28.05.2013

Dokumente„Männermordendes Schlachten“

Wie Politiker, Intellektuelle und Militärs den Ersten Weltkrieg vorausahnten - oder herbeisehnten
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Friedrich Engels schrieb im Dezember 1887 hellsichtig und wortgewaltig:
Und endlich ist kein andrer Krieg für Preußen-Deutschland mehr möglich als ein Weltkrieg, und zwar ein Weltkrieg von einer bisher nie geahnten Ausdehnung und Heftigkeit. Acht bis zehn Millionen Soldaten werden sich untereinander abwürgen und dabei ganz Europa so kahlfressen wie noch nie ein Heuschreckenschwarm. Die Verwüstungen des Dreißigjährigen Kriegs zusammengedrängt in drei bis vier Jahre und über den ganzen Kontinent verbreitet; Hungersnot, Seuchen, allgemeine, durch akute Not hervorgerufene Verwilderung der Heere wie der Volksmassen; rettungslose Verwirrung unsres künstlichen Getriebs in Handel, Industrie und Kredit, endend im allgemeinen Bankerott; Zusammenbruch der alten Staaten und ihrer traditionellen Staatsweisheit, derart, dass die Kronen zu Dutzenden über das Straßenpflaster rollen und niemand sich findet, der sie aufhebt; absolute Unmöglichkeit, vorherzusehn, wie das alles enden und wer als Sieger aus dem Kampf hervorgehen wird; nur ein Resultat absolut sicher: die allgemeine Erschöpfung und die Herstellung der Bedingungen des schließlichen Siegs der Arbeiterklasse. Das ist die Aussicht, wenn das auf die Spitze getriebene System der gegenseitigen Überbietung in Kriegsrüstungen endlich seine unvermeidlichen Früchte trägt. Das ist es, meine Herren Fürsten und Staatsmänner, wohin Sie in Ihrer Weisheit das alte Europa gebracht haben.
Hugo Haase, neben Bebel einer der beiden Vorsitzenden der SPD, sprach auf dem SPD-Parteitag in Chemnitz im September 1912 über die drohende Kriegsgefahr:
Wenn auch das Wettrüsten nicht eine unbedingte Notwendigkeit des Kapitalismus ist, ist nicht der Weltkrieg ein unvermeidliches Verhängnis der imperialistischen Staaten? Kein Zweifel: Der Imperialismus ist nicht friedlich, er hat die Tendenz zu kriegerischen Konflikten.
Alle bürgerlichen Parteien sind in den Bann des Imperialismus geraten, von dem sie für die gesamte Bourgeoisie und das Junkertum reiche Früchte erwarten. Gar bald wird ein Teil ihrer Anhänger erkennen, wie er genarrt ist. Noch hat der Imperialismus auf die Gedanken- und Gemütswelt weiter Kreise des Bürgertums Macht, die bar jedes großen Ideals sich aus ihm ein Idol zimmern, das sie anbeten, bis es zusammenbrechen wird.
Wilhelm Lamszus, Reformpädagoge und Schriftsteller, zeichnete 1912 in seinem Buch "Das Menschenschlachthaus" ein Bild von den Schrecken eines neuen Kriegs:
Wir sind vom Wege abgewichen und müssen über ein Stoppelfeld. Hier ist gestern die Schlacht gewesen; denn das Feld ist mit Toten besät. Die Verwundeten haben sie aufgelesen. Aber noch haben sie keine Zeit gehabt, die Gebliebenen zu bestatten.
Der erste Tote, den wir sahen, ließ uns verstummen. Erst begriffen wir kaum, was das bedeuten sollte - diese leblos hingestreckte neue Uniform - wie er da lag, man glaubte nicht so recht an seinen Tod.
... Das Gewehrfeuer hat sich von Minute zu Minute verstärkt und ist zu drohendem Geknatter angewachsen. Rechts und links von uns ist das Gefecht in vollem Gang. Vor uns das Minenfeld liegt still, und auch die beiden Kompagnien liegen still in ihren Gräben. Die Erde hat sich aufgetan ... es blitzt und knallt, es donnert, und der Himmel reißt entzwei und fällt entflammt herab - die Erde fliegt in Stücken auf ... die Menschen und die Erde explodieren und fahren rund wie Feuerräder durch die Luft.
August Bebel warnte 1892 im SPD-Theorieorgan "Die Neue Zeit":
Die Unvernunft der leitenden und herrschenden Klassen hat es endlich dahin gebracht, dass die in Waffen starrenden Völker Euro-pas, in zwei feindliche Heerlager getrennt, des Augenblicks gewärtig sind, wo sie auf Geheiß ihrer Führer zum männermordenden Schlachten die bewehrten Arme erheben und wie wütende Tiger aufeinanderstürzen. Und dann kommt, was kommen muss. Die niedergetretenen, über das Massenschlachten empörten, vom Generalbankerott und der Hungersnot ausgesogenen Völker werden sich ermannen und die Lenkung ihrer Geschicke in die eigenen Hände nehmen. In dieser großen Völkersymphonie spielt die Sozialdemokratie die erste Geige.
Friedrich von Bernhardi, pensionierter General der Kavallerie, propagierte 1912 in seinem Buch "Deutschland und der nächste Krieg" die Idee, ein Krieg sei notwendig und unvermeidlich. Nach Kriegsbeginn 1914 wurde Bernhardi reaktiviert und war im Einsatz an der Ost- und Westfront.
Von diesem Standpunkt aus musste ich zunächst die Friedensbestrebungen, die unsere Zeit zu beherrschen scheinen und auch die Seele des deutschen Volkes zu vergiften drohen, auf ihren wahren sittlichen Gehalt prüfen und den Beweis zu führen suchen, dass der Krieg nicht nur ein notwendiges Element im Völkerleben ist, sondern auch ein unentbehrlicher Faktor der Kultur, ja die höchste Kraft- und Lebensäußerung wahrer Kulturvölker.
Auch von diesem Gesichtspunkt aus sind die Friedensbestrebungen, sobald sie Einfluss auf die Politik gewinnen, außerordentlich gefährlich für die Volksgesundheit, und die Staaten, die aus welchen Rücksichten immer in dieser Richtung tätig sind, untergraben die Wurzeln ihrer eigenen Kraft.
Mit allen Mitteln muss daher diesen utopistischen Treibereien entgegengetreten werden; sie müssen öffentlich als das gekennzeichnet werden, was sie in Wirklichkeit sind: als eine ungesunde und schwächliche Utopie oder als der Deckmantel politischer Intrigen. Unser Volk muss einsehen lernen, dass die Erhaltung des Friedens niemals der Zweck der Politik sein kann und sein darf. Die Politik eines großen Staates hat positive Zwecke zu erstreben. Sie wird naturgemäß bemüht sein, diese, solange als es möglich und vorteilhaft ist, auf friedlichem Wege zu erreichen. Sie muss sich aber nicht nur selbst bewusst bleiben, dass in großen, entscheidenden Fragen, die auf die Gesamtentwicklung eines Volkes von bestimmendem Einfluss sind, der Appell an die Waffen ein heiliges Recht des Staates ist, sondern sie muss diese Überzeugung auch im Volksbewusstsein wach erhalten.
Zusammengestellt von Uwe Klußmann

SPIEGEL GESCHICHTE 3/2013
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