29.04.2014

Forever young

Simon S. bewarb sich für die Pilotenausbildung, die Lufthansa lehnte ihn ab. Er sei zu alt - mit 29 Jahren. Darf ein Unternehmen das?
Mit Ende zwanzig beschloss Simon S., sein Leben zu ändern. Er hatte Jazzpiano studiert, gab regelmäßig Konzerte und war als "Dienstleistungsmusiker" unterwegs, wie er es selbst nennt: Klavierschüler unterrichten. Leben konnte er davon kaum. Da entschied er, "beruflich etwas Neues zu machen". Eine "intellektuelle Herausforderung" habe er gesucht und vor allem: einen Job, der endlich Kohle bringt, nicht nur ein paar hundert Euro für einen Auftritt.
Das Ziel stand fest, der Weg schien bald klar: "Die Pilotenausbildung ist für Quereinsteiger sehr dankbar." Durch Freunde hatte er Einblicke in die Berufsfliegerei, bei der Lufthansa auch schon mal hinter die Kulissen geschaut. "Das ist ein toller Laden, die kümmern sich um ihre Leute, und die Fliegerei hat mich fasziniert." Seine Begeisterung in Zahlen: 65 000 Euro Einstiegsgehalt.
Simon S. - Brille, glattrasiert, dunkle Haare, Seitenscheitel, Typ: Lehrers Liebling - ist gescheit, eloquent, selbstbewusst. Warum es dennoch nichts wurde mit der Bewerbung? Darum: Simon war 29. Zu alt. Die Lufthansa nahm nur Bewerber unter 27 Jahren. Simon S. hätte schon sein Geburtsdatum fälschen müssen, um eine Chance zu bekommen. Er zog es vor, sich erst mal bei anderen Fluggesellschaften zu bewerben. Als daraus nichts wurde, kam er auf die Lufthansa zurück. Da hatte er bereits gehört, dass er vielleicht gar nicht zu alt war - sondern die Lufthansa zu rigoros, zu wählerisch.
Seit 2006 gilt in Deutschland das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz, Juristen kennen es als AGG. 33 Paragrafen, ein Ziel: Schluss mit Diskriminierung. Keiner darf benachteiligt werden, nur weil er behindert oder farbig ist, dem Arbeitgeber das Geschlecht oder der Glauben nicht passt. Und auch nicht wegen seines Alters. Zu alt, zu jung - das gibt's nicht mehr, so lautet die Regel. Wie kann dann die Lufthansa Bewerber ablehnen, nur weil sie nicht jünger als 27 Jahre alt sind?
Simon S. scheiterte bereits im ersten Schritt , an den persönlichen Angaben: Im Online-Formular konnte er sein Geburtsjahr nicht eingeben. S. schrieb Mails, rief beim Konzern an. "Die haben mir gesagt, ich könne mich ja per Post bewerben, aber an der Altersgrenze ändere das nichts, ich würde auf jeden Fall abgelehnt." Immerhin eine ehrliche Auskunft. Fünf Tage nachdem S. seine Bewerbung abgeschickt hatte, kam die Absage der Lufthansa. Aufgrund seines "Lebensalters" erfülle er "nicht die formellen Einstellungsvoraussetzungen für eine Schulung zum Verkehrsflugzeugführer für den Lufthansa-Konzern".
Simon S. mochte nicht aufgeben. Er ging zum Anwalt, die Rechtsschutzversicherung zahlte. Als keine Einigung erzielt werden konnte, klagte S. auf Entschädigung und Schmerzensgeld. Der Konzern gab sich wenig schuldbewusst; es handle sich um ein "Versehen", nichts weiter. In einem Gütetermin wurde S. angeboten: Bewerben Sie sich erneut. Doch er studierte inzwischen Informatik in Dresden und rechnete sich keine Chancen aus: "Ich glaube nicht, dass meine zweite Bewerbung unvoreingenommen bearbeitet worden wäre." Bald wurde klar, dass von einem Versehen des Konzerns keine Rede sein konnte. Im Oktober 2013 stand ein Verhandlungstermin vor Gericht an - und im Internet war noch immer von der Altersgrenze die Rede.
Die Richter erkannten einen Verstoß gegen das AGG und verurteilten die Lufthansa, 9500 Euro an Simon S. zu zahlen. Er gewann also, aber nicht so viel, wie er sich erhofft hatte. Sein Anwalt Klaus Alenfelder hat viel Erfahrung mit AGG-Fällen, er kennt die Tarife, an denen sich Gerichte orientieren, und hatte mehr erwartet. Bei Diskriminierung im Bewerbungsverfahren müsse es eine Summe bis zu einem Jahresgehalt geben, wenn der Bewerber ohne die Benachteilung eingestellt worden wäre, sagt Alenfelder. Könne der Arbeitgeber nachweisen, dass er den Bewerber auch aus anderen Gründen nicht genommen hätte, gebe es immer noch bis zu drei Monatsgehälter. In S.s Fall fiel die Summe wohl auch deshalb niedriger aus, weil die Pilotenausbildung nicht kostenlos ist: Der künftige Pilot muss rund 65 000 Euro aufbringen. Das preiste das Gericht ein, deshalb bekam S. nur 9500 Euro. Sein Anwalt ist damit unzufrieden, schon weil gar nicht sicher sei, dass ein Auszubildender wirklich einen so hohen Beitrag leisten müsse: Erfolgt nach der Ausbildung keine Übernahme, werden die Kosten erlassen.
Die komplizierte Rechnung ändert nichts an der Tendenz: Bewerber und Arbeitnehmer müssen sich viel weniger gefallen lassen als früher. "Die AGG-Rechtsprechung hat richtigen Biss bekommen, vor allem beim Zugang zum Beruf", sagt Felipe Temming, Arbeits- und Sozialversicherungsrechtler an der Universität Köln. Bei älteren Arbeitnehmern sei die Rechtsprechung großzügiger, die Arbeitgeber genössen etwas größere Freiheit. Altersdiskriminierungen am Anfang des Berufslebens aber würden "richtig ernst genommen". Auch die Lufthansa hatte schon einmal dazugelernt: 2010 verwarf das Bundesarbeitsgericht eine tarifliche Altersgrenze des Konzerns. Bis dahin durften ausgebildete Piloten, die zur Lufthansa wechseln wollten, bei ihrer Einstellung nicht älter als 30 Jahre sein. Auf diese Einschränkung verzichtet der Konzern nun.
Verbreitet sind Höchstaltersgrenzen dagegen im Öffentlichen Dienst. In Nordrhein-Westfalen etwa darf ins Beamtenverhältnis auf Probe nur "eingestellt oder übernommen werden, wer das 40. Lebensjahr noch nicht vollendet hat"; für den Polizei-Vorbereitungsdienst gilt in NRW eine Grenze von 37 Jahren und sechs Monaten, die in Härtefällen um bis zu sechs Jahre nach hinten verschoben werden kann. Das klingt flexibel, bleibt aber heikel. Tatsächlich werden die Altersgrenzen im Öffentlichen Dienst damit gerechtfertigt, dass es ein "angemessenes Verhältnis" zwischen Beschäftigungszeit und Pensionszeit geben müsse. "Es geht schlicht um Kohle", sagt AGG-Experte Temming, der prophezeit: "Wahrscheinlich wird das irgendwann gekippt." Für Bundesbeamte galt lange eine Altersgrenze von 32 Jahren; sie wurde 2009 abgeschafft. Das Auswärtige Amt nahm in seine Attaché-Lehrgänge kürzlich Bewerber bis zu 45 Jahren auf.
Verschwinden Diskriminierungen also aus dem Arbeitsleben, wird die Welt gerechter? Abwarten. Der erfahrene Anwalt Klaus Alenfelder ist frei von Illusionen: "Wer als Arbeitgeber keine älteren Bewerber einstellen will, braucht nur den Mund zu halten - und kann tun, was er immer schon getan hat." Er muss nur aufmerksam genug sein, sich nicht erwischen zu lassen. Eine Auseinandersetzung vor Gericht scheuen ohnehin die meisten abgelehnten Bewerber. Ohne Rechtsschutzversicherung hätte auch Simon S. vielleicht auf die Klage verzichtet. Er erzielte nur einen Teilerfolg, neun Zehntel der Prozesskosten sollen an ihm hängen bleiben. "Ohne Versicherung würden die 9500 Euro bereits komplett für den Rechtsstreit draufgehen."
Wer sich heute bei der Lufthansa für die Pilotenausbildung bewirbt, muss weiterhin das Geburtsdatum angeben - aber es spiele dann im Bewerbungsverfahren erst mal keine Rolle mehr, beteuert der Konzern. Das ist S.s Verdienst. Zufrieden ist er nicht: "Ich musste für mein Informatikstudium einen Kredit in Höhe von 30 000 Euro aufnehmen, das ist die direkte Folge der Diskriminierung durch die Lufthansa." Und sein Anwalt weist darauf hin, dass die Entschädigung eine "abschreckende Wirkung" entfalten solle, so ist's im Europarecht vorgesehen. Das sei, sagt Klaus Alenfelder, "bei knapp 10 000 Euro für einen Weltkonzern nicht der Fall".
Der Anwalt hat für seinen Mandanten Berufung eingelegt. Simon S. hofft auf mehr Geld. Inzwischen ist er 31 Jahre alt.
Dieser Artikel wurde nachträglich bearbeitet.

"Ich war vier Monate zu alt"

Özlem Gezer, 33, ist preisgekrönte SPIEGEL-Reporterin. Aufsehen erregte unter anderem ihre Berichterstattung über Cornelius Gurlitt; als einziger Journalistin war es ihr gelungen, ein langes Gespräch mit dem Kunstsammler zu führen. Bevor sie zum SPIEGEL kam, besuchte Gezer die renommierte Henri-Nannen-Journalistenschule. Dort wäre sie beinahe an der Altersgrenze von 27 Jahren gescheitert:
Ich war 18 Jahre alt, als ich das erste Mal von der Nannen-Schule hörte. Ich machte gerade ein Praktikum beim "Stern", Journalistenschüler liefen über den Flur, die alten Reporter sagten: "Bei uns war es anders, aber wenn du heute was werden willst, dann ab auf die Schule!" Ich las mich durch den Wissenstest, ich würde es nie schaffen, ich traute mich nicht.
Jahrelang schaute ich immer wieder auf die Ausschreibung, las die Reportagen der Bewerber; einmal registrierte ich mich sogar, schickte aber keinen Text ein. Ein anderes Mal traute ich mich doch, schaffte es aber nicht in die nächste Runde. Zehn Jahre später, mit 28, Jurastudium nicht abgeschlossen, wollte ich es doch noch einmal versuchen. Ich ging auf die Website, um mich zu registrieren, es klappte nicht - ich war vier Monate zu alt. Im Studium hatte ich vom Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz gehört. Ich schrieb jetzt eine E-Mail an die Schulleitung: "Sehr geehrte Damen und Herren, ich bitte um Registrierung und berufe mich auf das AGG" - einen Tag später hatte ich eine Registriernummer im Fach, ganz formell, wie alle anderen Bewerber auch.
Ich schaffte es in die nächste Runde, im Auswahlgespräch fragte mich Schulleiter Andreas Wolfers: "Frau Gezer, was halten Sie denn vom AGG?" Es war die erste Frage, ich war so aufgeregt und verstand AGB - ich dachte, warum will der jetzt etwas zu allgemeinen Geschäftsbedingungen von mir wissen? Ich sagte, damit hätte ich mich im Studium nie beschäftigt, mein Schwerpunkt war Strafrecht. Es ging dennoch gut, ich wurde genommen. Die Altersbeschränkung verschwand irgendwann von der Seite.
Dietmar Hipp, 45, ist SPIEGEL-Korrespondent in Karlsruhe und schreibt vor allem über juristische Themen. Den Text verfasste er gemeinsam mit seinem Kollegen Steffen Winter, 44. Beide bleiben lieber am Boden - unabhängig von ihrem Alter.
Von Dietmar Hipp und Steffen Winter

SPIEGEL JOB 1/2014
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