28.05.2013

Bissige Bulldogge

Satirische Zeitschriften kritisierten offen die Missstände im Kaiserreich. Besonders frech forderte der „Simplicissimus“ die Zensur heraus.
Als frommer Christ reise der Kaiser ins Heilige Land, so hieß es offiziell, um die prächtige protestantische Erlöserkirche in Jerusalem einzuweihen. Doch die Pilgerfahrt im Herbst 1898 war hochpolitisch: Auf dem Weg nach Palästina besuchte der Monarch den osmanischen Sultan, der wegen Massakern an den Armeniern in Verruf war. Bei ihm warb Wilhelm für deutsche Konzessionen zum Bau der Bagdadbahn; später in Damaskus versprach er "dreihundert Millionen Muhammedanern" die Freundschaft des Reiches.
Das Kaiserpaar war am 29. Oktober gerade in Jerusalem eingeritten, da erschien daheim im Reich die neueste Ausgabe der Münchner Satirezeitschrift "Simplicissimus", auf dem Titel zwei Kreuzfahrer: Der Heerführer Gottfried von Bouillon und Stauferkaiser Friedrich I. Barbarossa, im Hintergrund der Felsendom von Jerusalem. "Lach nicht so dreckig, Barbarossa!", sagt der Lothringer zum Staufer, der sich vor Lachen krümmt, "unsere Kreuzzüge hatten doch eigentlich auch keinen Zweck."
Der Seitenhieb gegen den "Kreuzfahrer" Wilhelm II. setzte umgehend die Zensur in Marsch: Das war Majestätsbeleidigung! Die Staatsanwaltschaft ließ die Ausgabe konfiszieren. So kamen die Leser gar nicht mehr in den Genuss der Ballade "Im heiligen Land" auf Seite 245: "Ist denn nicht deine Herrschaft auch so weise, dass du dein Land getrost verlassen kannst?", heißt es da herausfordernd.
Seinem Autor, dem Dichter Frank Wedekind, brachte der Spott sechs Monate Festungshaft ein, an der Seite des Titel-Karikaturisten Thomas Theodor Heine. Verleger Albert Langen floh ins Ausland; erst nach fünf Jahren und Zahlung einer Geldbuße von 30 000 Mark konnte er zurückkehren. Doch die harte Gangart der Justiz hatte sein Blatt schlagartig berühmt gemacht, die Auflage schnellte von 15 000 auf 85 000 Exemplare hoch.
Die Obrigkeit sollte dem "Simplicissimus" mit seinen frechen Karikaturen und aufmüpfigen Texten noch häufiger auf den Fersen sein. "Katholische und protestantische Geistliche gingen in die Buchhändlerläden, verlangten Entfernung des ,Simplicissimus' aus den Schaufenstern oder wollten den Vertrieb verbieten", erinnerte sich der Redakteur Ludwig Thoma, der 1906 wegen Beleidigung diverser Sittlichkeitsvereine ins Gefängnis Stadelheim einrücken musste. Staatsanwälte und Richter hätten sogar gesetzliche Vorgaben verletzt, "um das gehasste, zum mindesten für verderblich gehaltene Witzblatt zu unterdrücken oder zu schädigen". Bald wurde der Verkauf der illustrierten Wochenschrift auf preußischen Bahnhöfen verboten.
Doch die Unterdrückung förderte bloß ihren Nimbus als furchtlose publizistische Opposition. Bald habe die Redaktion Verbote und Prozesse mit voller Absicht angesteuert, schreibt der "Simplicissimus"-Kenner Anton Sailer. Ein Gutteil ihres Ruhms, rügten Kritiker, verdanke die Zeitschrift ohnehin ihrer geschickten Selbstdarstellung.
Markenzeichen des "Witzblattes", wie man es damals nannte, war eine bissige rote Bulldogge, die auf Titelbildern auch schon mal das Bein gegen österreichische Wachleute hob oder als Ratten dargestellte Abgeordnete der katholischen Zentrumspartei anknurrte.
Das Blatt, das zunächst nur Verluste einfuhr, war keineswegs die erste deutsche Satirezeitschrift. Seit 1844 gab es die humoristischen Münchner "Fliegenden Blätter", in Berlin erschien der populäre "Kladderadatsch". Doch das Bulldoggen-Heft, das Thomas Mann als "das beste Witzblatt der Welt" adelte, setzte Maßstäbe. Gerhart Hauptmann sah in ihm die "schärfste und rücksichtsloseste Kraft Deutschlands".
Seine Gegner waren die wilhelminischen Spießbürger, willfährige Untertanen, bigotte Kleriker und dümmliche Staatsanwälte, reaktionäre Korpsstudenten, arrogante Großgrundbesitzer und neureiche Schlotbarone. Die Zeitschrift nahm die preußische Beamten- und Kommerzienratsaristokratie aufs Korn, geißelte die Klassenjustiz und die Herrenmenschenpolitik in den Kolonien. "Es ist der Obrigkeitsstaat, der hier 52-mal im Jahr verspottet wird", beschrieb es Golo Mann.
Vor allem die erbitterte Opposition gegen den Kaiser und dessen Militär war Programm. Von Verleger Langen 1896 als Literaturheft gegründet, wurde es bald zu einem bissig-kritischen Intellektuellenblatt, das keine Gelegenheit ausließ, Wilhelms säbelrasselnden Imperialismus lächerlich zu machen.
München war damals das Zentrum der Avantgarde, und für den "Simplicissimus" zeichneten die genialsten Karikaturisten. Die sechs Hauptzeichner, neben Heine auch Eduard Thöny und Olaf Gulbransson, später Karl Arnold, waren Gesellschafter, ihre Beteiligung hatten sie mit der Drohung erzwungen, sonst ein Konkurrenzblatt zu gründen. Zu den freien Autoren zählten so berühmte Schriftsteller wie Bertolt Brecht, Hermann Hesse, Erich Kästner, Joachim Ringelnatz, Kurt Tucholsky und Carl Zuckmayer.
Die Edelfedern gaben den sozialen Missständen Gesichter, zeichneten profitgierige, skrupellose Unternehmer und ihre Verflechtung mit den Machteliten des Reiches. Dennoch war der "Simpl", wie er später liebevoll genannt wurde, eher ein bürgerlich-linksliberales, kein linkes Blatt, den Klassenkampf lehnte er ab. Wie die im selben Jahr gegründete Kunst- und Literaturzeitschrift "Jugend" - nach der bald der Jugendstil benannt wurde - war er Ausdruck und Plattform der Moderne, die sich aus dem Muff des Kaiserreichs Bahn brach.
1900 stieß der bayerische Hausdichter Ludwig Thoma dazu, Schöpfer der "Lausbubengeschichten", ein begabter Erzähler und journalistischer Kopf, der gegen die Rechten zu Felde zog, aber auch für die Widersprüche und Brüche der Zeitschrift steht. Nach dem Wunsch seines Verlegers sah sich der "Simplicissimus" als ein Sprachrohr des Friedens, doch als der Krieg kam, stimmte die Redaktion ihm zu. Thoma wurde einer der Wortführer der Nationalisten im Heft, der den Weltkrieg zwar als Katastrophe, aber auch als Katharsis sah, als "die große Tat" und "frische Luft". Er meldete sich später freiwillig zum Kriegsdienst. Von der einst propagierten internationalen Solidarität des Blattes blieb nicht mehr viel übrig. In eigener Sache erklärte die Redaktion, dass es "in diesen Tagen der deutschen Erhebung eine Kritik innenpolitischer Vorgänge selbstverständlich nicht mehr gibt". So entwickelte sich der "Simpl" zu einem "Propagandablatt der deutschen Außenpolitik", moniert die Kunsthistorikerin Carla Schulz-Hoffmann. Ganz im Sinne wilhelminischer Politik bekämpfte man nun die Feinde von innen, attackierte die linken Sozialdemokraten Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg als "Vaterlandslose".
In dieser Zeit entstanden Titel wie der von Gulbransson im August 1917 mit Soldaten, die sich in die brandende Schlacht werfen: "Seht die vielen Völker alle, die sich wider uns verschworen, die in dünkelhafter Ehrsucht völlig den Verstand verloren!" steht darunter, und darüber: "Durchhalten!"
Als das deutsche Kaisertum im verlorenen Krieg unterging, widmete ihm der "Simplicissimus" noch eine Karikatur: Der Monarch ganz weit hinten am Horizont, zurück lässt er ein abgerissenes, niedergeschlagenes, kriegsversehrtes Volk: "Wir weinen ihm keine Träne nach, er hat uns keine zu weinen übrig gelassen."
Das schleichende Ende kam mit dem Nationalsozialismus, den die Redaktion zunächst mutig attackierte. Im März 1933, nach einer neuen Glanzzeit während der Weimarer Republik, verwüstete ein SA-Trupp die Redaktion, das Blatt wurde gleichgeschaltet. "Von allen im Dritten Reich gedruckten Widrigkeiten ist mir der ,Simplicissimus' der Widrigsten eine", empörte sich Klaus Mann. 1944 wurde die ehedem bedeutendste Satirezeitschrift des Kaiserreichs eingestellt - aus Papiermangel. ■
Von Annette Großbongardt

SPIEGEL GESCHICHTE 3/2013
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