Krieger und Räuber überfallen ihre Höfe, plündern die Bauern aus, hacken ihnen die Hände ab. Immer wieder wüten Tuberkulose, Typhus, Cholera und Ruhr. Mutterkornpilz im Getreide löst das berüchtigte Antoniusfeuer aus: Es kommt zu Durchblutungsstörungen, Gliedmaßen sterben ab. Wölfe und Bären sind eine ständige Gefahr für das Vieh, manchmal auch für die Menschen. Deren durchschnittliche Lebenserwartung beträgt knapp 33 Jahre; mehr als jedes dritte Kind stirbt vor dem Erwachsenenalter.
Das Tagewerk eines Bauern beginnt mit dem ersten Sonnenstrahl und dauert, bis die Dunkelheit hereinbricht. Mit primitiven Geräten bestellt er die Felder. Bis zu zwei Drittel der Getreideernte muss für die Aussaat im folgenden Jahr zurückgelegt werden. Oft reicht der Ertrag nicht zum Überleben. Angesichts der Not der Bauern wirkt es fast zynisch, wenn die Kirche auf ihr Verbot der Sonntagsarbeit pocht, damit auch das Volk Zeit für den Besuch der heiligen Messe habe.
Das Frankenreich ist ein Reich extremer sozialer Gegensätze: Während die Bauern mit Haferbrei, gekochten Erbsen, Saubohnen und Wicken zu überleben versuchen, lassen sich König und Adel Rinder- und Schweinebraten schmecken, Hirsch, Wildschwein, Perlhuhn und Fasan. Bauern und Mönche tragen einen einfachen Rock aus Wolle oder Leinen. Grafen und manche Bischöfe hingegen können sich in reichverzierte Gewänder aus edlem Tuch hüllen und streifen gern weiße Handschuhe über.
Sie "gingen einher, gekleidet in die Häute phönizischer Vögel, die mit Seide eingefasst waren, und geziert mit Pfauenhälsen", schreibt der Mönch Notker "der Stammler" aus dem Kloster St. Gallen über den Aufzug einiger Lokalfürsten bei der Jagd. Garderobe und Geschmeide der Edelfrauen sind noch opulenter: Ihre schmalen Taillen zieren bis zu drei Pfund schwere, mit Juwelen gespickte Gürtel. Darüber hinaus schmücken sie sich mit kostbaren Halsketten, Ohrringen, Armbändern, Broschen und Ringen.
Als Herr und Richter zieht Karl der Große - so er nicht gerade Krieg führt - von Pfalz zu Pfalz durchs Reich. Etwa tausend Menschen, von politischen Beratern über Leibwächter bis hin zur Gattin und zur Konkubine, begleiten ihn. Die meisten Bauersleute bekommen König und Hofstaat dennoch nie zu Gesicht: Sie verbringen ihr ganzes Leben auf der heimischen Scholle.
Der Boden, den sie bewirtschaften, gehört ihnen in der Regel nicht selbst. Viele Bauern sind Unfreie, oft Beinahe-Sklaven eines Großgrundbesitzers, die die Felder um dessen Herrenhof bestellen müssen. Ihrem Besitzer sind sie mit Leib und Leben ausgeliefert. Versuchen sie zu fliehen, werden sie verprügelt. Und selbst als Seeräuber aus Skandinavien die fruchtbaren Küstenregionen des Reichs ausplündern, dürfen sich die Unfreien in den bedrohten Gebieten nicht bewaffnen. "Wenn ein Knecht angetroffen wird, der eine Lanze trägt, soll diese auf seinem Rücken zerbrochen werden", lautet eine Weisung des Königs. Wahrscheinlich will er auf diese Weise Aufständen vorbeugen.
Dabei ist den Leibeigenen im Frankenreich trotz Ausbeutung und Schinderei gar nicht nach Rebellion zumute. "Als Adam grub und Eva spann, wo war denn da der Edelmann?", wird das aufgebrachte Volk erst Jahrhunderte später, im Zuge der Bauernrevolten der Frühen Neuzeit, skandieren.
Etwas besser gestellt sind die sogenannten Hufenbauern. Viele von ihnen gelten nach wie vor als Freie. Doch im Lauf des 8. Jahrhunderts haben die meisten selbständigen Bauern ihre Arbeitskraft und ihre Anbauflächen gegen die Erlaubnis eingetauscht, diese Felder (als sogenanntes Hufenland) bis an ihr Lebensende weiter bewirtschaften zu dürfen. Dafür beschützt ein Lokalfürst sie nun als Grundherr gegen Überfälle von Räubern und Kriegern - schon damit sein neu erworbener Besitz keinen Schaden nimmt. Als Gegenleistung müssen die Bauern ihm Getreide und Schlachtvieh liefern, Pachtgebühren entrichten und jährlich bis zu 30 Wochen Frondienste leisten.
Meist war es die Angst ums nackte Überleben, die die Bauern in die Abhängigkeit getrieben hat. Selbst für die Benutzung der Getreidemühle ihres Gebieters und sogar für Brennholz aus dem Wald müssen viele bezahlen. Daher sind sie gezwungen, auf Wochenmärkten - freitags oder samstags - einen Teil ihrer spärlichen Ernte und ihrer Handwerksprodukte feilzubieten.
Manche Bauernfamilien bewirtschaften ihre Hufe, ein Gebiet von durchschnittlich 12 bis 16 Hektar, allein. Andere müssen sich das Ackerland mit weiteren Bauern und deren Familien teilen. Einige der Weiler im Reich bestehen aus nur drei oder vier Höfen. Es gibt aber auch dorfähnliche Siedlungen mit mehr als 40 Wohnhäusern und zahlreichen Hufen, die Großgrundbesitzer von sogenannten Meiern - Vorstehern, abgeleitet vom lateinischen Wort maior - verwalten lassen.
Auf den Höfen herrscht Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern: Wald und Acker sind die Domäne der Männer. Sie pflügen, heben Gruben aus, mähen Gras, ernten Getreide, fällen Bäume. Die Frauen putzen, melken, waschen, buttern, versorgen das Vieh. Sie scheren die Schafe, spinnen, weben, nähen und schneidern Kleider. Zumindest von harter Feldarbeit sollten die Bäuerinnen verschont bleiben, predigt der Klerus. Schließlich seien sie körperlich schwächer als ihre Gatten, und Gott verabscheue alles, was "gegen die Natur" sei. Die Realität sieht jedoch häufig anders aus: Der Bauer ackert auf dem Herrenhof oder zieht für den König in den Krieg - und seine Frau spannt auf der Hufe den Ochsenkarren an und presst den Pflug ins Erdreich.
Als Karl der Große Anfang des 9. Jahrhunderts erkennt, wie groß die Not vieler seiner Untertanen ist, lockert er die Pflicht zum Kriegsdienst. Konnten früher alle freien Männer des Reichs eingezogen werden, so trifft es jetzt nur mehr diejenigen mit mindestens vier Hufen Land. Bauern, die nur eine Hufe bewirtschafteten, dürfen sich zu viert zusammentun und müssen nur mehr einen Kämpfer stellen.
Doch die ständigen Kriege bedeuten weiterhin eine gewaltige Last für das Volk. Nicht nur, dass die Arbeitskraft der Soldaten auf den Äckern fehlt: Die Ausrüstung eines einzigen Reitersoldaten mit Pferd, Schwert, Lanze, Schild, Lederhelm und Beinschienen kostet 40 Schillinge - so viel wie 20 Kühe. Und mancher Soldat kehrt nie wieder vom Schlachtfeld zurück. Darüber hinaus sind die Bauernfamilien verpflichtet, die Truppen und ihre Pferde auf deren Weg ins Kriegsgebiet mit Getreide zu versorgen. Viele der Soldaten schlachten skrupellos Rinder, Schafe oder Schweine auf den Höfen, als wären sie ihr Eigentum.
Die Bauern müssen das gesamte Frankenreich ernähren. Dabei erreichen ihre Schweine selbst in guten Jahren gerade mal ein Schlachtgewicht von 35 Kilogramm - erst die hochgezüchteten Rassen der Neuzeit werden es auf das Dreifache bringen. In vielen Gebieten des Reichs betreiben die Bauern zudem noch die überkommene Zweifelderwirtschaft: Auf der einen Hälfte des Bodens pflanzt man Getreide an, die andere liegt brach. Im Jahr darauf wird gewechselt.
In Nordfrankreich und einigen weiteren Regionen entdecken die Bauern zur Herrschaftszeit Karls des Großen jedoch die Vorteile einer moderneren Anbaumethode, bei der die Ackerflur in drei Parzellen unterteilt wird: die sogenannte Dreifelderwirtschaft. Auf einer der Flächen wächst Sommergetreide, auf der zweiten Winterkorn, die dritte liegt brach. Auch nach diesem System werden die Parzellen in ständigem Wechsel bebaut, der Boden regeneriert sich durch die abwechslungsreichere Nutzung besser - und bringt immerhin 30 Prozent mehr Frucht als nach der alten Methode. Darüber hinaus lassen sich durch zwei Ernten pro Jahr Ertragsschwankungen ausgleichen.
Das Leben auf den Höfen wird durch die Abfolge der Jahreszeiten bestimmt: Im Januar bessern die Bauern ihre Hütten aus, im März und April jäten sie Unkraut und beschneiden, wenn sie welche haben, ihre Weinstöcke, und später im Frühling treiben sie Schafe und Rinder auf die Weide hinaus. Im Juni beginnt das Pflügen, eine der härtesten Arbeiten. Die meisten Bauern verfügen nur über einen primitiven hölzernen Hakenpflug, der mangels Nägeln von Weidenruten zusammengehalten wird und kaum ins Erdreich eindringt. Lediglich Privilegierte können einen Wagenpflug (carruca) mit Vorderrädern, Streichbrett und Schar einsetzen, mit dem sich die Furchen tiefer ziehen sowie die Schollen schneiden und wenden lassen.
Im Juli dann mähen die Bauern mit der Sense Gras als Viehfutter für den Winter. Da die Ähren brüchig sind, müssen Hafer und Gerste im August mühevoll auf den Knien mit der Sichel geerntet werden. Im September säen die Bauern Roggen, Weizen und Dinkel. Oft sind es Frauen, die das Saatgut im umgeschlagenen Obergewand mit sich tragen und von Hand aussäen.
Im Oktober beginnt vielerorts die Weinlese. Da Keltern meißt fehlen, zerstampfen die Bauern ihre Trauben oft nur mit bloßen Füßen. Im November und Dezember treiben sie ihre Schweine zur Eichelmast in die Wälder. Und schließlich schlachten die Bauern diejenigen Tiere, die ihre "völlige Mästung mit ihrem aufgeblähten Wanst bekunden", um sie dann "in warmen Rauch zu hängen, nachdem man zuvor ihre Haut mit einer Salzlake besprengt hat", wie ein Gedicht überliefert.
Diese Abfolge bäuerlicher Tätigkeiten, die in zahlreichen mittelalterlichen Kalendern verewigt ist, stellt die tatsächlichen Verhältnisse allerdings idealisiert dar. Oft verderben Unwetter die Ernte, grassieren Viehseuchen, oder der schmale Geldbeutel einer Familie lässt nicht einmal den Kauf eines Ferkels zu. Dann bleibt den Menschen nur die Hoffnung auf eine höhere Macht, die sie aus ihrer Not befreien könnte.
Christliche und heidnische Traditionen und Glaubensvorstellungen vermischen sich im Reich. Viele Bauern bringen heiligen Bäumen, Felsen oder Quellen Opfer dar, obwohl Kirche und König im Namen des Herrn dagegen ankämpfen. Wer einen Baum oder eine Quelle anbetet, hat bis zu 30 Schilling Strafe zu bezahlen - den Preis für 15 Kühe oder ein bis zwei Sklaven. Opfer zu Ehren der alten germanischen Götter Odin und Donar lässt der König ebenfalls verbieten.
Viele Menschen sehen in geheimnisvollen Erscheinungen am Sternenhimmel Vorzeichen von Katastrophen und versuchen, gegen sie anzukämpfen. Als sich der Geistliche Rabanus Maurus eines Abends zum Bibelstudium zurückzieht, schreckt ihn gewaltiger Lärm auf. "Man hörte das Getöse von Hörnern, als ob zum Krieg gerufen werde, man sah Männer, die Pfeile und Geschosse in Richtung des Mondes schleuderten, andere, die Feuerbrände nach allen Himmelsrichtungen warfen", notiert er. "Sie versicherten, dass irgendwelche Ungeheuer den Mond bedrohten und ihn verschlingen würden, wenn sie keine Hilfe leisteten." Auf kirchlichen Synoden werden solche Rituale aus vorchristlicher Zeit regelmäßig angeprangert. Viele Untertanen Karls des Großen halten dennoch an ihnen fest.
Manche Geistliche missbrauchen die Ängste und den Aberglauben der Menschen: Das Wasser aus dem Brunnen am Grab des heiligen Germanus in Auxerre verkaufen Mönche für hohe Summen. Und als Pilger am Grab des Bischofs von Uzès epileptische Anfälle erleiden und verängstigte Menschen sich bemühen, den Zorn des Heiligen durch Gold und Silber zu besänftigen, geht bald das Gerücht, Geistliche aus einem nahen Kloster hätten Simulanten bezahlt, um sich an den Opfergaben zu bereichern.
Viele andere Klöster sind jedoch Leuchttürme des Wissens und der Bildung. Mönche bewahren in ihren Bücherstuben neben geistlicher Literatur auch Werke zur Historie und Philosophie aus der Antike auf, studieren und kopieren sie. Fast jedes Kloster im Frankenreich verfügt im frühen 9. Jahrhundert neben einer Bibliothek auch über eine Schreibstube (Skriptorium), die oft einen Ehrenplatz direkt neben der Klosterkirche innehat. Gelehrte Mönche verfassen selbst theologische Abhandlungen, Annalen, Traktate über Naturkunde und auch Gedichte.
Darüber hinaus machen sich viele Klöster als Zentren der Handwerkskunst einen Namen. Während etwa das Töpfern oder einfache Tischlerarbeiten auf vielen Höfen zu den bäuerlichen Nebentätigkeiten gehören, fördern klösterliche Siedlungen die Spezialisierung. Die mehr als 2000 Bauten um das reiche Kloster von Saint-Riquier in Nordfrankreich etwa haben die Äbte, je nach der Profession ihrer Bewohner, in eine Art Quartiere eingeteilt: für Schmiede, für Schuhmacher, für Sattler, Küfer oder Tuchwalker. Diese "vici" sind bereits eine Vorstufe der Handwerkerviertel, wie sie gut 200 Jahre darauf für die Städte des Hochmittelalters typisch werden.
Auch als Ärzte, Altenpfleger und Apotheker betätigen sich Mönche. In einem Reich ohne offizielle Ausbildung für Mediziner bieten ihre Rezepturen vielen Menschen einen Hoffnungsschimmer: In Wein gelöste Fenchelwurzel etwa soll gegen Keuchhusten helfen, Fenchelsamen wiederum, so heißt es, lockere "die Blähung des Magens und fördere lösend alsbald den zaudernden Gang der Verdauung". Eberraute empfehlen manche als Arznei gegen Gicht, Sellerie gegen Blasenleiden, Wermut gegen Kopfschmerz. Darüber hinaus gilt der Aderlass als Allheilmittel.
In einigen Klöstern nimmt man bereits chirurgische Eingriffe vor und fertigt sogar Prothesen. Als einem fränkischen Krieger in der Schlacht die rechte Hand abgehackt wird, erhält er, so die Überlieferung, eine Greifhand aus Eisen, die fast genauso beweglich und kräftig sein soll. Und auch seelischem Leid versuchen manche Mönche bereits vorzubeugen: Für den Monat Juli raten sie etwa vom Geschlechtsverkehr ab, da der im Hochsommer schwermütig mache.
Zeugung und Geburt sind im Frankenreich generell strengen Regelungen unterworfen: Die Kirche verbietet jegliche Verhütungsmethoden. Manche Bauern benutzen vor dem Beischlaf dennoch dubiose Salben, die Spermien abtöten sollen, oder ihre Frauen binden sich zur Verhinderung der Empfängnis in Eselsleder eingewickelte Hoden eines Nagetiers um den Leib. Häufig kommt es zu ungewollten Schwangerschaften. Verzweifelte Frauen suchen Magierinnen auf, die den Fötus mit einem Gemisch aus Pfeffer, Ingwer, Safran und Aloe abzutreiben versuchen. In ihrer Angst vor dem Zorn Gottes ersticken oder ertränken Mütter ihre Babys. Andere setzen sie vor dem Eingang einer Kirche aus.
Sex gestatten Priester, Diakone und Bischöfe ausschließlich in der Ehe. Selbstbefriedigung ist verboten. Sonntags, mittwochs und freitags sowie 40 Tage vor und nach Ostern ist auch das "Erkennen" des Ehepartners untersagt, schreibt der Klerus vor. Darüber hinaus 40 Tage vor Weihnachten, 8 Tage nach Pfingsten, am Vorabend hoher Kirchenfeste, während der Menstruation und bis zu 40 Tage nach der Geburt einer Tochter. Kein Sex also, fast das ganze Jahr über.
Das reale Geschlechtsleben im Reich gestaltet sich dann wohl doch ausschweifender und vielfältiger. "Wenn ein Kleriker mit einem vierfüßigen Tier Unzucht treibt, so soll er zwei Jahre büßen, ein Bischof zehn Jahre", heißt es in der Schrift eines Benediktinermönchs. Und: "Wer mit seiner Mutter Unzucht treibt, soll 15 Jahre büßen." Vergewaltiger müssen in manchen Gebieten des Reichs eine Geldstrafe von 40 Schillingen bezahlen; ist das Opfer verheiratet, steigt die Strafe auf 80 Schillinge. Oralverkehr und homosexuelle Praktiken werden ebenfalls streng bestraft.
Als moralische Vorbilder präsentiert die Kirche Männer wie den Vater des heiligen Gerald von Aurillac, von dem erzählt wird, Engel hätten ihn dazu auffordern müssen, seine Frau zu "erkennen", da sie nach göttlicher Vorsehung einen Sohn bekommen sollte. Karl der Große indessen zeugt mit wenigstens acht Frauen mindestens 18 Kinder. Viele Mönche, Bischöfe, Äbte und Nonnen halten sich ebenfalls nicht an das Keuschheitsgebot der Kirche. Prostituierte bieten ihre Dienste in Wallfahrtsorten ebenso an wie auf Königspfalzen.
So manches Kloster ist weniger ein Ort der Stille und Besinnung als der Ausschweifung und Völlerei. Manche Geistliche gehen, anstatt zu beten, lieber auf die Jagd, dichten Liebeslieder und verprassen den Klosterschatz. Äbte residieren gemeinsam mit Frau und Kindern in den heiligen Gemäuern. Von einem Bischof wird mit Lust an der Übertreibung berichtet, er habe "solches Vergnügen an heilloser Trunksucht gefunden, dass ihm schließlich der Leib zerrissen sei".
Einer der Hauptgründe für solche Zustände: Viele Mönche haben der Welt nicht freiwillig entsagt. Um das Familienerbe nicht zu zerstückeln, schicken Edelleute ihre zweit- und drittgeborenen Söhne sowie ihre Töchter häufig ins Kloster, wo sie sich um ihr Auskommen - dank der Abgaben von Hufenbauern - keine Sorgen machen müssen.
Das Leben der Landarbeiter lässt Eskapaden nicht zu. Bauernsöhne müs-sen bereits in zartem Alter auf dem Acker mithelfen, ihre Schwestern in Haus und Hof. Zur Abhärtung werden die Kinder Hunger, Hitze und Kälte ausgesetzt. Die Geburt bestimmt im Frankenreich, wer später mächtig und wer den Mächtigen ausgeliefert sein wird. Die starre Hierarchie gilt als Ausdruck der von Gott geschaffenen harmonischen Weltordnung. "So dass Gott denen, für die, wie er sieht, die Freiheit nicht passt, in großer Barmherzigkeit die Knechtschaft auferlegt, damit die Möglichkeit zu freveln durch die Macht der Herren eingeschränkt würde", formuliert es ein Kleriker.
Während halbwüchsige Bauernbuben sich im Wald und auf den Feldern abrackern, bekommen Knaben aus Adelsfamilien von ihrem Vater im Alter von 14 Jahren in einer feierlichen Zeremonie ein Schwert überreicht: eine kostbare Waffe, die sie von diesem Tag an bis zu ihrem Tod bei sich tragen werden. "Geschmiedet aus hyperboräischem Erz, gehärtet in Sachsenblut", schreibt ein Chronist. Schon früh erlernen sie die Kriegskunst, und viele werden als Elitesoldaten des Königs Karriere machen. "Wer nicht zur Pubertät im Reiterkampf fertig ausgebildet ist", so der Geistliche Rabanus Maurus, "wird diese Fähigkeit im höheren Alter, wenn überhaupt, nur mit großer Mühe erlangen."
Wählen junge Adelige - oder deren Eltern für sie - hingegen eine kirchliche Laufbahn, so haben sie die Möglichkeit, im Kloster lesen, schreiben und rechnen zu lernen. Ein Privileg, das Bauern ebenfalls verwehrt bleibt. Den Landarbeitern bieten meist nur kirchliche Feiertage und Feste etwas Abwechslung vom harten Arbeitsalltag. Am Ende der Fastenzeit, am Nikolaustag, auf Hochzeiten und Taufen wird getanzt, gesungen und gefeiert. Auf manchen Höfen verkleiden sich die Menschen dann mit Masken, um ihrer armseligen Existenz für eine Weile zu entfliehen.
Wahrscheinlich ist es für Bauern auch ein unvergessliches Abenteuer, wenn sie einen der überregionalen Jahrmärkte in einer Klostersiedlung besuchen dürfen. Einer der traditionsreichsten dieser Märkte, die oft mehrere Tage dauern, findet jeweils im Oktober in Saint-Denis bei Paris statt. Nicht nur Bauersleute und Handwerker bieten dort ihre Erzeugnisse an, sondern auch hauptberufliche Händler, die auf Fuhrwerken oder Schiffen Wein, Eisen, Getreide und Vieh durchs ganze Reich transportieren. Abends wird in der Taverne gefeiert. Und manche Marktbesucher sprechen dem Alkohol so stark zu, dass es ihnen nicht gelingt, die erworbenen Güter heil nach Hause zu bringen.
Doch der Fernhandel von Kaufleuten, die Getreide quer durchs Reich bis hoch nach Friesland verschiffen, verstärkt die Not vieler Bauern weiter. "Gäbe es dich nicht Rhein, wären meine Kornspeicher angefüllt mit dem Ertrag unserer fruchtbaren Felder", beklagen sich die Bewohner der Vogesen in einem Gedicht aus jener Zeit. "Aber du führst das Getreide weg, so dass, oh Unglück, unsere armen Bauern Hunger leiden müssen."
In Wirklichkeit ist nicht allein der Export das Problem. Spekulanten kaufen bei guter Ernte regelmäßig Korn auf, um es in Mangelzeiten mit riesigem Gewinn wieder zu veräußern. Etwas Erleichterung für die Bauern bringt es, als Karl der Große - wohl auch als Reaktion auf die große Hungersnot der Vorjahre - 794 endlich verbindliche Höchstpreise für Weizen, Roggen, Gerste und Hafer festlegt, um die Spekulation einzudämmen.
Acht Jahre darauf, mittlerweile zum Kaiser gekrönt, lässt der Herrscher viele Gesetze, die im Frankenreich während Jahrhunderten nur mündlich überliefert wurden, niederschreiben. Nun können sich auch die Bauern - zumindest theoretisch - auf sie berufen. Doch in der Realität haben Leute ohne Macht und Geld weiterhin wenig Chancen vor der Justiz. Denn Richter werden häufig bestochen, genau wie die Menschen, die ihre Arbeit überwachen sollen. "Hier verspricht mir jemand eine Kristallschale und Perlen aus dem Orient, wenn ich ihm den Gutsbesitz eines anderen verschaffe. Dort bietet mir ein anderer einen ganzen Haufen Goldmünzen", notiert ein solcher Kontrolleur über seinen Alltag.
Bei mangelnder Beweislage bemüht die Justiz weiterhin sogenannte Gottesurteile: Wer etwa des Ehebruchs verdächtigt wird, muss mit bloßem Arm einen Ring aus einem Kessel mit kochendem Wasser fischen. Sind Hand und Arm danach unversehrt, so ist die Unschuld des Angeklagten bewiesen.
Obwohl Karl zahlreiche Reformen anstößt, verbessert sich die Situation seines Volkes kaum. Und als der Herrscher im Januar 814 stirbt, leben noch immer mehr als 90 Prozent seiner Untertanen unter prekären Bedingungen. Bildung oder sozialer Aufstieg sind für fast alle Bauernkinder unerreichbar geblieben. Und immer wieder kommt es auf dem Land zu gewaltigen Hungersnöten.
Erst vom 11. Jahrhundert an, zu Beginn des Hochmittelalters - als Karl der Große und das Frankenreich längst Legende sind -, wird sich die Versorgungslage in Europa nachhaltig verbessern. Und es sind weder ein König noch Adelige oder der Klerus, sondern die Bauern selbst, die diesen Fortschritt ermöglichen: In Handarbeit roden sie riesige Wälder und wandeln sie in zusätzliche Ackerflächen um. Sie verbessern Sense und Pflug, die wichtigsten Landwirtschaftsgeräte des Mittelalters. Und immer mehr Bauernfamilien lösen sich von veralteten Anbaumethoden und übernehmen die ergiebigere Dreifelderwirtschaft.
Erst diese Errungenschaften machten es nach der Jahrtausendwende möglich, dass die Bevölkerungszahl in weiten Teilen Europas auf das Dreifache dessen steigen konnte, was in karolingischer Zeit normal war. ■
Der hölzerne Hakenpflug dringt kaum ins Erdreich ein.
Von Till Hein

SPIEGEL GESCHICHTE 6/2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung