28.05.2013

Mit Grog und Geschenken

Der Afrika-Pionier Carl Peters war eine der schillerndsten Figuren der deutschen Kolonialgeschichte - er unterwarf Ostafrika für das Kaiserreich und ließ seine Geliebte aufhängen.
Es war ein vergnügtes Beisammensein. Die deutschen Delegationsteilnehmer nahmen den afrikanischen Sultan in die Mitte, legten ihre Arme um den verdutzten Mann und flößten ihm gutgelaunt Grog ein - was den Herrscher über einen Teil jenes Landes, das heute als Tansania bekannt ist, "in die vergnüglichste Stimmung" versetzt haben soll.
So jedenfalls schildert Carl Peters, der Anführer der deutschen Abteilung, die Begegnung in seinen Erinnerungen ("Wie Deutsch-Ostafrika entstand"). Danach wurden "Ehrengeschenke" ausgetauscht, es wurde ausgiebig getafelt und hernach der Sultan mit süßem Kaffee verwöhnt.
Dann war die Zeit reif. Der Afrikaner, des Deutschen nicht mächtig, setzte ahnungslos sein "Handzeichen" unter einige Blatt Papier. Man hisste die Fahne des Reichs, schoß ein paar Salven in die Luft und ließ Kaiser Wilhelm II. hochleben.
Am 4. Dezember 1884 ging so das Land des Sultans Muinin Sagara in deutschen Besitz über. Der "Herr von ganz Usagara" habe nun einen "ewigen Freundschaftsvertrag" mit seinen Gästen aus dem hohen Norden abgeschlossen, heißt es nämlich in dem Konvolut - er habe "eine Reihe von Geschenken" erhalten und erhalte auch noch "weitere Geschenke" in der Zukunft. Dafür trete er "unter den Schutz der Gesellschaft für deutsche Kolonisation".
Deren Vertreter Carl Peters erhalte, "kraft seiner absoluten und uneingeschränkten Machtvollkommenheit, das alleinige und ausschließliche Recht, Kolonisten nach ganz Usagara zu bringen".
Es war ein historischer Moment: Deutschland war auch in Ostafrika Kolonialmacht geworden. Und: Peters, ein hagerer 32-Jähriger mit raubvogelartiger Nase und walrossartigem Schnauz, war seinem Traum nahegekommen - Kolonialherr zu werden und Deutschland im Wettrennen mit den anderen europäischen Mächten zu seinem Platz an der Sonne zu verhelfen.
Insgesamt zwölf derartige Abkommen schloss Peters während einer fünfwöchigen Expedition. Dann kehrte er fiebernd, mit einem Puls von 140 Schlägen in der Minute und schwärenden Wunden an den Füßen nach Sansibar zurück und reiste von dort heim nach Deutschland. Umgehend versuchte er, Kaiser und Kanzler von seiner Sache zu überzeugen.
Und tatsächlich: Am 27. Februar 1885 unterzeichnete "Wilhelm, von Gottes Gnaden Deutscher Kaiser, König von Preußen" einen Brief, in dem er kundtat, über die betreffenden Gebiete die Oberhoheit angenommen und sie unter "Unseren Kaiserlichen Schutz gestellt" zu haben.
Gegengezeichnet wurde das Schriftstück vom Reichskanzler Otto von Bismarck. Der Fürst, anfangs allen kolonialpolitischen Ambitionen abhold, hatte nachgegeben. "So lange ich Reichskanzler bin, treiben wir keine Kolonialpolitik", hatte er noch 1881 gewettert, "wir dürfen keine verwundbaren Punkte in fernen Weltteilen haben, die den Franzosen als Beute zufallen, sobald es losgeht." Doch das galt nun nicht mehr.
Einige Jahre später nur sollte das Deutsche Reich die heutigen Länder Tansania, Burundi und Ruanda in Ostafrika kontrollieren, flatterten in Togo und Kamerun im Westen des Kontinents die schwarz-weiß-roten Fahnen des Kaisers, pirschten in Namibia im Süden Afrikas Schutztruppler durch die Halbwüste - und selbst auf einigen Südseeinseln wie Samoa und den Salomonen, außerdem in Kiautschou an der chinesischen Ostküste lernten Kinder nun Deutsch in der Schule. Erst durch den Versailler Vertrag nach dem Ersten Weltkrieg verlor das Reich seine überseeischen Besitztümer wieder.
Wer aber war Carl Peters - dieser Mann, der das Kaiserreich gegen alle anfängliche Skepsis des angeblich eisernen Kanzlers in ein weiteres koloniales Abenteuer zu treiben vermochte?
Bei genauerem Hinsehen stößt man auf einen facettenreichen Lebenslauf. Peters war vieles in einer Person:
Ein kleinwüchsiger Pastorensohn aus einer Landpfarrei in Neuhaus an der Elbe, damals Teil des Königreichs Hannover; als achtes von elf Kindern aufgewachsen in ärmlichen Verhältnissen.
Ein Träumer mit Hang zum Okkultismus - der davon überzeugt war, schon "im 3. Jahrhundert nach Christus als byzantinischer Gouverneur in Alexandrien" gewirkt zu haben und später "als Dschinghis Khan noch einmal wiedergeboren" worden zu sein, wie sein Biograf, der Nazi-Autor Fritz Carl Roegels, herausgefunden haben will.
Ein Streber mit besten Noten, der in Göttingen, Tübingen und Berlin studierte, mit einer Arbeit über Barbarossas Frieden von Venedig (1177) promovierte und bereits mit 23 Jahren ein Buch über den weisen Pessimisten Arthur Schopenhauer veröffentlichte ("Arthur Schopenhauer als Schriftsteller und Philosoph").
Ein Mensch mit Hang zum Größenwahn, der in seinen Memoiren von sich selbst behauptet: "Meine Vorbilder in der Geschichte waren Perikles, Hannibal, die Gracchen bis zu Cortez, Sir Walter Raleigh, Nelson usw."
Ein polyglotter Bildungsbürger, der seine Wanderjahre in England verbrachte - als Gast bei seinem vermögenden Onkel Carl Engel im Londoner Stadtteil Kensington, einem Schöngeist durch und durch: Komponist, Pianist und Musikschriftsteller.
Damals hätte Carl Peters auch Brite werden können - und die Geschichte wäre womöglich anders verlaufen. Sein Onkel war ein einflussreicher Mann im Vereinigten Königreich. Er hatte in den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts eine Engländerin aus der angesehenen Pagets-Familie geehelicht und war nun sowohl mit dem Arzt der Königin als auch mit dem Handelsminister Joseph Chamberlain, dem Vater des späteren Premierministers Neville, verwandt.
Nach dem Tod seiner Frau hatte Carl Engel ein Vermögen geerbt und drängte nun seinen Neffen, sich adoptieren zu lassen. Doch Carl Peters, "dieser junge Deutsche mit dem harten Dickschädel des Hannoveraners" (Roegels) wollte nicht. Offenbar hatte er während der drei Jahre im Herzen der Weltmacht unter Minderwertigkeitskomplexen gelitten.
"Wenn man ein egoistisches Moment in diesem Motiv für meine kolonialpolitische Tätigkeit suchen will, so mag man es darin finden, dass ich es satt hatte, unter die Parias gerechnet zu werden und dass ich einem Herrenvolk anzugehören wünschte", gab er später zu Protokoll. Wenn Deutschland Weltmacht werden wolle, sei es "wohl oder übel gezwungen, der angelsächsischen Rasse in ihrer großartigen Weltentwicklung nachzustreben".
Kaum zurück in Deutschland gründete Peters mit Gleichgesinnten die "Gesellschaft für Deutsche Kolonisation" - einen Verein von mittelständischen Phantasten mit dem Ziel: "in entschlossener und durchgreifender Weise die Ausführung von sorgfältig erwogenen Kolonisationsprojekten selbst" in die Hand zu nehmen.
Vorbild des ambitionierten Clubs waren britische Eroberer - "unternehmende Männer", wie Peters in seinen Erinnerungen schwadronierte, "welche ein Betriebskapital zusammenschossen, sogenannte adventurers, Schiffe, aber auch nur ein Schiff ausrüsteten und unter schneidigen Führern in die ins Auge gefasste Weltgegend entsandten".
So einer wollte Carl Peters auch werden. Doch erste Pläne, in Südostafrika, wo "das Gold von Mashonaland und Sambesia" lockte, Fuß zu fassen, scheiterten an der mangelnden Unterstützung Bismarcks - ebenso wie der Plan, als Jagdgesellschaft verkleidete Eroberer ins Gebiet des heutigen Angola zu entsenden.
Doch der unternehmungslustige Verein ließ sich nicht beirren, und eines Tages kam Peters und seinem Mitstreiter Joachim Graf von Pfeil eine grandiose Idee. In einem Text des britischen Haudegens Henry Morton Stanley stießen sie auf die Region Usagara an der Ostküste Afrikas. Hier, nördlich von Portugiesisch Ostafrika (heute: Mosambik) schien sich ein weißer Fleck auf der Landkarte zu befinden: das Land zwischen dem schneebedeckten Gipfel des Kilimandscharo und dem Gewürzinsel-Sultanat Sansibar.
Es dauerte nicht lange, da machten sich Peters, Graf Pfeil und ihr Kamerad Karl Ludwig Jühlke auf den Weg nach Sansibar, um dort eine kleine Expedition nach Usagara zusammenzustellen. Schließlich wollten sie auf dem Festland "eine Landerwerbung behufs Anlegung einer deutschen Ackerbau- und Handelskolonie" vollziehen.
Mit Geschenken und Grog, 200 Pfund Reis, einem Kochkessel und sechs Patronentaschen, einer Martini-Henry-Büchse mit 500 Patronen, einem Revolver, einigen Dolchmessern und 36 mit Speeren bewaffneten Trägern ging es schließlich los ins Innere Afrikas.
Immer vorneweg, wenn die Überlieferung stimmt, Carl Peters mit zwei bewaffneten Dienern, gefolgt von Doktor Jühlke aus Vorpommern, der von einem Einheimischen begleitet wurde. Dahinter dann Graf Pfeil und ein Mann namens Herr Otto nebst Koch. Über Herrn Otto ist nicht viel bekannt, er hatte sich dem Tross wohl aus Abenteuerlust vor Ort angeschlossen.
Eine Zeitlang lief es für Carl Peters wie gewünscht. Die örtlichen Fürsten waren mit Geschenken und Versprechungen schnell um ihr Land gebracht. Dass Bismarck und der Kaiser dem dreisten Unterfangen schließlich ihren Segen gaben, lag wohl am Druck, den nationalistische Kolonialverbände ausübten.
"Die ganze Kolonialgeschichte ist ja Schwindel", soll Bismarck gesagt haben, "aber wir brauchen sie für die Wahlen." Eine Expedition nach der anderen wurde schließlich entsandt, bis ein Land von der dreifachen Größe der heutigen Bundesrepublik erobert worden war. Die Soldaten und Askaris des Kaisers standen nun am Tanganjikasee und am Kilimandscharo, am Kivusee und in der Serengeti, in Daressalam und Bujumbura.
Aber um 1889 verließ das Glück den Abenteurer aus dem Hannöverschen. Das Versagen der Deutsch-Ostafrikanischen-Gesellschaft bei einem Aufstand der Küstenbevölkerung führte zur schleichenden Entmachtung Peters'.
Und traurig endete auch eine draufgängerische Expedition zur Rettung des schlesischen Sudan-Gouverneurs Eduard Schnitzer. Dieser als Emin Pascha bekannt gewordene Afrikaforscher war 1889 in den Strudel einer Rebellion ("Mahdiaufstand") geraten. Schnitzer alias Emin Pascha konnte allerdings aus eigener Kraft entkommen, bevor die Peters-Expedition auch nur in seine Nähe gelangt war.
Schließlich musste sich Peters mit dem Posten des Reichskommissars für das Kilimandscharogebiet begnügen. Seinen Ruf als Afrikapionier aber büßte er vollends ein, als er seine Konkubine Jagodja und deren Liebhaber Mabruk im August 1891 wegen fadenscheiniger Vorwürfe aufhängen ließ.
Der Fall landete im deutschen Reichstag, wo er heftige Debatten auslöste. Der sozialdemokratische "Vorwärts" prangerte den Kilimandscharo-Herrscher als "Hänge-Peters" an. Wenig später wurde er aus dem Kolonialdienst entlassen. ■

MARGINALIE Exotischer Genuss

Der Kolonialwarenladen
Bis in die siebziger Jahre hießen Tante-Emma-Läden noch Kolonialwarenläden - und wer weiß heute noch, dass die Abkürzung der Supermarktkette Edeka (gegründet 1898) für "Einkaufsgenossenschaft der Kolonialwarenhändler im Halleschen Torbezirk zu Berlin" steht? Produkte aus den Kolonien wurden hier feilgeboten: Kaffee aus Brasilien oder Tee aus Kenia, Zucker aus Kuba oder Reis aus Vietnam, Kakao von der Westküste Afrikas oder Zigarren aus Indonesien.
Auf diese Spezereien waren die Händler stolz. Die Jagd nach den exotischen Gewürzen und Genussmitteln hatte schon Kriege ausgelöst und Entdecker- wie Abenteurertum entfacht. Vasco da Gama war nicht nur aus Neugier nach Indien aufgebrochen.
Viele folgten seinen Spuren. Als der deutsche Steuermann Joachim Nettelbeck 1773 von seinem holländischen Sklavenschiff nahe Surinam an Land gehen musste, um ein Leck reparieren zu lassen, kam er ins Schwärmen: "Flugs wirbelte in mir auch dieser letztere Umstand im Kopf herum: der preußische Patriotismus ward in mir lebendig, und ich sann und sann, warum denn nicht mein König hier eben so gut, als England und Frankreich, seine Kolonie haben und Zucker, Kaffee und andere Kolonialwaren eben, wie Jene, anbauen lassen sollte?"
Der Begriff Kolonialwarenladen überlebte noch die Kolonialzeit. Nach und nach aber setzte er Patina an und wurde vom Supermarkt oder dem Feinkostgeschäft ersetzt. Nur wenige Geschäfte wie der Bremer Kolonialwarenladen Wilhelm Holtorf nennen sich immer noch so. 1976 wurde er sogar preisgekrönt - aber schon nicht mehr als Kolonialwarenladen, sondern als "Deutschlands schönster Tante-Emma-Laden '76".
Von Thilo Thielke

SPIEGEL GESCHICHTE 3/2013
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