28.05.2013

DOKUMENT„Barbarischer Rachezug“

Bebels flammende Rede gegen den deutschen Imperialismus in China
Den "Boxeraufstand" chinesischer Patrioten bekämpfte das Kaiserreich mit einem 20 000 Mann starken Expeditionskorps als Teil einer multinationalen Truppe. Die Soldaten sollten den Mord an dem deutschen Gesandten rächen. Kaiser Wilhelm II. verabschiedete die Truppen im Juli 1900 mit einer scharfmacherischen Rede. Darin forderte er: "Pardon wird nicht gegeben, Gefangene nicht gemacht" und rief die Soldaten auf, sich so zu verhalten, "dass niemals wieder ein Chinese es wagt, einen Deutschen auch nur scheel anzusehen". Der Sozialdemokrat August Bebel prangerte am 19. November 1900 im Reichstag das brachiale Vorgehen der deutschen Militärs in China an (Auszüge):
Man schlug China gegenüber so außerhalb alles völkerrechtlichen Verfahrens liegende Wege ein, dass Kenner von Land und Leuten wiederholt und nachdrücklich erklärt haben, dass dies einmal ein böses Ende nehmen müsse; wenn die Bevölkerung immer mehr gereizt würde und schließlich zum Bewusstsein ihrer Kraft komme, werde eine Bewegung eintreten, die sich dann nicht mehr eindämmen lasse.
Glauben Sie wirklich, dass irgendein Volk in der Welt sich etwas Ähnliches hätte bieten lassen, wie die Chinesen viele Jahre lang es sich haben gefallen lassen?
Der erste Grundsatz eines jeden ehrlich und rechtlich Denkenden, der auch der Grundsatz jedes Staatsmannes sein sollte, ist: Tue du nicht einem anderen, was du nicht willst, dass man dir selber tue!
Deutsche Soldaten haben also von der Mauer der Gesandtschaft ohne die geringste Provokation gegen einen Haufen friedlich versammelter Chinesen geschossen, haben sechs bis acht Mann getötet, eine ganze Anzahl verwundet, während die anderen geflohen sind. Sie haben damit das schwerste völkerrechtswidrige Verbrechen begangen, das man überhaupt zu tun imstande war, sie begingen elenden, feigen Mord.
Nein, kein Kreuzzug ist's, kein heiliger Krieg; es ist ein ganz gewöhnlicher Eroberungskrieg und Rachezug. Ein Rachezug, so barbarisch, wie er niemals in den letzten Jahrhunderten und nicht oft in der Geschichte vorgekommen ist.
Wenn Sie christlich regieren wollten, dann müssten Sie in aller Ewigkeit in der Hölle braten, so verletzen Sie tagtäglich die christlichen Grundsätze.
Es ist ja das reine Treibjagen. Sobald ein Chinese innerhalb des Militärrayons sich sehen lässt, wird er wie ein Hase, wie ein Stück Wild angeschossen. Das ist ein Zustand, dass, wenn man diese Dinge liest, einem das Herz im Leibe erstarrt.
Was von unserer Seite geschehen müsste, ist meiner Meinung nach kurz Folgendes: loyale Handhabung und Innehaltung der mit China geschlossenen Verträge; China muss als gleichberechtigter Staat anerkannt werden, was schon durch die Gesandtschaften ausgedrückt wird, die bei uns im Lande sind; Sicherung der chinesischen Bevölkerung gegen Übergriffe und Gewalttaten der Fremden - das ist eine Hauptsache.
Vor allem ein Friedensschluss unter Bedingungen, die dem chinesischen Reiche seine Weiterexistenz als selbständiger Staat und als selbständige Nation ermöglichen. Es genügt nicht zu sagen: Wir wollen keinen Fußbreit Landes; man muss auch die Möglichkeit geben, dass China als Staat leben kann. Wir haben im alten Reichstag einen schönen Spruch gehabt, dass jede Nation ein Recht zum Leben habe. Das haben die Chinesen auch, nicht bloß die Deutschen und die anderen. Man muss es ihnen möglich machen, als Chinesen zu leben, sonst hören die Verwicklungen und Kriege nicht auf. Überhaupt keine Politik der Rache, sondern eine Politik, wie sie sich für vernünftige Menschen gebührt.

SPIEGEL GESCHICHTE 3/2013
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