28.05.2013

Der Herzenspreuße

Wie der Dichter Theodor Fontane zum strengen Kritiker der herrschenden Schicht wurde
Die Befragungen fanden gewöhnlich im Wohnzimmer statt. "Du kennst Ost- und Westpreußen?" "Ja, Papa; das ist das Land, wonach Preußen Preußen heißt und wonach wir alle Preußen heißen." "Sehr gut, sehr gut; ein bisschen viel Preußen, aber das schadet nichts. Und du kennst auch die Hauptstädte beider Provinzen?" "Ja, Papa; Königsberg und Danzig."
Mit dieser Antwort war der Vater zufrieden. Und der Schüler Theodor Fontane hatte einen wesentlichen Teil dessen gelernt, was seinem politischen Koordinatensystem bis zu seinem Tod Halt geben sollte.
Acht Jahre war der Knabe alt, als sein "Papa", der Apotheker Louis Fontane, in Ermangelung besserer Lehrer die Bildung seines Sohnes übernahm. Meistens saßen die beiden dabei auf dem heimischen Sofa. Gelegentlich musste der Alte aufstehen, etwa wenn es darum ging, die militärischen Rituale zwischen Soldaten und Offizieren nachzuspielen. Derlei Exerzitien nannte Louis seine "sokratische Methode". Und auch wenn Theodors Mutter der Pädagogik ihres Gatten wenig zutraute, beteuert der Sohn doch in seinen Erinnerungen, er "verdanke diesen Unterrichtsstunden, wie den daran anknüpfenden gleichartigen Gesprächen, eigentlich alles Beste, jedenfalls alles Brauchbarste, was ich weiß".
Die napoleonische Zeit, der griechische Aufstand, die Französische Revolution, die Unabhängigkeitskämpfe der Polen - es waren die handelnden Personen und die Geschichten aus den großen Freiheitsbewegungen, mit denen Vater Fontane die Bubenphantasie seines Sprösslings entfesselte. Schon als Kind informierte sich der spätere Journalist aus Zeitungen, die er gemeinsam mit dem Herrn Papa jeden Tag an der Dampferanlegestelle in Swinemünde erwartete. "Erst zehn Jahre alt, folgte ich den militärischen Ereignissen jener Epoche mit demselben Eifer, wie vierzig Jahre später unsren Siegeszügen in Frankreich", notierte Fontane 1874.
Parallel zu seiner Leidenschaft für Geschichte wuchs auch die Liebe des Apothekersohns hugenottischer Abstammung zur brandenburgischen Landschaft - und seine Bewunderung für die dort beheimatete Führungsschicht der märkischen Landjunker und Großgrundbesitzer. "Zehn Generationen von 500 Schultzes und Lehmanns sind noch lange nicht so interessant wie drei Generationen eines einzigen Marwitz-Zweiges", huldigt der Autor der "Wanderungen durch die Mark Brandenburg" in einem Brief etwa der Familie des altpreußischen Haudegens Friedrich August Ludwig von der Marwitz. So einem verzeiht der Dichter, der im Vormärz den radikal-demokratischen Ideen des Literaten Georg Herwegh nacheiferte, sogar seinen Kampf für die feudal-aristokratischen Privilegien. "Wer den Adel abschaffen wollte", verteidigt Patriot Fontane seine Helden, "schaffte den letzten Rest von Poesie aus der Welt."
Den Adel und das Militär. Kein anderer deutscher Dichter habe "dem militärischen Wesen zeitlebens so viel Aufmerksamkeit gewidmet wie dieser Preuße", urteilt der Literaturwissenschaftler Helmuth Nürnberger, Ehrenpräsident der Theodor-Fontane-Gesellschaft und Herausgeber einer 22-bändigen Fontane-Ausgabe(*). Fontanes Begeisterung ging so weit, dass er sich 1844 freiwillig zum Dienst beim Kaiser-Franz-Garde-Grenadierregiment Nr. 2 meldete und später als Kriegsberichterstatter arbeitete.
Der wertkonservative Schriftsteller verehrte die Tugenden eines Preußentums, das er in Repräsentanten wie dem Soldatenkönig, dem Alten Fritz und seinen Offizieren verkörpert sah. Diese für ihn untadeligen Geburts- und Geistesaristokraten standen für einen sittlichen Kodex, der sich an militärischen Ehrbegriffen wie Pflichtgefühl, Tatkraft, Bescheidenheit und am Freiheitsgedanken orientierte.
Das Credo dieser soldatischen Elite, mit der sich der Autor mehrerer Kriegsbücher identifizierte, legte er in seinem 1884 erschienenen Roman "Graf Petöfy" wie so oft einer seiner Figuren in den Mund: "Es gibt eine höchste Lebensform, und diese höchste Lebensform heißt: ,in Freiheit zu dienen'."
So weit das romantische Ideal. Die Politik jedoch, insbesondere der Zeitgeist, der nach den Siegen 1866 und 1871 im neu gegründeten Deutschen Reich einzog, veränderte alles und erschütterte Fontanes Glauben an ein sittlich gefestigtes, vorbildliches Preußen.
Ahnungsvoll hatte der Literat schon 1848 in einem Zeitungsaufsatz vorausgesehen, dass Preußen "das schwerste Opfer" für "die Auferstehung Deutschlands" zu bringen habe: "Es stirbt." Die absolutistisch zusammengehaltenen Hohenzollernprovinzen würden in einem Deutschen Reich keinen Bestand haben, anders als die natürlich gewachsenen Staaten wie Bayern, Sachsen, Württemberg.
Nach der pompösen Kaiserproklamation in Versailles im Januar 1871 und der Reichsgründung waren es zwar überwiegend Nichtpreußen, die Bismarcks Machtpolitik, den Chauvinismus und die sich ausbreitende Franzosenfeindlichkeit geißelten; so warnte Friedrich Nietzsche in seinen "Unzeitgemäßen Betrachtungen" vor der Neigung zur Anbetung der Macht. Aber auch der "in der Wolle gefärbte Preuße" Fontane, wie er sich selbst titulierte, verlor allmählich seine Hoffnung, Preußen könne noch ein "Staat der Zukunft" sein.
Tiefer als der Verlust der politischen Souveränität schmerzte es den Herzenspreußen zu beobachten, wie unaufhaltsam die Wertewelt und damit die Identität seiner ethisch-moralischen Heimat verfielen. Anstelle jener preußischen Militärs, die ihre Bestimmung nach Überzeugung Fontanes weniger im Erobern als im selbstlosen Dienst für König und Vaterland gesehen hatten, machten sich nach den Triumphzügen gegen Österreich und Frankreich "die Streber, die Abenteuerlustigen, die Rastlosen, die Ambitiösen" breit. Gemessen "an der jetzt modischen Schneidigkeitselle", lästerte der Kriegsreporter, der 1870 in französischer Gefangenschaft beinahe hingerich-
(*) Theodor Fontane: "Werke, Schriften, Briefe". 22 Bände. Hanser Verlag, München; zusammen 20 264 Seiten; 1250 Euro.
tet worden wäre, wirke "ein starker Bruchteil aller Kriegshelden wie alte Susen".
Ernsthaft beunruhigte den sensiblen Beobachter, mit welcher Arroganz eine neue Kaste selbstsüchtiger Reserveoffiziere, "Vitzliputzlis des Preußenkultes", an die Spitze der wilhelminischen Gesellschaft strebte. Ein Leutnant dürfe "nur ein Leutnant sein", kritisierte Fontane den Opportunismus der neuen Herren, und müsse darauf verzichten, "ein Halbgott oder überhaupt irgendwas Exzeptionelles sein zu wollen".
In den Augen des "größten deutschen Romanciers des 19. Jahrhunderts", analysierte der US-amerikanische Historiker Gordon Craig, sei "einer der schlimmsten Aspekte dieser progressiven Militärisierung", gewesen, dass sie mit ihrem falschen Patriotismus "das Wertsystem der Gesellschaft aushöhlte". Diese "Borussismus" genannte Perversion des Preußentums, laut Fontane die "niedrigste Kulturform, die je da war", entsprang nach Überzeugung des literarischen Freigeists einer "unheilvollen Verquickung von Absolutismus, Militarismus und Spießbürgertum".
Welche Auswirkungen so ein falsch verstandener Ehren- und Verhaltenskodex auf das persönliche wie öffentliche Leben haben konnte, zeigt Fontane durch seine tragische Heldin Effi Briest. Sein Glück und letztlich das Leben zweier Menschen opfert Baron von Innstetten, als er die Jahre zurückliegende Affäre der "armen Effi" (Fontane) entdeckt. Obwohl "ohne jedes Gefühl von Hass oder gar Durst nach Rache" getrieben, ist der Adlige überzeugt, sich mit dem Verführer Major Crampas duellieren und sich selbst scheiden lassen zu müssen. "Jenes, wenn Sie wollen, uns tyrannisierende Gesellschafts-Etwas", erklärt der preußische Beamte seinem Sekundanten, "das fragt nicht nach Scharm und nicht nach Liebe und nicht nach Verjährung. Ich habe keine Wahl. Ich muss."
"Traurige Figuren" nennt Fontane nun die Abkömmlinge seines einst "vielgeliebten Adels", dem Eigenschaften wie Spontaneität und Freiheitsliebe verlorengegangen seien. "Beleidigend unangenehme Selbstsüchtler von einer mir ganz unverständlichen Borniertheit, an Schlechtigkeit nur noch von den schweifwedelnden Pfaffen übertroffen", geißelt der Zeitkritiker. Übrig geblieben, bilanzierte Historiker Craig, war von der alten Aristokratie nur noch "eine versteinerte äußere Hülle" von behaupteten Tugenden, "deren man sich beständig rühmte, um die eigene Ausnahmestellung zu rechtfertigen".
Regelrecht zuwider wurden dem Bürgersohn Fontane mit der Zeit die Angehörigen seiner eigenen Gesellschaftsschicht. "Diese Leute machen alles. Sie tuen liberal; sind aber die unreifsten Menschen von der Welt." Vor lauter Polemik gegen Parvenüs und Emporkömmlinge ("Sie heiraten immer ein wohlhabendes Mädchen und stellen bei Ministers die lebenden Bilder") verliert sich der selbsternannte "alte Fritz-Grenadier" um Haaresbreite an die Arbeiterklasse. "Ich hasse das Bourgeoishafte mit einer Leidenschaft, als ob ich ein eingeschworner Sozialdemocrat wäre", schreibt der 71-Jährige an seine Tochter Martha.
An der Spitze aller Möchtegerns und neureichen Besitzbürger identifizierte Fontane eine "Mischung von Übermensch und Schlauberger, von Staatengründer und Pferdestall-Steuerverweigerer, von Heros und Heulhuber": den altmärkischen Junker und Reichsgründer Otto von Bismarck. Dessen Virtuosität auf dem politischen Schlachtfeld erkannte der Kritiker unumwunden an: "Der Kanzler ist ein Despot; aber er darf es sein, er muß es sein." Doch der Respekt für die Autorität endete beim Charakter des Machtmenschen. "Immer ich, ich, ich, und wenn die Geschichte nicht mehr weitergeht, Klage über Undank und norddeutsche Sentimentalitätsthräne." Bismarck sei "ein großes Genie, aber ein kleiner Mann".
Große Männer nach seinem Geschmack muss sich der späte Dichter selbst erfinden. Sein Ideal einer edlen Natur lässt Fontane in seinem letzten großen Roman noch einmal auferstehen, im Major a. D. Dubslav von Stechlin - einem "jener erquicklichen Originale, bei denen sich selbst die Schwächen in Vorzüge verwandeln".
Den märkischen Konservativen lässt er das "Selbstgefühl all derer, die schon vor den Hohenzollern da waren", pflegen. Altersmilde und mit wachsendem Respekt betrachtet Dubslav von Stechlin den Aufstieg der Arbeiterbewegung. Erleichtert zeigt sich der politisch schwankende Gutsherr, als er eine Nachwahl zum Reichstag gegen einen Sozialdemokraten verliert. Kurz vor dem Tod zitiert er seinen Sohn Woldemar: "Sehen Sie da den Bebel. Mein politischer Gegner, aber ein Mann von Gesinnung und Intelligenz." Und der alte Dubslav, dessen Name Fontane aus den slawischen Wörtern für Eiche und Slawe formte, "er hörte gern eine freie Meinung, je drastischer und extremer, desto besser. Dass sich diese Meinung mit der seinigen deckte, lag ihm fern zu wünschen. Beinah das Gegenteil."
Wer dem Journalisten und Essayisten Fontane vorhalten möchte, er habe sich im Vormärz als revolutionärer Reimeschmied hervorgetan, später als Redakteur der erzkonservativen "Kreuzzeitung" gearbeitet, stets geschmeidig die politischen Fronten gewechselt und selbst in seinem Preußenbild zur Unbeständigkeit geneigt, der lernt durch die liebevolle Beschreibung des alten Stechlin, dass sich der Autor am liebsten mit dem Widersprüchlichen identifizierte:
Paradoxien waren seine Passion. "Ich bin nicht klug genug, selber welche zu machen, aber ich freue mich, wenn's andre tun; es ist doch immer was drin. Unanfechtbare Wahrheiten gibt es überhaupt nicht, und wenn es welche gibt, so sind sie langweilig."
Vielleicht hat der große Dichter kurz vor seinem Tode 1898 seine preußische Bescheidenheit ja kurz einmal abgelegt und sich in dem alten Schlossherrn ein Stück weit selbst porträtiert. ■
Von Bettina Musall

SPIEGEL GESCHICHTE 3/2013
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