29.04.2014

Nimm zwei

Raus aus der Mama-Falle: Manche Frauen bewerben sich als Tandem. Aber oft wissen Arbeitgeber zu wenig über Jobsharing.
Die verdammte Zeit. Wieder würde es daran scheitern. Melanie Behrendt, 42, las die Stellenausschreibung am Schwarzen Brett: Studium, Berufserfahrung, fachliche Kompetenz ... Check! Sie hatte alles, was für den Job als Pressereferentin gefordert war. Aber 40 Wochenstunden? Unmöglich. Nicht mit zwei kleinen Kindern.
An diesem Tag war sie schon die Zweite, die mit der Ausschreibung haderte. Die andere Frau traf sie in der Kaffeepause. Gemeinsam sollten sie Prüfungsaufgaben im Studiengang Angewandte Medien vorbereiten, Melanie Behrendt als Spezialistin für virales Marketing, Melanie Hahn als Expertin für PR-Strategien. Schon oft hatten die Dozentinnen sich flüchtig auf den Fluren der Hochschule Fresenius in Köln gesehen. Nun stellten sie beim Automatenkaffee fest, dass sie mehr als nur Vorname und Jahrgang teilen.
Beide hatten zuvor einen attraktiven Job in Pressestellen großer Firmen - bis sie schwanger wurden. Kind = Karriereknick, die alte Gleichung. Teilzeit? Na klar. Aber bitte nicht auf der alten Stelle. Für einen so verantwortungsvollen Posten muss man Vollzeit da sein, das verstehen Sie doch? Die jungen Mütter fühlten sich degradiert. Unterfordert, unfair behandelt, unterschätzt. Ihre Vorlesungen an der Kölner Privathochschule konnten die Lücke des alten Jobs nicht füllen. Das hätte ein herrliches Lamento geben können in der Kaffeeküche, Frust-Muttis klagen einander ihr Leid. Aber frustriert waren die beiden nicht. Sie waren wütend. Ihr Plan: Sie würden sich auf die Stelle bewerben. Zu zweit.
Jobsharing heißt das Modell, bei dem sich zwei oder mehr Menschen eine Stelle teilen. Die Grundlagen regelt das Teilzeit- und Befristungsgesetz. Marcus Pradel, Geschäftsführer der Hochschule Fresenius Köln, war verdutzt, als die Doppelbewerbung eintraf: ein Anschreiben, zwei Lebensläufe, ein Stapel Zeugnisse - plus präziser Arbeitsplan. Montags und mittwochs sollte Melanie Behrendt von 9 bis 13 Uhr am Schreibtisch sitzen, Melanie Hahn von 12 bis 16 Uhr. Dienstags und donnerstags wäre jeweils eine von beiden ganztags da, freitags beide am Vormittag.
Eine Stelle mit zwei Leuten zu besetzen sei "modern, effizient und nicht nur inhaltlich interessant, sondern auch finanziell", schrieben Hahn und Behrendt, "Sie bekommen mehr Expertise und Umsetzungspower, als ein Kandidat mitbringt. Und das 'mehr' an Kompetenz kostet nicht mehr." Das stimmt nicht ganz. Arbeitgeber müssen für Jobsharer ab einer bestimmten Einkommensgrenze mehr Abgaben zahlen: zum Beispiel rund 1000 Euro jährlich bei einem Bruttomonatslohn von 5000 Euro.
Gut 200 Bewerber hatten sich gemeldet, darunter geeignete Vollzeitkandidaten. Pradel war skeptisch, zugleich neugierig. Seine eigene Frau hatte ihre Führungsposition für den Teilzeitjob opfern müssen. Warum eigentlich? Eins plus eins gleich drei, schrieb das Bewerbungsduo. Das schien ihm nicht abwegig: "Ein Mischwald ist ausdauernder und beständiger als eine Monokultur." Pradel lud die beiden ein.
Das Interview übten die beiden Melanies ein. "Wir haben viel Berufserfahrung", so Behrendt, "wenn da eine alle Stationen herunterbetet, ist die Zeit um, bevor die andere ein Wort gesagt hat." Die Strategie: Hahn ist die Ruhigere der beiden; Behrendt sollte nach jeder Frage warten, ob sie zuerst antworten will. Auf dem iPad hatten sie eine komplette PR-Strategie für die Hochschule vorbereitet. "Sie haben sich gut verkauft", sagt Marcus Pradel. "Aber wir mussten lange überlegen, ob wir es wagen." Die Bewerberinnen absolvierten drei Interviews, mit einem halben Dutzend Männern auf der Hochschulseite. Erst dann stand fest: Das Tandem bekommt den Job. Mit zwei Teilzeitverträgen.
Arbeitsrechtlich gelten sie nicht als Jobsharer - die haben besondere Verträge und sind verpflichtet, einander im Krankheitsfall zu vertreten. Aber Behrendt und Hahn finden den Titel passend. Schließlich teilen sie sich die Stelle seit Juni 2013, genau so, wie sie's geplant hatten. Hochschul-Geschäftsführer Pradel, inzwischen "begeistert", würde jederzeit wieder ein Tandem einstellen.
Gemeinsam beworben haben sich auch Dörte Stadtbäumer, 40, und Michaela Tietz, 41. Die Informations- und die Kulturwissenschaftlerin hatten Leitungspositionen bei einer Hamburger Fernhochschule, bis sie in die "Mama-Falle" tappten, wie Tietz es nennt: "Man schafft es nicht, dort wieder einzusteigen, wo man aufgehört hat." Statt auf freie Stellen zu warten, verschickten sie Initiativbewerbungen in Wir-Form. Direkt an Entscheidungsträger statt an Personalabteilungen. "Wir haben versucht herauszufinden, wer in der Firma eine Führungsposition innehat und sich für Jobsharing interessieren könnte", erzählt Tietz. Überraschendes Echo: sieben Bewerbungen, vier Vorstellungsgespräche - und zwei Zusagen.
"Wer sich auf eine Teilzeitstelle bewirbt, wird im Interview als Mutter wahrgenommen und gefragt: Wie machen Sie das mit der Kinderbetreuung?", so Stadtbäumer. "Zu zweit sind wir das nicht gefragt worden. Da interessierten sich alle nur für unsere Arbeitsaufteilung." Nun arbeiten beide halbtags bei der Hamburger "Zeit"-Akademie, etwas mehr, als sie vorhatten, zusammen 50 Stunden pro Woche. Den Ausschlag gab eine Projektidee, die sie der Bewerbung beilegten: "Konkrete Vorschläge sind immer willkommen", sagt Nils von der Kall, Marketingleiter des "Zeit"-Verlags. "Wenn man viele Bewerbungen auf dem Schreibtisch liegen hat, können ungewöhnliche zunächst einmal durchs Raster fallen."
Weniger Erfolg per Tandembewerbung hatte ein Duo, das eigentlich weiß, was Personaler wollen - sie sind selbst welche. Petra Reinhold, 42, und Wibke Wolf, 45, kennen sich aus einer Spielgruppe ihrer Kinder. Ihre Hoffnung: Im Doppelpack würden sie eine anspruchsvollere Stelle finden als allein. "Doppelte Erfahrung, doppelte Verantwortung, doppelte Energie" wurde ihr Motto. Sie ließen Flyer drucken und drehten einen "Elevator Pitch". Im Fahrstuhl erzählen sie in 72 YouTube-Sekunden, was sie Arbeitgebern zu bieten haben: "Umfangreiches Know-how, vielseitige Sichtweisen, Flexibilität, ganzjährige Präsenz."
Den Arbeitgebern reichte das offenbar nicht. Erst ein halbes Jahr, 20 Tandembewerbungen, vier Jobinterviews und fünf Karrieremessen später fand Wibke Wolf einen Arbeitsplatz. Allein. Petra Reinhold ist weiter auf Suche, nunmehr solo. "Wir hätten vielleicht lieber auf Initiativbewerbungen setzen sollen", sagt sie. "Als Tandem standen wir in direkter Konkurrenz zu Vollzeitbewerbern. Wir wissen ja selbst, wie das ist: Bewerbungen werden schnell aussortiert."
Ganz ergebnislos blieben aber auch die Bewerbungen von Reinhold und Wolf nicht. Von ihrer Initiative waren zwei junge Frauen in einer Berliner Personalvermittlung so begeistert, dass sie die eigenen Jobs kündigten. Und "Tandemploy" gründeten, eine Jobsharing-Plattform mit dem Slogan: "Wenn zwei Menschen einen Job teilen, gewinnen alle." Die ersten Anfragen erhielten sie von Männern.
Von Verena Töpper

SPIEGEL JOB 1/2014
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