27.11.2012

Der Badekönig

Regieren war für Karl ein permanenter Kraftakt. Um seine Macht zu erhalten, nutzte der Frankenherrscher einen gut organisierten Verwaltungsapparat, erließ Gesetze und war ständig unterwegs.
Wenn der mächtigste Herrscher des Mittelalters mal frei hatte, ging er baden. Karl der Große liebte heiße Naturquellen. "Er schwamm sehr viel und so gut, dass es niemand mit ihm aufnehmen konnte", schreibt sein Biograf Einhard. Der Frankenkönig habe "nicht nur seine Söhne, sondern auch Adelige und Freunde, manchmal sogar sein Gefolge und seine Leibwache zum Baden" eingeladen. "Oft badeten mehr als hundert Leute mit ihm", erzählt der Biograf.
Karl war selten allein, nicht nur beim Schwimmen. Zeit seines Lebens umgab ihn ein üppiger Verwaltungsapparat, bestehend aus Dutzenden Beamten, Dienern, Getreuen und Gelehrten: der königliche Hof. Er bildete die Basis der Frankenherrschaft.
An der Spitze des Hofes standen König und Königin mit ihren Töchtern und Söhnen. Hinzu kamen weitere Nachkommen von Karls Geliebten. Den reibungslosen Ablauf des Alltags organisierten die Inhaber der Hofämter, die Minister: Der Kämmerer (Kammerherr) führte den Gesamthaushalt - unter Aufsicht der Königin. Er war auch "für den Schmuck des Königs" zuständig, berichtet Erzbischof Hinkmar von Reims in seiner "Palastordnung" ("De ordine palatii"). Der Kämmerer musste "immer rechtzeitig den künftigen Bedarf voraussehen, damit nichts im gegebenen Augenblick, wenn es benötigt wurde, irgendwo fehlte".
Für die Versorgung der Herrscherfamilie mit Getränken war der Mundschenk zuständig; Personalchef des Hofes war der Seneschall (Altknecht). Und um das königliche Militärwesen kümmerte sich der Marschall (Pferdeknecht).
Für den Schriftverkehr Karls des Großen zeichnete die königliche Hofkapelle verantwortlich: In einer Schreibstube überwachte der Kanzler die Ausfertigung aller Urkunden, Briefe und Anweisungen, die der Kapellan archivierte. Die Hofkapelle verwahrte auch den reichen Reliquienschatz des Frankenherrschers, insbesondere die Capella (Mäntelchen) des heiligen Martin, von der die Kanzlei ihren Namen hatte. Der 397 gestorbene Bischof von Tours, der nach der Überlieferung seinen Mantel teilte, um einen Armen zu wärmen, war seit den Merowingern Schutzherr der fränkischen Könige.
An seinem Hof versammelte Karl zudem renommierte Gelehrte seiner Zeit um sich. Sie alle buhlten um die Gunst des Herrschers. "Eine streitsüchtige Grundstimmung durchwehte die Runde", schreibt der Historiker Johannes Fried. "Konkurrenzkampf und Neid" waren an der Tagesordnung. Die Wissenschaftler des Königs kamen aus Sachsen, Bayern, Irland, Italien und Spanien.
Am Ende des 8. Jahrhunderts herrschte Karl über ein riesiges Reich. Es erstreckte sich von der Nordsee bis nach Süditalien und von der Elbe bis zur Spanischen Mark. Der Frankenkönig hatte weite Teile Europas erobert, ihm waren Sachsen, Langobarden, Bayern, Sorben, Tschechen, Friesen und Franken untertan.
Um die Kontrolle über sein Herrschaftsgebiet nicht zu verlieren, war Karl ständig unterwegs. So konnte er seinen Machtanspruch wirkungsvoll demonstrieren. Die Inhaber der wichtigen Hofämter reisten vorweg, um Vorbereitungen für den Aufenthalt des Monarchen zu treffen.
Der residierte mit seiner Entourage meist in Pfalzen, Klöstern und Bischofsresidenzen - in Frankfurt oder Worms, Compiègne oder Quierzy. Sein Weg führte den Frankenkönig durch weite Teile Europas.
Aber auch die anstrengende Reise-Existenz sicherte Karls Herrschaft keineswegs. Die Entfernungen zwischen den einzelnen Teilen des Reiches waren so groß, dass es "nicht einfach war, die Vorstellungen der Zentrale draußen im Lande umzusetzen", resümiert der Bonner Historiker Matthias Becher.
Im Jahr 786 kam es unter Führung des Grafen Hardrad zu einer Verschwörung Thüringer Adliger und anderer Ostfranken gegen Karl. Der schlug den Aufruhr gewaltsam nieder.
Solche Rebellionen, die ständig aufflammten, machten deutlich: Der Frankenkönig musste Strukturen schaffen, die ihm die Durchsetzung seiner Macht ermöglichten, auch wenn er nicht persönlich anwesend war.
Zu diesem Zweck unterteilte Karl das Reich in Grafschaften. Seine Herrschaftsvorstellungen ließ er in Kapitularien (Anordnungen) schriftlich fixieren - ein Konzept, das er von den römischen Kaisern übernahm. Die Gesetze ließ der Frankenherrscher den Pfalzgrafen übermitteln, die zugleich Gerichtsherren waren. Sie halfen bei der Umsetzung der königlichen Rechtsprechung, verfolgten aber stets auch eigene Interessen.
Wie wenig Karl seinen Amtsträgern vertraute, zeigt die jährliche Entsendung von Königsboten. Mit deren Hilfe kontrollierte der Regent stichprobenartig seine Landesherren. Die Boten, je ein Geistlicher und ein Laie, bereisten ein Gebiet aus mehreren Grafschaften und Bistümern.
Neben den eigenwilligen Pfalzgrafen behaupteten in Karls Reichsverband aber auch andere "Große" ihren Platz: Herzöge, adlige Eigenherren, geistliche Gebieter wie Erzbischöfe und Äbte in Reichsklöstern. Sie alle verwalteten Ländereien im fränkischen Herrschaftsgebiet.
Die flächendeckende Überprüfung seiner Großen fiel dem Frankenherrscher bis zuletzt schwer. Um seine Macht langfristig zu sichern, musste er ein Treueverhältnis mit den Amtsträgern suchen, sie umgarnen und beschenken. Auch den unterworfenen Völkern machte Karl Zugeständnisse: Er tolerierte ihre Stammesrechte, ließ die überlieferten Regeln schriftlich festhalten oder durch Kapitularien ergänzen.
Zweimal im Jahr organisierte der König Reichsversammlungen - eine Zusammenkunft der geistlichen und weltlichen Großen. Karl nutzte diese Treffen, um alle, deren direkter Herrscher er zu sein beanspruchte, auf sich einzuschwören. Bei der jährlichen Frühjahrsversammlung mussten die wichtigen Amtsträger des Frankenreiches erscheinen, "die höheren, um Beschlüsse zu fassen, die geringeren, um diese Beschlüsse entgegenzunehmen", schreibt der Chronist Hinkmar von Reims, "schließlich auch um allgemein ihre Geschenke darzubringen".
Die Teilnehmer besprachen Kriegführung, Friedensverhandlungen und sonstige Projekte, die auf Karls Agenda standen.
Und davon gab es eine Menge. Der Monarch überließ nichts dem Zufall und bearbeitete eine Vielzahl von Themen persönlich. Karl kümmerte sich um Kornpreise, Münzverhältnisse, Wissenschaft und Bildung, Rechtsreformen und kirchli- che Angelegenheiten.
Auf die Verbreitung des christlichen Glaubens legte Karl besonderen Wert - auch aus machttaktischem Kalkül: Er nutzte die wachsende Kraft der Kirche zur Festigung seiner weltlichen Herrschaft. Dabei half ihm die kirchliche Infrastruktur des Reiches - Bistümer, Diakonate, Klöster.
Der König griff zudem in innerkirchliche Angelegenheiten ein. Seiner Auffassung nach hatte er sich allein vor Gott zu verantworten. So ernannte er nach eigenem Gutdünken Bischöfe und Äbte oder tauschte sie aus.
Karl scheute sich nicht, den geistlichen Würdenträgern seines Reiches Anweisungen zu geben: 784/785 bestimmte er in einem "Brief über die Pflege der Studien" die Gründung von Schulen in kirchlichen Einrichtungen, forderte eine einheitliche Liturgie und pochte auf die Verwendung des klassischen Lateins wie die korrekte Überlieferung biblischer Texte.
Wenige Jahre später verpflichtete er im Kapitular "Allgemeine Ermahnung" seine Untertanen zur Einhaltung christlicher Gebote - und schloss dabei die Kirchenfürsten des Reiches ausdrücklich mit ein.
Karls Ordnungswille ging aber noch weiter: Um 800 ließ er sein gesamtes Königsgut erfassen - Gebäude, Tiere, Gerätschaften. In einer Landgüterverordnung gab er den Verwaltern seiner Krongüter detaillierte Anweisungen für die Zucht von Geflügel und Großvieh, den Gewürz- und Gemüseanbau, die Pflanzung von Bäumen und Rebstöcken. Die Verwalter hatten genaue Rechenschaft über Ernteerträge, Gewinne und Überschüsse abzulegen (siehe Seite 94 ).
Trotz aller Vorschriften und Kontrollmechanismen war das Frankenreich keine wohlgeordnete "Nation" im modernen Sinn; eine Verfassung oder fränkische "Staatsbürger" gab es nicht.
Daran änderte sich auch nichts, als Papst Leo III. dem Frankenkönig im Jahr 800 die römische Kaiserwürde verlieh.
Fünf Jahre zuvor hatte Karl seine Pfalz in Aachen zur dauerhaften Winterresidenz gemacht. Hier konnte der Frankenherrscher seinen Hobbys frönen, der Jagd und auch dem Schwimmen: Seit der Antike war die Gegend bekannt für ihre heißen Naturquellen.
Von Felix Bohr

SPIEGEL GESCHICHTE 6/2012
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