01.04.1999

Donna mußte sechzig Mal stöhnen

Spezial: Herr Moroder, Sie möchten wohl nicht an Ihre großen Erfolge erinnert werden.
Moroder: Wie kommen Sie darauf?
Spezial: Sie haben weltweit über 100 Millionen Platten verkauft, aber hier in Ihrem Haus hängen nur ein paar von den vielen Goldenen.
Moroder: Ach, das sind die, die ich hier in Los Angeles hatte. Der Rest ist daheim in Italien, und ein paar sind bei meinem Verleger in München.
Spezial: Und wo ist Ihr Schallplattenarchiv?
Moroder: Das ist ein großes Problem. Ich besitze nur 70 Prozent der Platten, die ich gemacht habe. Es sind ja so viele. Meine Frau Francesca versucht neuerdings, die Sammlung zu vervollständigen, und manche sind wirklich nicht leicht zu finden.
Spezial: Sie sind ein Weltstar, der unerkannt an der Ecke stehen kann. Kränkt Sie das?
Moroder: Überhaupt nicht. Ich finde es herrlich!
Spezial: Sie kommen aus einem Dorf in Südtirol, aus St. Ulrich. Ihr erstes Instrument war die Gitarre. Mußten Sie als Bub nicht Zither oder wenigstens Orgel lernen?
Moroder: Nee, St. Ulrich ist ein sehr modernes Dorf. Da spielt bestimmt jemand Zither, Orgel sicher nur in der Kirche. Ich habe ja erst mit 16 angefangen, ein Instrument zu lernen. Das war - ganz klar in dem Alter - die Gitarre.
Spezial: Wie reagierten Ihre Eltern, als sie hörten, daß Sie Musiker werden wollten?
Moroder: Die waren gar nicht glücklich. Doch da war es schon zu spät. Ich habe einfach eine der letzten Prüfungen in der Schule verpaßt und hätte das Schuljahr wiederholen müssen. Statt dessen gründete ich mit zwei anderen Musikern eine Tanzgruppe. Wir tourten durch ganz Europa, und wir spielten Tanzmusik, was eben so im Radio lief. Meist spielten wir in Hotels, einen Monat in Genf im Hotel Richemond oder in St. Moritz im Hotel Palace.
Spezial: Das sind feine Adressen, haben Sie da auch ordentlich verdient?
Moroder: Ach was. Wir waren ja nicht berühmt, sondern nur eine Tanzgruppe.
Spezial: Aus Tanzlokalen wurden Discotheken. Wie überstand Ihre Tanzgruppe diesen Wechsel?
Moroder: So langsam haben wir uns angepaßt. Wir spielten ja nur abends, von acht bis Mitternacht, den Rest des Tages hatten wir nichts zu tun. Nur in Cafes rumzusitzen war mir zu langweilig. Deswegen ging ich nachmittags oft in den Club und probierte mit einem Tonband herum. So brachte ich mir bei, wie man Lieder aufnimmt.
Spezial: Und dann ging es richtig los?
Moroder: Wieso los? Ich begann einfach mit dem Komponieren.Weil ich aber wußte, daß man als Komponist nicht sofort verdient, sparte ich Geld und zog damit erst mal nach Berlin. Ich hatte 16000 Franken zusammen, davon wollte ich drei Jahre leben. Aber glücklicherweise hatte ich schnell meinen ersten Hit.
Spezial: War das "Ich sprenge alle Ketten" von Ricky Shayne?
Moroder: Ja, das stimmt. Aber ich habe auch selbst gesungen, und ich bin in Discotheken aufgetreten.
Spezial: Das war aber schon bald wieder vorbei. Warum haben Sie damit aufgehört?
Moroder: Lampenfieber. Schreckliches Lampenfieber. Ich hatte immerzu Angst, den Text zu vergessen. So sehr, daß ich ihn dann auch prompt vergaß. Ich hätte einfach die Texte besser lernen sollen. Einer meiner Hits hieß "Looky Looky", ich sang aber auch Lieder von den Beatles, Obladi Oblada zum Beispiel.
Spezial: Das hat doch einen ziemlich einfachen Text.
Moroder: Machen Sie sich nicht lustig. Lampenfieber ist ganz schön kriminell. Ich weiß noch, wie es war, als ich meinen ersten Oscar bekam, für den Soundtrack zum Film "Midnight Express". Da bekam ich überhaupt kein Wort raus.
Spezial: Was fühlt man dann?
Moroder: Bauchweh. Sonst nichts. Die ersten paar Minuten, und dann ist es einfach nur das schönste Gefühl der Welt.
Spezial: Wußten Sie nicht schon vorher, daß Sie einen Oscar bekommen?
Moroder: Nein. Bei meinem zweiten für "Flashdance" stand ich deswegen auch ganz schön dumm da. Ich war gar nicht in Los Angeles. Ich hatte wirklich nicht damit gerechnet.
Spezial: In den siebziger Jahren haben Sie eine musikalische Ära mitbegründet: Ihr Stück "Love To Love You Baby" von Donna Summer stand 1975 am Beginn der Disco-Welle. Erstmals drückte jemand mit einem Lied das Grundprinzip der Disco-DJs aus: Monotonie und Spannung, über 16 Minuten und 50 Sekunden.Wie kamen Sie auf dieses Mammutwerk?
Moroder: Ich schickte eine fertige Single an Neil Bogart, den Chef der Plattenfirma Casablanca; das Lied dauerte, wie üblich, etwa drei Minuten. Neil hat es auf einer Party gespielt. Seine Gäste wollten es immer und immer wieder hören und noch mal und noch mal und noch mal. Mitten in der Nacht klingelte bei mir in München das Telefon; er war dran und fragte, ob ich das Lied nicht verlängern könnte. Ich fand die Idee dufte und setzte mich sofort ans Klavier.
Spezial: Das Singen oder besser das Stöhnen von Donna Summer - war das alles live, oder haben Sie das künstlich verdoppelt?
Moroder: Damals hat es keine Loops gegeben, man konnte nicht samplen. Ich weiß nicht wie oft, aber Donna mußte ungefähr sechzig Mal stöhnen. Das war alles live.
Spezial: Seither gelten Sie als derjenige, der Tanzmusik erotisch gemacht hat.
Moroder: Wie nett.
Spezial: Ihr Sohn, Alexander, ist zehn. Interessiert er sich für das, was Papa gemacht hat?
Moroder: Er bekommt jetzt Klavierunterricht. Ich selbst habe das Spielen und Notenlesen ja nie richtig gelernt, sondern nach Gehör gespielt, mir alles selbst beigebracht. Leider will er nicht so recht, Kinder wollen eben nicht üben. Jetzt aber haben wir eine neue Klavierlehrerin. Da geht er zwar nicht gern hin, aber auch nicht ungern.
Spezial: Ihr Bruder Uli ist Maler geworden, einer ist Bildhauer in Salzburg, der andere Bildhauer in Gröden. Das Künstlerische liegt bei Ihnen wohl in der Familie?
Moroder: Wir durften alle zur Kunstschule gehen, ich zwei Jahre, meine Brüder vier oder fünf.
Spezial: In Sachen Erfolg haben Sie aber ganz schön was vorgelegt: Drei Oscars, drei Grammys, unzählige Auszeichnungen für ihre Kompositionen und über hundert Millionen verkaufter Schallplatten. Spätestens da müssen Ihre Eltern doch zufrieden gewesen sein?
Moroder: Als es bei mir richtig losging, habe ich meine Mutter nach Beverly Hills eingeladen - nach Beverly Hills! - und sie sagte: "Ach, wärst du doch in Gröden geblieben, dann könntest du jetzt schön in der Gemeinde arbeiten und hättest eine gesicherte Arbeit."
Spezial: Sind Ihre Brüder nicht ein wenig neidisch auf Ihren Erfolg?
Moroder: Ach, nein. Woher? Die Malerei ist meiner Meinung nach etwas ganz anderes, wesentlich schwieriger. Das wird mir immer klarer, seitdem ich selbst male. Außerdem lebt ein Komponist stark von der Reproduzierbarkeit des Originals. So ein Lied wie "We are the Champions" etwa, das bringt noch 70 Jahre lang Geld. Ein Maler hingegen verkauft heute sein Bild für tausend Mark, und in zehn Jahren verkauft es jemand anders für hunderttausend. Davon hat der Originalmaler gar nichts. Nur den Ruhm.
Spezial: Im Jahr 2000 wollen Sie mit Ihren Bildern einen großen Kunstpark in Blankenburg im Harzgebiet eröffnen. Wieso ausgerechnet im Harz?
Moroder: Unser Kunstpark entsteht im Rahmen der Modernisierung des ganzen Gebietes: "Planet Harz". Was ich dort machen werde, haben wir am Computer schon bis ins Detail entworfen. Auf einem Gelände von 200 mal 200 Metern stellen wir Skulpturen auf, dann gibt es noch eine große Wand, auf die drucken wir eines meiner Bilder, und daneben wird eine Halle für Multi-Media-Kunst gebaut.
Spezial: Gar keine Musik?
Moroder: Oh, doch! Ich schreibe ein Musical, das dort uraufgeführt werden soll. Es heißt "Hexy". Auch dafür bauen wir ein neues Theater. Weil Sie mich gerade daran erinnern: Ich schreibe noch ein Musical. Zusammen mit Michael Kunze arbeite ich an einer Bühnenversion von "Flashdance". Es wird noch dieses Jahr als Musical am Broadway starten. Bis auf zwei Lieder, "What A Feeling" und "Maniac", machen wir alles neu. Komplett.
Spezial: Mit Ihrer Version des Fritz-Lang-Klassikers "Metropolis" haben Sie sich hier recht schwer getan. In Deutschland wurde der Film verrissen.
Moroder: Wissen Sie auch von wem? Vom SPIEGEL! Ein Filmemacher hat damals die Kritik geschrieben. Der fand den Film überhaupt nicht gut. Die vom SPIEGEL wollten eine Woche später einen Gegenartikel drucken, und dummerweise ist dann irgend etwas Wichtiges, Politisches in Deutschland passiert, und deswegen ist es nie dazu gekommen.
Spezial: Sie haben mit den größten Stars der Welt gearbeitet, mit Michael Jackson, David Bowie, Barbra Streisand, Freddie Mercury. Fehlt Ihnen noch jemand auf Ihrer Liste?
Moroder: Bis vor ein paar Jahren wollte ich immer mit Elton John arbeiten. Das habe ich jetzt getan.
Spezial: Herr Moroder, was muß ein Kunstwerk haben, damit es ein Hit wird?
Moroder: In der Malerei weiß ich es nicht, ganz ehrlich. Aber in der Musikbranche bin ich derjenige, der zuerst wissen muß, ob ein Lied Erfolg hat oder nicht.
Spezial: Legen Sie gar keinen Wert auf das Urteil anderer?
Moroder: Doch. Wenn ich am Klavier sitze und meiner Frau ein Lied vorspiele, und sie fängt währenddessen an, eine Zeitung zu lesen, dann weiß ich meistens schon: Eieiei. Einmal spielte ich der Donna ein Lied vor, das fand sie nicht gut. Dann legte ich es wieder in die Schublade, und beim nächsten Album schaute ich nach, was da so rumlag und spielte es ihr wieder vor. Sie hat es aufgenommen, und es ist Nummer eins geworden.
Spezial: Welcher von den Einsern?
Moroder: Das war "On The Radio".
Spezial: Herr Moroder, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Das Gespräch führte Spezial-Redakteurin Arezu Weitholz.
Von Arezu Weitholz

SPIEGEL SPECIAL 4/1999
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