29.04.2014

"32 Stunden sind genug"

Die Soziologin Jutta Allmendinger will mehr Förderung für Frauen - und die Viertagewoche für alle.
SPIEGEL JOB Frau Allmendinger, über Jahre haben Sie die Lebensverläufe junger Frauen und Männer verfolgt. Der jüngste Ihrer Interviewpartner ist heute 21, der älteste 34 Jahre alt. Blicken die eigentlich zuversichtlich in die Welt?
Jutta Allmendinger Da geht die Schere - wie es typisch ist für Deutschland - weit auseinander. Die Akademiker unter ihnen haben keine große Angst vor Arbeitslosigkeit, schon wegen des Fachkräftemangels und der demografischen Wende. Anders sieht es bei jenen mit niedrigen Bildungsabschlüssen aus: Sie haben sich oft selbst schon abgeschrieben.
? Gerade bei den Akademikern haben Sie aber auch eine große Zerrissenheit beobachtet.
   ! Sie zeigt sich vor allem bei Frauen. Frauen wollen nicht nur einen Beruf ausüben, sondern wirklich auch Karriere machen. Zugleich legen sie Wert auf Kinder, Freundeskreise und Partnerschaften, in denen man sich gegenseitig unterstützt. Angesichts all dieser Ansprüche geraten Frauen emotional weitaus mehr unter Druck als Männer.
? Weil sie mehr wollen?
   ! Und weil mehr von ihnen erwartet wird. Alle Welt denkt doch: Ach, Frauen schaffen das schon, die beherrschen doch dieses Multitasking so wunderbar. Das ist aber ein Mythos.
? Was stimmt daran nicht?
   ! Gegenfrage: Warum sollte eine Frau besser geeignet sein als ein Mann, jeden Tag den Job zu erledigen, die Kinder zu jonglieren und den Haushalt zu managen?
? Das lässt uns vermuten: Den Mythos haben die Männer erfunden, um den Frauen guten Gewissens die Aufgaben zuschanzen zu können.
   ! Das könnte so sein. Wenn Frauen sich als multitasking-fähig erweisen, dann doch nur, weil sonst ihr ganzer Lebensentwurf zusammenbricht. Gewisse Aufgaben wollen Männer offenbar nicht übernehmen, jedenfalls bislang nicht. Ich sage es mal plakativ: Männer denken nicht am Mittwoch darüber nach, was man einkaufen muss, damit der Kühlschrank am Freitag immer noch voll ist. Diese langen Linien sind nicht ihr Ding. Wenn es um den Haushalt geht, halten die Männer sich meist aus der Planung raus. Bestenfalls überlegen sie, dass man am gleichen Abend noch Hunger bekommen könnte. Dann piepsen sie die Frau an, um zu fragen, was sie denn mitbringen sollen. Das Verhaltensmuster zieht sich durch den Alltag und erhöht den Druck auf die Frauen. Ihnen bleibt auch deswegen viel weniger Zeit für den Aufbau einer Karriere. Und das empört viele von ihnen zunehmend.
? Warum wehren sie sich nicht?
   ! Oft hat sich die Aufgabenverteilung in der Partnerschaft längst verfestigt. Männer sind im Durchschnitt zwei, drei Jahre älter als ihre Partnerin. Also sind sie beruflich oft schon etabliert, wenn Frauen erst damit beginnen. Wenn sie zum ersten Mal befördert wird, hat er das in der Regel schon hinter sich. Von dieser schiefen Ebene kommen Paare schlecht wieder herunter. Er arbeitet Vollzeit, sie strickt ihre Bedürfnisse um sein Modell herum.
? Das ist aber keine Erklärung dafür, dass ein Mann den Kühlschrank nicht vorausschauend füllen kann.
   ! Na ja, indirekt schon. Spätestens in der Elternzeit, wenn Frauen viel Zeit zu Hause verbringen, rutschen sie wie automatisch in die traditionelle Rolle: Sie stillen, wickeln, organisieren den Haushalt und kümmern sich um die sozialen Kontakte. Sie entwickeln in diesen ersten Monaten nach der Geburt also zwangsläufig eine höhere Kompetenz in Alltagsdingen. Und diese Entwicklung setzt sich weiter fort. Ich sehe das doch an mir selbst: Ich bin bis heute in der Küche und im Haushalt routinierter. Sobald mein Partner kochen will, rechne ich dreimal mehr Zeit ein. Das mag jetzt amüsant klingen, aber diese schiefe Ebene, auf der sich viele Paare bewegen, hat grundsätzlich dramatische Auswirkungen. Die Bildungsrenditen von Frauen sind deutlich niedriger: Aufs Leben gerechnet verdienen sie viel weniger Geld als Männer mit gleicher Qualifikation. Deswegen stehen sie später auch bei der Rente dumm da.
? Gibt es einen Ausweg aus der Zwickmühle?
   ! Durch persönliche Anstrengung allein schaffen es die jungen Männer und Frauen vermutlich nicht. Sie brauchen Unterstützung, und die Arbeitswelt müsste sich verändern. Das war für die meisten meiner Interviewpartnerinnen eine ziemlich bittere Erkenntnis. Vor fünf Jahren noch waren sie durchweg zuversichtlich: Sie hatten die besseren Abiturzeugnisse, waren auch im Studium erfolgreicher, glaubten fest daran, sich gegen die Männer durchsetzen zu können. Dementsprechend lehnten sie auch eine Frauenquote ab.
? Und heute?
   ! Heute ist die Mehrheit von ihnen dafür. Denn sie sehen, wie Männer immer noch auf dem Arbeitsmarkt bevorzugt werden. Das macht sie furchtbar zornig, einige haben in den Interviews regelrecht geschrien. Und sie haben ja recht: Arbeitgeber investieren tatsächlich weitaus zurückhaltender in Frauen als in Männer.
? Warum?
   ! Weil Frauen nun einmal Kinder bekommen. Gestern erst erzählte mir eine 25-jährige Wissenschaftlerin, man habe ihr eine feste Stelle angeboten - aber nur, weil sie bereits zwei Kinder habe. Ihr künftiger Chef meinte, dass er sich auf so jemanden besser verlassen könne als auf andere Kandidatinnen, die möglicherweise noch einmal wegen einer Schwangerschaft ausfallen. Das ist natürlich unsäglich.
? Was sagen die von Ihnen befragten Männer zu dem Dilemma?
   ! Es ist ihnen keinesfalls so egal, wie ihnen oft unterstellt wird. Die meisten erkennen die Benachteiligung an, fast 40 Prozent sprechen sich sogar für eine Quote aus. Vor ein paar Jahren meinte die gleiche Zahl von Männern noch, dass beide Geschlechter die gleichen Chancen hätten.
? Als Quotenbefürworterin muss Sie diese Entwicklung freuen.
   ! Einerseits ja. Andererseits wird für mich immer klarer, dass diese ganzen Quotierungen ein Platzhalter sind.
? Was meinen Sie damit?
   ! Viel dringender als eine Debatte um die Frauenquote brauchen wir eine Diskussion über Zeit. Wir müssen uns fragen, ob die politischen Vorgaben, die unser Arbeitsleben heute bestimmen, überhaupt sinnvoll sind. Ein berufstätiges Paar bringt es bereits jetzt auf etwa 150 Prozent Erwerbstätigkeit im Schnitt: Er arbeitet Vollzeit, sie hat eine 50-Prozent-Stelle. Ich erstelle gerade ein Gutachten im Auftrag der Europäischen Kommission. Die EU setzt auf Zielmargen, die auf die volle Erwerbsarbeit aller Menschen im erwerbsfähigen Alter hinauslaufen. Das heißt: In vielen Partnerschaften sollen beide Vollzeit arbeiten.
? Und?
   ! Ich bezweifle, dass eine Gesellschaft auf diese Art überlebensfähig bleibt. Ich halte es für fahrlässig, von allen Personen im erwerbsfähigen Alter zu fordern, dass sie 45 Jahre lang fünf Tage in der Woche jeweils acht Stunden arbeiten. Darauf laufen diese Zahlen ja hinaus. Die jungen Leute, die ich interviewt habe, wollen jedenfalls eine andere Gesellschaft.
? Wie sieht der Gegenentwurf aus?
   ! Er ermöglicht ein Leben, in dem Zeit für Freunde, Eltern und Partner bleibt - und zwar nicht nur in Krisen- und Krankheitsfällen. Die junge Generation will sich lebenslang weiterbilden, sie will reisen und Sport treiben, und sie will ihre Söhne und Töchter aus dem Kindergarten abholen, ohne auch dafür noch eine Fremdbetreuung zu organisieren. Für ein soziales Wesen, wie es der Mensch nun einmal ist, sind das ja angemessene Ansprüche.
? Die sich gegenwärtig nicht verwirklichen lassen?
   ! Ja, das ist heute kaum zu machen. Das Lebensmodell meiner Eltern war da noch funktionaler: Mein Vater erwirtschaftete hundert Prozent des Familieneinkommens, meine Mutter erledigte den Rest. Um hier nicht missverstanden zu werden: Das Modell ist mir viel zu geschlechtsspezifisch, aber es zeigt sehr gut, dass Familienarbeit Zeit braucht. Wir müssen dahin kommen, diese Zeit endlich zu gewährleisten.
? Wie denn?
   ! Vor allem müssten wir die bezahlte und die unbezahlte Arbeit zwischen den Geschlechtern gerechter verteilen. Das finden inzwischen auch die Männer. Die meisten wollen nicht mehr zu den Konditionen ihrer Väter leben, die oft jahrzehntelang mehr als Vollzeit gearbeitet und von ihren Familien kaum etwas mitbekommen haben. Die Söhne wollen weniger Wochenstunden im Betrieb zubringen - so wie die jungen Frauen mehr und stärker karriereorientiert arbeiten wollen. Ich plädiere deshalb für eine allgemeine Wochenarbeitszeit von 32 Stunden. Dann kann jeder vier statt fünf Tage pro Woche bezahlte Arbeit leisten, und Paare gewinnen trotzdem insgesamt zwei Tage für die Familienarbeit.
? Wie reagieren die Führungskräfte aus der öffentlichen Verwaltung auf Ihre Vorstellungen von der Arbeitswelt? Und was sagen Unternehmer?
   ! Wenn man ihnen erläutert, wie sie ihre Abteilungen sinnvoll aufstellen könnten, horchen sie auf. Sie begreifen schon, dass es wichtig wäre, Führungspositionen auch als Teamarbeit und in Teilzeit anzubieten, um diese Stellen langfristig überhaupt besetzen zu können. Und sie fragen auch immer sehr interessiert nach, wenn ich ihnen empfehle, ihre traditionellen Bewerbungsverfahren zu überdenken.
? Was sollten sie anders machen?
   ! Traditionell stellt ein Unternehmen den Mann ein und geht davon aus, dass die Frau schon nachziehen wird. Aber heute verweigern Frauen diesen Automatismus. Dann entstehen all die Probleme von Paaren, die in zwei Städten zwei Karrieren vorantreiben. Sie pendeln, ihr Stresspegel steigt, ihre Freundeskreise schwinden, und sie zögern die Kinderfrage hinaus, bis es vielleicht zu spät ist. Das aber bringt keine öffentliche Verwaltung, kein Unternehmen und auch keine Gesellschaft voran. Also muss ein Arbeitgeber nicht eine Person, sondern einen Haushalt einkaufen: Er muss über sein Netzwerk dafür Sorge tragen, dass der Partner in der Umgebung ebenfalls einen angemessenen Job findet.
? In den skandinavischen Ländern oder auch in den Niederlanden scheint man weiter zu sein als in Deutschland: Der Beruf und der Rest des Lebens lassen sich offenbar besser miteinander vereinbaren.
   ! Dort ist es weitaus üblicher als hier, keine Überstunden zu machen oder nicht Vollzeit zu arbeiten. Und, oh Wunder, das Arbeitsvolumen geht trotzdem nicht zurück, weil Männer und Frauen gleichermaßen erwerbstätig sind. Auch das Wirtschaftsvolumen Deutschlands ließe sich mit 32 Arbeitsstunden pro Person und Woche auf dem jetzigen Stand halten. Das ist allerdings nur ein Durchschnittswert, wir brauchen zusätzlich mehr Flexibilität. Um auf die Höhen und Tiefen des Lebens reagieren zu können, müsste man lebenslange Arbeitszeitkonten einführen. Ich habe meine Mutter gepflegt und in diesem Jahr sicherlich weniger als 32 Stunden pro Woche gearbeitet. Dafür waren es in anderen Phasen weitaus mehr. Wenn es uns gelänge, diese Form von Flexibilität im Arbeitsleben zu verankern, wäre eine Quote wirklich nicht mehr nötig. Es ginge automatisch gerechter zu, weil beide, Männer wie Frauen, in der Lage wären, unbezahlte Familienarbeit zu leisten, wenn diese ansteht.
? Warum führen wir diese Zeitdiskussion dann nicht längst?
   ! Das Thema wird falsch kommuniziert. Die Politik stellt es überwiegend so dar, als handelte es sich ausschließlich um ein Problem von Familien. Aber es geht um eine Frage, die alle angeht: Unter welchen Bedingungen kann unsere Gesellschaft in einer guten Form überleben? Die Politik verstrickt sich in Paradoxien. Sie fordert die Menschen auf, sich noch stärker in Ehrenämtern zu engagieren, sie will den demografischen Wandel aufhalten und ermuntert zur Familiengründung. Aber gleichzeitig fordert sie von einem Paar zusammengerechnet 200 Prozent Erwerbstätigkeit. Wie soll das funktionieren?
Die Soziologin Jutta Allmendinger, 57, mag ihren Lebenslauf nicht Lebenslauf nennen: "Beruflicher Qualifikations- und Erwerbsverlauf", so heißt das Dokument, das auf ihrer Website zu finden ist. Aufgeführt unter anderem: 32 Auszeichnungen, 51 Tätigkeiten in Beiräten, 28 Gutachtertätigkeiten; die Zwischenbilanz einer umtriebigen Wissenschaftlerin. Allmendinger ist Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB) und Professorin für Bildungssoziologie und Arbeitsmarktforschung an der Berliner Humboldt-Universität.
Wie viel wollen wir arbeiten? Eine Serie zu diesem Thema bei SPIEGEL ONLINE: www.spiegeljob.de/wenigerarbeiten
Interview: Katja Thimm und Markus Verbeet
Von Katja Thimm und Markus Verbeet

SPIEGEL JOB 1/2014
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